|
Gamsen / Nach dem Neonazi-Treffen in Gamsen fordern Politiker ein härteres Vorgehen gegenüber fanatischen Gruppierungen. Ständerat Rolf Escher: „Der Staat darf sich diesbezüglich keine Bankrotterklärung erlauben.“
Von Walter Bellwald
Die Bilder verbreiten Angst und Schrecken: Mit dümmlichen Hass-Parolen, „Sieg Heil“-Rufen, lauter Musik und rassistischen Texten feierte eine Gruppe von Neonazis im Crazy-Palace in Gamsen. Während die grölende Menge im Gebäudeinneren ihr idealistisches Gedankengut verbreitete, blieb die Polizei draussen und hielt sich zurück.
Harsche Kritik
Die Kritik über das zu lasche Vorgehen der Einsatzkräfte liess nicht lange auf sich warten: Politiker und Polizeidirektoren meldeten sich zu Wort und rügten die Walliser Polizeikräfte. Demgebenüber wehrt sich Robert Steiner gegen diese Vorwürfe: „Wir haben erst am späten Samstagnachmittag erfahren, dass eine solche Veranstaltung im Oberwallis stattfindet. In diesem Moment hatten wir keine Möglichkeit mehr, gegen eine Gruppe von 400 Personen vorzugehen.“ Auch der Briger Polizeipräsident Andreas Zenklusen stützt diese Aussage. „Als die zuständigen Stellen vom Aufmarsch der Neonazis Kenntnis bekamen, blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich auf die Bewachung des Gebäudes zu konzentrieren.“ Zenklusen betonte gegenüber der RZ, dass der Stadtgemeinde Brig-Glis zu keinem Zeitpunkt eine Anfrage für die Veranstaltung vorlag. Angesichts der Tatsache, dass es sich dabei offiziell um ein Rock-Konzert handelte, wäre eine Bewilligung aber vonnöten gewesen. „Unter den besagten Umständen hätten wir garantiert keine Bewilligung erteilt“, erklärt Zenklusen mit Nachdruck. Über mögliche Konsequenzen gegen die Organisatoren der Veranstaltung schweigt sich Zenklusen aus.
„Betroffen und nachdenklich“
Die Rundschau-Bilder von SF DRS über die Hetztiraden und Parolen der braunen Brut haben aufgeschreckt. „Diese Bilder stimmen mich sehr nachdenklich. Wenn sich solche Massen zusammenrotten, macht mir das Angst“, gesteht die Briger Stadtpräsidentin und Nationalrätin Viola Amherd. Auch Ständerat Rolf Escher ist betroffen: „Das ist ein Klub mit einem gewissen Gefährdungspotenzial. Wenn man gegen diese Organisatonen nichts unternimmt, haben junge Menschen das Gefühl, das sei normal.“ Darum fordert er ein forsches Vorgehen. „Ich bin dafür, dass solchen Übergriffen im öffentlichen Raum mit aller Strenge und Gewalt begegnet wird, von welcher Ecke die Gefährdung auch immer ausgeht. Der Staat darf sich keine Bankrotterklärung gegenüber diesen gefährlichen Tendenzen erlauben.“
Robert Steiner, Chef Kriminalpolizei Wallis
„Kritik an der Polizei ist überrissen“
Gamsen / Sitten / Hat die Walliser Kantonspolizei versagt oder waren die Einsatzkräfte zu wenig gut vorbereitet? Die RZ hat bei Robert Steiner, Chef der Kriminalpolizei Wallis, nachgefragt.
Haben Sie Verständnis für die harsche Kritik gegenüber dem Polizeieinsatz in Gamsen?
Die Kritik fällt hart aus, wofür ich Verständnis habe, wenn man die Bilder im Fernsehen gesehen hat. Es ist eine äusserst heikle und delikate Angelegenheit, gegen fanatische Gruppierungen vorzugehen. Dies zeigt die Erfahrung auf nationaler und internationaler Ebene.
Was ist daran so schwierig, eine neofaschistische Versammlung aufzulösen?
Wir haben erst kurz vor der eigentlichen Veranstaltung erfahren, dass sich die Neonazi-Szene im Oberwallis versammelt. Nach einer ersten Lagebeurteilung vor Ort haben wir uns entschieden, ein Dispositiv aufzustellen, um die öffentliche Ruhe und Ordnung sicherzustellen.
Warum haben Sie sich nicht in die Höhle des Löwen gewagt?
Uns ging es in erster Linie darum, dafür zu sorgen, dass die Situation um das Konzertareal nicht eskaliert. Das ist uns auch gelungen. Zum Zeitpunkt der Veranstaltung haben wir nicht gewusst, was sich drinnen abspielt. Wir hatten auch nicht die Möglichkeit, uns während des Konzertes zu infiltrieren. Zudem war es eine aus polizeirechtlicher Sicht private, geschlossene Veranstaltung. Somit hatten wir vorderhand keine strafrechtliche Grundlage, die Veranstaltung zu kontrollieren oder aufzulösen.
Trotzdem: An der Veranstaltung wurde rassistisches Gedankengut verbreitet. Hätte die Polizei nicht vorsorglich reagieren müssen?
Wie gesagt, wir hatten keine strafrechtlichen Mittel dazu. Hinzu kommt, dass wir eine Konfrontation mit den 400 Neonazis vermeiden wollten. Die öffentliche Sicherheit hatte oberste Priorität.
Mit anderen Worten: Sie sind mit der Polizeiaktion rundum zufrieden?
Wir haben unsere Aufgabe erfüllt und für die Sicherheit und Ordnung ausserhalb der Lokalitäten gesorgt.
Aber dem schändlichen Treiben innerhalb der Lokalitäten hat man tatenlos zugesehen. Ist das ein Zugeständnis an die braune Brut?
Nein, wir haben weder zugeschaut noch kapituliert. Jetzt erfolgt eine Auswertung des Materials und eine Verzeigung der Verantwortlichen an die Justiz. Wir werden auch künftig Straftaten und deren Urheber verfolgen und verzeigen. BW
Ihre
Meinung interessiert uns!
|