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Philipp Hildbrand, Einsatzleiter bei den Aufräumarbeiten in Brienz
„Das Ausmass der Katastrophe war verheerend“


 

Gampel / Er ist der Mann für alle (Katastrophen-)Fälle und allzeit bereit. Philipp Hildbrand (41), technischer Inspektor im kantonalen Amt für Feuerwesen, stand schon bei den Unwettern 1993 in Brig und vor fünf Jahren in Gondo im Einsatz und wurde nach den schweren Unwettern im Berner Oberland als Einsatzleiter Front einberufen. Im RZ-Frontalinterview spricht der katastrophenerprobte Gampjer über seine Arbeit, die verheerenden Schäden und sagt: „Es gab Momente, die mich sehr betroffen machten.“

Von Walter Bellwald
Markus Pianzola

Wie sind Sie dazu gekommen, als Einsatzleiter bei den Aufräumarbeiten im Berner Oberland zu helfen?
Ich bekam eine Anfrage vom kantonalen Führungsstab des Kantons Bern, ob ich bereit wäre, als Einsatzleiter bei den Aufräumarbeiten in Brienz zu helfen. Als die Anfrage kam, waren wir bereits im Einsatz im Kandertal und haben unsere Feuerwehrkollegen unterstützt, welche schon sehr früh Hilfsbegehren ans Oberwallis stellten. Nach Rücksprache mit David Schnyder, Dienstchef für zivile Sicherheit und Militär des Kantons, habe ich zugesagt und bin nach Brienz gefahren.

Wurden auch weitere Hilfskräfte aus dem Kanton Wallis zugezogen?
Rund fünfzig Walliser Feuerwehrleute haben Soforthilfe geleistet, darunter auch die Feuerwehrinstruktoren des Oberwallis, welche kurzfristig ihren Weiterbildungskurs verschoben haben. Die Ersteinsätze des Oberwallis waren in der Region Reichenbach, Kien, Kandersteg, Meiringen, Interlaken und in Brienz. Insgesamt leisteten die Walliser Einsatzkräfte rund 1400 Mannstage Arbeit, allein die Oberwalliser Feuerwehrleute kommen auf rund 500 Mannstage.

Was für ein Bild haben Sie angetroffen?
Es war ein verheerendes Bild, das sich mir dargeboten hat. In Kien war der Dorfbach über die Ufer getreten und schlängelte sich mitten durch den kleinen Ort. Die Keller und Untergeschosse waren mit Schutt und Schlamm zugeschüttet und überflutet. Noch schlimmer präsentierte sich die Situation in Brienz. Die beiden Dorfbäche Trachtbach und Glyssibach hatten das Dorf regelrecht in drei Teile gespalten. Riesige Schuttkegel türmten sich auf und alles war mit Gestein und Geröll übersät. Die Bilder, die ich zuvor im Fernsehen gesehen hatte, widerspiegelten nicht annähernd das Ausmass der Katastrophe.

Wie war die Stimmung vor Ort?
Die Stimmung war sehr niedergeschlagen und bedrückt. Die Leute deprimiert. Das merkte man auch an den Krisensitzungen. Als immer mehr freiwillige Hilfskräfte vor Ort eintrafen, ging ein Ruck durch die Menge. Auf einmal merkten die Einheimischen, dass sie in dieser Notsituation nicht alleine gelassen wurden. Auch die Berner Regierungsstatthalterin Dora Andres, die selber aus Brienz kommt, kam vorbei, um sich selber ein Bild zu machen und den Menschen Mut zuzusprechen. Das hat die Leute bewegt, wieder an sich zu glauben und die Aufräumarbeiten an die Hand zu nehmen.

Wo lag das Hauptaugenmerk der Aufräumarbeiten?
Es gab zwei grosse Schadensgebiete. Einerseits musste beim Glyssibach die Grobräumung gemacht werden. Dazu standen rund 15 Baumaschinen und 45 Lastwagen im Einsatz. Andererseits musste das Bachbett im anderen Teil des Dorfes freigemacht werden. Eine weitere grosse Aufgabe war der Einsatz der Feuerwehrleute, die die Keller leerpumpen mussten, bevor Armee, Zivilschutz und Freiwillige mit der Feinarbeit beginnen konnten.

Wie schwierig war es für Sie, die verschiedenen Einsatzkräfte miteinander zu koordinieren?
Das war nicht ganz einfach. Sowohl Feuerwehr wie Zivilschutz als auch viele freiwillige Helferinnen und Helfer mussten am richtigen Ort eingesetzt werden. Weil ich zu wenig ortskundig war, musste ich mich auf die einzelnen Abschnittskommandanten verlassen. Diese zeigten sich denn auch sehr kooperativ und hilfsbereit. Neben den vielen auswärtigen Helferinnen und Helfern machten wir auch einen Aufruf unter der einheimischen Bevölkerung nach dem Motto „Statt daheimu im Hischi wartu und grollu, chumäd ga hälfu“. Dem Aufruf wurde auch prompt Folge geleistet. Das ergab ein interessantes Bild: Jeden Morgen gegen acht Uhr trafen sich viele Freiwillige mit einem Werkzeug oder einer Schubkarre in der Hand, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen.

Nach welchen Kriterien sind Siei vorgegangen, um möglichst effiziente Arbeit zu leisten?
Anfangs gab es kleinere Reibereien, weil sich viele Leute übergangen fühlten. Darum haben wir dann auch klare Richtlinien für die Aufräumarbeiten festgelegt, das heisst, erste Priorität hatten öffentliche Gebäude wie Gemeindehaus, Schule, Poststelle, usw. Erst danach kamen die privaten Gebäude. Aufgrund dieser Prioritäten haben wir eine Lagekarte erarbeitet. Darauf war klar ersichtlich, welches Gebäude in etwa in welchem Zeitrahmen vom Schlamm und Schutt befreit wird. Dafür hatten die Leute auch Verständnis.

Wie war die Moral bei den Einsatzkräften?
Die Moral bei den Feuerwehrleuten, Zivilschützern und den freiwilligen Helferinnen und Helfern war ausgezeichnet. Die Leute waren mit vollem Einsatz bei der Sache. Vielfach musste ich sie auch dazu mahnen, eine kleine Auszeit zu nehmen. So musste ich beispielswei­-se dem Zivilschutzkommandanten, der während vierzehn Tagen ununterbrochen im Einsatz stand, fast zwangsweise zwei Freitage verordnen. Darauf kam seine Frau zu mir und bedankte sich dafür, dass ihr Mann sich wieder einmal Zeit für die Familie nehmen konnte.

Wie lange sind Sie selber im Einsatz gestanden?
Insgesamt war ich eine Woche in Brienz und vorher drei Tage im Kandertal. Mein Tag begann jeweils am Morgen um sechs Uhr früh. Danach bin ich durch die Schadensgebiete gefahren und habe mir ein Bild der aktuellen Situation verschafft. Anschliessend habe ich zusammen mit den Abschnittskommandanten gefrühstückt und den Tagesablauf besprochen. Danach habe ich jeweils bis gegen 23 Uhr gearbeitet.

Gab es auch Momente, die Sie persönlich betroffen machten oder blieb keine Zeit dafür?
Doch, natürlich gab es Situationen, die mich berührten. Ich erinnere mich an einen Fall in Kien, der mir unter die Haut ging. Als wir vor Ort eintrafen, meldete sich ein Mann, der uns um Hilfe bat, weil seine Garage überflutet sei. Daraufhin sagte ich ihm, er solle sich eine Schaufel nehmen und an die Arbeit machen. Als ich mir am Nachmittag selber ein Bild machte, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Das Haus war rund zwei Meter mit Kies eingebettet. Der Mann erzählte mir daraufhin, er sei erst vor drei Monaten eingezogen und hätte erst kürzlich hier eine Garage eröffnet. Der Bach habe die Werkstatt und das Haus überflutet. Er habe alles verloren. Weil wir auch mit einer anoymen Spende ins Kandertal fuhren, haben wir von der Feuerwehr Gampel dem Mann 500 Franken in die Hand gedrückt. Dazu habe ich ihm Hilfe von Walliser Feuerwehrleuten für den folgenden Tag versprochen. Mit dem Geld ist der Mann ins nächste Geschäft gegangen und hat Wurst und Brot gekauft, um die Hilfskräfte zu versorgen. Das hat mir grossen Eindruck gemacht.

Sie standen ja nicht zum erstenmal bei einer Unwetterkatastrophe im Einsatz. Schon beim Unwetter in Brig 1993 und vor fünf Jahren in Gondo waren Sie an der Front.
Das stimmt. Beim Unwetter in Brig war ich Feuerwehroffizier und habe mitgeholfen, die Telefonzentrale zu schützen. Das war eine turbulente Aktion. Obwohl wir ununterbrochen versucht haben, das Wasser aus der Telefonzentrale im PTT-Gebäude zu pumpen, konnten wir den Wasserstand nicht senken. Dabei drohte die Gefahr, dass die ganze Zentrale ausfällt. Schlussendlich haben wir es aber doch geschafft, die Verbindungen aufrechtzuerhalten.
Was ist Ihnen vom Unwetter in Gondo in Erinnerung geblieben?
Die Katastrophe vor fünf Jahren ist mir immer noch sehr präsent. Nach den starken Regenfällen vom Freitag musste die Feuerwehr von Gampel/Steg schon früh ausrücken, um grössere Schäden in der Region zu verhindern. Schliesslich wurden wir aufgeboten, in Gondo zu helfen. Noch heute sehe ich die Wassermassen, die über die Galerien ins Tal stürzten. In Gondo bot sich ein Bild der Verwüstung. Das halbe Dorf war vom Felssturz in Mitleidenschaft gezogen worden. Als wir am späten Samstagnachmittag im Unwettergebiet eintrafen, konnten wir nichts tun, weil es schon früh dunkel wurde. So haben wir dann während der ganzen Nacht die Feuerwehren im Simplongebiet mit Überwachungsaufgaben unterstützt. Am Sonntagabend bin ich dann wieder nach Gampel zurückgefahren, wo ich noch eine Woche im Einsatz stand.

Ein Blick auf die vergangenen Jahre zeigt: Überschwemmungen gehören mittlerweile fast zur Tagesordnung.
Die Unwetterkatastrophen in den letzten Jahren häufen sich tatsächlich. Wichtig scheint mir, dass man daraus lernt. Ich erinnere beispielsweise an die Unwetter 1993, wo auch die Region Gampel/Steg vom Hochwasser bedroht war. Damals kamen wir nur mit sehr viel Glück um eine Katastrophe herum. Um uns gegen das Lonza-Hochwasser zu schützen, mussten wir die Uferpromenade mit Sandsäcken verstärken. Ein paar Jahre später haben wir die Lonza-Brücke überflutbar gemacht. Bei den Unwettern im Jahre 2000 zeigte diese bauliche Massnahme erste Wirkung.

Was für Möglichkeit sehen Sie, um solchen Unwetterschäden künftig vorzubeugen?
Gegen Naturgewalten kann man nur bedingt etwas machen. Das einzig wirklich vernünftige ist es, der Natur, sprich den Bachläufen, wieder vermehrt ihren Freiraum zu lassen und die Bauintensität in diesen Bereichen einzudämmen. Dadurch wird die Gefahr ein bisschen berechenbarer.

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