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Peter Scheibler, Chef der Walliser Dienststelle für Jagd, Fischerei und Wildtiere
„Es ist nicht meine Aufgabe, den Jägern nachzustellen“


 

Sitten / Ried-Brig / Die Kantonale Dienststelle für Jagd, Fischerei und Wildtiere zeigte sich dieses Jahr zufrieden mit der Arbeit der fast 3000 Jägerinnen und Jäger. „Wir mussten keine Nachjagd anberaumen“, so Dienstchef Peter Scheibler, seit dem 1. Mai dieses Jahres im Amt. Die RZ hat im grossen Frontalinterview nachgefragt nach Scheiblers eigenen Jagdpräferenzen, nach der Moral der Walliser Jäger, Scheiblers Gefühlen gegenüber Wölfen und ob er das Amt in einer ähnlichen Art und Weise leitet wie sein Vorgänger Narcisse Seppey.

Von Ruth Seeholzer
Walter Bellwald

Die Hochjagd ist vorbei. Die Niederjagd läuft noch. Hatten Sie als oberster Jagdaufseher selber auch Zeit, auf die Pirsch zu gehen?
Nein, ich gehe momentan nicht selber auf die Jagd. Ich bin aber viel in den Walliser Jagdgebieten unterwegs, von Bouveret bis Oberwald. Das gibt einen gewissen Kontakt zu den Jägern.

Sind Sie eigentlich manchmal auch als Jagdaufseher unterwegs und passen auf, dass die Jäger sich korrekt verhalten? Oder überlassen Sie diese Arbeit lieber Ihren Untergebenen?
Richtig. Ich schaue das als die Aufgabe der Wildhüter an. Es ist nicht meine Aufgabe, den Jägern nachzustellen. Ich bin während der Jagdzeit im Gelände, weil ich wissen will, wie alles läuft. Ich will auch erfahren, wie die Stimmung unter den Jägern ist. Bei diesen Gelegenheiten höre ich, was an der Basis los ist. Klar ist jedoch, dass ich als Beamter, der ein Gesetz zu vollziehen hat, einen Jagdfrevel, den ich entdecke, verzeigen muss. Würde ich das nicht machen, würde ich mich selber strafbar machen.

Wie viele Verzeigungen wird es dieses Jahr geben?
Ich kann dies noch nicht im Detail sagen. Es wird sich jedoch wieder um die 80 bis 120 Übertretungsfälle handeln.

Bei wie vielen gelösten Jagdpatenten?
Bei 2600 Jägerinnen und Jägern.

Was sind die schlimmsten Jagdvergehen, die auf der diesjährigen Jagd aufgedeckt wurden?
Wir hatten letzthin jemanden, der im Banngebiet gewildert hat. Das ist kein versehentlicher Fehler. Das ist Absicht. Und somit ein Fall für das Gericht. Ein weiterer Fall war ein Jäger, der einen Abschuss tätigte, obwohl er das Objekt nicht genügend identifiziert hatte. Das heisst, er hätte theoretisch auch auf etwas anderes schiessen können.

Zum Beispiel auf einen Menschen?
Ja, das wäre theoretisch nicht ausgeschlossen gewesen.

Weil er viel zu weit weg war?
Vor allem, weil die nötigen Sichtverhältnisse fehlten, sprich: Der fehlbare Jäger schoss durch ein Gebüsch. Dies schaue ich als eine sehr gravierende Fehlleistung an. In solch einem Fall interveniert unsere Dienststelle auf der harten Linie.

Man kann sich vorstellen, dass ein ertappter Jäger oder gar Wilderer nicht unbedingt ein sehr angenehmer Gesprächspartner ist. Braucht es für diesen Job eine dicke Haut?
Ja, das braucht es auf jeden Fall. Ich bin mehrheitlich mit Kritik konfrontiert. Ich habe eine ganz klare Vorstellung, in welche Richtung die Jagd gehen soll. Natürlich sollte das, was ich will, mehrheitsfähig sein. Aber wenn ich auf 2500 Jäger hören wollte, dann hätten wir bald das reinste Chaos. Auch wenn ich einen Wilderer verurteilen muss: Natürlich wird der Bestrafte nicht sehr positiv über mich reden. Aber das gehört einfach zu meinem Job.

Es gibt ja nicht nur diejenigen, die mutwillig auf ein ‚nicht erlaubtes’ Wild schiessen. Viel häufiger sind diejenigen Jäger, die einen Fehlschuss abgeben. Die offizielle Regel besagt, dass ein Wild, das angeschossen worden ist, aufgespürt werden soll. Dem wird doch in der Regel kaum Folge geleistet?
Das kann man so nicht sagen. In der Kantonalen Jagdgesetzgebung gibt es eine klare Nachsuche-Pflicht. Der Jäger, der auf ein Tier schiesst, ist verpflichtet, dem Tier nach zu gehen. Allerdings ist nicht umschrieben, wie er das bewerkstelligen soll.

Eigentlich gäbe es im Wallis genügend Schweisshundeführer, die man für diese Suche zu Hilfe holen könnte?
Der Jagdverband stellt jedem Jäger eine Liste mit denjenigen Schweiss-hundeführern, die während der ganzen Jagd zur Verfügung stehen, zu. Dass jedoch einer, der ein Tier nur ungenau getroffen hat, diesem nicht nachfolgt, das glaube ich kaum. Es ist ja im Interesse des Jägers, dass er das Tier findet. Denn nur so hat er etwas davon.

Es sind aber schon allerhand verschiedene Leute auf der Jagd? Bessere wie auch schlechtere Jäger?
Ja, das ist klar. Man kann bei einer Jagdprüfung nicht auch gleich noch den Charakter eines künftigen Jägers prüfen. Das ist wie bei den Autofahrern: Wenn man schon bei der Fahrprüfung einen Raser erkennen würde, gäbe es viel weniger Unfälle auf der Strasse. Das ist bei der Jagdausbildung dasselbe. Die Instruktoren bilden die angehenden Jäger zwar sehr korrekt aus. Aber Jagd ist auch Charaktersache. Und damit bis zu einem gewissen Grad jedem selber überlassen. Werden diese Charakterschwächen auf der Jagd eklatant sichtbar, haben wir dies auch schon mit einem Patententzug geregelt.

Ist es schwierig, zugleich Jäger und oberster Jagdaufseher zu sein?
Ja, darum habe ich, seit ich in der Dienststelle für Jagd beschäftigt bin, auch nie mehr das Jagdpatent gelöst.

Fällt Ihnen der Verzicht auf die Jagd nicht schwer?
Ich muss präzisieren, dass ich zwar kein Jagdpatent löse…

…dafür aber ohne Bewilligung auf die Jagd gehe?
(lacht) Nein, natürlich nicht. Ich benutze jedoch manchmal die Gelegenheit und ziehe mit einem der Wildhüter los, um einen Hegeabschuss vorzunehmen. Da ich mich sowieso sehr gerne in der Natur bewege, laufe ich mit meinen Leuten auch manchmal ein Jagdgebiet ab. Auch da kommt es relativ häufig vor, dass ein so genannter Hegeabschuss vorgenommen werden muss.

Also sind Sie hier privilegiert?
Das kann man als Privileg bezeichnen. Allerdings gehört es auch zu unserem Pflichtenheft, dass wir uns mit solchen Dingen befassen.

Seit anfangs Jahr, formell seit dem 1. Mai, sind Sie als Nachfolger von Narcisse Seppey im Amt. Hat sich in Ihrer Dienststelle etwas geändert seither?
Änderungen gibt es immer.

Was denn?
Momentan gibt es gewisse Veränderungen in der Personalstruktur. Ich überlege mir, ob es die Stelle als Adjunkt noch braucht, oder ob sie nicht besser in die Stelle eines zweisprachigen Sachbearbeiters umgewandelt würde.

Das hiesse, dass Sie diejenige Stelle, die Sie vorher inne hatten, abschaffen würden? Sägen Sie sich damit nicht den Ast ab, auf dem Sie vorher gesessen sind?
Das müssen Sie anders sehen. Ich wurde als Jurist dieser Dienststelle zugeteilt, weil der rechtliche Aspekt bis dahin zu wenig abgedeckt war. Da ich jetzt aber Dienstchef bin – und natürlich Jurist bleibe – braucht es nicht noch einen zweiten Anwalt. Sonst haben wir wieder drei Meinungen mit zwei Juristen (schmunzelt).

Führen Sie das Amt auf die genau gleiche Weise wie ihr Vorgänger, oder gibt es Unterschiede?
Nein, absolut nicht. Wir sind zwei ganz verschiedene Persönlichkeiten. Narcisse Seppey ist ein Mensch, der viel mehr aus dem Bauch heraus entscheidet. Er ist der gefühlsbetonte, der emotionale Typ. Ich bin eher ein rationaler Mensch. Ich erstelle mir in der Regel ein Konzept, nach dem ich arbeite. Dies muss ausführbar und messbar sein für alle. Ich gebe ganz klar bekannt, was ich will. Ich sage bereits vor der Jagd, was ich erreichen will. Nach der Jagd kann man mich dann an den Taten messen. Dies machte Narcisse Seppey weniger. Dies führt natürlich auch zu einer unterschiedlichen Amtsführung.

Seppey ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden als einer, der dem Wolf an die Gurgel wollte. Ihr Vorgänger polarisierte, wo er nur konnte. Haben Sie dies auch vor?
Nein, ich bin gegen Polarisierungen. Damit hat man zwar bald ein paar Pluspunkte bei einigen Leuten gesammelt. Doch damit ist noch lange keine Lösung auf dem Tisch. Ich bin zwar ein harter Verfechter von Abschussbewilligungen für Wölfe, die ‚aus dem Ruder laufen’. So lange ein Wolf sich jedoch an Grenzen hält – sowohl bei den Nutztieren wie beim Wild – und es andere Mittel gibt, die uns weniger unter Druck bringen von Bern aus, bin ich der Meinung, dass wir diese Wolfs-Probleme ohne Abschussbewilligungen lösen sollten. Von dem Moment an jedoch, wo ein geschütztes Tier beginnt, sich atypisch zu verhalten, da muss man hart durchgreifen.

Man hat Sie bis jetzt noch nicht so häufig in der Öffentlichkeit zu Gesicht bekommen. Wird sich das ändern, falls wieder ein Wolf auf Walliser Territorium Einzug hält?
Nein, ich mache meine Öffentlichkeitsarbeit nicht vom Wolf abhängig.

Ein bisschen mehr Öffentlichkeitsarbeit würde wahrscheinlich kaum schaden. Immerhin bestand vor Ihrem Amtsantritt gar die Gefahr, dass man Ihre Dienststelle zu einer Sektion zurück degradieren wollte. Mit ein bisschen mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit wären vielleicht auch die Politikerinnen und Politiker einfacher zu überzeugen, dass es Ihre Dienststelle braucht?
Da stimme ich Ihnen zu. Die Information über unsere Dienststelle, über unsere tägliche Arbeit an und für sich, ist ganz sicher ein Manko, das wir in den nächsten Jahren beheben müssen. In der Öffentlichkeit besteht häufig noch die romantische Vorstellung eines Wildhüters oder Jagdaufsehers, wie es in den Heimatfilmen zu sehen ist. In unserer Dienststelle laufen jedoch so viele administrative Belange zusammen – das kann man sich als Aussenstehender kaum vorstellen. Letzthin musste ich tatsächlich unsere Dienststelle verteidigen, nämlich vor einer parlamentarischen Kommission. Sie wollte sich unsere Leistungsaufträge näher anschauen. Die Kommission hatte den Auftrag, zu prüfen, ob unsere Leistungsaufträge überhaupt noch Sinn machen. Am Ende einer langen Sitzung mit einer ausführlichen Darlegung aller Arbeiten, die unsere Dienststelle übernimmt, zeigte sich die Kommission aber erstaunt, wie viel Arbeit wir mit wie wenig Personal erledigen.

Dann ging dieser parlamentarische Schuss nach hinten hinaus?
Das kann man so nicht sagen. Die Kommission hat nur ihre Arbeit getan. Aber dies hat uns auch gezeigt, dass wir gerade in diesem Bereich noch einiges an Öffentlichkeitsarbeit zu leisten haben.

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