D i e   a u f l a g e s t ä r k s t e   Z e i t u n g   d e s   O b e r w a l l i s

      
Walter Meierhans initiierte in Libingen das grösste Glockenspiel Europas
Den Glockenmeister aufgespürt


 

Oberems / Er war ein grosser Künstler und wusste das Publikum zu begeistern. Walter Meierhans, passionierter Glockenspieler und Organist, erfüllte sich Mitte der sechziger Jahre seinen Jugendtraum und eröffnete in Libingen im Toggenburg das grösste Glockenspiel Europas. Heute lebt der 84-Jährige in Oberems.

Von Walter Bellwald

Es ist kühl an diesem Herbsttag. Die bunte Farbpalette in den Bäumen und die wunderbare Aussicht aufs Rhonetal entschädigen den Besucher für die frischen Temperaturen. Hier oben lebt der Glockenmeister Walter Meierhans. Der Stadtzürcher hat sich auf seine alten Tage in die Stille der Walliser Bergwelt zurückgezogen.

Kaufmann in Papierfabrik
Walter Meierhans wurde 1921 in Zürich geboren. Nach der obligaten Schule absolvierte Meierhans die Handelsmatura, bevor er als Kaufmann in die Firma seines Vaters einstieg. „Mein Vater war ein strenger Arbeitgeber“, erinnert sich Walter Meierhans zurück. „Wenn man bloss eine Minute zu spät zur Arbeit erschien, konnte er sich fürchterlich darüber aufregen.“ Nichts desto trotz arbeitete Meierhans gerne in der Papiermanufaktur. In seiner Freizeit widmete sich der gelehrige Schüler seinem liebsten Hobby – dem Musizieren. „Neben meiner täglichen Arbeit in der Fabrik besuchte ich das Konservatorium und übte täglich zwei Stunden an der Orgel.“ Nicht immer zur Freude seines Vaters. Davon liess sich Walter jedoch nicht beirren und übte fleissig weiter.

Grösstes Glockenspiel Europas
Nach dem Tod seines Vater stieg Walter Meierhans aus der Firma aus und frönte fortan seiner grossen Leidenschaft. So absolvierte er unter anderem die königliche Glockenspielschule im belgischen Mechelen und wurde später mit der Goldmedaille der Universität Sorbonne augezeichnet. Durch seine Freundschaft zu Rhena Schweitzer, der Tochter des Urwalddoktors und Nobelpreisträgers Albert Schweitzer, liess sich Meierhans dazu inspirieren, einen Glockenturm und eine Albert-Schweitzer-Gedenkstätte zu eröffnen. Mitte der sechziger Jahre war es soweit: In Libingen, einem kleinen Dorf im Toggenburg, wurde das grösste Glockenspiel Europas mit insgesamt sechzig Glocken feierlich eingeweiht. Fortan strömten Besucher aus Nah und Fern in den kleinen Ort, um den feierlichen Tönen von Walter Meierhans zu lauschen. Die Erfolgsgeschichte fand jedoch ein vorzeitiges Ende. Nur zehn Jahre nach der Eröffnung verstummte das Libinger-Glockenspiel. Der Grund: Es liessen sich keine nahen Parkplätze für die Besucher finden.

Abschiedskonzert in St. Maurice
Die Glocken aus dem Albert-Schweitzer-Gedenkturm wurden demzufolge abmontiert und die Liegenschaft verkauft. Für die Glocken begann nun eine eigentliche Odyssee. Von Libingen wurden sie nach Loiret in Frankreich transportiert, bevor Meierhans im Schloss Salavaux im Waadtland eine neuerliche Albert-Schweitzer-Gedenkstätte einrichtete und sein Glockenspiel erklingen liess. Doch auch dieser Institution war kein Glück beschieden. Nur drei Jahre nach der Eröffnung kam das Aus. Die Glocken wurden nach Holland verkauft und Walter Meierhans zog sich nach Oberems zurück. Hier lebt der rüstige Rentner mit seiner Boxerhündin Zara in einem kleinen Häusschen am Rande des Weilers Weidenmatten. Obwohl er seit sechs Jahren keine Glocken mehr angeschlagen hat, will er es jetzt nochmals wissen. Am kommenden Samstag gibt der Künstler in der Abbaye St. Maurice sein Abschiedskonzert. Um sich keine Blösse zu geben, fährt der Altmeister regelmässig nach Lausanne, um für den grossen Auftritt zu üben. „Damit ich die richtigen Töne treffe“, meint er bescheiden.

 

Ihre Meinung interessiert uns!


 

 

      
Heute & morgen

/

/


RZ-Newsletter
Email-Adresse eingeben und Sie werden informiert:
Suchen


Have a look at: