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Caroline Walker Miano, Präsidentin des Oberwalliser Vereins für
Trauer- und Sterbebegleitung
„Wer trauert, kann durchaus auch lachen“


 

Blatten / Allerheiligen ist für viele Menschen eine schwierige Zeit des Trauerns. Aber wie geht man mit der eigenen Trauer am besten um? Im RZ-Interview versucht Caroline Walker Miano, Präsidentin des Oberwalliser Vereins für Trauer- und Sterbebegleitung, Antworten zu geben und hält fest: „Wirklich abgeschlossen ist ein Trauerprozess nie.“

Von Rahel Escher
Markus Pianzola

Was bedeutet Ihnen Allerheiligen?
Es ist ein Tag, an dem ich mich an die Verstorbenen erinnere und die Gräber pflege. Die Verarbeitung der Trauer spielt an diesem Tag eine zentrale Rolle.

Ist Trauer und traurig sein in Ihren Augen dasselbe?
Nein. Trauern ist ein langer Prozess, der sich in verschiedene Phasen gliedert. Wer trauert, kann durchaus auch lachen, da in der Trauer auch viele schöne Erinnerungen wieder auftauchen. Verena Kast, die bekannt ist für ihre Theorie über den Trauerprozess, unterteilt die Trauer in verschiedene Phasen. Nicht-Wahrhaben-Wollen, Wut, Depression, Verleugnen und das allmähliche Akzeptieren sind alles verschiedenen Phasen des Trauerns und das traurig sein ist ein Gefühl, das zu diesem Prozess gehört.

Worin sehen Sie den Sinn des Trauerns?
Das Trauern hilft uns, eine Veränderung im Leben wahrzunehmen. Die Trauer ist eines unserer elementarsten Gefühle. Es hat nicht nur mit dem Verlust eines Menschen zu tun. Ebenso kann man um eine Arbeitsstelle, eine Wohnung oder den Tod eines Tieres trauern.

Wieso haben wir Angst vor diesen Gefühlen?
Weil es sehr starke, intensive Gefühle sind und die Trauer auch lähmend sein kann. Es fällt uns sicherlich einfacher, den Tod eines Elternteils anzunehmen als den des eigenen Kindes. Wenn die Eltern im Alter sterben, gehört dies zum Lauf des Lebens. Wenn ein Kind vor den Eltern stirbt, empfinden wir dies als unnatürlich, „die Reihenfolge ist nicht richtig“. Zudem geht jeder Mensch anders mit seiner Trauer um und nicht alle brauchen in dieser Zeit eine Begleitung. Oftmals reicht ein Gespräch, das den Trauernden darin bestärkt, seine Trauer zuzulassen und diese Phase bewusst zu durchleben. Es gibt viele gute Arten zu trauern. Es gibt kein Schema, wie man dies am besten zu tun hat und genauso wenig kann man von einem bestimmten Zeitraum sprechen, in dem man diesen Prozess zu durchleben hat. Jeder braucht seine Zeit.

Sie sprechen von guten Arten des Trauerns. Gibt es denn auch schlechte?
Ja. Man spricht auch von einer sogenannten pathologischen Trauer. Dies geschieht, wenn jemand in einer bestimmten Phase des Trauerns verharrt. Eltern beispielsweise, die das Zimmer des verstorbenen Kindes auch Jahre nach dessen Tod unverändert lassen. Das Zimmer erweckt dann den Glauben, als ob das Kind gar nicht wirklich weg ist, sondern jeden Moment herein kommt. Diese Eltern brauchen dann Hilfe, um in ihrer Trauerbewältigung voranzukommen.

Was geschieht, wenn wir unsere Trauer nicht zulassen?
In der ersten Phase des Trauerns reagieren wohl viele Mensch ähnlich. Man denkt sich: „Das kann nicht sein, das passiert uns doch nicht.“ Dann hat man zuerst die Tendenz, diesen Verlust nicht an sich heranzulassen. Völlig verleugnen kann dies aber niemand. Auch wenn man es nach aussen nicht zeigt, sind diese Gefühle vorhanden. Sicherlich gibt es auch Menschen, die dies verdrängen und die Trauer nicht durchleben. Diese Menschen brauchen dann Hilfe. Die Frage ist aber, ob sie es auch selber erkennen.

Muss man als Eltern den Kindern das Trauern vorleben?
Ja. Wenn einem Kind beispielsweise der Grossvater stirbt, muss es die Gelegenheit haben, diesen Verlust richtig wahrzunehmen. Wenn die Eltern aber nie weinen und der Grossvater plötzlich einfach weg ist und nie mehr erwähnt wird, kann das Kind seine eigene Trauer auch nicht wahrnehmen. Meist ist dies falsch verstandene Rücksichtsnahme, die dem Kind nicht hilft. Bei Todesfällen von ihnen nahe stehenden Personen sollten Kinder teilhaben dürfen.

Wie helfen Sie Menschen, ihre Trauer zu verarbeiten?
Rituale sind bei der Trauerbewältigung sehr wertvoll. Einem lieben Verstorbenen einen Abschiedsbrief zu schreiben oder Kinder zeichnen zu lassen und diese Dinge in den Sarg zu legen kann helfen. Häufig fallen Rituale wie diese den Hinterbliebenen einfacher, wenn der Verstorbene noch da ist. Man muss sich aber nicht unter Druck setzen. Rituale gehen nicht verloren und können nachgeholt werden, wenn man spürt, dass man nun soweit ist. Beim Wort Ritual reagieren viele anfangs etwas skeptisch. Aber ein Ritual hat nichts mit Esoterik zu tun. Es ist eine sehr kraftvolle und erdige Handlung, die helfen kann, der Trauer einen Platz zu geben.

Wodurch merkt man, dass der Trauerprozess abgeschlossen ist?
Unsere Gesellschaft geht oftmals davon aus, dass die Trauer nach zwei bis drei Monaten bereits nahezu vorbei ist. Der Verlust ist ja nun schon eine Weile vorbei und das Leben muss weiter gehen. Für viele Hinterbliebene fängt die Trauerarbeit dann aber erst an. Wirklich abgeschlossen ist ein Trauerprozess nie. Es gibt immer wieder Momente wie Todes- oder Geburtstage, an denen einen die Trauer wieder einholt. Einen Zeitrahmen für den Trauerprozess gibt es nicht, es ist eine sehr individuelle Sache. Jeder Verlust prägt einen Menschen und drängt den Lebensweg und die Einstellung ein wenig in eine andere Richtung.

Wann kommt der Punkt, an dem die Arbeit der Trauerbegleiterin abgeschlossen ist?
Wenn die trauernde Person dies auch ganz deutlich selbst signalisiert. Solange sie das Bedürfnis hat, wird sie begleitet. Es ist aber nicht so, das man sich zwei Mal wöchentlich trifft oder sie zehn Mal vorbei kommt. Einigen reicht ein einmaliges Gespräch über ihre Trauer, anderen hilft es, sich über längere Zeit mit einer Drittperson über ihre Trauer austauschen zu können. Wenn jemand über Monate intensiv den Kontakt sucht, wird es an der Zeit, sich abzugrenzen. Die trauernde Person muss verstehen, dass ich sie nun eine Weile begleitet habe, sie den weiteren Weg fortan wieder alleine gehen muss. Traut sie sich dies nicht zu, sollte man psychologische Hilfe in Betracht ziehen.

Der Umgang mit Trauernden fällt uns oftmals schwer. Wie sollte man diesen Menschen begegnen?
Auf sie zugehen. Man kann sie auch nur in den Arm nehmen, wenn man keine Worte findet oder spricht diese Sprachlosigkeit an. Es gibt nicht die eine richtige Art, wie man Hinterbliebenen begegnen soll. Man muss auch akzeptieren, wie die anderen mit dieser Situation umgehen und nicht werten. Die Strassenseite zu wechseln ist für die Trauernden sicherlich nicht sehr angenehm. Aber es ist wohl besser, als hinüber zu gehen, auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: „Das geit de scho wieder.“ In einer Zeit, wo man das Gefühl hat, das einfach gar nichts mehr geht, ist dies sicher nicht angebracht. Es heisst, die Zeit heilt Wunden. Aber ich denke, dass die Zeit eher die Perspektive ändert.

Sie arbeiten auch als Sterbebegleiterin. Wann kommen Sie zum Einsatz?
Die Familien werden länger je kleiner, so dass nicht immer jemand bei den Sterbenden sein kann oder die Angehörigen sind einfach mit ihren Kräften am Ende. Dann können wir gerufen werden. Wir sind dann beim Sterbenden, damit die Angehörigen ein wenig Zeit für sich haben. Viele Angehörige haben Mühe, nachts beim Sterbenden zu sein. Dann halten wir Sitzwache. Es entlastet die Angehörigen, wenn sie wissen, dass jemand da ist. Jemand, der dem Sterbenden die Hand hält und ihm zu spüren gibt, nicht allein zu sein. Wenn jemand einen schweren Tod zu sterben hat und viel stöhnt, ist es nicht so, dass dies immer Schmerz und Leid zu bedeuten hat. Es kann auch heissen, dass der Sterbende Kontakt zur Aussenwelt sucht, sich aber nicht mehr anders artikulieren kann.

Wie begleiten Sie einen Menschen auf seinem letzen Weg?
Wenn der Sterbende nicht mehr ansprechbar ist, ist man sehr auf die Angehörigen angewiesen. Sie können einem erzählen, was diese Person gern gehabt hat, welche Hobbies sie hatte. Manche mögen es, wenn man sie streichelt, ihnen etwas vorbetet oder die Zeitung vorliest. Wenn jemand noch ansprechbar ist, kann man sich auch gemeinsam Gedanken machen, was diese Person bei der Beerdigung tragen möchte oder wer das Begräbnis gestalten soll. Dies mag abstrakt klingen, aber für viele ist es eine Entlastung zu wissen, dass dies geregelt ist. Mit einer externen Person ist es einfacher, über diese Dinge zu sprechen. Bei ihren Liebsten haben sie Angst, diese mit solchen Äusserungen zu verletzen. Und es macht als Angehöriger ja auch weh zu hören: „Ich bin am Sterben und möchte an der Beerdigung mein rotes Kleid tragen.“

Was heisst für Sie „Sterben in Würde“?
Bis zum Schluss als Individuum wahrgenommen zu werden, auf dessen Wünsche eingegangen wird. Für viele Menschen hat die Würde auch mit dem Aussehen zu tun. Man möchte gut gekleidet sein, in frischer Bettwäsche liegen, das Zimmer gelüftet haben, die Zähne oder die Perücke tragen usw. Auf diese Bedürfnisse sollten unbedingt eingegangen werden. Und wenn jemand sein rotes Kleid tragen möchte, auch wenn das bei uns nicht Gang und Gäbe ist, soll er das auch tun dürfen.

Hat sich Ihre persönliche Einstellung zum Tod verändert?
Ja. Ich habe den Moment des Sterbens jeweils als einen sehr friedlichen Moment empfunden. Dadurch hat es für mich auch an Schrecken verloren. Wir alle wissen ja nicht, wann und wo es soweit sein wird. Heute weiss ich, dass Menschen da sein werden, die mit der Situation umgehen können, meine Bedürfnisse wahrnehmen, auch wenn ich nicht mehr sprechen kann und mich in Würde gehen lassen. Es ist auch gut zu wissen, dass man durch Patientenverordnungen oder Sterbevorsorge beim Bestatter oder Notar seinen Tod bis zu einem gewissen Punkt regeln kann. Wer beispielsweise überzeugt ist, dass er nach einem schweren Unfall nicht mehr weiterleben möchte, falls das Hirn nicht mehr richtig funktionsfähig ist, kann dies mit einem Schreiben regeln, welches er bei Hausarzt und Angehörigen hinterlegt. Auch wenn dies für die Angehörigen schwierig ist. Denn solange sich der Brustkorb bewegt, gehen wir ja von Leben aus.

Was sagen Sie Ihren Kindern, wenn sie fragen, was nach dem Tod kommt?
Ich bin katholisch und vermittle meinen Kindern auch diesen Glauben. Für mich hört aber nach dem Tod nicht einfach alles auf und wir sind einfach im Himmel. Im Zusammenhang mit dem Tod erzähle ich den Kindern sehr viel von Engeln, die unter uns sind und aufpassen. Elisabeth Tschudin hat unter dem Titel „Der merkwürdige Fund“ ein sehr gutes Kinderbuch herausgegeben. Darin findet eine Detektivgruppe eine Tote und diskutiert darüber, was und ob überhaupt etwas kommt nach dem Tod. So kann man Kindern auf eine gute Weise die Gewissheit geben, dass es nach dem Tod nicht einfach aufhört. Die Seele bleibt am Leben und man kann auch weiterhin mit ihr kommunizieren. Es ist mit Verstorbenen wie mit der Erinnerung an einen schönen Geburtstagkuchen: Man kann ihn immer wieder in seiner Phantasie zurückrufen.

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