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Raphaël Wicky, Nationalmannschaftsspieler
„Wir müssen die Türken mit ihren
eigenen Waffen schlagen“


 

Hamburg / Er ist der Mann der Stunde beim Hamburger Sportverein und steht mit der Schweizer Nationalmannschaft vor dem Einzug an die Fussball-WM 2006 in Deutschland. Der Steger Raphaël Wicky (28) schwimmt momentan auf einer Erfolgswelle. Im RZ-Frontalinterview spricht er über seine Form, den Barrage-Gegner Türkei, nimmt Stellung zur Kritik an seinem Mannschaftskollegen Pascal Zuberbühler und sagt: „Unsere Chancen gegen die Türken stehen bei fünfzig zu fünfzig.“

Von Walter Bellwald

Was kommt Ihnen beim Stichwort Türkei in den Sinn?
In erster Linie die beiden Barragespiele gegen die Türkei. Unsere Chancen für ein Weiterkommen stehen fünfzig zu fünfzig. Die Türken sind zwar sehr spielstark, aber auch eine sehr launische Mannschaft. Darum sehe ich durchaus die Möglichkeit, diesen Gegner zu schlagen.

Wie gut kennen Sie den türkischen Fussball?
Ich kenne den türkischen Fussball zu wenig, um mir ein Urteil zu bilden. Die Resultate der türkischen Vereine in den europäischen Klubwettbewerben lassen aber aufhorchen. Die meisten Spieler der türkischen Nationalmannschaft rekrutieren sich aus diesen Vereinen. Dazu kommen wichtige Spieler, die im Ausland ihr Brot verdienen. Die Frage bleibt, ob diese Galionsfiguren der türkischen Elf in den entscheidenden Spielen ihre Form ausspielen können.

Sagt Ihnen der Name Volkan etwas?
Volkan? Nein, der Name sagt mir nichts.

Volkan Demirel ist der Goalie der türkischen Nationalmannschaft und gilt als Unsicherheitsfaktor der türkischen Elf. Steigen dadurch die Chancen der Schweizer Mannschaft auf ein Weiterkommen?
Nein, ich denke nicht. Man darf sich nicht auf die Schwächen des Gegners verlassen. Es ist gut möglich, dass Volkan gerade gegen uns seine Trümpfe aus dem Ärmel zaubert und eine fantastische Leistung zeigt. In erster Linie müssen wir uns auf unsere eigenen Stärken besinnen. Nur dann haben wir eine reelle Chance, gegen die Türken zu bestehen und zu gewinnen.

Die Stürmer Alex Frei bei Rennes und Johan Vonlanthen in Breda sind rechtzeitig wieder in Form gekommen und treffen für ihre Vereine, derweil Volkan im türkischen Tor keine glückliche Figur macht. Lassen sich daraus positive Vorzeichen erkennen?
Sicher ist es für das Selbstvertrauen jedes einzelnen Spielers von Vorteil, wenn er bei seinem Klub trifft. Letztendlich kommt das natürlich auch der Nationalmannschaft zu Gute. Aber in erster Linie gewinnt man ein Spiel aus einer starken Verteidigung. Wichtig ist es für uns, im Heimspiel in Bern am kommenden Samstag kein Tor zu kassieren. Dann sind die Voraussetzungen für das Rückspiel in Istanbul gegeben. Grosse Mannschaften entscheiden ein Spiel mit einer soliden und guten Defensivleistung.

Aber gerade in der Defensive waren in den letzten Spielen einige Mängel auszumachen. So steht Ihr Mannschaftskollege und Torwart Pascal Zuberbühler seit Monaten arg in der Kritik. Wie beurteilen Sie seine Leistungen?
Man muss klar differenzieren. Zubi hat während der WM-Qualifikation zum Teil sehr starke Partien geliefert. So beispielsweise im Stade de France beim 0:0 gegen die Franzosen. Natürlich hatte er auch schwache Momente. Das Tor gegen Zypern geht ganz klar auf seine Kappe. Da muss man nicht lange diskutieren. Die Kritik nach dem Gegentor gegen Israel fand ich persönlich aber ein bisschen zu hart. Tatsache ist: Wenn ein Torhüter einen Fehler macht, hat das meistens ein Gegentor zur Folge. Wenn ein Stürmer hingegen eine dicke Chance versiebt, wird darüber viel weniger geredet. Innerhalb der Mannschaft ist Zubi unumstritten. Wenn er einen guten Tag erwischt, ist er imstande, ein Spiel zu unseren Gunsten zu entscheiden.

Trotzdem – die Verunsicherung beim Schweizer Nationalkeeper ist gross. Wird Pascal Zuberbühler in den zwei entscheidenden Barragespielen zum Zünglein an der Waage?
Natürlich kann ein Torhüter eine matchentscheidende Rolle spielen. Wenn er einen starken Tag erwischt, können die gegnerischen Stürmer daran zerbrechen. Aber letztendlich kommt es auf die Leistung der ganzen Mannschaft an, ein Spiel zu gestalten und für sich zu entscheiden.

Die türkischen Spieler sind bekannt für ihr hartes Einsteigen und ihre Zweikampfstärke. Was haben die Schweizer dieser körperbetonten Spielweise entgegenzusetzen?
Wir müssen die Türken mit ihren eigenen Waffen schlagen. Auch bei uns sind einige Spieler im Ausland engagiert und haben viele internationale Spiele bestritten. Von daher sind wir die körperbetonte Spielart gewohnt. Dazu kommt eine geschlossene Mannschaftsleistung, auf die wir bauen können. Unsere Stärke ist das Kollektiv. Wir haben ein klares Konzept und eine klare Linie und können uns gegenseitig aufeinander verlassen. Was die Zweikämpfe angeht, müssen wir halt auch mal die Ellenbogen ausfahren und dagegenhalten.

Die Türken sind sehr emotionsgeladene Fussballer und gelten als Heisssporne. Werden Sie auf dem Platz den Gegner zu provozieren suchen?
Sicher werden wir versuchen, den einen oder anderen Spieler ein bisschen herauszufordern. Das gehört im internationalen Fussball dazu. Im türkischen Team gibt es einige Heisssporne, die ihre Nerven nur schwer im Griff behalten können. Aber letztendlich müssen wir auf unsere spielerischen Mittel zurückgreifen und uns weniger auf provokative Spielereien einlassen.

Die türkischen Fans sind sehr begeisterungsfähig und der zwölfte Mann auf dem Platz. Haben Sie Angst vor der Hölle in Istanbul?
Nein, im Gegenteil. Ich freue mich riesig auf diese Ambiance. Die Stimmung in den türkischen Stadien ist zwar beeindruckend, aber zugleich auch sehr schön. Es wäre total falsch, mit Angst oder Hemmungen in die Türkei zu reisen. Jeder Spieler muss sich auf seine Aufgabe konzentrieren und darf sich nicht ablenken lassen. Die ganze fussballinteressierte Schweiz wird nach Istanbul schauen und uns auch beim Rückspiel die Daumen drücken. Für solche Momente lebt ein Fussballer. Das ist ein sehr schöner und zugleich emotionaler Augenblick.

Auch neben dem Platz gelten in der Türkei eigene Gesetze. So hört man nicht selten von einem enormen psychischen Druck, der von den Ordnern und anderen Gremien auf die Gastmannschaft ausgeübt wird. Wie gehen Sie damit um?
Ich habe keine Probleme, mit diesem Druck umzugehen. Wichtig ist einzig, dass man sich auf solche Vorkommnisse einstellen kann. Wenn man in osteuropäische Länder fliegt, muss man damit rechnen, dass man am Zoll länger aufgehalten wird oder das Gepäck erst später nachkommt. Das sind alles Sachen, die dich als Profi nicht beeinflussen dürfen. Entschieden wird eine Partie auf dem grünen Rasen.

Nach den Erfolgen in den letzten Spielen mit dem HSV steigen Sie mit einem enormen Selbstbewusstsein in die entscheidenden Qualifikationsspiele. Werden Sie Ihre zuletzt gezeigten Leistungen in der Bundesliga auch gegen die Türkei abrufen können?
Ich versuche immer, die gute Phase im Klub in die Nationalmannschaft überzubringen. In den letzten zwei, drei Jahren ist mir das auch sehr gut gelungen, obwohl ich in der Nationalmannschaft eine andere Position spiele als beim HSV. Leider kann ich beim Hinspiel in Bern wegen einer Sperre nicht auflaufen. Nichts desto trotz hoffe ich, dass ich im Rückspiel in Istanbul eine gute Leistung zeigen und so meinen Teil zur WM-Qualifikation beitragen kann.

Mit dem Hamburger Sportverein reiten Sie momentan auf einer eigentlichen Erfolgswelle. Was ist das Geheimnis des neuen HSV unter Trainer Thomas Doll?
Seit ungefähr zwei Jahren setzt der Verein auf eine gewisse Kontinuität. Das ist das Geheimnis unseres Erfolgs. Die Verantwortlichen des HSV kaufen nicht mehr einfach planlos auf dem Transfermarkt ein, sondern verstärken sich gezielt mit guten und qualitativ starken Spielern. Dazu war die Verpflichtung von Thomas Doll ein eigentlicher Glücksgriff für die Mannschaft. Doll hat ein klares Konzept und eine klare Linie, was das Spielsystem anbelangt. Dadurch ist der HSV momentan auf einem sehr guten Weg.

Nach ihren Leistungen in den letzten Spielen wurden Sie von der deutschen Presse hochgejubelt. So schrieb die Bild-Zeitung nach ihrem Siegtreffer im Cup gegen Leverkusen: „Er war noch nie so wertvoll wie heute“. Schmeicheln Ihnen solche Aussagen?
Eine positive Aussage in der Presse tut immer gut. Allerdings weiss ich nach zwölf Jahren im Profigeschäft, wie ich die Medienarbeit einschätzen muss. Es ist sicher schön, wenn man positive Meldungen über sich selber lesen kann, aber man darf die Sache nicht überbewerten. Fussball ist ein Tagesgeschäft. Wenn du am Wochenende gross aufspielst, wirst du in der Presse hochgejubelt. Spielst du drei Tage später im Cup schlecht, wirst du als Loser gehandelt. So ist das nun mal im Profifussball.

Sie galten über längere Zeit als eher unauffälliger Spieler. Jetzt setzen Sie im Sturm Ihre Akzente. Ist das der neue Raphaël Wicky?
Ich habe in meiner ganzen Laufbahn bisher wenig Tore geschossen. Dass es mir diesbezüglich jetzt besser läuft, ist zwar schön, hat aber nichts mit meiner Spielweise zu tun. Ich bin seit jeher sehr konstant und gehöre nicht zu der Sorte Spieler, die einen spektakulären Fussball zeigen. Umso glücklicher bin ich, dass man meine Qualitäten trotzdem erkannt hat und mir diesbezüglich auch mehr Respekt entgegenbringt.

Sie haben einen Wunsch frei: Möchten Sie lieber mit dem HSV Deutscher Meister werden oder mit der Schweizer Nationalmannschaft an die Weltmeisterschaft fahren?
(überlegt lange) Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich lieber mit der Nationalmannschaft an die WM fahren. Bei der übernächsten WM im Jahr 2010 in Südafrika bin ich 33 Jahre alt und werde kaum mehr in der Nationalmannschaft spielen. Dagegen habe ich noch ein paar Jahre Zeit, mit dem HSV die deutsche Meisterschaft zu gewinnen. Das schönste wäre natürlich, im Mai mit dem HSV den Meistertitel zu holen und einen Monat später mit der Nationalmannschaft an der WM dabei zu sein. Das wäre ein Traum.

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