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Biobauer Reinhold Berchtold über die Gentech-Initiative
„Schweiz wird zum Feinkostl aden Europas“


 

Ried-Mörel / Riederalp / Seit 25 Jahren bewirtschaftet er die heimatliche Scholle weit über dem Talgrund. Reinhold Berchtold (47) aus Ried-Mörel ist Biobauer und setzt sich für eine gentechfreie Landwirtschaft ein. „Ein Ja zur Gentech-Initiative macht uns zum Feinkostladen Europas“, stellt er fest.

Von Walter Bellwald

Es ist frisch an diesem Spätherbstmorgen. Nur wenige Menschen sind in Ried-Mörel unterwegs und eine betörende Stille macht sich breit. Die Fernsicht im malerischen Bergdörfchen ist einmalig und reicht bis weit hinauf ins Goms. Hier wohnen Ruth und Reinhold Berchtold. Als sie Mitte der siebziger Jahre hier oben eine Wohnkommune gründeten, schüttelten die Einheimischen nur den Kopf. Heute, knapp dreissig Jahre später, sind die Berchtolds voll im Dorfleben integriert.

Selbstversorger am Riederberg
Ihr Haus liegt nur wenige Meter unter dem Dorfmagasin. Eine wohlige Wärme und ein würziger Duft schlagen dem Besucher entgegen, als er in die Küche tritt. „Wiär sie gad äm Späck üssiädu“, meint Ruth Berchtold fast entschuldigend. Die Berchtolds sind grösstenteils Selbstversorger. Jedes Jahr im Herbst wird ein Schwein zur Eigenverwertung geschlachtet. Daneben kommen Kartoffeln aus dem eigenen Anbau und selbstgemachtes Brot auf den Tisch. Die Milch wird beim Nachbar geholt. „Unsere Kühe geben nur sehr wenig Milch“, erklärt Reinhold. „Darum müssen wir uns anderweitig behelfen.“ 25 Tiere halten sich Ruth und Reinhold Berchtold. Der Grossteil davon sind Kühe und Kälber, aber auch Rinder sind dabei. Und schliesslich komplettieren ein paar Hühner die Kleinlandwirtschaft am Riederberg.

Gentechfreie Gemeinde
Rund 22 Hektaren Fläche bewirtschaften die Berchtolds. Aus Eigenverantwortung sich selbst und den Tieren gegenüber verzichten sie bei der Bewirtschaftung auf den Einsatz von künstlichem Dünger. Auch sogenannte Herbizide, sprich Unkrautvertilger, werden nicht verwendet. Viel mehr setzen Ruth und Reinhold Berchtold auf eine ökologisch, biologisch und tiernahe Landwirtschaft. Zusammen mit anderen Bauern der Gemeinde haben sie ein Vernetzungsprojekt lanciert, dass eine naturnahe und schonende Bearbeitung der Weideflächen garantiert. Mit Erfolg: In diesem Sommer wurde Ried-Mörel als erste gentechfreie Gemeinde im Oberwallis ausgezeichnet. Für Biobauer Reinhold Berchtold ein Schritt in die richtige Richtung: „Eine europaweite Umfrage hat ergeben, dass siebzig Prozent der Konsumenten auf eine gentechfreie Ernährung setzen. Diese Zahlen zeigen auf, dass in Zukunft noch mehr Wert auf eine gesunde Ernährung gelegt wird.“

Chance für die Landwirtschaft
Darum müssten die Schweizer Bauern alles daran setzen, um möglichst naturnah zu produzieren. „Eine gentechfreie Landwirtschaft bietet die Chance, die Qualität unserer Lebensmittel im In- und Ausland klar hervorzuheben“, ist Berchtold überzeugt. „Dadurch wird die Schweiz zum Feinkostladen von Europa.“ Ein weiteres wichtiges Argument für die Annahme der Initiative sei die Beibehaltung der Artenvielfalt. „In den USA beispielsweise, wo Agro-Gentechnik angewendet wird, leiden Umwelt und Natur unter den Monokulturen“, erklärt Berchtold. Um die Natur zu schonen und die Artenvielfalt zu garantieren, müsse ein Gentech-Verbot erlassen werden. Und schliesslich sei die Forschung und Herstellung von Medikamenten von einem allfälligen Moratorium nicht betroffen. „Bei der Gentech-Initiative geht es einzig um die Landwirtschaft. Der Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen zu Forschungszwecken ist erlaubt“, hält er fest.

Sergio Schmid, Leiter Biotechnologie HEVS
Abschottung schafft nur Nachteile

Sergio Schmid, Leiter der Biotechnologie der Hochschule Wallis, sieht im Gentech-Moratorium nur Nachteile für die Forschung, die Wirtschaft und die Bauern.

Was spricht Ihrer Ansicht nach gegen eine „gentechnikfreie Landwirtschaft?
Die Schweiz riskiert damit einmal mehr den Anschluss an Entwicklungen zu verpassen, die im Ausland bereits sehr weit fortgeschritten sind. Es ist ein grosser Irrtum zu glauben, wir könnten der Schweizer Landwirtschaft mit Verboten und Abschottung vom Weltmarkt grössere Marktchancen verschaffen. Viele Bauern haben dies realisiert. Die Schweizer Bauern stehen daher auch nicht geschlossen hinter dem Moratorium. Sie wollen die Wahlfreiheit behalten und sich nicht bevormunden lassen.

Konkret: Welche Folgen hätte die Volksinitiative fürs Wallis?
Wir haben im Wallis mehrere Firmen, die mit ihrer Biotechnologie-Sparte viele Arbeitsplätze geschaffen haben und planen, ihre Aktivitäten in diesem Bereich auszubauen. Eine Ablehnung der Initiative durch die Walliser Bevölkerung würde klar signalisieren, dass unser Kanton offen für Neues ist, was für zukünftige Investitionen und damit für die Schaffung neuer Arbeitsplätze von Bedeutung ist.

Welche Auswirkungen hat die Volksinitiative auf die Forschung im Wallis?
Die Annahme der Initiative würde schwerwiegende Folgen für die Forschung in der Schweiz insbesondere im Bereich der Pflanzenbiotechnologie haben. Auch der Kanton Wallis unternimmt grosse Anstrengungen, um die zukunftsträchtige Biotechnologie in unserem Tal anzusiedeln. Wieso sollen sich Forscher im Wallis niederlassen, wenn sie wissen, dass die Bevölkerung gegen die Umsetzung ihrer Forschungsresultate ist? Die Initianten behaupten zwar, dass die Forschung weiterhin möglich sein wird. In Wahrheit setzen sie jedoch alles daran, um die Forschung zu verhindern, wie die sehr leidige Geschichte mit dem Freisetzungsversuch von gentechnisch verändertem Weizen der ETH Zürich gezeigt hat. Mit zig Einsprachen haben dieselben Organisationen, die das Gentech-Moratorium unterstützen, dies jahrelang zu verhindern versucht.

Gentechfreie Landwirtschaft könnte doch auch zu einem Gütesiegel werden ?
Die Initiative propagiert die gentechnikfreie Landwirtschaft als grosse wirtschaftliche Chance für die Schweiz. Ich frage sie: Hat es etwas mit Chance zu tun, wenn man neue Erkenntnisse, neue Technologien nicht nutzen darf? Ich sehe vielmehr eine Chance für die Schweizer Landwirtschaft, wenn sie offen ist für neue Technologien, Anbaumethoden, Produkte und sich der Herausforderung des Weltmarktes stellt und nicht in Vogel-Strauss-Manier, wie es mit diesem Moratorium geschieht, den globalen Entwicklungen zu entziehen versucht.

Hätten Sie persönlich keine Mühe, gentechnisch veränderte Landwirtschaftsprodukte zu essen?
Nein, wieso sollte ich? Diese Produkte können unbedenklich genossen werden. In den USA sind solche Lebensmittel seit Jahren auf dem Markt und noch nie wurde von gesundheitlichen Problemen im Zusammenhang mit GVO-Produkten berichtet.

Ist es letztlich nicht auch eine ethische Frage: Muss alles technisch Machbare auch umgesetzt werden?
Natürlich darf nicht alles gemacht werden, was technisch realisierbar ist. Dafür haben wir ja unsere Gesetzgebung, die dies regelt. Wir haben seit 2004 in der Schweiz eines der strengsten Gentechnikgesetze der Welt. Dieses Gesetz garantiert einen verantwortungsvollen und sicheren Umgang mit der Gentechnik auch im Bereich der Landwirtschaft und Ernährung. GER

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