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Rolf Lambrigger, Präsident des Schweizerischen Verbandes der Bestattungsdienste
„Bestattungskosten sind gerechtfertigt“


 

Naters / Er ist der neue Präsident des Schweizerischen Verbandes der Bestattungsdienste (SVB) und arbeitet seit 23 Jahren als Bestatter. Rolf Lambrigger (43) spricht im RZ-Frontalinterview über das Image seiner Berufsgattung, nimmt Stellung zu den hohen Bestattungskosten im Wallis, die tägliche Konfrontation mit dem Tod und sagt: „Ich habe keine Angst vor dem Sterben.“

Von Walter Bellwald
Markus Pianzola

Sie waren heute Morgen an einer Beerdigung. Wie nahe geht Ihnen eine Bestattung?
Es kommt immer auf die Situation drauf an. Wenn jemand gestorben ist, den man gut gekannt hat, ist man viel mehr betroffen als bei jemandem, den man über­haupt nicht gekannt hat. Aber natürlich macht man sich seine Gedanken über die Hinterbliebenen. Wenn beispielsweise eine junge Familie ihren Vater und Ehemann verliert, kann mich das zuweilen doch sehr beschäftigen.

Wie begegnen Sie dabei den Trauernden?
Am Anfang tun sich viele Angehörige schwer, sich zu öffnen. Aber je länger man miteinander redet, umso mehr schätzen sie unsere Unterstützung und Hilfe. Früher war der Bestatter nur der Sargverkäufer, heute sind wir ein Dienstleistungsunternehmen, das den Angehörigen in dieser schweren Zeit beisteht und ihnen alle administrativen Arbeiten abnimmt. Das wird auch sehr geschätzt.

Als Bestatter sind sie täglich mit dem Tod konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?
Für mich ist es wichtig, dass ich mich zwischendurch ablenken kann. Das hilft mir wie jedem anderen auch, meine tägliche Arbeit zu vergessen. Andererseits bin ich schon von klein auf mit dem Tod konfrontiert. Schon meine Eltern hatten ein Bestattungsunternehmen und das Thema Sterben und Tod war tagtäglich an unserem Küchentisch präsent. Das ist auch jetzt mit meiner Familie so.

Mit anderen Worten, das Thema Tod ist kein Tabu bei Ihnen zu Hause?
Durch meinen Beruf ist das gezwungenermassen gegeben. Es gibt aber klare Spielregeln im Haus: Meine Kinder dürfen nicht einfach urplötzlich in die Aufbahrungshalle stürmen. Aber ansonsten versuche ich, auf ihre Fragen einzugehen und klare Antworten zu geben.

Wird ihre Arbeit zur Routine oder ist es jeweils eine neue Herausforderung?
Es ist jedes Mal eine neue Herausforderung. Die Todesursache ist immer verschieden und auch die Angehörigen reagieren jedes Mal unterschiedlich. Vielfach wollen sie das Ganze nicht wahrhaben und verdrängen die Realität. Sie wirken teilnahmslos, sind verstört oder reagieren zornig. Da braucht es jeweils viel Fingerspitzengefühl, um die Situation zu meistern. Je weniger Priester es gibt, umso mehr muss der Bestattungsunternehmer auch diese Rolle einnehmen und die Angehörigen trösten.

Wie ist es beispielsweise, wenn Sie zu einem Unfall gerufen werden?
Auf dem Weg zum Unfallort macht man sich sicher seine Gedanken. Kennt man die verunfallte Person? Ist es jemand aus dem Bekanntenkreis? Wen hinterlässt der oder die Verunfallte usw. Wenn man dann vor Ort eintrifft, fällt die Anspannung ab und man verrichtet seine Arbeit.

Zeigen Sie bei Ihrer Arbeit auch Gefühle?
Es kann durchaus vorkommen, dass ich von den Gefühlen übermannt werde. Trauer kann man nur verarbeiten, in dem man sie auch zeigt. Wenn ich jemanden gut gekannt habe, kann es durchaus vorkommen, dass ich mich einen Moment zurückziehen muss.

Sie sind auch einem grossen psychologischen Druck ausgesetzt. Wie gehen Sie damit um?
Es gehört ein Stück weit zu unserer Arbeit, mit diesem Druck umzugehen. Wenn ich beispielsweise während der Nacht auf Pikett bin, kann ich trotzdem gut schlafen. Andererseits suche ich das Gespräch mit meinen Mitarbeitern, mit Seelsorgern und der Familie. Das hilft mir, mich auszutauschen und mit dem Druck umzugehen.

Mussten Sie in den vergangenen Jahren schon mal psychologische Hilfe in Anspruch nehmen?
Nein, bisher musste ich nicht auf professionelle Hilfe zurückgreifen. Bei Bedarf hätte ich aber keine Mühe, dieses Angebot in Anspruch zu nehmen.

Was war der bisher schwierigste Moment in Ihrer Laufbahn?
Als ich meinen Freund und Kollegen, der 24-jährig mit dem Motorrad tödlich verunglückte, aus Südfrankreich heimbringen musste. Das war sehr hart. In einem solchen Momente bin ich nicht Bestatter, sondern ganz einfach Mensch. Je nä­-her der Bezug zu einem Menschen ist, umso mehr hat man Mühe, das Erlebte zu verarbeiten. Was bleibt ist eine grosse Trauer und die Frage nach dem Warum.

Wieso haben Sie diesen Beruf gewählt?
Es hat sicher damit zu tun, dass meine Eltern in dieser Branche heimisch waren. Wir sind insgesamt acht Kinder, von denen letztlich zwei in diesem Unternehmen Fuss gefasst haben. Ich selber bin direkt nach meiner Lehre als Schreiner im elterlichen Betrieb eingestiegen. Mittlerweile bin ich seit 23 Jahren in diesem Metier tätig.

Wie sehen Sie Ihren Beruf?
Mir gefällt vor allem die Vielseitigkeit meiner Arbeit. Sowohl die organisatorischen Belange wie auch die Unterstützung der Trauerfamilie sind sehr schön. Die Angehörigen empfinden es als eine wertvolle Unterstützung, wenn man ihnen in dieser schweren Zeit zur Seite steht.

Gehört die Arbeit an der Leiche zu den weniger schönen Seiten?
Es gehört zum Handwerk. Früher hat sich die Arbeit des Bestatters aufs Einkleiden des Verstorbenen und die Einsargung beschränkt. Heute ist das Aufgabenfeld viel weiter. Es geht von der Betreuung der Angehörigen hin zu administrativen Dingen über die Einsargung und die Überführung des Leichnams.

Was sagen Sie zum Vorwurf des Wirtschaftsmagazins Cash, dass Neueinsteiger von den etablierten Betrieben wenn immer möglich gebremst würden...
Das stimmt so nicht. Tatsache ist, dass die Anbieter nur dann auf den Markt drängen, wenn es der Wirtschaft weniger gut läuft. Im Wallis zählen wir momentan 18 Bestattungsunternehmen. Die meisten davon sind Familienbetriebe. Zurzeit besteht kaum eine Nachfrage, ein Bestattungsunternehmen zu gründen.

Reagieren die Menschen zurückhaltend, wenn Sie sich als Bestatter vorstellen?
Die Reaktionen sind sehr verschieden. Vielfach vertuschen die Menschen ihre Unsicherheit mit schwarzem Humor. Andere wiederum geben sich sehr wissbegierig und fragen nach dem Warum und Wieso.

Reden die Menschen gerne über den Tod?
Je länger je mehr. Früher waren die Menschen sehr verschlossen, wenn man auf den Tod zu sprechen kam. Heute interessieren sich viele für die Formalitäten und die Möglichkeiten einer Vorsorgeregelung. Auch bei Vorträgen finden sich viele Leute ein. Auch ältere Menschen fragen gerne nach.

Wie viele Menschen sprechen zu Lebzeiten bei Ihnen vor, um Ihre Bestattung zu regeln?
Rund hundert Menschen haben zurzeit bei uns eine Bestattungsvorsorge besprochen. Dabei geht es vielfach um eine Kremation und die spätere Beisetzung auf dem Friedhof. Aber es gibt auch Menschen, die ihre Bestattung bis ins kleinste Detail regeln. Das fängt bei der Todesanzeige an und geht über die Sarg- oder Urnenwahl bis zur Gestaltung der Totenmesse.

Wie sinnvoll ist eine sogenannte Vorsorgeregelung?
Eine Vorsorgeregelung erleichtert die Arbeit der Angehörigen immens. Wenn innerhalb einer Familie nie über ein Ableben diskutiert wurde, müssen die Angehörigen bei einem Todesfall innert kurzer Zeit viele Entscheide fällen. Besteht dagegen eine Vorsorgeregelung, werden die Angehörigen entlastet und der letzte Wunsch des Verstorbenen wird erfüllt. Vor allem wenn jemand keine Nachkommen hat, ist eine Vorsorgeregelung empfehlenswert.

Das Wirtschaftsmagazin Cash hat ausgerechnet, dass ein Abschied ohne grossen Luxus bis zu 20’000 Franken kostet und dass es sich am teuersten in den Kantonen Wallis und Tessin stirbt...
Es ist tatsächlich so, dass die Bestattungskosten bei uns höher sind. Andererseits bieten wir auch etwas für unseren Preis. In den grossen städtischen Agglomerationen werden die verstorbenen Personen ins Krematorium überführt. Damit hats sich. Die Urne wird an die Einwohnergemeinde geschickt und auf dem Stadtfriedhof beigesetzt. Bei uns hingegen werden die Angehörigen betreut, die administrativen Arbeiten erledigt, der Leichnam eingesargt und in die Kirche und den Friedhof überführt. Das sollte man nicht ausser Acht lassen. Und wenn jemand nach den Kosten fragt, geben wir selbstverständlich auch Auskunft.

Neben der Erdbestattung geht der Trend klar hin zur Kremation. Wie lange dauert es noch, bis die Menschen nur noch eingeäschert werden?
Ein kleiner Teil der Erdbestattung wird sicher bleiben. Aber es stimmt, dass die Kremation stark im Kommen ist. In Naters ist der Anteil an Urnenbeisetzungen bereits höher als die der Erdbestattungen. In anderen Gemeinden zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Ich denke, in zehn bis fünfzehn Jahren werden die meisten verstorbenen Personen im Oberwallis kremiert.

Wie gross ist der finanzielle Unterschied zwischen einer Erdbestattung und einer Kremation?
Eine Kremierung kostet heute rund tausend Franken mehr als eine Erdbestattung. Das mag im ersten Moment ein grosser Unterschied sein. Aber bei näherem Hinsehen merkt man, dass eine Kremierung billiger kommt. Der Grabstein einer Urne ist kleiner und kostet entsprechend weniger und auch der Blumenschmuck rechnet sich über die Jahre. Dazu kommt, dass die Pflege einer Urnennische wegfällt.

Hand aufs Herz. Haben Sie Angst vor dem Sterben?
Nein, ich habe keine Angst vor dem Tod. Aber ich habe Respekt. Was mich beschäftigt ist die Frage, was aus meiner Familie werden würde. Darum nehme ich mir bewusst Zeit, mich in meiner Freizeit meiner Familie zu widmen. Aus Erfahrung weiss ich, dass es sehr schnell gehen kann, dass ein geliebter Mensch aus der Mitte gerissen wird.

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