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Urs Zenhäusern, Direktor Wallis Tourismus
„Die NEAT ist für den Touris mus ein Geschenk“


 

Sitten / Wie geht es dem Walliser Tourismus genau zwei Jahre vor der NEAT-Eröffnung? Eine Bestandesaufnahme mit Urs Zenhäusern, Direktor Wallis Tourismus.

Von German Escher
Walter Bellwald

Heute in zwei Jahren wird der neue Lötschbergbasistunnel eröffnet. Ein historischer Tag?
Eindeutig. Das Wallis wird an diesem Tag eine neue Verkehrsachse bekommen. Bereits die alten Römer haben festgestellt: Neue Verkehrsachsen führen zu grossen, positiven Veränderungen.

Mit welchen Veränderungen rechnen Sie?
Jede Medaille hat zwei Seiten. In Bezug auf Lärmschutz etc. hat man Vorkehrungen getroffen, um die Negativfolgen zu minimieren. Jetzt muss es darum gehen, die gesamtwirtschaftlichen Chancen zu nutzen. Die NEAT ist für den Tourismus ein schönes Geschenk. Aber profitieren kann das gesamte Wallis. Wenn wir beispielsweise eine kluge Siedlungspolitik betreiben, werden wir dank der besseren Erreichbarkeit zu einer noch attraktiveren Wohnregion. Hier haben wir durchaus gute Trümpfe etwa im Vergleich zum Kanton Bern: gute klimatische Verhältnisse, tiefere Steuern, ein gut ausgebautes Bildungswesen, wenig Kriminalität etc. Wenn die Bevölkerungszahl steigt, werden auch neue Betriebe und Arbeitsplätze entstehen.

Hat die Tourismusbranche nicht zu grosse Erwartungen?
Skeptiker befürchten, dass primär nur der Tagesausflug profitieren wird. Das mag kurzfristig tendenziell zutreffen. Aufgrund der guten Erfahrungen des Lötschentals auf dem Berner Markt darf man dank der NEAT mit einem stärkeren Ausflugsverkehr aus dem Raum Bern rechnen. Zusätzlich werden die Agglomerationen Basel und Zürich näher zum Wallis rücken. Aus diesen Regionen erwarte ich auch Kurz- und Ferienaufenthalte.

Lässt sich die Zunahme in Zahlen ausdrücken?
Die Studie der Handelshochschule St. Gallen prognostiziert eine Zunahme der Reisefrequenzen ins Wallis um zehn bis zwanzig Prozent. Das sind gewaltige Zahlen. Das Wallis hat gute Perspektiven. Das bestätigen uns beispielsweise die Prognostiker von Basel Economics immer wieder. Wir haben eine gute Ausgangslage, aber diese gilt es zu nutzen. Nur dann treten die Wachstumsprognosen auch ein.

Das heisst: Die Hausaufgaben vor Ort machen. Wie viel Geld wird in die Vermarktung der NEAT investiert?
Die ersten Verhandlungen stimmen mich zuversichtlich. Die verschiedenen Tourismuspartner werden hier gemeinsam mit den SBB und Railaway hier die Kräfte bündeln und gemeinsame Marketingmassnahmen durchführen. Durch diese Bündelung wird ein ansehnliches Budget zusammenkommen. Auch der Staat Wallis muss ein Rieseninteresse an dieser einmaligen Vermarktungschance haben.

Das NEAT-Kommunikationsbudget soll sich auf rund 3,5 Millionen belaufen.
Diese Zahl kann ich nicht bestätigen. Bisher haben wir die Idee, dass wir während zwei Jahren je rund eine Million Franken investieren. Hinzu kämen Zusatzleistungen der Partner. Hier liegen klare Zusagen vor. Konkret heisst das auch: Die über 450 Bahnhöfe in der Schweiz sind ein guter Vermarktungskanal. Zudem wird Railaway ei­nen besonderen Rei­sekatalog Wallis herausgeben. Es ist also einiges in der Pipeline.

Steht für die NEAT-Vermarktung im Vergleich zum Walliser Auftritt in Turin 2006, der rund eine Million Franken kosten soll, nicht zu wenig Geld zur Verfügung?
Zunächst zu den Zahlen: Für den Turin-Auftritt stellt der Kanton 900’000 Franken zur Verfügung. Dabei ist ein bedeutender Anteil für das Institut Hotelconsult Cäsar Ritz zum Betrieb der beiden Restaurants bestimmt. Für die NEAT-Vermarktung hat der Kanton bis heute kein konkretes Budget beschlossen. Man darf die zwei Marketingmassnahmen, also Turin und NEAT, nicht gegeneinander ausspielen.

A propos Turin: Was bringt dieser Auftritt dem Wallis eigentlich? An Olympia interessieren doch lediglich die Medaillen.
Wir wollen drei Zielgruppen ansprechen. Die wichtigste Gruppe sind die Schweizer Medien, über die wir unseren wichtigen Inlandmarkt erreichen. Das zweite Zielpublikum ist die Bevölkerung im Grossraum Turin. Es ist die wertschöpfungsstärkste Region in Italien und aufgrund der geografischen Nähe unser wichtigster Markt. Und schliesslich werden an den olympischen Spielen 10’000 Medienleute anwesend sein. Natürlich werden sich die Journalisten primär auf die sportlichen Leistungen konzentrieren. Aber auch interessante Randgeschichten sind gefragt. Im Marketing muss man dorthin gehen, wo die Menschen sind.

Und hier erhoffen Sie sich eine Medienpräsenz?
Die bereits gemachten Erfahrungen stimmen mich positiv. Unsere Medienorientierung am 5. September fand national und international bereits Beachtung. Wir sind sehr nahe am Schweizer Fernsehen. Unsere Geschichte und unsere ehemalige Kandidatur bieten Stoff für interessante Beiträge. Sämtliche Medaillenfeiern ­– und solche wird es hoffentlich auch geben ­– werden im House of Switzerland stattfinden, welches vom Wallis geführt wird.

Italien ist für das Wallis wichtig: Unterstützt Wallis Tourismus den Giro d’Italia, der nächstes Jahr durch unseren Kanton rollt?
Wir haben ein grosses Interesse, dass eine Giro-Etappe durchs Wallis führt. Lange sah es gar danach aus, dass es einen eigentlichen Etappenort geben wird. Wieso es keine Etappenankunft im Wallis gibt, entzieht sich meiner Kenntnis. Jetzt sind wir eine Durchgangsdestination für den Giro. Wallis Tourismus macht aber kein Sportsponsoring – auch nicht beim Giro d’Italia.

Müssten die grossen Sportwettkämpfe im Wallis strategischer angegangen werden?
Das stimme ich Ihnen voll und ganz zu. Es gibt auch eine entsprechende Studie, die der Staatsrat vor einigen Jahren in Auftrag gab. Es ging darum, die Sportveranstaltungen strategisch anzugehen, aktiv anzustreben und zu koordinieren. Es liegt am Staatsrat, diese Studie jetzt umzusetzen.

Was nützen all die Bestrebungen, wenn die Branche vor Ort die Hausaufgaben nicht macht und sich nicht zu schlagkräftigen Destinationen zusammenschliesst?
Die strukturelle Frage im Tourismus ist heute unbefriedigend gelöst. Es gibt einige Bemühungen, allerdings mit unterschiedlichem Erfolg. Bei den Tourismusvereinen muss die öffentliche Hand stärker eingreifen und helfen. Ansonsten wird der Prozess nicht zu bewältigen sein. Das Ganze muss effizienter werden. Das heisst: Wenn neue Strukturen geschaffen werden, müssen gleichzeitig alte Strukturen aufgelöst werden. Das hat auch Aletsch Marketing gezeigt. Wenn damals die alten Strukturen aufgelöst worden wären, hätte man sich nicht in die Vergangenheit flüchten können. Was bei Aletsch Marketing im Zeitraffer geschehen ist, haben andere Organisationen auch erlebt. Auch die Chablais Tourismus AG wurde als erste Destination im Wallis zu wenig konsequent umgesetzt.

Aber warum scheitern wir immer wieder?
Weil es uns immer noch zu gut geht. Der Leidensdruck ist zu wenig gross. Die Bereitschaft zu Kooperationen ist noch zu wenig vorhanden. Auch an Optimierungen und Wachstum scheinen die wenigsten interessiert.
Hotels werden geschlossen und viele Bergbahnen fahren nahe am Abgrund. So gut geht es der Branche wirklich nicht – gerade im Einzugsgebiet von Aletsch Marketing.
Ich teile diese Einschätzung. Viele gehen lieber unter, als dass dank einer Kooperation vielleicht auch der Nachbarbetrieb etwas besser leben könnte. Gewisse Veränderungen werden von aussen kommen – auch durch die NEAT. Wir müssen reagieren und die schwierige Situation der Tourismusbranche als Chance nutzen.

Innovative Tourismusprofis wie Reto Gurtner in Laax (GR) kritisieren, dass die gebührenfinanzierten Tourismusorganisationen zu stark verpolitisiert sind. Braucht es nicht grundlegend neue Strukturen?
In Laax ist Reto Gurtner aufgrund familiärer Rahmenbedingungen der Hauptanbieter, der Bergbahn, Hotels, Sportgeschäfte etc. betreibt. Er sagt, in welche Richtung das Marketing gehen soll. Dieses amerikanische Modell, bei dem das Ski Resort von einer Gesellschaft betrieben wird, lässt sich nicht verordnen. Bei uns sind Leistungsträger unabhängige Unternehmen, die letztlich über die Kooperation eigenständig entscheiden können. Aber nicht jedes Projekt von Reto Gurtner ist ein Erfolg. Grundsätzlich ist sein Ansatz richtig: Nicht das Hotel, nicht die Bergbahn, nicht das Sportgeschäft, sondern das Gesamte macht das Produkt aus. Aber Imagewerbung wird immer die Aufgabe einer öffentlichen Organisation bleiben müssen.

Den Ferienort als ein einziges Produkt buchbar machen. Wäre dies nicht wichtiger als der Destinationsstreit?
Wir haben nicht mehr die Zeit, bis auch der letzte Anbieter endlich erwacht und bereit ist für Kooperationen. Wir müssen auf allen Ebenen aktiver werden – auf Betriebsstufe, im Ort und in der Destination. Marketing und Angebotsgestaltung müssen Hand in Hand gehen. Aber in der Tat konkurrenzieren unsere Stationen heute mit all-inclusive Anbietern wie Kreuzfahrten, Robinsonclubs etc. Dieser Ansatz der Angebotsgestaltung muss bei uns stärker berücksichtigt werden. Andere Regionen wie das Tirol gehen da mutig voran. Vor zwei Jahren hat der dortige Landeshauptmann die Karte Tirols auf den Tisch gelegt und die künftige Tourismuslandschaft aufgezeigt. Das hat gewaltige Diskussionen ausgelöst. Aber die Richtung stimmt.

Also müsste der Staatsrat gemeinsam mit Ihnen die Grenzen der Walliser Destinationen ziehen?
(schmunzelt) Das wäre im Extremfall so. Gegenwärtig erarbeitet eine ausserparlamentarische Kommission Vorschläge zu Handen des Staatsrates. Der Vorbericht sollte bis Ende Jahr vorliegen. Dann wird die Konsultationsphase folgen, während der wir nach innen starke Überzeugungsarbeit leisten müssen.

Wird es primär um Destinationsbildung gehen?
Die Hauptthemen sind die Destinationen und die Tourismusfinanzierung.

Die Ausgangslage ist beängstigend: In Europa verbringen nur noch 15 Prozent ihren Winterurlaub in den Alpen.
Der Kuchen wird kleiner. Die Zahl der Skifahrer und Snowboarder schrumpft. Deshalb ist die Nachwuchsförderung extrem wichtig. Agglomerationsnahe Skigebiete sind nicht Konkurrenten, sondern bilden unsere künftigen Gäste aus. Auch Skihallen in städtischen Gebieten sind positiv zu beurteilen. Zum Vergleich: Meerdestinationen wären wahrscheinlich weniger erfolgreich, wenn es keine Schwimmbäder gäbe.

Eine Schlussfolgerung wäre doch, neue Freizeitangebote abseits der Pisten zu kreieren, statt ständig in die Erneuerung der Bergbahnen zu investieren?
Es ist ein Irrtum zu glauben, dass der Wechsel von einer Vierer- auf eine Sechsersesselbahn mehr Gäste bringt. Solche Investitionen sind notwendig, um Marktanteile zu halten. Aber es fehlen Pioniertaten wie Gornergratbahn etc.

Eine Vision wäre eine Bahn vom Bahnhof Brig auf die Belalp?
Da schlägt mein Herz gleich höher. Diese Idee hat mich von Anfang an fasziniert. Eine Bahn Brig-Belalp muss realisierbar sein. Solche Projekte bringen Leute und innovative Ideen. Dann können auf dem NEAT-Bahnhof neue Angebote entstehen: Der Gast reist in normaler Kleidung an, zieht sich im Bahnhof um, mietet seine Ausrüstung und ist in zehn Minuten im Skigebiet. Auf dem Nachhauseweg kann er im Bahnhof noch kurz duschen. Das sind visionäre Ansätze, die es übrigens in Japan bereits gibt.

Bleiben wir bei den kurzfristigen Zielen: Wie wird die Wintersaison 2005/06?
Es hat in der Schweiz und Deutschland frühzeitig geschneit. Die Emotionen und Wintervorfreude stimmen. Wenn die Schneeverhältnisse und das Wetter mitspielen, werden wir einen tollen Winter erleben.

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