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Kapuzinerpater Titus Bärtsch, Guardian das Kapuzinerklosters in Brig-Glis
„Ich glaube an die Zukunft des Klosters in Glis“


 

Glis / Seit fünf Jahren leitet Pater Titus Bärtsch als Guardian das Kapuzinerkloster in Glis. Im grossen RZ-Interview spricht er über Weihnachten, seine Wünsche, die Arbeit als Vorsteher des Klosters und sagt: „Weltweit sind die Kapuziner wirklich im Trend.“

Von German Escher
Markus Pianzola

Die Vorweihnachtszeit ist jeweils sehr hektisch: Wie wars bei Ihnen?
Wir Kapuziner haben nie soviel Arbeit wie in der Vorweihnachtszeit. Vor allem das Beichtangebot wird rege genutzt. Am Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Samstag hören wir den ganzen Tag die Beichte. Das Zuhören ist unsere wichtigste Arbeit vor Weihnachten.

Wie gehts den Menschen, die zu Ihnen kommen?
Statt auf die einzelnen Sünden einzugehen, frage ich die Leute nach der Beichte auch gelegentlich, wie es ihnen denn so geht. Und dann beginnen die meisten zu erzählen. In der Tat geht es vielen Menschen nicht wirklich gut. Da können auch wir nur mit einem offenen Ohr zuhören und die Barmherzigkeit Gottes ins Spiel bringen.
Eigentlich müsste der Advent eine eher bedächtige Zeit der Vorfreude auf die Geburt Jesu sein.

Ärgert Sie die Geschenkli-Hektik?
Eigentlich nicht. Ich bin in den letzten Wochen oft am Morgen um 9 Uhr durch Visp gefahren. Dann sind die meisten Leute mit einer seltsamen Ruhe am Einkaufen. Wenn man am Nachmittag um 16 Uhr die Menschen beim Shopping beobachtet, stelle ich eine wesentlich grössere Hektik fest. Es gehen also nicht alle Menschen mit dem Einkaufsstress gleich um.

Der Papst hat erst kürzlich den Kommerz als Verschmutzung der Vorweihnachtszeit kritisiert. Teilen Sie diese Ansicht?
Wo bei uns Menschen etwas los ist, kommt der Handel und das Geschäftemachen ins Spiel. Das ist bei uns in der Vorweihnachtszeit nicht anders als beispielsweise im Wallfahrtsort Lourdes. Das lässt sich nicht vermeiden. Wenn etwas angeboten wird, bedeutet das noch lange nicht, dass ich etwas kaufen muss. Ich sehe den Geschäftsrummel vor Weihnachten nicht so negativ.

Gerade an Weihnachten fühlen sich viele Menschen allein. Kann das Kapuzinerkloster da eine Hilfestellung bieten?
Die Mitbrüder, die das Kloster verlassen, können in ihren Predigten ansprechen, dass der menschgewordene Jesus nicht einfach alle Sorgen wegwischt, sondern mit uns geht. Wir müssen Weihnachten nicht abgehoben in einem riesigen Pomp verkünden, sondern wir können gerade an Heilig Abend die Grenzen des Menschseins ansprechen. Dann sieht der Besucher nach dem Gottesdienst sein Leben innerlich vielleicht wie neu und zuversichtlicher.

Kommen denn auch mehr Menschen ins Klosters?
Das ist eher in den Wochen vor Weihnachten der Fall. In den Beichtgesprächen sind vor allem die älteren Padres gefragt, die entsprechend Zeit und Erfahrung haben. Unsere zwei ältesten Pater, 86- und 82-jährig, sind besonders gefragt. In dieser Zeit bekommen wir doch einiges zu hören. Wir erhalten dann auch mehr Briefe, besonders auch von Menschen, die sich einsam fühlen.

Wie verbringen die Kapuzinerpadres den Heilig Abend?
Von den insgesamt 14 Brüdern, die hier leben, sind an Heilig Abend nur vier daheim, also im Kloster. Das sind vor allem ältere Kapuzinerbrüder. Sie werden gemeinsam hier Weihnachten feiern. Das Zentrum für den Kapuziner ist natürlich die Mitternachtsmesse. Ich selber werde an Heilig Abend in Staldenried sein, wo ich um 17 Uhr und um 22 Uhr eine Messe zelebriere. Um Mitternacht feiere ich noch einen Gottesdienst in Gspon. Mir geht es ähnlich wie der Heiligen Familie auf dem Weg nach Bethlehem. Ich weiss noch nicht, ob und wo ich in Gspon noch eingeladen werde. Übrigens: Die heutige Form der Weihnachtsfeier ist stark mit den Kapuzinern verbunden. Der Heilige Franziskus hat als erster im Jahr 1223 in Greccio Weihnachten mit einer Krippe und mit Tieren gefeiert. Aber er wollte nicht bloss eine nostalgische Nachinszenierung von Bethlehem. Franziskus bat einen Priester, neben der Krippe im Wald in einer Messe Jesus gegenwärtig werden zu lassen.

Das Kloster ist für die Padres das zu Hause. Beschenkt man sich da gegenseitig?
Der Guardian beschenkt die Mitbrüder. Bevor ich nach Staldenried aufbreche, werde ich quasi als Weihnachtsmann bei den Padres von Tür zu Tür gehen. Aber es sind kleine Geschenke, etwa ein Buch oder vielleicht etwas zu trinken, etwas Geistiges (schmunzelt). Aber untereinander beschenken wir uns normalerweise nicht.

Hand aufs Herz: Was wäre Ihr grösster Weihnachtswunsch?
Ich wünsche mir den Frieden in der Klosterfamilie. Es wäre schön, wenn wir so gemeinsam weiter leben könnten. Auch wir sind nicht immer gleicher Meinung. Unstimmigkeiten kanns wie bei jeder anderen Familie auch bei uns geben. Wir selber werden reich beschenkt. Mitmenschen, die uns schätzen, drücken das oft mit einem kleinen Geschenk aus. Das freut uns immer. Wir erfahren an Weihnachten besondere Wertschätzung.

Hatten Sie beispielsweise nie den Wunsch, sich anders zu kleiden?
Das kommt schon vor. Wir erhalten übrigens oft Kleider von Angehörigen eines Verstorbenen. Aber ich habe keine modischen Erwartungen oder Wünsche. Da freue ich mich schon eher über ein gutes Buch.

Sind die Kapuziner ausserhalb des Klosters immer in der Kutte unterwegs?
Das ist sehr unterschiedlich. Die wenigsten von uns sind immer mit der Kutte unterwegs. Ich selber trage die Kapuzinerkutte vor allem, wenn ich in offizieller Funktion unterwegs bin. Dann wissen die Leute, woher ich komme. Grundsätzlich ist es jedem frei gestellt, die Kutte zu tragen.

Das Beispiel lässt vermuten, dass die Kapuziner im Vergleich zu anderen Orden weniger streng sind?
Unser Ordensgründer, der Heilige Franziskus, hat uns einen gewissen Spielraum gelassen. In seinen eigenen Kleiderregeln hält er fest, dass diese nach Ort, Zeit und kalten Gegenden angepasst werden können. Wir sind auch Kinder unserer Zeit. Als ich in den Orden eintrat, waren die Vorschriften noch viel strenger. Die Kutte hat ordensintern zu lebhaften Diskussionen geführt.

Sie üben das Amt des Guardian aus und sind somit ranghöchster Pater. Wie managt man ein Kloster?
Das geistliche Ziel ist hoch. Der Guardian, also der Wächter, sollte den Mitbrüdern auch geistlich etwas bieten, damit auch die Seele genährt wird. Aber ich bin im Alltag natürlich auch für die materiellen Anliegen zuständig, so dass jeder zu essen und zu trinken hat und sich persönlich entfalten kann. So bin ich unter anderem für die Buchhaltung zuständig. Aber ich habe Zahlen nicht gerne. Deshalb bin ich zufrieden, dass mir bei der Buchführung jetzt eine Bekannte hilft.

Wie finanzieren die Kapuziner eigentlich den Unterhalt eines solchen Klosters?
Wir übernehmen relativ häufig Vertretungen in Oberwalliser Pfarreien. Das sichert uns ein gewisses regelmässiges Einkommen, so dass wir nicht nur vom Betteln abhängig sind.

Wie kommen Sie finanziell über die Runden?
Das hängt nicht zuletzt auch von den Ausgaben ab. 2005 war ein schlimmes Jahr für unser Kloster. Wir mussten den Boiler, den Herd und die Toiletten reparieren. Es sind einige unerwartete Rechnungen ins Haus geflattert. Da müssen wir schon in etlichen Pfarreien das Kirchenopfer einziehen, um diese Unterhaltskosten zu decken. Aber der Herrgott wird schon schauen, dass man uns hier im Kloster den Finanzhahn nicht abdrehen wird.

Die restlichen Lebenskosten werden durchs Betteln gedeckt?
Das stimmt. Früher gingen die Kapuziner noch von Tür zu Tür. Das machen wir heute eigentlich nicht mehr. Einzig in Varen und Salgesch gehen die Kapuziner von Keller zu Keller (schmunzelt). Das gibt uns den Messwein und den Wein für den täglichen Gebrauch. Den Wein aus Varen müssen wir selber abfüllen. Letztes Jahr war die Gärung wohl noch nicht ganz abgeschlossen. Jedenfalls drang der Weingeruch vom Keller bis in die Kirche, was eine Messbesucherin doch zur Frage verleitete, ob wir jetzt eine Weinkellerei eröffnet hätten (lacht herzhaft).

Viele Padres sind bereits ältere Herren. Wer besorgt den Haushalt oder schaut da beispielsweise zum grossen Garten?
Für allgemeine Haushaltsarbeiten geht uns eine Putzfrau zwei Stunden pro Woche zur Hand. Für die Gartenarbeit haben wir zwei tolle, freiwillige Helfer, die kompetent zum Garten schauen. Koch haben wir noch einen eigenen. Er ist der jüngste von uns.

Wie alt ist er?
Er ist 65 Jahre alt, wäre also auch schon in Rente (schmunzelt).

Macht Ihnen die Überalterung nicht Sorgen?
In der Tat bereitet mir die Überalterung Sorgen. Von aussen betrachtet präsentiert sich die Situation wahrscheinlich schlimmer, als wir sie hier im Kloster erleben. Während in einem weltlichen Betrieb ein Mitarbeiter mit 65 pensioniert wird, kann auch noch ein Mitbruder sehr wertvolle Dienste verrichten.

Auch die Kapuziner kämpfen mit Nachwuchssorgen?
Nicht überall. Weltweit sind die Kapuziner wirklich im Trend. Die Nachfrage steigt. Auch wir in der Schweiz sind in der glücklichen Lage, dass wir seit einigen Jahren jeweils drei bis vier Interessenten im Noviziat haben. Die Entwicklung sieht also besser aus, als beispielsweise noch in den 90er Jahren, als wir fast während einem ganzen Jahrzehnt keinen Neueintritt mehr hatten.

Also geht die Klosterschliessung in der Schweiz nicht weiter?
Wir haben in den letzten Jahren unsere Strukturen angepasst. Gegenwärtig führen die Kapuziner in der Deutschschweiz neun Kloster und sieben Niederlassungen. Wir haben lieber weniger, aber lebendige Klöster. Auch dank der Schliessung in Stans ist bei uns die Zahl der Brüder wieder gestiegen. Heute leben 14 Kapuziner in Glis. Zudem ist Glis auch ein Ferienkloster; insofern haben wir eine besondere Bedeutung. Welche Klöster es in Zukunft noch braucht, lässt sich derzeit nicht sagen. Nach der Schliessung in Stans und Solothurn bestehen jedenfalls keine Pläne, weitere Klöster zuzumachen. Gegenwärtig brauchen wir alle Klöster.

Wie sehen Sie die Zukunft des Klosters in Glis?
Ich habe die Hoffnung, dass einer der jüngsten Kapuzinerpater in der Schweiz, ein Oberwalliser, bald einmal meine Nachfolge hier antritt. Dadurch würde das Kloster Glis auch für andere, jüngere Brüder wieder attraktiv. Wenn uns das gelingt, bin ich wirklich zuversichtlich. Ich glaube an die Zukunft des Klosters in Glis.

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