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Unterems / Sylvia Nanzer versteht sich als Dolmetscherin zwischen Mensch und Tier. Die Tierpsychologin vermittelt hauptsächlich zwischen Hunden und ihren Besitzern. Im RZ-Frontalinterview erklärt sie, was bei Hunden zu aggressivem Verhalten führt und nimmt Stellung zum Thema Kampfhunde.
Von Rahel Escher
Markus Pianzola
Was haben uns die Hunde zu sagen?
Bei Hunden ist die Rasse sehr aussagekräftig. Ein Border Collie beispielsweise will arbeiten, hat Temperament. Dieser Hund braucht viel Bewegung und man darf ihn nicht den ganzen Tag in einen Zwinger sperren. Wer sich einen typischen Jagdhund wie den Dackel hält, darf sich nicht wundern, wenn dieser ständig allem hinterher rennt und in Löcher kriecht. Und wenn man den Tieren gut zuhört und sie beobachtet, dann sprechen sie auch mit einem und wenn es nur ein Wimmern, ein Bellen oder ein Augenkontakt ist.
Was für „Typen“ sind Ihre Hunde?
Ich halte zwei Stöberhunde. Einen Cocker Spaniel und einen Golden Retriever. Immer wieder klagen Halter, dass ihnen ein solches Tier abgehauen ist. Aber es sind schliesslich und endlich Stöberhunde, die gezüchtet wurden, um das Wild aufzustöbern. Wer typische Rassenmerkmale nicht akzeptieren kann, sollte eine andere Wahl treffen, oder, was mir persönlich lieber wäre, es ganz lassen mit einem Tier.
Kann man diese Sprache erlernen?
Die Botschaften, die Hunde mit ihrer Gestik und Haltung aussenden, kann man erlernen. Es gibt einfache Grundregeln wie: Wer sich vor einem Hund fürchtet, sollte keinen Kontakt mit diesem aufnehmen. Demonstrativ wegschauen, ihn konsequent ignorieren und mit den Händen auf den Rücken oder in den Taschen zügig vorbeigehen. Auch Wölfe ignorieren sich, wenn sie nichts voneinander wissen wollen.
Stellen alle Kampfhunderassen eine generelle Gefahr dar?
Man muss schon gut unterscheiden. Als Kampfhund gilt für mich in erster Linie der Pitbull. „Pit“ heisst Kampfgrube oder -arena. Es ist keine anerkannte Rasse, sondern ein Mischling, der im 17. Jahrhundert speziell für den Kampf gezüchtet wurde, zur Belustigung der Grubenarbeiter. Ich bin auch nicht dafür, dass man diese Tiere duldet. Ein gewisses Gefahrenpotenzial kann man einfach nicht leugnen. Aber beispielsweise der American-Staffordshire-Terrier ist eine anerkannte Rasse. Er ist furchtloser als andere Hunde, ruhig und ausgeglichen. In Amerika wird er oft als Hilfshund eingesetzt. Bei uns läuft er unter Kampfhund, weil er gekreuzt wurde mit dem Pitbull.
Kann man das Gefahrenpotenzial je nach Rasse einstufen oder sind lediglich die Pitbulls in jedem Falle eine Gefahr?
Der Pitbull-Terrier ist zu hundert Prozent ein Kampfhund. Terrierarten gelten noch heute eher reizbar und bissig. Die übrigen Rassen wurden früher auch eingesetzt um zu kämpfen, Ratten zu jagen und Menschen fernzuhalten. Später wurden sie meist als Hof- oder Jagdhund gehalten und dann sogar als Familienhund, was einige Menschen noch heute nicht mitbekommen haben. Aber eine Gefahr kann jeder Hund werden, je nach Situation. So wie auch jeder Mensch mal ausrasten kann.
Können besorgte Walliser dank dem neuen Gesetz nun aufatmen?
Der Pitbull wird zwar verboten sein. Ich bin aber überzeugt, dass es bei uns künftig nur noch Mischlinge gibt. Dann ist es ein Labrador-Mischling oder ein Boxer-Mischling und alle haben dieselbe Statur wie der Pitbull, heissen aber dann anders. So kann das neue Gesetz umgangen werden. Das Problem ist aber nicht nur die Rasse. Wenn ich mit einem Auto einen Menschen anfahre, werden auch nicht alle Autos dieser Marke eingezogen und verschrottet. Es war ja der Mensch, der den Wagen gelenkt hat und so ist es auch bei den Tieren. Es ist der Mensch der die Verantwortung trägt.
Ist es ein bestimmter Typ „Hunde-Lenker“, der sich Kampfhunde anschafft?
Im grossen und ganzen schon. Es sind sicher Menschen mit einem gewissen Defizit, die sich diese Tiere anschaffen. Der Hund wird zum Statussymbol. Der Ruf dieses Hundes bedeutet für solche Leute Macht, Respekt und eine Waffe. Ein ganz winziger Teil handelt aus Unwissenheit, aber damit habe ich Mühe.
Was beeinflusst die Aggressivität eines Hundes?
Der Mensch. Nicht nur der Halter, sondern vor allem auch der Züchter. In der Prägungs- und Sozialisierungsphase kann man den Hund versauen. Diese Schäden sind dann nicht mehr therapierbar. Die Tiere, ich rede jetzt von Pitbulls, die zur sogenannten Blutauffrischung der Zuchten aus dem Ausland geholt werden, gerne aus dem Osten, werden als Welpen misshandelt, geschlagen und getreten. Die Geschwächten lässt man elend verrecken und nur die Stärksten, die nicht sämtliche Knochen gebrochen haben und sich auch anfangen zur Wehr zu setzen, werden für die Zucht weiter verwendet. Und das ist meine Sorge. Ein aggressiver Hund ist immer auch ein ängstlicher Hund. Angst und Aggression liegen bei den Tieren sehr nahe beieinander. Ein dominanter Hund ist hingegen überhaupt nicht aggressiv. Auch wenn er von einem kleinen „giftigen“ Hund provoziert wird, schaut er zur Seite und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Falls der Kleine nicht nachgibt, dreht er sich um und knurrt ihn einmal an. Der Kleine wird dann noch kleiner und das Thema ist erledigt. Ein dominanter Mensch hat es nicht nötig, aggressiv und laut zu werden, ein Hund auch nicht.
Wie weit kann der Mensch Einfluss nehmen?
Von Anfang an, wenn ein Welpe geboren wird. Da ist es noch der Züchter, später dann der Halter. Der Welpe sollte viel mit seinen Artgenossen spielen können und dabei lernt er dann die Hundesprache genauer. Der Mensch sollte dies mitbeobachten und kann dabei auch sehr viel lernen. Man kann jeden Hund ängstlich und somit aggressiv machen. Denn jeder Hund ist so gefährlich, wie sein Besitzer es zulässt.
Tragen die Menschen als Gemeinschaft oder die einzelnen Hundehalter die Verantwortung, dass es zu keinen Angriffen kommt?
Ich würde meinen in erster Linie die Hundehalter. Sie haben die Verantwortung für ihr Tier. Sicherlich kann man nicht von jedem Menschen erwarten, dass er einen Kurs absolviert „Wie begegne ich einem Tier auf der Strasse“, damit nichts passiert. Wenn ich am Fussgängerstreifen stehe, muss ich auch darauf vertrauen, dass das Auto anhält. Genauso wie die Autolenker müssen auch Halter und Hund wissen, wie sie sich zu verhalten haben. Dies geht oftmals vergessen. Aber wenn kleine Kinder in Kontakt mit Hunden kommen, ist es schon ratsam, wenn sie einige Verhaltensregeln kennen. Hunde, die dafür abgerichtet wurden, dass sie gegeneinander kämpfen, stellen für den Erwachsenen keine direkte Gefahr dar. Aber leider für kleine Kinder. Vor allem, wenn sie mit erhobenen Händen umher rennen und schreien. Ich sage Kindern, die etwa gleich gross wie mein Golden Retriever sind, immer: Wenn ihr umfallt, nicht weinen, sofort aufstehen und dann könnt ihr weinen. Auch wenn ich meinen Hunden über alles vertraue, würde ich sie nicht mit kleinen Kindern alleine lassen. Niemand kann garantieren, dass es auch beim allerliebsten Hund nicht doch plötzlich „Klick“ macht.
Was sind die Anliegen der Menschen, die Sie aufsuchen?
An erster Stelle steht sicher die Erziehung. Verlustängste, wenn das Tier Möbel zerlegt. Ich berate auch künftige Hundehalter vor dem Kauf eines Tieres. Dann kommen auch Fragen zu Leinen, Halsbändern und Spielzeugkauf. Kurz, wenn die Kommunikation zwischen Mensch und Hund nicht mehr klappt.
Sind es in erster Linie Erziehungsprobleme?
Ja. Die Problem-Hunde spüren keine Rangordnung und keine Grenzen. Sein Rudel sollte die Familie sein. Also sollte ein Hund seinen Platz in der Familie, sprich Rudel, haben. Das gibt ihm nicht nur Sicherheit, sondern auch Geborgenheit und Zufriedenheit. Der Wolf geht mit seinen Welpen bei deren Erziehung sehr liebevoll, ruhig und abgeklärt um. Einfach cool, würde man heute sagen. Und vom Wolf stammt unser Vierbeiner ab und wir sollten lernen, ihm dies nachzumachen.
Inwieweit nehmen Tiere das Befinden ihrer Besitzer wahr?
Sie spüren sehr viel. Meine Hunde beispielsweise merken Veränderungen an mir. Und wenn die Beziehung Mensch-Hund funktioniert, werden sie aus dem Staunen nicht mehr heraus kommen. Es heisst nicht umsonst „Wie der Meister, so der Hund“. Ich kenne einen Fall, wo ein Hundehalter auf einen Nachbarn schlecht zu sprechen war und wenn die beiden einander anschreien, bellte der Hund jedes mal fleissig mit. Ganz nach dem Motto: Ich mag dich auch nicht, du Nachbar du! Auch dies ist eine Form der Teamarbeit.
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