|
Steg / Die Mitteilung schug ein wie eine Bombe: Die Elektrolyse in Steg wird am 30. April 2006 geschlossen. Die Folge: 180 Arbeiter stehen auf der Strasse. Die RZ hat sich mit einem von ihnen, Erich Schnyder aus Steg, getroffen.
Von Walter Bellwald
Ein sonniger Wintertag im Januar. Es ist kurz nach 14 Uhr. Schichtwechsel in der Alcan in Steg. Die Arbeiter der Frühschicht machen sich auf den Heimweg. Nichts deutet gegen aussen auf etwas Ungewöhnliches hin. Und doch ist nichts mehr, wie es mal war. Nach dem Schliessungsentscheid der Electrolyse bangen 180 Angestellte und ihre Familien um ihre Existenz.
Schlag in die Magengrube
„Es ist ein Schock“, sagt Erich Schny-der und rührt gedankenverloren im Kaffee. „Die Mitteilung hat uns alle sehr getroffen.“ Der 38-Jährige arbeitet seit sechs Jahren in der Anoden-Anschlägerei. Frühschicht, Mittagsschicht, Nachtschicht oder Wochenenddienst – der gelernte Maurer stand praktisch rund um die Uhr für den Weltkonzern im Einsatz. Umso mehr trifft ihn die Entscheidung der Alcan-Bosse. „Obwohl wir nach den neusten Entwicklungen auf dem Strommarkt mit dem Schlimmsten rechnen mussten, war der Entscheid über die definitive Schliessung wie ein Schlag in die Magengrube“, erinnert sich Schnyder.
Mitteilung im Infokanal
Den Hammerentscheid hat er nicht am Arbeitsplatz, sondern zu Hause mitbekommen. „Als ich nach meiner Nachtschicht erst am späteren Nachmittag aufgestanden bin, hat mir meine Freundin die Hiobsbotschaft mitgeteilt und mich auf die Meldung im Infokanal verwiesen.“ Beim Schichtantritt am frühen Abend bestätigte sich die traurige Nachricht. „Wir waren alle total konsterniert und niedergeschlagen und mussten uns gegenseitig Trost zusprechen.“ Auch privat dreht sich alles um den bevorstehenden Stellenverlust. „Man denkt immer daran“, weiss Erich. Auf langen Spaziergängen mit seiner Freundin redet er sich den Frust von der Seele. Zusammen mit Ingrid (41) und ihren beiden Kindern aus erster Ehe, Alessandra (16) und Silvan (10), wollte Erich diesen Sommer nach Italien in den Sommerurlaub fahren. „Wir wollten endlich einmal gemeinsam unsere Ferien am Meer verbringen. Daraus wird jetzt wohl leider nichts“, meint er resigniert.
Wenig Hoffnung
Inzwischen hat sich Schnyder vom ersten Tiefschlag erholt. „Es bringt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Ich muss mich jetzt nach vorne orientieren“, sagt er kämpferisch und plant schon an seiner Zukunft. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich meine Zelte hier abbreche und in die Deutschschweiz ziehe“, meint Schnyder herausfordernd. Hier hofft er auf bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und einen möglichen Neuanfang. „Vielleicht kann ich jetzt noch meinen Traum verwirklichen, einmal als Fotograf zu arbeiten“, gibt er sich zweckoptimistisch. Das nötige Rüstzeug holt sich der Hobby-Fotograf jeweils beim Open-Air in Gampel, wo er mehrere Schnappschüsse schiesst. Doch bevor er alles links liegen lässt, hofft er, wie viele seiner Arbeitskollegen, auf eine wundersame Rettung. „Noch haben wir keine Kündigung erhalten. Vielleicht lässt sich die Schliessung der Elektrolyse wenigstens um ein bis zwei Monate hinausschieben.“
Staatsrat Jean-Michel Cina
„Mögliche Chance nutzen“
Salgesch / Steg / Die Nachricht vom Interesse eines ausländischen Investors für das Aluminiumwerk in Steg lässt aufhorchen. Staatsrat Jean-Michel Cina nimmt Stellung.
Ihren Angaben zufolge wird ein namhaftes ausländisches Unternehmen mit dem Alu-Werk in Steg in Verbindung gebracht. Wie weit sind die Verhandlungen?
Die ersten Kontakte haben schon Mitte Januar stattgefunden. Inzwischen waren einige Herren der ausländischen Firma auf Platz und haben schon erste Dokumente unterzeichnet, um den Prozess in Gang zu bringen. Derzeit werden die technischen und finanziellen Machbarkeiten für eine eventuelle Übernahme geprüft.
Wie realistisch ist die Möglichkeit einer Übernahme?
Es wäre falsch und gefährlich, an dieser Stelle eine Einschätzung zu machen. Tatsache ist, dass erste Gespräche stattgefunden haben und ein Übernahmeangebot eingehend geprüft wird.
Droht das Geschäft nicht am überrissenen Strompreis zu scheitern?
Es ist sicher nicht von der Hand zu weisen, dass der Strompreis reduziert werden muss. Darum haben die Gewerkschaften auch den Preisüberwacher eingeschaltet, um einen gewissen Druck auf die Energiegesellschaften auszuüben. Dennoch hat das neue Unternehmen bessere Voraussetzungen als die früheren Interessenten, weil sie das Grundlagenmaterial zur Aluminumherstellung, das sogenannte Alumina, schon haben. Dadurch haben sie mehr Spielraum, was den Energiepreis angeht.
Noch steht man ganz zu Beginn der Verhandlungen zwischen den einzelnen Partnern. Werden durch die Übernahmegerüchte nicht falsche Hoffnungen geschürt?
Noch hat man keine definitive Zusage, das ist klar. Andererseits eröffnet sich dadurch eine Möglichkeit, die man zu nutzen bereit sein sollte. Es ist eine Chance, die sich auftut. Solange diese Chance besteht, werden wir mit allen Mitteln weiterkämpfen.
Die Zeit drängt. Wann erwarten Sie einen Entscheid?
Nach dem voreiligen Entscheid von Alcan stehen alle unter Zeitdruck. Die Walliser Regierung hat nun Alcan schriftlich aufgefordert, die Öfen in Steg nicht abzustellen, solange eine reelle Chance einer Übernahme besteht. Wir hoffen auf einen positiven Entscheid sobald als möglich. BW
Gewerkschaftssekretär Kurt Regotz
„Werden weiterkämpfen“
Naters / Steg / Die Gewerkschaften wehren sich vehement gegen die Schliessung der Elektrolyse in Steg. Gewerkschaftssekretär Kurt Regotz gibt Auskunft.
Mit der Landsgemeinde am letzten Donnerstag setzten die Gewerkschaften ein Zeichen gegen einen Stellenabbau in Steg. Waren Sie vom Aufmarsch überrascht?
Ja, im positiven Sinne. Es war überwältigend mit anzusehen, wie viele Leute ihre Solidarität gegenüber den Arbeitnehmern kundgetan haben. Das gibt uns Mut, weiterhin für den Erhalt der Arbeitsplätze der Alcan in Steg zu kämpfen.
Trotz dieser Sympathiekundgebung stehen die Zeichen schlecht. Wie realistisch sind die Chancen, dass die Elektrolyse weitergeführt werden kann?
Solange die Brennöfen in Steg nicht abgestellt sind, glauben wir an unsere Chancen. Wir sind für jeden Monat froh, in dem die Elektrolyse weitergeführt wird. Diese Zeit wollen wir nutzen, um unsere Möglichkeiten voll auszuschöpfen.
Wird der Strom nicht billiger, wird die Elektrolyse geschlossen. Ist es in dieser kurzen Zeit überhaupt möglich, den Energiepreis nach unten zu korrigieren?
Wir hoffen auf die Energielieferanten, die im Wallis tätig sind. Der Walliser Staatsrat und die Gewerkschaften sind bemüht, die Energie
lieferanten schnellstmöglichst an einen Tisch zu bringen und zu verhandeln. Auch der Preisüberwacher hat uns seine volle Unterstützung zugesagt. Rudolf Strahm nimmt unsere Anliegen sehr ernst.
Glauben Sie an eine Übernahme des Werks durch ein ausländisches Unternehmen?
Mir ist grundsätzlich jedes Unternehmen recht, wenn das Werk und damit die Arbeitsplätze erhalten werden können. Die Verhandlungen sind im Gang und es bleibt abzuwarten, wie sich die Sache entwickelt.
Müssen sich die Gewerkschaften nicht den Vorwurf gefallen lassen, sie hätten früher handeln müssen?
Wenn man die heutige Entwicklung anschaut, müssen wir uns höchstens vorwerfen lassen, zu blauäugig gewesen zu sein. Alcan hat uns versprochen, vor Ende des Jahres mit den Stromlieferanten entsprechende Verhandlungen aufzunehmen. Leider haben sie sich nicht an das Versprechen gehalten. Wir wurden getäuscht. BW
Ihre
Meinung interessiert uns!
|