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Werner Augsburger, Technischer Direktor von Swiss Olympic
„Wir wollen mit Top-Athle ten nach Turin fahren“


 

Bern / Naters / Die Selektionskriterien von Swiss Olympic haben im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in Turin für einigen Wirbel gesorgt. Werner Augsburger (47), Missionschef der Schweizer Olympia-Delegation, nimmt im RZ-Frontalinterview Stellung zu den Selektionskriterien, wehrt sich gegen die Kritik und sagt: „Das Ziel ist nicht die Selektion, sondern ein Top-Resultat an den Olympischen Spielen.“

Von Walter Bellwald

Noch selten haben die Selektionskriterien für Olympia so viel zu reden gegeben wie dieses Jahr. Verstehen Sie die ganze Aufregung?
Der Exekutivrat von Swiss Olympic hat die Bandbreite der Selek­tionskriterien festgelegt. Darin ist vorgesehen, dass man den Top Ten-Bereich in den Vordergrund stellt. Dabei wurden in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Verbänden die Detailkonzepte ausgearbeitet. Das war ein Prozess von vier bis fünf Monaten. Im Februar letzten Jahres wurden alle Konzepte verabschiedet und vom jeweiligen Teamchef und Präsidenten unterschrieben. Zwei Wochen später wurden auf einer Pressekonferenz die Selektionskriterien bekanntgegeben und im Internet aufgeschaltet, wo sie für die Öffentlichkeit zugänglich waren. Für die verbandsinterne Kommunikation waren die Teamchefs verantwortlich. Wenn jetzt plötzlich der Eindruck entsteht, dass man diese Kriterien nicht kannte, muss ich schmunzeln. Das kann ja wohl nicht sein, nachdem beide Seiten das Papier unterschrieben haben.

Mit anderen Worten, die Verbandsoberen haben die Kriterien abgesegnet?
So ist es. Bei Swiss Ski beispielsweise waren das Präsident Duri Bezzola und Leistungssportchef Gian Gilli. Wir hatten im Mai einen Info-Tag in Magglingen, wo Athleten, Trainer und Offizielle eingeladen waren. Auch da wurde das Thema Selektionen nochmals angesprochen, hat aber nicht weiter zu Diskussionen Anlass gegeben. Im November schliesslich hatten wir in Köniz noch ein Treffen mit den Disziplinenverantwortlichen von Swiss Ski. Aber auch hier gab es keinerlei Einwände oder Fragen zu den Selektionskriterien. Also gehe ich davon aus, das alles klar war. Und jetzt, knapp zwei Monate später, äussern sich gewisse Trainer sehr kritisch in den Medien. Das ist nicht sehr professionell.

Haben Sie kein Verständnis für die Anliegen der Trainer?
Ich habe Verständnis dafür, dass ein Trainer unter Druck steht und daran gemessen wird, wie viele seiner Athleten die Selektionskriterien erfüllen. Man muss das aber differenzierter betrachten. Das Ziel ist nicht die Selektion, sondern ein Top-Resultat bei den Olympischen Spielen. Das muss letztendlich der Massstab sein. Ich habe aber absolut kein Verständnis dafür, wenn sich Leute über Detailkonzepte äussern, die sie nicht kennen. Das muss ich klar unterstreichen. Wenn sich beispielsweise Pirmin Zur­briggen im Fernsehen dahingehend äussert, dass die Kriterien viel zu streng seien, muss er sich auch die Gegenfrage gefallen lassen, ob er das Detailkonzept und die Überlegungen, die dahinter stehen, überhaupt kennt? Mit mir zumindest hat er sich nie darüber unterhalten.

Was für eine Philosophie hat Swiss Olympic?
Hinter unserer Philosophie steht die Tatsache dass ein Athlet, der mit dem Selektionsdruck nicht umgehen kann, auch an Olympia grosse Mühe haben wird, mit dem Erwartungsdruck fertig zu werden. Das zeigt die Erfahrung. Der Druck der Medien, des Publikums und des ganzen Umfelds ist an Olympia ungleich grösser als an einem normalen Wettkampf. Damit haben auch renommierte Sportgrössen ihre Probleme. Das frühe Ausscheiden von Roger Federer an den Olympischen Spielen in Athen bestätigt diese These. Unsere Selektionskriterien sollten eigentlich keine Hürde sein, sondern eine Bestätigung für die Athleten, dass sie auf dem richtigen Weg sind.

Trotzdem wurden Stimmen laut nach Sonderregelungen für die Skifahrer?
Genau darum haben mich die Diskussionen in den letzten Wochen gestört. Obwohl noch mehrere Rennen ausstanden, hat man schon die Sonderregelungen in Betracht gezogen. Man darf doch nicht gegenüber den Athleten verlautbaren, sie könnten eventuell diese Regelung in Anspruch nehmen, sondern man muss ihnen klarmachen, dass sie schneller fahren müssen, um die Selektionskriterien zu erfüllen. Die Frauen bei den Alpinen haben mit ihren Resultaten in den Januarrennen bewiesen, dass das möglich ist. So müsste es eigentlich auch sein. Die Athleten holen sich quasi im Vorbeigehen die Selektionskriterien und stärken dadurch ihr Selbstvertrauen auf dem Weg nach Olympia.

Während die Fahrer im alpinen Bereich nur ein kleines Kontingent stellen, haben beispielsweise die Snowboarder ihr Startkontingent für Olympia voll ausgeschöpft...

Kommt hinzu, dass die Selektionskriterien bei den Snowboardern noch viel höher sind als bei den Alpinen. Beim Snowboard funktioniert der interne Konkurrenzkampf offensichtlich sehr gut. Darüber hinaus sind die Snowboarder sehr selbständige Athleten und haben eine sehr guten Betreuerstab.

Mit anderen Worten, die Athleten im Alpinbereich sind verwöhnt...
Meines Erachtens ist im alpinen Segment die Aufmerksamkeit um einen Daniel Albrecht, einen Marc Gini oder einen Marc Berthod ganz einfach zu gross im Verhältnis zu ihrem Leistungsniveau. Das wäre vor zehn, fünfzehn Jahren nie der Fall gewesen. Zur Zeit eines Zurbriggen, Mahrer oder Heinzer mussten die Fahrer in den hinteren Regionen kämpfen, um wirklich einmal ins Rampenlicht zu kommen. Wir haben jetzt auf dieser Stufe eindeutig zu wenig Athleten, die auf diesem Niveau mithalten können. Wir sind zwar bei der Junioren-WM vorne dabei. Aber beim Schritt von den Juniorenwettkämpfen an die Welt­spitze, der zugegebenermassen nicht einfach ist, tun wir uns offensichtlich extrem schwer.

Sind die Massstäbe für Olympia ganz einfach zu hoch oder unsere Sportler zu schlecht?
In den letzten Wochen habe ich auch den Eindruck bekommen, man müsste die Kriterien an das Niveau der Athleten anpassen und nicht umgekehrt. Vielleicht ist das eine Philosophiefrage. Wenn man im Leistungssport ein gewisses Niveau erreichen will, brauchts einen gewissen Druck. Den kann man durch härtere Kriterien und einen internen Konkurrenzkampf aufbauen. Und wenn dieser Konkurrenzkampf in gewissen Disziplinen fehlt, liegt der Fehler nicht bei Swiss Olympic, sondern in der fehlenden Förderung durch den betreffenden Verband. Ich bin aber überzeugt, dass Swiss Ski am Aufholen ist und im Nachwuchsbereich alles unternimmt, um bald wieder eine grössere Dichte von Top-Athleten zu haben.

Wird die Leistung der Athleten tatsächlich besser, wenn einfach die Limiten erhöht werden?
Ich denke schon. Auch die Nordischen haben sich über die anspruchsvollen Kriterien beklagt. Nichts desto trotz haben sich jetzt mehrere Athleten qualifiziert. Das zeigt, dass vieles möglich ist. Für uns ist das ein Signal an die kommende Vancouver-Generation: Wir wollen Athleten an die Spiele mitnehmen, die in den Top Ten-Bereichen liegen oder nahe dran sind und mit einer möglichst hohen Leistungsstabilität an die Spiele fahren.

Der Olympische Gedanke „Dabeisein ist alles“ hat in den letzten Jahren viel an Bedeutung verloren. An Olympischen Spielen zählen letztendlich nur die Medaillen. Sie haben im Vorfeld der Spiele acht Medaillen für unsere Sportler prognostiziert. Bleiben Sie auch nach der definitiven Nominierung bei dieser Zahl?
Ja, das ist unsere Prognose. Die Erfahrung bei grossen sportlichen Anlässen zeigt, dass man drei Top-Leute braucht, um zumindest einen Podestplatz zu erreichen. Zieht man die ganzen äusseren Umstände wie Wetter und Tagesform in Betracht, ist bei drei möglichen Medaillenaspiranten die Möglichkeit gross, dass zumindest einer am Wettkampftag eine Top-Leistung abrufen kann und einen Podestplatz erreicht. Angesichts dieser Tatsache, dass wir nur in ganz wenigen Disziplinen drei Podest-Athleten haben, ist eine Ausbeute von acht Medaillen realistisch.

Warum so bescheiden? Wollen Sie sich und den Sportlern keinen unnötigen Druck aufbürden?
Ja, dem ist so. Wir wollen damit den Athleten keinen unnötigen Druck aufbürden und sie dadurch verunsichern. Es wäre unsinnig, von einem Athleten eine Medaille zu verlangen, der in einer Aussenseiterrolle steht.

In einer Woche gehts los. Mit welchen Gefühlen reisen Sie nach Turin?
Ich bin froh, dass es endlich losgeht. Nach dreieinhalb Jahren Vorbereitungszeit ist es ein schöner Moment, wenn die Athleten im Olympiadorf aufmarschieren und einziehen werden. Wir müssen schauen, dass die Abläufe vor Ort funktionieren, aber die Leistung müssen die Sportler selber bringen. Marco Blatter sagt immer, man kann die Kuh zum Brunnen bringen, aber saufen muss sie selber.

In der Tagespresse war zu lesen, dass im Vorfeld der Spiele noch wenig vom Olympischen Spirit zu spüren sei. Sie selber waren schon vor Ort. Hat sie der Olympische Geist in der Fiat-Metropole schon übermannt?
Im Vorfeld der Spiele war nicht sehr viel von Olympia zu spüren. Die Stimmung ist ähnlich wie in Athen. In gewissen Quartieren und Orten der Stadt ist die Begeisterung noch sehr zurückhaltend. Aber ich bin zuversichtlich, dass die Stimmung diesbezüglich noch steigen wird. Vor allem, wenn italienische Athleten bei den Wettkämpfen vorne dabei sind.

Die Olympiade in Turin ist auch für uns Walliser etwas besonderes. Haben Sie schon einen Gedanken daran verschwendet, wie es wäre, wenn die Olympischen Winterspiele 2006 bei uns stattfinden würden?
Ich habe in den vergangenen Tagen tatsächlich viel daran gedacht. Es wäre natürlich ein mega-schönes Gefühl, wenn die Spiele im eigenen Land und im „eigenen Kanton“ stattfinden würden. Aber letztendlich darf es für die Athleten keine Rolle spielen, wo die Spiele stattfinden. Und auch der Chef de Mission muss nach dem gleichen Prinzip funktionieren.

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