|
Fiesch / Sie leitet seit anderthalb Jahren Goms Tourismus, eine Destination mit immerhin 1,1 Millionen Logiernächten. Im RZ-Interview geht Conchita Heinzmann auf Stärken und Schwächen ein und plädiert für eine noch engere Zusammenarbeit.
Von German Escher
Markus Pianzola
Wie geht es Ihnen?
Gut.
Obwohl der Schnee knapp ist?
Im Langlaufgebiet herrschen nach wie vor gute Bedingungen. Die Pistenverhältnisse auf der Fiescheralp, in Bellwald, auf dem Erner Galen und auf dem Hungerberg sind gut. Natürlich hätte ich gerne mehr Schnee. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Ich bin sehr zuversichtlich.
Wie war die bisherige Wintersaison im Goms?
In der Hotellerie höre ich diverse Stimmen, unter anderem dass die Auslastung im letzten Winter besser war. Von der Loipe Goms und den Berg- und Sportbahnen ist die Einschätzung optimistischer. Demzufolge müsste die Parahotellerie etwas zugelegt haben.
Fiesch hat in den letzten Jahren Logiernächte verloren – unter anderem, weil laut Einschätzung des Direktors des Feriendorfs die Höhenlage prekär ist?
Fiesch selber liegt zwar relativ tief, verfügt aber mit Fiescheralp-Eggishorn über ein gut gelegenes Skigebiet, eigentlich eine gute Voraussetzung. Fiesch muss jedoch eine attraktive, das heisst aktive Feriendestination mit typischer Walliser Atmosphäre werden, sonst gehen noch mehr Logiernächte verloren.
Fiesch lebt stark vom Aletsch und gehört doch zum Goms. Wie gehen Sie als Direktorin von Goms Tourismus mit diesem Spagat um?
Eigentlich recht gut. Das Aletschgebiet ist ein einziges Skigebiet, das als Einheit verkauft werden muss. Deshalb macht die Zusammenarbeit mit Bettmeralp und Riederalp vor allem im Winter durchaus Sinn. Andererseits ist Fiesch auch das Tor zum Goms. Schneeschuhlaufen, Winterwandern sowie im Sommer Nordic Walking sind Aktivitäten, die heute im Trend sind. Diese Trends verlangen abwechslungsreiche Routen respektive ein grösseres Aktivitätenfeld. Die Region Goms ist demzufolge auch für Fiesch sehr interessant und wichtig. Fast alle Branchen verlangen heute Flexibilität und projektbezogenes Zusammenarbeiten, so auch im Tourismus. Das Beste wäre nach wie vor eine Destination Aletsch-Goms.
Nach der Liquidation von Aletsch Marketing haben Sie schnell reagiert und den eigenen Markenauftritt wieder forciert. Wird da die Krise zur Chance?
Einerseits konnten sich viele Gommer mit Aletsch Marketing nie richtig identifizieren. Einzelne fühlten sich klar vernachlässigt und haben das auch kommuniziert. Andererseits stellte sich nach der Auflösung die Frage: Was jetzt? Mit der Stärkung der Marke Goms wollte ich gegen die aufkommende Verunsicherung ankämpfen. Meine Überlegung war einfach: Es darf nicht zu einem Rückschritt kommen, denn der Glaube an die Zukunft ging allmählich verloren. Und das fand ich sehr gefährlich. Mit diesem neuen Auftritt wollte ich zusammen mit den örtlichen Tourismusvereinen ein deutliches Zeichen setzen, um die Wiedererkennbarkeit des Gebietes Goms zu steigern und die strategische Wichtigkeit des gemeinsamen Vorgehens innerhalb der Destination zu unterstreichen.
Nach aussen vermitteln die Gommer oft eine Untergangsstimmung: Geht es dem Goms wirklich so schlecht?
Den Gommern geht es nicht so schlecht, wie es häufig tönt. Weil in den letzten Jahren oft Strukturen aufgebaut wurden und diese dann wieder zusammengebrochen sind, entsteht verständlicherweise eine kritische Haltung seitens der Bevölkerung. Aber es erstaunt mich immer wieder, wie extrem negativ die Situation von einzelnen beurteilt wird. Das Gegenteil muss der Fall sein: Das Goms muss an seine Chance und an sein Potenzial glauben, nur so kann es vorwärts gehen.
Dazu muss sich das Goms stärker positionieren.
Richtig. Das Goms hat ein enormes touristisches Potenzial. Aber es darf nicht jeder selber „herumwursteln“. Dazu fehlen einfach die Finanzen. Also müssen wir noch stärker gemeinsam auftreten. Diese Erkenntnis setzt sich glücklicherweise in örtlichen Tourismusvereinen und Gemeinderäten allmählich durch.
Die grösste Stärke des Goms ist der Langlauf, eine Sportart übrigens, welche vor allem in den deutschen Medien eine enorme Präsenz hat. Muss sich das Goms nicht noch stärker als Langlaufgebiet verkaufen?
Das trifft zu. Dazu braucht es aber eine stärkere Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen der Loipe Goms. Das ist ganz klar eine Zielsetzung in unserer Strategie.
Auf welche Karte kann das Goms nebst dem Langlauf noch setzen?
Wir müssen uns auf vorhandene Stärken konzentrieren. Und da hat das Goms doch einiges zu bieten: Wir haben sehr gute Alpingebiete, Ernen als Musikdorf, Bellwald als sehr starke Familiendestination, das Eggishorn mit dem Aletschgletscher, den Landschaftspark Binntal, die Vorzüge der Pässe, eine hervorragende Gastronomie, einen schönen Golfplatz und in Zukunft noch stärker die Dampfbahn Furka, welche bald bis nach Oberwald fahren wird. Aus all dem lässt sich etwas machen.
Goms Tourismus selber kämpft immer wieder mit Strukturproblemen. Das Mittelgoms fällt irgendwie zwischen Tisch und Bank...
Wir passen uns auf der strategischen Ebene diesen Gegebenheiten an. Wir wollen eine klare Gewichtigung. Es kann nicht sein, dass Niederwald gleichviel zu sagen hat wie die Ferienstation Bellwald, die wesentlich mehr Geld einbringt. Wir wollen deshalb in Zukunft mit den fünf Säulenpartnern Obergoms, Mittelgoms, Bellwald, Fiesch-Eggishorn und Ernen-Binn mit dem Landschaftspark zusammenarbeiten.
Hat jede dieser Säulen gleich viel zu sagen?
Bei den Projekten kann jede Säule mitreden. Bei den Delegiertenstimmen wird es aber Unterschiede geben. An der letzten Budget-Delegiertenversammlung haben die Anwesenden einer entsprechenden Anpassung der Statuten zugestimmt. Jetzt sind wir in der Umsetzungsphase. Dabei müssen wir immer auch das neue kantonale Tourismusgesetz im Auge behalten, das wohl ab 2007/2008 Tatsache wird. Dazu wissen wir und andere Walliser Tourismusdirektoren leider noch relativ wenig.
Das Tourismusgesetz wird die Destinationen von oben herab definieren?
Und ich nehme an, dass eine dieser Destinationen wohl Aletsch-Goms oder Goms-Aletsch (lächelt) heissen wird. Die örtlichen Tourismusorganisationen könnten dann eine ganz andere Bedeutung bekommen oder allenfalls ganz verschwinden.
Bleiben wir beim konkreten Angebot: Wie beurteilen Sie die Gommer Hotellerie?
Die Hotellerie kämpft im ganzen Land mit Schwierigkeiten. Davon sind auch wir betroffen. Dem Goms fehlen Vier- und Fünfsternehotels. Dieses Angebot hat Zukunftspotenzial. Manager, die sich beispielsweise am Wochenende in einer schönen Landschaft wie dem Goms erholen möchten, stellen höhere Ansprüche und wollen sich auch etwas gönnen. Da muss in Zukunft etwas unternommen werden. Es gibt in der Schweiz bereits einige Projekte, in welchen sich Hotels zusammenschliessen. Konkret heisst das, dass mehrere Hotels in einem Ferienort möglichst intensiv zusammenarbeiten (Einkauf, Marketing, etc.) Leider fehlt vielen Gommer Hoteliers dazu der Zukunftsglaube.
Sie waren zuvor als Marketingfachfrau bei der Kosmetikfirma Mibelle. Wie war der Wechsel von der Privatwirtschaft in die schwerfällige Tourismusbranche?
Der Wechsel war nicht einfach. In der Privatwirtschaft ist die Entscheidungskompetenz einfach grösser. Im Tourismus muss ich häufiger rückfragen und Entscheide breiter abstützen. Dadurch dass sehr viele Leute mitreden, geht alles etwas länger. Daran musste ich mich zu Beginn gewöhnen.
Die Tourismusbranche setzt sich auch zu stark mit den Strukturen statt mit den eigentlichen Produkten, dem Gästeangebot, auseinander?
Gerade am Anfang ist mir stark aufgefallen: In der Tourismusdiskussion vergisst man oftmals den Gast. Wir müssen uns immer wieder vor Augen halten: Wir sind primär da, um uns um den Gast zu kümmern und nicht, um über Strukturen zu streiten.
Wie hat man Sie als Quereinsteigerin aufgenommen?
Eigentlich ganz gut. Man hat akzeptiert, dass ich als Quereinsteigerin keine touristischen Kenntnisse mitbrachte. Jedoch wurde erkannt, dass ich über das fachliche Marketingwissen verfüge. Ich war ja nicht nur bei der Mibelle, sondern auch im Dienstleistungs- respektive Bankensektor bei der UBS und in einer Unternehmensberatung für Marketing und Kommunikation tätig. Ich verfüge somit über Know How im PR-Bereich, in der Kommunikation und in der Produktegestaltung, welches alle wesentliche Bestandteile des Marketings sind. Das sind gute Voraussetzungen für eine Führungsaufgabe im Tourismus. Als ich im Oktober 2004 als Geschäftsleiterin bei Goms Tourismus angefangen habe, hatte ich einen Monat Zeit, ein Konzept zu erarbeiten. Das kam gut an und wurde auch grösstenteils umgesetzt.
Sie sind die „ranghöchste“ Frau des Walliser Tourismus. Warum gibts im Walliser Tourismus so wenig Frauen im Top-Kader?
Das ist in anderen Branchen sehr ähnlich. Auch im Bankensektor arbeitete ich als Kadermitglied in einer Männerdomäne. Die PR- und Kommunikationsbranche ist zwar frauenlastig. Doch nur einzelne Frauen schaffen es in eine Kaderposition zu gelangen. Ich denke, dass das Problem eher darin besteht, dass es in der Schweiz keine staatliche Unterstützung für Frauen in Kaderpositionen gibt. Frankreich und andere Länder sind diesbezüglich viel fortschrittlicher.
Hand aufs Herz: Braucht der Tourismus eine stärkere weibliche Note?
Ganz klar. Die Frauen sind stärkere Kommunikatorinnen. Das ist im Tourismus sehr wichtig. Die Vermischung zwischen Tourismus und Politik, die auch mir gelegentlich Mühe bereitet, hält wahrscheinlich Frauen davon ab, in dieser Branche Führungsverantwortung zu übernehmen.
Wenn mehr Frauen im Tourismus mitreden würden, wären vielleicht auch mehr Emotionen im Spiel, was bei der Angebotsgestaltung ja sehr wichtig wird.
Ich glaube auch, dass Frauen eine stärkere Affinität zum Tourismus haben. Mein Team besteht fast ausschliesslich aus Frauen. Ich bin überzeugt, dass Tourismus grundsätzlich viel mit Emotionen zu tun hat. Diese können Frauen besser verstehen und entsprechend in ihre Arbeitstätigkeit einfliessen lassen.
Sie waren 15 Jahre ausserhalb des Kantons berufstätig. Wie nimmt man das Wallis von aussen wahr?
Anfänglich geniesst der Walliser dank des Dialekts einen gewissen Bonus. Bald einmal wird man dann mit Vorurteilen konfrontiert, die Walliser da hinten in den Bergen hätten keine Ahnung. Grundsätzlich habe ich aber festgestellt: Das Wallis nimmt man in Zürich oder Basel zu wenig wahr, das Wallis ist zu wenig präsent.
Gegenüber Graubünden hat das Wallis bei den Zürchern kaum eine Chance?
Ganz klar. Aber das hat primär mit der geografischen Nähe zu tun.
Also ist die raschere NEAT-Verbindung für das Wallis und das Goms eine Chance?
Wallis Tourismus sieht ein Wachstumspotenzial von 10 bis 20 Prozent in den Regionen Bern-Basel. Einige Destinationen werden ganz klar profitieren, Ferienorte wie Zermatt und Saas Fee bestimmt. Für das Obergoms, dessen Gäste primär über die Pässe oder den Autoverlad anreisen, wird die NEAT keine grossen Vorteile bringen. Aufgrund der Zeitersparnisse von rund einer halben Stunde wird am ehesten Fiesch und Umgebung profitieren. Aber ausschlaggebend ist: Die NEAT bringt frischen Wind in unseren Tourismuskanton. Das finde ich gut.
Ihre
Meinung interessiert uns!
|