D i e   a u f l a g e s t ä r k s t e   Z e i t u n g   d e s   O b e r w a l l i s

      
Maria Arnold-Escher, Co-Präsidentin der Oberwalliser Bäuerinnenvereingiung
„Landwirtschaft und Tourismu s müssen zusammenrücken“


 

Simplon-Dorf / Ihre Arbeit ist so vielfältig wie die Flora auf der Simplonsüdseite. Maria Arnold-Escher ist Bäuerin, Hausfrau und Mutter, Grossrats-Suppleantin und Co-Präsidentin der Oberwalliser Bäuerinnenvereinigung, die ihr 50-jähriges Bestehen feiert. Im RZ-Frontalinterview spricht die 44-jährige über die Bedeutung der Bäuerinnenvereinigung, nimmt Stellung zur Landwirtschaftspolitik des Bundes und sagt: „Die Berglandwirtschaft ist auch noch in zwanzig Jahren ein wichtiger Bestandteil für die Schweiz.“

Von Walter Bellwald
Denise Jeitziner

Als Bäuerin muss man früh aus den Federn. Wann sind Sie heute Morgen aufgestanden?
Erst gegen halb sieben Uhr (lacht)...

Und was war Ihr erster Gedanke?
Ich habe zum Fenster hinausgeschaut und zu mir gedacht, heute gibts nur wenig Sonne.

Hand aufs Herz: Reizt es Sie nie, einmal richtig auszuschlafen?
Nach sieben Uhr „doläts“ mich nicht länger im Bett. Aber ich könnte den Winter über am Morgen durchaus länger schlafen, da mein Mann jeweils die Stallarbeit verrichtet. Ich helfe nur zwischendurch aus. Den Sommer über sieht es anders aus. Da ist schon um 4.15 Uhr Tagwache. Wir haben den Grundsatz: „Im Summer ischt z’Veh miis, und im Winter is schiis.“

Sie sind Mutter, Hausfrau, Bäuerin, Präsidentin der Bäuerinnenvereinigung und Suppleantin im Grossrat. Wie bitte bringen Sie all diese Aufgaben unter einen Hut?
Das ist nur möglich, weil mich meine Familie in allen Belangen unterstützt. Da mich der Landwirtschaftsbetrieb im Winter weniger in Anspruch nimmt, kann ich mir die Zeit so einteilen, dass ich alles bewältigen kann. Aber auch hier gilt für mich: Morgenstund hat Gold im Mund. Wenn ich irgendwelche Unterlagen sichten muss, mache ich das immer am Morgen. Dann werde ich nicht gestört und kann mich dadurch voll auf meine Arbeit konzentrieren.

Welche dieser Aufgaben sagt Ihnen am meisten zu?
(überlegt lange) Das ist schwer zu sagen. Jede Aufgabe hat ihre Reize. Am meisten beansprucht mich momentan die Rolle als Politikerin, weil ich erst seit knapp einem Jahr dabei bin und mich entsprechend in die einzelnen Dossiers einarbeiten muss. Das braucht seine Zeit.

Sie sind zusammen mit Roberta Heinzmann die Co-Präsidentin der Oberwalliser Bäuerinnenvereinigung. Was umfasst Ihre Aufgabe?
Die Bäuerinnenvereinigung hatte vormals die Aufgabe, die Haushaltungsschule aufzubauen und den Unterricht zu koordinieren. Heute ist der Unterricht in die Landwirtschaftliche Schule integriert. Früher haben wir auch Kurse in den Dörfern angeboten. Heute ist das anders. Wir haben zwar nach wie vor ein breites Kursangebot, aber die Kursteilnehmerinnen kommen hauptsächlich in das Landwirtschaftzentrum nach Visp.

Was für Kurse bieten Sie an?
Uns ist es ein Anliegen, vor allem das einheimische Schaffen zu fördern. Genauso arbeiten wir fast ausschliesslich mit einheimischen Produkten. Zu unserem Kursangebot gehören Kochen, Trachtennähen, aber auch Gesundheitsthemen wie Ernährungsberatung usw. Die Kurse werden während den Wintermonaten angeboten.

Sind diese Kurse ausschliesslich den Bäuerinnen vorbehalten?
Nein. Wir sprechen alle Frauen und Männer an, die sich für den einen oder anderen Kurs interessieren. Bei uns sind alle herzlich willkommen. Uns ist es wichtig, die einheimischen und saisonalen Produkte auch den nicht bäuerlichen Kreisen zu zeigen und sie darauf aufmerksam zu machen.

Heute findet die alljährliche Bäuerinnentagung statt. Wie wichtig sind solche Veranstaltungen?
Eine Bäuerin hat immer viel zu tun. Sei es im Landwirtschaftsbetrieb oder im Haus. Nichts desto trotz ist es sehr wichtig, dass man die Möglichkeit hat, sich mit seinesgleichen untereinander auszutauschen und sich Zeit zu nehmen, einen Tag miteinander zu verbringen. Das wird auch sehr geschätzt.

Seit einem Jahr sind Sie Suppleantin im Grossrat. Stehen Ihnen die Anliegen der Bauern als Politikerin am nächsten?
Ganz klar, ich vertrete in erster Linie die Landwirtschaftspolitik. Schon an den ersten Fraktionssitzungen habe ich festgestellt, dass die Bergbauern ihre Anliegen zu wenig einbringen können, weil wenige praktizierende Bauern und Bäuerinnen in der Politik vertreten sind. Dadurch kommen die dringlichen Interpellationen gar nicht erst auf den Tisch. Deshalb ist es wichtig, das wir vertreten sind und auf unsere Anliegen aufmerksam machen können.

Wie sehen Sie die Landwirtschaftspolitik des Bundes?
Es gibt eine unterschiedliche Sichtweise der Dinge. Die Vorschriften in der Schweiz bezüglich Produkteherstellung sind beispielsweise in vielem strenger als im EU-Raum oder in Amerika. Die Arbeitsbedingungen und der Lohn sind auch anders. Dadurch sind die Produkte aus dem Ausland zum Teil billiger. Das geht aber auch auf Kosten der Qualität. Die Produkte der Schweizer Landwirtschaft haben ein hervorragendes Gütesiegel und genügen höchsten Qualitätsansprüchen, sind aber entsprechend teurer. Als Bäuerin trage ich Sorge zur Umwelt und zum Land, deshalb vermeide ich unnötige Transporte mit Tieren und Lebensmitteln.

Die Umsetzung der Agrarpolitik 2011 stösst in bäuerlichen Kreisen nicht nur auf Zustimmung...
Die Umsetzung der Agrarpolitik 2011 verfolgt eine härtere Gangart. Einiges davon ist sicher sinnvoll, wenn man die Sparmassnahmen des Bundes in Betracht zieht. Andererseits sind im neuen Tierschutzgesetz Massnahmen verordnet, die ich nicht ganz nachvollziehen kann. Für mich ist es in erster Linie wichtig, dass der Bauer mit seinen Tieren gut umgeht und nicht, ob die Liegefläche fünf Zentimeter länger ist.

Was würden Sie in erster Linie an der Landwirtschaftspolitik ändern?
Die Landwirtschaft und der Tourismus müssen noch näher zusammenrücken. Vor allem in den Berggebieten ist eine Zusammenarbeit unabdingbar. Ansonsten wird auf die Dauer sowohl die Landwirtschaft wie auch der Tourismus Probleme bekommen. Auch die Regionalpolitik des Bundes gibt mir zu denken. Wenn die Berggebiete immer mehr entvölkert werden, wird auch der Tourismus darunter zu leiden haben und augenscheinlich zurückgehen. Wir pflegen schliesslich das Erholungsgebiet der Städter und tragen einen grossen Teil zur Sicherheit in den Bergen bei. Durch die Bewirtschaftung des Bodens gibt es weniger Mur- und Lawinenabgänge. Daneben drängt sich die Frage auf, wie das Schweizer Berggebiet ohne Kühe, Schafe und Ziegen wohl aussehen würde?

Den Bauern wird nachgesagt, sie seien nie zufrieden und würden sich dank den Bundessubventionen eine goldene Nase verdienen...
Man kann nicht alles verallgemeinern. Es wird immer Bauern geben, die nicht zufrieden sind und reklamieren. Genauso gibt es solche, die sehr zufrieden sind und ihrer Arbeit mit viel Freude nachgehen. Von den Sparmassnahmen des Bundes sind alle Bereiche betroffen, auch die Landwirtschaft. Und wer das Gefühl hat, dass die Bauern zu viel verdienen, soll selber einen Betrieb aufbauen und Hand anlegen.

Müssen sich die Bauern vorwerfen lassen, zu wenig innovativ zu sein?
Man kann nicht alle in den gleichen Topf werfen. Es gibt viele innovative Bauern, die die Sache selber an die Hand nehmen und ihre Produkte vermarkten. Die Sennerei in Simplon-Dorf beispielsweise ist ein Paradebeispiel dafür. Wir haben sehr gute Produkte, die bei uns über den Ladentisch gehen. Genauso verhält es sich mit der Ware, die wir dem Verband abliefern. Es gibt mittlerweile viele Leute, die extra nach Simplon-Dorf kommen, um sich mit Landwirtschaftsprodukten aus der Region einzudecken.

Sie selber betreiben den Sommer über neben ihrem Landwirtschaftsbetrieb eine eigene Restauration in der Chlusmatta, einer Alpe auf dem Simplon.
Ja, wir haben uns in den letzten Jahren sehr viel Mühe gegeben, einen eigenen Verkaufsbetrieb aufzubauen und Gäste zu bewirten. Ich habe darum vor ein paar Jahren in der Landwirtschaftsschule einen entsprechenden Kurs in Marketing besucht und ein Projekt erarbeitet, das ich umgesetzt habe. Dieses Modul ist in der Ausbildung der Meisterlandwirte integriert. Die Umsetzung ist aber nicht immer ganz einfach, weil vielfach auch bauliche Massnahmen gefordert sind. Dazu braucht es das nötige Kleingeld und die Bewilligung.

Auch Tierkrankheiten wie Rinderwahnsinn, Schweinepest und jetzt die Vogelgrippe setzen den Bauernbetrieben stark zu. Wie gehen Sie mit diesen Hiobsbotschaften um?
Diese Krankheiten sind sicher nicht zu unterschätzen, aber andererseits sollte man nicht gleich auf Panik machen. Das Veterinäramt kontrolliert regelmässig die Bestände und ist auf der Hut, um die Krankheiten unter Kontrolle zu halten. Ich verstehe zwar die Besorgnis in der Bevölkerung, aber es macht wenig Sinn, sich in etwas hineinzusteigern, dass es so gar nicht gibt. Man muss die Entwicklung im Auge behalten und auf der Hut sein, aber nicht gleich das Schlimmste befürchten.

In vielen Bergregionen stirbt der Bauernstand aus. Nicht so in Simplon-Dorf. Hier gibt es noch zwölf Vollerwerbsbauern. Arbeitet es sich auf der Simplonsüdseite einfacher als anderswo?
Nein, ich glaube nicht. Durch die Abgeschiedenheit auf der Simplonsüdseite ist man automatisch „gezwungen“, enger miteinander zusammenzuarbeiten. Das ist das A und O. Wenn wir nicht eng zusammen schaffen würden, hätten wir nicht eine so gut florierende Sennerei. Auch unser Senn mit Familie engagiert sich hundertprozentig für seine Arbeit.

Trotzdem fehlt in vielen elterlichen Betrieben der Nachwuchs, der den Hof einmal übernehmen soll. Warum tun sich Jugendliche so schwer damit, den Beruf des Bauers zu erlernen?

Ein Hauptgrund ist sicher die mangelnde Freizeit. Ein Bauer oder eine Bäuerin müssen sich sieben Tage die Woche um das Vieh kümmern. Dadurch sind sie zeitlich stark gebunden. Das mag viele Jugendliche davon abhalten, diesen Beruf zu erlernen. Wenn man sich aber gegenseitig ablöst, kann man durchaus ein paar freie Tage einziehen. Eine weitere Möglichkeit, die zeitliche Belastung ein bisschen auszugleichen, ist die Verpflichtung eines Betriebshelfers, damit man wenigstens ein paar Tage im Jahr frei bekommt. Die Grundvoraussetzung ist aber die Freude, sonst kann man die Arbeit nicht bewältigen.

Haben Sie eine/n Nachfolger/in, der einmal ihren Betrieb übernehmen wird?
Von unseren vier Kindern hat niemand diese Richtung eingeschlagen. Das schliesst allerdings nicht aus, dass vielleicht später eines der Kinder unsere Arbeit weiterführen wird. Aber wir hoffen, noch mindestens zwanzig Jahre den Betrieb selbständig weiter zu führen. Alles andere wird sich zeigen.

Viele Landwirtschaftsbetriebe gehen ein. Wo steht die Berglandwirtschaft in zwanzig Jahren?
Die Bauernbetriebe in den Bergregionen werden in nächster Zeit sicher zurückgehen. Aber ich bin überzeugt, dass die Berglandwirtschaft auch noch in zwanzig Jahren ein sehr wichtiger Bestandteil für das Tourismusland Schweiz ist.

Ihre Meinung interessiert uns!


 

 

      
Heute & morgen

/

/


RZ-Newsletter
Email-Adresse eingeben und Sie werden informiert:
Suchen


Have a look at: