D i e   a u f l a g e s t ä r k s t e   Z e i t u n g   d e s   O b e r w a l l i s

      
Bruno Jelk, Rettungschef in Zermatt
„In heiklen Momenten bleibt keine Zeit für Angst“


 

Zermatt / Er ist der Inbegriff der Bergrettung und steht seit 25 Jahren im Einsatz. Bruno Jelk (63), Rettungschef in Zermatt, ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Das Buch „Alarm am Matterhorn“ zeigt die Rettungsarbeit im hochalpinen Gelände und stellt den Menschen Bruno Jelk in den Mittelpunkt. Wir haben uns mit ihm über das Buch, seine Arbeit und seine Erlebnisse am Berg unterhalten.

Von Walter Bellwald
Markus Pianzola

Sie kommen soeben von einem Einsatz zurück. Wie anstrengend war der Tag?
Wir wurden heute morgen zu einer Spaltenrettung am Monte Rosa-Gletscher gerufen. Ein Mann war in eine Gletscherspalte gestürzt. Seine Frau hatte grosses Glück, dass der Spalt nur so tief war wie die Seillänge, mit der die beiden verbunden waren. So blieb sie am Spaltenrand liegen. Der Unfall ging relativ glimpflich aus. Der Mann zog sich eine Schulterluxation und ein paar Prellungen zu, die Frau blieb unverletzt.

Sind solche Einsätze an der Tagesordnung?
Momentan haben wir sehr viel zu tun. Die äusseren Bedingungen sind sehr prekär. Innert zehn Tagen mussten wir von der Rettungsstation siebenmal ausrücken, um Lawinenverschüttete zu suchen. Zwei Personen konnten leider nur noch tot geborgen werden. Auch am Matterhorn stehen wir regelmässig im Einsatz. In den letzten zwei Wochen wurden wir zu fünf Rettungseinsätzen aufgeboten. Das ist doch sehr aussergewöhnlich.

Seit 25 Jahren stehen Sie als Rettungschef in Zermatt im Einsatz. Eine bewegte Zeit...
Eine bewegte und schöne Zeit. Das Rettungswesen ist eine sehr spannende und vielfältige Aufgabe. Innert kürzester Zeit muss man einsatzfähig und parat sein. Am Einsatzort selber weiss man nie, was einen erwartet. Wenn man Leute aus einer misslichen Lage befreien und retten kann, ist das eine schöne Sache. Wenn man hingegen einen Menschen nur noch tot bergen kann, ist das eine traurige Pflicht.

Sie kommen aus dem Sensebezirk und sind ein gebürtiger Freiburger. Was hat Sie nach Zermatt verschlagen?
Weil in unserer Gegend praktisch keine Ausbildungsplätze vorhanden waren, musste ich auswärts eine Lehrstelle suchen. So bin ich zur Grenzwacht gekommen. Nach der Ausbildung in Liestal wurde ich dem Grenzwachtposten Orsières am Grossen Sankt Bernhard zugeteilt. Hier habe ich sechs Jahre gearbeitet. Als dann eine Stelle in Zermatt frei wurde, habe ich mich gemeldet. So kam ich 1972 hierher.

Sie standen mehrere Jahre als Grenzwächter im Einsatz, heute sind Sie Rettungschef. Ein ungewöhnlicher Werdegang...
Bei der Grenzwache hatte ich die Möglichkeit, mich als Skilehrer und Bergführer auszubilden. Dann habe ich verschiedene Hochgebirgskurse absolviert und wurde zum Technischen Leiter der Ski- und Rettungskurse der Grenzwache ernannt. Schliesslich habe ich auch die Rettungskurse des SAC besucht. Mein Vorgänger, René Arnold, der damalige Rettungschef von Zermatt, hat mich dann angefragt, ob ich Interesse hätte, im Rettungswesen mit zu machen. Als Arnold 1980 bei einem Skiunfall tödlich verunglückte, bin ich in seine Fussstapfen getreten und habe sein Amt übernommen.

In all den Jahren hat sich die Bergrettung enorm gewandelt. Erinnern Sie sich an die Anfänge zurück?
Oh ja. Sowohl technisch wie organisatorisch hat die Bergrettung enorme Fortschritte gemacht. Wenn früher ein Alarm einging, mussten die zuständigen Personen über Funk oder Telefon zusammengetrommelt werden. Es kam auch mal vor, dass man mit dem Velo ins Dorf radeln musste, um die Helfer zu organisieren. Alles war sehr schwerfällig. Auch die Ausrüstung war nicht befriedigend. Mit dem Aufkommen der neuen Trendsportarten, wie Gleitschirmfliegen oder Extremklettern, mussten wir nach neuen Möglichkeiten suchen, um die Rettungen zu vereinfachen. Die sogenannte Longlinetechnik beim Abseilen oder das Dreibein für Gletscherspaltenrettungen sind aus diesen Überlegungen heraus entstanden. Dazu kommt, dass wir alle Rettungseinsätze immer genau analysierten, um daraus zu lernen. Das ist übrigens auch heute noch so.

Seit einem Vierteljahrhundert stehen Sie als Retter an vorderster Front: Wie oft sind Sie ausgerückt, um verunfallten oder in Not geratenen Menschen zu helfen?
Jeder Einsatz ist genau rapportiert und klassiert. Bis heute bin ich insgesamt rund 2500-mal ausgerückt, um in Not geratenen Menschen zu helfen. Dazu kommen unzählige Vermisstmeldungen, die aber glücklicherweise telefonisch gelöst werden konnten.

An welche erfolgreiche Bergrettung denken Sie gerne zurück?
Wir haben viele Rettungen, die uns Freude machen. Am Dom beispielsweise haben wir einen Italiener aus einem 40 Meter tiefen Spalt geholt. Dabei mussten wir mit dem Kompressor ein 20 Meter tiefes Loch herausbrechen und haben uns anschliessend waagrecht zum Verunfallten vorgearbeitet. Der Mann konnte gerettet werden und wurde ins Inselspital nach Bern überflogen. Da hat er eine Krankenschwester kennen gelernt und sie später geheiratet. Heute haben die beiden zwei Kinder. Das sind Geschichten, die das Leben schreibt.

Und welches Ereignis ist Ihnen weniger gut in Erinnerung geblieben?
Bei einem Suchflug am Alphubel haben wir auf einem Plateau einen einzelnen Rucksack gesichtet. Weiter oben in der Wand haben wir zwei Alpinisten entdeckt, die mit einem Seil verbunden waren und links und rechts hilflos an einer Felsrippe hingen. Einer der beiden hat uns sogar noch zugewinkt. Weil im betreffenden Gebiet dichter Nebel herrschte, konnten wir keine Rettungsaktion mit der Winde machen. So haben wir uns entschieden, zu Fuss zu den beiden hochzusteigen, um sie schnellstmöglich aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Weil es inzwischen heftig zu schneien und guxen begonnen hatte, hatten wir grosse Schwierigkeiten, uns im Gelände zu orientieren und stiegen ins falsche Couloir. Am Morgen gegen drei Uhr früh mussten wir die Suche aus Sicherheitsgründen einstellen. Als wir am anderen Morgen die Alpinisten endlich fanden, waren sie erfroren. Das sind tragische Momente, die lange in unguter Erinnerung bleiben.

Sie wirken nach aussen hin sehr ruhig und besonnen. Gibt es auch den anderen Bruno Jelk, der sich masslos aufregen kann?
Wenn etwas nicht auf Anhieb funktioniert, wie ich mir das vorstelle, kann mich das fürchterlich aufregen. Am meisten ärgert mich, wenn irgendwelche Wahrsager oder Pendler eine vermisste Person ausfindig machen wollen, obwohl sie weder die Verhältnisse vor Ort noch die Gegend kennen.

Regen Sie sich auch über Touristen am Berg auf, die leichtsinnig und ohne die richtige Ausrüstung in Not geraten?
Nein, das habe ich mir abgewöhnt. Anfangs habe ich mich über die Leichtsinnigkeit diese Leute fürchterlich aufgeregt. Aber inzwischen bringen mich solche Tourengänger nicht mehr aus der Fassung. Es wird immer wieder Unverbesserliche geben, die Ratschläge von uns und hauptsächlich von den Hüttenwarten ignorieren.

Bei Ihren Einsätzen riskieren Sie und Ihre Kollegen nicht wenige Male Ihr eigenes Leben, um ein anderes zu retten. Hand aufs Herz: Haben Sie auch schon Todesängste ausgestanden?
Nein. Bei unseren Einsätzen steht die eigene Sicherheit im Vordergrund. Natürlich kann es vorkommen, dass irgendwelche unvorhergesehenen Ereignisse dazwischen kommen und dadurch ein nicht kalkulierbares Risiko eintrifft. Aber das wird man sich erst im Nachhinein bewusst. In einem heiklen Moment bleibt kaum Zeit, die Angst zuzulassen. Da handelt man instinktiv.

Mussten Sie bei Ihren Rettungseinsätzen auch schon Glück in Anspruch nehmen?
Glück ist ein wichtiger Begleiter. So wie bei einer Leichenbergung in der Ostwand des Matterhorns, wo wir nur um Haaresbreite dem Tod entronnen sind. Kaum hatten wir den abgestürzten Bergsteiger geborgen, brach ein riesiger Steinschlag aus. Nur ein paar Sekunden früher, und die Steinlawine hätte uns unter sich begraben. Auch bei einem Heliabsturz am Pollux hatten wir grosses Glück, dass uns nichts passierte.

Haben Sie dabei gravierende Verletzungen davongetragen?
Nein, bisher bin ich davon verschont geblieben. Neben ein paar Blessuren und kleineren Verletzungen wie Zehenbruch oder Bänderriss habe ich mir keine ernsthaften Verletzungen geholt.

Ihr Einsatz ist ungleich höher als der Dank nach einer erfolgreichen Rettung. Wie gehen Sie mit dieser „Selbstverständlichkeit“ um?
In unserem Metier darf man nicht damit spekulieren, dass sich alle für eine erfolgreiche Rettung bedanken. Schliesslich ist das auch unser Job. Aber natürlich gibt es Menschen, die sich später bei uns melden und sich bedanken. Daraus entsehen viele schöne Freundschaften. Ich erinnere mich an einen Einsatz, bei dem wir eine junge Frau aus einem Spalt retteten. Sie war in einem besorgniserregenden Zustand und musste mit dem Helikopter ins Inselspital geflogen werden. Später erfuhren wir, dass ihre Familie sie in eine Spezialklinik nach Paris überführt hätte. Dann haben wir lange Zeit nichts mehr von ihr gehört. Rund drei Jahre später kehrte die junge Frau nach Zermatt zurück, um sich zu bedanken. Sie erzählte mir, sie sei sieben Monate im Koma gelegen. Heute hat sie sich vollständig von dem schweren Unfall erholt. Das sind doch sehr spezielle Momente, wenn Totgeglaubte plötzlich kerngesund vor einem stehen.

Heute abend findet im Gemeindesaal in Zermatt die Buchvernissage „Alarm am Matterhorn“ statt. Das Buch von Roger Gauderon ist eine Hommage an Sie als Bergretter. Erkennen Sie sich in all den Geschichten und Anekdoten wieder?
Ich habe noch nicht alles durchgesehen. Was ich aber bisher gelesen habe, kann ich unterschreiben. Das Kapitel über die Rettungsstation und die Organisation des Rettungswesens finde ich sehr interessant.

Sind Sie stolz darauf, dass Ihnen dieses Werk gewidmet ist?
Ich habe mich bisher immer erfolgreich dagegen gewehrt, dass ein Buch über mich erscheint. Schon seit zehn Jahren haben mich Medienvertreter angehalten, meine Erinnerungen und Erlebnisse über mich niederzuschreiben. Schliesslich hat mich Roger Gauderon, der bei der Grenzwacht als Journalist arbeitete, dazu überredet, ein Buch über mich zu verfassen. Mit dem Ergebnis bin ich zufrieden.

Der Autor schreibt, das Buch sei eine stark erweiterte Fassung der 17 RTL-Notruf-Fernsehsendungen, in denen Sie als Rettungschef mitgewirkt hätten. Inwieweit hat diese Serie Ihren Bekanntheitsgrad gesteigert?
Die RTL-Serie „Notruf“ hat sicher viel dazu beigetragen, dass das Bergrettungswesen bekannter wurde. Ich werde diesbezüglich auch viel von deutschen Gästen angesprochen, die mich vom Fernsehen her kennen. Für die Station Zermatt ist diese Art von Werbung sicher sehr wertvoll. Andererseits sind wir nicht unbedingt auf diese Publicity angewiesen. Wegen der Serie „Notruf“ haben wir keinen Unfall mehr oder weniger.

Sie sind TV-Serienheld, Retter, Erfinder, Ehemann, Familienvater und sind jetzt in einem Buch verewigt. Gibt es etwas, dass Sie sich noch erfüllen möchten?
Nein, mein einziger Wunsch ist es, möglichst lange gesund zu bleiben.

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