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Brig / Er gehört zu den bekanntesten Chordirigenten im Land. Im RZ-Interview spricht Hansruedi Kämpfen über Musik, das Oberwalliser Vokalensemble und sagt: „Ich habe auch mit Salome Clausen mitgefiebert.“
Von German Escher
Markus Pianzola
Welche Musik haben Sie heute zuletzt gehört?
Heute Vormittag habe ich im Auto Radio DRS 3 gehört.
Nicht DRS 2?
Nein. Ich kann klassische Musik nur hören, wenn ich auch Zeit dafür habe. Ich kann klassische Stücke nicht als Hintergrundmusik hören. Klassische Musik erfordert meine ganze Aufmerksamkeit.
Das tönt sehr anspruchsvoll?
Das mag sein, sicher auch „déformation professionnelle“. Aber je mehr Aufmerksamkeit ich der Musik schenke, umso mehr Energie bekomme ich zurück.
Was fasziniert Sie eigentlich an der klassischen Musik?
Zwei Dinge vorweg: Mich interessiert eigentlich die ganze Bandbreite der Musik und ich dirigiere auch Musicals, z.B. Anatevka 1996, und Unterhaltungsmusik etwa mit der Singschule oder dem Oberwalliser Lehrerchor. Zudem gibts auch bei der Klassik gute und schlechte, sprich langweilige Musik. An der klassischen Musik fasziniert mich deren emotionale Tiefe. Verschiedene Untersuchungen belegen: Gute Musik stärkt Körper und Seele und fördert erst noch das Wechselspiel zwischen linker und rechter Gehirnhälfte.
Gibts Studien auch aus der Schweiz?
Bei uns wurden Untersuchungen im Bereich des erweiterten Musikunterrichts durchgeführt. Auch wir im Oberwallis haben uns anfangs der 90er Jahre an einem Versuch beteiligt, der vom psychologischen Institut der Uni Freiburg begleitet wurde. Das Resultat war eindeutig: In Klassen, die täglich eine Stunde Musik hatten, waren die Kinder viel sozialer, emotional ausgeglichener und erst noch gleich gut oder besser in den Hauptfächern, obwohl sie hier ein reduziertes Pensum hatten. Das hat mit verschiedenen Faktoren zu tun. So ist Musik eine Kunstform, die man besonders gut gemeinsam pflegen kann. Der einzelne Schüler fühlt sich vielleicht nicht so begabt und stark. Das gemeinsame Singen, Musizieren und Tanzen kann trotzdem zu tiefen Erlebnissen führen: Der Körper produziert Glückshormone. Das setzt aber einen qualifizierten Musikunterricht voraus, der nicht auf der Ebene des „nur Konsumierens und Unterhaltens“ stecken bleibt.
Sie sind einer der bekanntesten Chordirigenten im Land. Was zeichnet einen guten Dirigenten eigentlich aus?
Musikalität, Spontanität, Leidenschaft und Ausstrahlung, gepaart mit der Lust, sich stimmlich auszudrücken und Menschen zu führen. Die Kommunikation ist das Wichtigste. Ein Dirigent muss die SängerInnen auf ihrem musikalischen Niveau abholen und motivieren, sich mit dem Text zu identifizieren und den Emotionen freien Lauf zu lassen.
Wie ein Fussballtrainer, der die Mannschaft zu Höchstleistungen motiviert?
Das Coaching ist besonders im OVE vergleichbar. Allerdings sind die meisten Chöre wesentlich grösser als eine Fussballmannschaft. Das erschwert es dem Dirigenten, den einzelnen Sänger zu betreuen. Im Chor passiert aber viel mehr zwischen Dirigent und Mitglied auf der nonverbalen Ebene, was die Probenarbeit und die Konzerte unwahrscheinlich spannend macht!
Ihr Team hat letztes Jahr den Schweizer Meistertitel errungen. Das Oberwalliser Vokalensemble hat unter Ihrer Leitung am Schweizerischen Chorwettbewerb in der Kategorie Elitechöre den ersten Rang erreicht. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Es war eine Gemeinschaftsleistung. Der Dirigent kann noch so viel Energie investieren. Wenn nicht jeder einzelne Sänger und jede Sängerin bereit ist, mit demselben Engagement zu arbeiten, erreicht man das Ziel nicht. Das Vokalensemble ist eine verschworene Gesellschaft. Nachdem wir 1999 den 2. Platz erreicht hatten, wollten wir diesmal die Besten sein. Das ist uns gelungen und freut mich besonders, weil wir so neben der grossen Publikumsresonanz und den vielen positiven Kritiken auch eine fachliche Expertenqualifizierung erfahren haben. Natürlich erhielten wir aufgrund von dieser Rangierung neben einem finanziellen Zustupf auch weitere Konzertengagements, selbst im Ausland.
Die Auszeichnung als bester Chor ist fast vergleichbar mit dem Erfolg von Salome als Musicstar – nur das breite Medieninteresse ist kaum vorhanden. Warum?
Die Chorwelt und die Klassische Musik sprechen nicht die Massen an wie eine Unterhaltungssendung à la Musicstar. Chormusik ist einfach weniger gefragt als Unterhaltungsmusik. Das trifft weniger auf die Westschweiz sowie die romanisch sprechenden Regionen Graubündens zu, wo Singen noch ein Bestandteil der kulturellen Identität ist.
Ist das im Oberwallis mit all den Jodlerchören nicht mehr der Fall?
Im Oberwallis haben wir leider ein sehr kleines, eigenes Liedrepertoire. Auch die Jodlerchöre, die ich sehr schätze und mit denen ich sogar gelegentlich arbeite, singen grösstenteils fremdes Liedgut im Deutschschweizer Dialekt. Und wir haben nur circa 15 Jodlerchöre, während doch noch 70 Chöre im Cäcilienverband und weitere 20 Kinder-, Jugend- und Erwachsenenchöre im Verband Oberwalliser Gesangsvereine organisiert sind.
Wenn Sie denselben Erfolg in der Popszene gehabt hätten, wären Sie ein Star der Schweizer Musikszene. Aber als Chorleiter bleiben Sie trotz allem eine Randfigur. Ärgert Sie das?
Überhaupt nicht. Das OVE ist im Chorsektor privilegiert: Unsere Auftritte in den TV-Sendungen „typisch“, „Fensterplatz“ oder „Hopp de Bäse“ hatten jeweils auch fast eine halbe Million Zuschauer. Wir pflegen ein breites Repertoire vom Volkslied bis zur Klassik. Wir haben keine Berührungsängste, was wir mit den gemeinsamen Auftritten u.a. mit Erika Stucky und mit Sina an der Expo 02 bewiesen haben. Auch bei unseren Konzertauftritten – etwa in Barcelona, Tolossa, Mulhouse, an der Schubertiade in Neuenburg, am Festival Lucerne, im La Poste – sangen wir vor vollen Publikumsrängen und unsere Weihnachts-CD mit Rachel Harnisch war in der Schweiz ein „klassischer Renner“. Ich habe also keinen Grund mich zu ärgern. Im Gegenteil: Ich habe damals mit der sympathischen Salome Clausen mitgefiebert.
Warum kann sich die Jugend kaum für klassische Musik begeistern?
Klassische Musik ist manchmal anspruchsvoller. Der Einzelne muss mehr investieren. Wer sich aber damit auseinander setzt, findet in der klassischen Musik eine tiefe Erfüllung. Ich arbeite seit Jahrzehnten mit Jugendlichen. Besonders beim Unterricht am Lehrerseminar konnte ich viele durch das Chorsingen zur klassischen Musik hinführen.
Liegt es auch daran, dass der klassischen Musik der Dünkel des Elitären anhaftet?
Eindeutig. Jugendliche glauben, klassische Musik sei primär für Erwachsene und ältere Menschen. Wer den Dok-Film „Rhythm is it“ mit den Berliner Philharmonikern und schwierigen Jugendlichen aus Berlin gesehen hat, weiss, dass selbst moderne klassische Musik für Jugendliche spannend werden kann, wenn sie gut vermittelt wird. Hier sind wir Musiker und Erzieher, wie auch Eltern und Politiker gefordert, schon die Kinder toleranter zur Musik hinzuführen. Dass es möglich ist, zeigen die nordischen Länder. In Schweden singt die Mehrheit der Bevölkerung und die Grenze zwischen Pop und Klassik ist viel fliessender. Und im PISA-Vorzeigeland Finnland ist Musik öfter auf dem Stundenplan und jedes Kind lernt in der Schule gratis ein Instrument spielen. Das führt zu einem viel natürlicheren Umgang mit den verschiedenen Musikstilen.
Jetzt steht mit der Johannes-Passion ein weiteres Grossprojekt an, das auch ausserhalb des Kantons aufgeführt wird. Das verlangt auch von den Chormitgliedern ein riesiges, zeitliches Engagement?
Die Chormitglieder wissen das, freuen sich im Voraus und bereiten sich seit Monaten entsprechend intensiv vor. Das ist wie bei einem ambitionierten Fussballspieler, der auch bis zu viermal wöchentlich trainiert. Es ist für uns auch eine Ehre, dass wir als Amateurchor solche Engagements bekommen. Wir singen im Rahmen einer bekannten Aboreihe in Lausanne, und treten an einem Festival in Novara (I), in Glis (unter der Leitung von Paul Locher), Chippis und Bern auf.
Nicht jeder Regionalfussballer schafft den Sprung in die oberste Liga. Wie steht es beim Vokalensemble um den Nachwuchs?
Die meisten Chormitglieder nahmen Unterricht in Sologesang an der AMO und bilden sich ständig bei Stimmbildnern weiter. Ohne das geht es nicht. Die Anforderungen sind schon beachtlich, aber zu vergleichen mit der Blasmusik, die im Oberwallis ein hohes Niveau erreicht hat. Im Vokalbereich ist die Auswahl leider wesentlich kleiner. Am schwierigsten ist es, geeignete Männerstimmen zu finden.
Aber es gibt doch viele gute Chöre im Oberwallis.
In den letzten zwanzig Jahren ist das Niveau der Chöre zwar gestiegen, die Spitze ist aber nach wie vor schmal. Man hat zwar den Eindruck, dass im Oberwallis viel geboten wird. Aber es gibt im Oberwallis nur ein halbes Dutzend überregionale Chöre. Im Freiburg, das in etwa halb so viele Einwohner zählt wie das Oberwallis, gibt es mehr als dreimal soviele Vokalensembles und Kammerchöre. Dort ist die Konkurrenz grösser, was sich letztlich auch positiv auf die Qualität auswirkt.
Sie sind seit 1992 hauptberuflich Musikdirektor in Brig und als Fachberater an der PH tätig. Lässt sich die Jugend noch zum aktiven Musizieren begeistern?
Bei diesem stetig wachsenden Freizeitangebot ist es wirklich nicht einfach, Kinder und Jugendliche für ein Instrument oder den Gesang zu begeistern. Und das trotz Musicstar. Viele Teenager bereuen es später, dass sie sich nicht früher für den Gesang interessiert haben. Das stelle ich auch fest, wenn Jugendliche anrufen und sich für einen Gesangswettbewerb vorbereiten möchten. So freuen mich besonders Projektkonzerte, wie am letzten Freitag von der OS Brig-Glis in der Simplonhalle vorgetragen: „History of Pop“ hat aufgezeigt, dass selbst Jugendliche im OS-Alter zu intensiven, musikalischen Aktivitäten zu motivieren sind!
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