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Ammern / Blitzingen / Er gilt als Querkopf und steht mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Helmut Kiechler (45), ehemaliger Präsident der Diana Goms, sieht sich selber als „Sprachrohr der Gerechtigkeit“ und sorgt in Jagdkreisen immer wieder für heisse Köpfe. Mit der Gründung der Matza-Diana will er sich jetzt gegen Ungereimtheiten und ungerechtfertigte Verordnungen zur Wehr setzen. Wenns sein muss, nicht nur verbal.
Von Walter Bellwald
Markus Pianzola
Mit der Nichtwahl von Leo Garbely zum Oberwalliser Jägerpräsidenten ist zwischen den Gommer Jägern und der übrigen Jägerschaft eine Eiszeit angebrochen. Jetzt scheint Tauwetter angesagt. Mit der Wahl des Gommers Christian Kreuzer in den Kantonalverband hat der Oberwalliser Jägerverband ein Zeichen zur Wiedergutmachung gesetzt. Zeigt diese Wahl Signalwirkung?
Nein. Der Oberwalliser Jägerverband hat die Gommer, wieder einmal, hinters Licht geführt. Man hat uns einen vergifteten Knochen hingeworfen und wir waren so dumm und haben ihn auch noch genommen.
Wie meinen Sie das?
Tatsache ist nun einmal, dass Christian Kreuzer kein Vertreter der Diana Goms ist, also kann er auch nicht unsere Anliegen im Kantonalverband vertreten. Kreuzer wurde nicht demokratisch gewählt, sondern vom Präsidium der Diana Goms vorgeschlagen. Ergo wurde er vom Oberwalliser Jägerverband bestätigt. Diese Wahl ist manipuliert und hat nichts mit einer freien und demokratischen Meinungsäusserung zu tun.
Trotzdem – die Wahl eines Gommers darf durchaus als positives Signal zur Annäherung zwischen dem Oberwalliser Jägerverband und der Diana Goms verstanden werden...
Meiner Meinung ist eine Annäherung nur möglich, wenn der Oberwalliser Jägerverband gegenüber der Diana Goms einige Forderungen erfüllt. Die da wären: Eine offizielle Entschuldigung zur Nichtwahl von Leo Garbely, ein Zugeständnis zum Präsidentensitz für die Diana Goms und die Bindendmachung des Oberwalliser Jägerverbandes. Dann lassen wir mit uns reden.
Die Frage sei erlaubt: Wie will die Gommer Jägerschaft mit ihren Anliegen auf offene Ohren stossen, wenn man untereinander uneins ist?
Dem ist so. Der vormalige Diana-Goms-Präsident Ernst Hischier und seine Getreuen haben nichts unterlassen, um Sitten zu gefallen. Dadurch ist aber in Tat und Wahrheit noch mehr kaputtgegangen. Jetzt steht das Präsidum unter Bernhard Truffer. Leider hat es auch der neue Diana-Präsident versäumt, die Gommer Jägerschaft anzuhören, ob wir überhaupt gewillt sind, unter den momentanen Voraussetungen beim Oberwalliser Jägerverband wieder mitzumachen. Aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen hat man nun eigenmächtig gehandelt und in der Person von Christian Kreuzer einen Kandidaten für den Kantonalverband nominiert.
Das ist Ihnen sauer aufgestossen...
Man hat die Demokratie, wieder einmal, mit Füssen getreten. Der Jägerschaft werden alle Rechte entzogen. Man darf noch das Patent lösen, während der Jagd ein paar Tiere abknallen, aber ansonsten hat man sich möglichst still zu verhalten und zu kuschen.
Jetzt haben Sie erneut das Kriegsbeil ausgegraben und wollen eine Matza-Diana gründen...
Ich habe es langsam satt, nur noch Vorschriften von Beamten zu befolgen, die willkürlich und ohne Gesetzesgrundlage handeln. Es darf doch wohl nicht sein, dass die Jäger in den letzten fünf Jahren keinen einzigen Vorschlag zur Verbesserung der Jagd einbringen konnten. Derweil macht die Jagdabteilung, was sie will und gibt immer neue Weisungen heraus, denen sich die Jägerschaft unterwerfen soll. Das geht mir nicht in den Kopf. Wir wollen endlich ein Mitspracherecht. Darum habe ich jetzt eine Matza-Diana gegründet, die über das Goms hinausgeht. Jeder Jäger, der sich ungerecht behandelt fühlt, kann in die neue Diana eintreten und seine Anliegen vorbringen.
Mit der Matza-Diana schaffen Sie sich kaum neue Freunde...
Das ist mir klar. Aber es geht mir auch nicht darum, neue Freunde zu gewinnen, sondern ein Sprachrohr zu schaffen, dass sich gegen Ungerechtigkeiten zur Wehr setzt. Ich gehe lieber kaputt, indem ich mich zur Wehr setze, bevor ich resigniere und daran zu Grunde gehe. Die Art und Weise, wie der Staat heute mit der Jägerschaft umgeht, bringt Anarchisten hervor. Das Risiko, von den Leuten geschnitten zu werden, nehme ich gerne auf mich.
Die Matza gilt seit jeher als Droh- und Druckmittel...
So ist es. Weil man mit so genannter Vernunft nicht weiterkommt, muss ich auf diese Massnahme zurückgreifen. Die Matza ist das letzte Mittel, um Recht zu bekommen. Sie ist das Sprachrohr des kleinen Mannes und kann in kurzer Zeit mehrmals auftreten, bevor sie für lange Zeit wieder ruhig ist. Je besser die Meinung des Volkes respektiert wird, umso weniger hört man von der Matza. Je mehr die Demokratie mit Füssen getreten wird, umso präsenter wird sie.
Wie weit kann das gehen?
Die Forderung ist klar: Ich will wieder zurück zur Demokratie und zwar von unten nach oben und nicht wie heute von oben nach unten – das ist Diktatur! Der Jäger kommt in die Diana und hat das Recht, einen Antrag zu stellen. Dann wird darüber diskutiert und abgestimmt. Die Matza hat nie etwas Unmögliches verlangt, sondern will nur ihr gutes Recht. Wenn mir dieses Recht nicht zugestanden wird, werde ich zu unpopulären Massnahmen greifen müssen.
Sie wehren sich seit Jahren gegen die Öffnung der Banngebiete im Goms. Derweil hört man aus Sitten, dass es im Goms zu viele Hirsche hat. Wie dass?
Das Goms ist eines der schönsten Hochtäler überhaupt und hatte früher einen enormen Wildbestand. Das hat sich inzwischen geändert. Durch die Banngebietsöffnungen der letzten vier Jahre ist der Wildbestand enorm zurückgegangen. Das führt im Goms zu einer unkontrollierten Jagd. Wir haben Gebiete, wo vor zwanzig Jahren noch 220 Stiere auf einem Fleck waren. Heute finden sich dort noch knapp 30 Tiere. Schaut man sich den Hirschbestand genauer an, merkt man, dass man in Sitten die Bezirksgrenzen entweder zu wenig genau oder gar nicht kennt. Bei der Zählung des Wildbestandes geht das Goms bis nach Brig. Dass dabei viele Hirsche aus dem Gantertal oder dem Aletschgebiet mitgezählt werden, stört anscheinend niemanden. Dazu kommt, dass die Bestände nur schwer zu erfassen sind. Wildkonzentrationen und allfällige Schäden sind immer Zeichen einer jahrelangen Falschbejagung sowie klare Anzeichen von massiven Störungen in Einstandsgebieten. Zu viele Hirsche ist eine Behauptung und keine Begründung! Auch wenn man insgeheim die Bauern und Förster als Auslöser vorschiebt.
Die ihrerseits die Wildschäden anprangern...
Eine Untersuchungskommission hat erst vor wenigen Jahren festgestellt, dass die Wildschäden im Goms gleich Null sind und im Bezirk Östlich Raron als tragbar gelten. Natürlich lassen wir mit uns reden, wenn in einem bestimmten Gebiet die Wildschäden enorme Ausmasse annehmen. Ich finde es aber nicht in Ordnung, wenn ein Banngebiet willkürlich geöffnet wird. Auch hier wollen wir mitreden und unsere Erkenntnisse und Beobachtungen einbringen. Schliesslich leben wir das ganze Jahr mit dem Wild und nicht nur wie die meisten Jäger, die ins Goms kommen, während der Jagdzeit.
Nicht nur die Banngebietsöffnungen sind Ihnen ein Dorf im Auge. Auch die unkontrollierten Touristenströme bringen Sie in Rage...
Was momentan im Wald abgeht, ist schlicht und einfach eine Katastrophe. Sowohl Tourengänger wie Schneeschuhläufer streifen kreuz und quer durch die Wälder und scheuchen das Wild auf. Auch die Suche nach abgeworfenem Geweih ist heute fast das grössere Hobby als das Jagen an sich. Dazu kommen die vielen Wildbeobachtungen. Die Tiere kommen einfach nicht zur Ruhe. Darum müssen unbedingt im ganzen Kanton Wildruhezonen eingerichtet werden. Natürlich sollten diese Wildruhezonen nicht zum Schutze eines einzelnen Kapitalhirsches erstellt werden, wie es in der Region Bitsch geschehen ist.
Wer ist hier gefordert?
Die Schuld für diese untragbare Situation trägt nicht nur die Jagdpolitik, sondern die ganze Gesellschaft. Es ist sehr schwer, ein Gesetz im Tourismus zu erlassen. Der Tenor aus diesen Kreisen ist einhellig: Man kann doch nicht den Leuten verbieten, in den Wald zu gehen. Was diese Touristiker noch nicht gemerkt haben: Es ist fünf vor Zwölf. Wenn wir den Wildbestand wahren wollen, müssen wir handeln, sonst ist es zu spät. Viele Tourismusorganisatioen haben Angst, man könnte dadurch die Gäste vergraulen. Dabei geht es in erster Linie nicht darum, die Touristen von den Wäldern fernzuhalten, sondern den Touristenstrom zu lenken. Dafür muss man aber verschiedene Massnahmen ergreifen wie beispielsweise geführte Wanderungen auf bestehenden Wegen durch die Wildgebiete. Das unkontrollierte Schneeschuhlaufen durch die Wälder muss aufs Schärfste geahndet werden.
Ist eine engere Zusammenarbeit zwischen Jagd und Tourismus realistisch?
Durchaus. Werfen Sie einen Blick nach Amerika. Die Rangers in den Nationalparks machen ihre Sache professionell. Man könnte doch dieses Modell auch hier bei uns anwenden. Die Touristen wären dankbar für die Ausführungen und die Tiere kämen endlich mehr zur Ruhe.
Vor rund einem Jahr hat Peter Scheibler die Nachfolge von Narcisse Seppey als kantonaler Jagdchef angetreten. Waren Sie erleichtert über den Abgang von Seppey?
Meine Kritk an der Jagdpolitik von Narcisse Seppey hat man immer wieder zum Anlass genommen, ein Feindbild zwischen uns aufzubauen. Dem war nicht so. Ich habe Narcisse Seppey zwar kritisiert, aber ich habe ihn akzeptiert. Mit Peter Scheibler ist jetzt ein Jurist im Amt, der einen Wildhüterstaat aufzieht. Insofern hat sich gegenüber seinem Vorgänger nichts geändert. Die Leute werden ganz bewusst ausgewählt und auf den verschiedenen Posten eingesetzt. Nach der Untersuchung gegen die Jagdverwaltung 1999 hat man uns mehr Transparenz versprochen. Geändert hat sich wenig.
Die neuen Töne aus Sitten stimmen zumindest versöhnlich. So will man alle Jäger gleich behandeln und keine Sonderregelungen mehr erlassen...
Die Frage ist, ob es bei diesen Lippenbekenntnissen bleibt. Nehmen wir das Beispiel Fahrverbot: Sittentreue dürfen nach Gutdünken der Gommer Wildhüter fahren, Kritiker hingegen werden angezeigt.
Glauben Sie dennoch daran, dass sich das Einvernehmen zwischen Jägern und Jagdverwaltung in den nächsten Jahren zum Besseren wenden könnte?
Es kommt darauf an, welche Poltik angewandt wird. Mit den neuen Bejagungskonzepten hat man einen ersten Schritt getan. Jetzt muss man schauen, wie sich das Ganze entwickelt. Eventuelle Fehler müssen sofort korrigiert werden, damit nicht wieder 30 Jahre vergehen, bevor reagiert wird. Wichtig wäre es auch, die Jagd den örtlichen Begebenheiten anzupassen. Hier braucht es Veränderungen und Anpassungen. Genauso wie in den einzelnen Verbänden. Eine vernünftige Lösung wäre es beispielsweise, die Anzahl Delegierten anhand der Fläche des Jagdreviers zu bestimmen. Dadurch hätten die Dianas in den Bergregionen endlich mehr Mitspracherecht.
Sie haben sich in der Jagdszene als Kämpfer einen Namen gemacht. Kritiker sehen in Ihnen aber eine sturen, uneinsichtigen Mittvierziger, der nur allzu gern provoziert. Wie sehen Sie sich selber?
Ich sehe mich als Sprachrohr der Gerechtigkeit. Das klingt vielleicht ein bisschen überheblich, aber es finden sich heute nur noch wenig Menschen, die Klartext reden. Ich halte es mit dem Sprichwort „Schöne Worte sind selten wahr, wahre Worte sind selten schön.“
Sind Sie des Kämpfens noch nicht müde geworden?
Nein. Ich will mir später von niemandem vorwerfen lassen müssen, dass ich nichts unternommen hätte, um das Wild zu erhalten. Was viele Jäger noch nicht kapiert haben: Das Wild braucht uns. Darum müssen die Jäger mehr Eigenverantwortung übernehmen.
Ihre
Meinung interessiert uns!
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