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Bern / Sitten / Er sitzt seit zwei Jahren für das Wallis im Nationalrat, hat sich für die Erhaltung der Elektrolyse in Steg eingesetzt und gerät als Verwaltungsratspräsident der Bergbahnen Crans Montana unter Druck. In der RZ spricht er über die Walliser Wirtschaftspolitik und sagt: „Das Wallis wollte von der Globalisierung einfach keine Kenntnis nehmen.“
Von German Escher
Walter Bellwald
Sie haben sich immer für den Erhalt der Aluhütte Steg ausgesprochen, ohne Erfolg.
Der Staatsrat hat sich zu spät um das Problem gekümmert. Bereits vor fünf Jahren, als die Elektrolyse von der Schliessung bedroht war, wusste man, dass der Stromtarif wieder zum Thema werden wird. Die Walliser Energiegesellschaft (WEG) wurde damals von Staatsrat Hans Wyer ins Leben gerufen mit dem Ziel, Energie zu Vorzugspreisen an die Industrie abgeben zu können. Heute stellen wir fest, dass dies nicht mehr im erforderlichen Ausmass der Fall ist. Und schliesslich müssen wir akzeptieren, dass die Alu-Produktion mit der Zeit nach China und Indien verlagert wird. Das ist auf die Dauer unvermeidbar. Umso wichtiger ist es, dass man sich auf neue Entwicklungen und Produkte ausrichtet.
Ein Hebel der Wirtschaftsförderung war unsere Wasserkraft, die heute unter anderem von ausländischen, stark gewinnorientierten Gesellschaften dominiert wird. Leiden wir heute unter dem Ausverkauf unseres Rohstoffs?
Im Nachhinein ist man immer klüger. Bei der Alcan rächt sich heute die Privatisierung der EnAlpin. Früher gehörte diese Elektrizitätsfirma der Alusuisse-Lonza, die unter anderem die eigenen Werke mit Strom beliefert hat. Unter Blocher und Ebner wurde diese Stromproduktion verkauft mit dem Resultat, dass die EnAlpin heute auf dem Markt für ihre Energie bessere Preise erhält und nicht bereit ist, Alcan zu einem tieferen Strompreis zu beliefern. Wenn man alles privatisiert und alles von ausländischen Firmen dominiert wird, dürfen wir nicht erstaunt sein, wenn wir im Wallis Arbeitsplätze verlieren.
Sie kritisieren auch den Staatsrat und die Wirtschaftsförderung. Ist da der Staat nicht ein wenig machtlos?
Wir haben mit den Gewerkschaften über die Bildung von sogenannten „Clustern“ gesprochen. Das ist kein Wundermittel. Aber man müsste mit branchenverwandten Betrieben für neue Dynamik sorgen, neue Produkte entwickeln und Partnerschaften suchen. Der Kanton Wallis hat viele Vorteile. Die Walliser Wirtschaftsförderung darf sich nicht bloss auf die Erhaltung bestehender Arbeitsplätze konzentrieren. Wichtiger ist es, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Dazu muss man innovativ und international aktiv sein. Aber dazu war die Walliser Wirtschaftsförderung bislang zu wenig kreativ.
Hat man den Alcan-Mitarbeitern nicht falsche Hoffnungen gemacht. Muss sich ein Hochpreisland wie die Schweiz nicht allmählich von der Schwerindustrie verabschieden?
Auf keinen Fall! Gegenwärtig haben alle europäischen Länder Probleme mit dem Energiepreis. Das bedeutet, dass wir in der Schweiz per Gesetz für solche Industrien einen tieferen Stromtarif garantieren können. Die Schweiz kann nicht nur vom Dienstleistungssektor leben ohne Industrie. Wenn es keine Industrie mehr im Wallis gibt, hat es bald auch weniger Banken, Versicherungen etc.
Das Problem sind also nicht die hohen Löhne, sondern der Strompreis?
Genau so ist es. Über die Walliser Energiegesellschaft (WEG) müssten Reserven gebildet werden, um die energieintensive Industrie mit Strom zu versorgen und so im Wallis die Arbeitsplätze zu sichern. Es ist klüger, Geld des Staates in die Stromverbilligung zu investieren, statt später Arbeitslosengelder und IV-Renten zu bezahlen.
Riskieren wir nicht, dass wir in der Walliser Kernbranche, im Tourismus, denselben Fehler machen, indem wir wichtige Bergbahnbetriebe an ausländische Investoren verkaufen?
Ich teile Ihre Einschätzung. Das zeigt das Beispiel Saas Fee. Auf Hubert Bumann folgte die Compagnie des Alpes (CDA), welche heute die Saas Fee Bergbahnen beherrscht. Ich sage nicht, dass die CDA ihre Arbeit nicht gut macht. Aber Fakt ist: Heute wird in Paris über die Zukunft der Bergbahnen Saas Fee entschieden.
Gibt es keine Alternativen?
Natürlich gibt es solche. Wenn Zermatt, Saas Fee, Crans Montana und Verbier zusammenarbeiten würden, dann hätten wir mehr Kraft als die CDA. Aber im Wallis schaut jeder zuerst für sich – bis am Ende ein ausländischer Investor die Bergbahnen übernimmt.
Warum gelingt es nicht, eine Walliser Bergbahn-Allianz zu schaffen?
Das frage ich mich auch. Hier ist schliesslich der Staat gefordert, der bei der Vergabe von Investitionshilfegeldern wirkliche Auflagen machen und neue Strukturen verlangen und durchsetzen muss.
Haben unsere Bergbahnen zu wenig Unternehmergeist entwickelt?
Das trifft mit Ausnahme von Zermatt wohl auf die meisten Walliser Bergbahnen zu. Das Wallis wollte von der Globalisierung einfach keine Kenntnis nehmen. Die CDA hat die internationalen Möglichkeiten rechtzeitig erkannt und eine entsprechende Strategie entwickelt. Aber wir Walliser glauben immer, wir seien ohnehin die Besten. Das rächt sich heute.
Unsere Väter und Grossväter hatten mehr Pioniergeist und Projekte entwickelt, an die wir uns heute nicht heranwagen würden.
Da stimme ich Ihnen zu. Vielerorts wurden grosse Projekte verwirklicht. Aber in Crans Montana wurde auch viel Boden verkauft, um sich schöne Autos zu leisten. Die Folge: Nach einigen Jahren hatten diese Leute keine Grundstücke und keine Autos mehr. Ich befürchte, dass deren Kinder heute dieselben Fehler machen.
Sie sind VR-Präsident der Bergbahnen in Crans-Montana, wo jetzt eine lokale Investorengruppe das Zepter übernehmen und Sie nach erfolgreicher Sanierung ablösen will. Ärgert Sie das?
Wir haben mit Peter Furger als Delegierten des Verwaltungsrates innert vier Jahren die Bergbahnen in Crans-Montana CMA saniert und die Schulden von 80 auf 20 Millionen reduziert. Jetzt will man eine Aktienkapitalerhöhung zur Finanzierung der Beschneiungsanlagen. Wir hätten mit Peter Furger eine Schweizer Lösung mit der Investorengruppe NEBAG gefunden. Eine einheimische Gruppe möchte nun selber einsteigen. Zum einen freut mich das Interesse der Einheimischen. Das zeigt, dass uns gemeinsam mit Peter Furger eine gute Sanierung gelungen ist. Zum anderen möchte ich verhindern, dass die einheimische Investorengruppe mit der CDA eine Koalition eingeht und plötzlich die Franzosen in Crans-Montana mitreden.
Was haben Sie gegen die CDA?
Ich habe keine Angst vor der CDA. Aber ich möchte, dass die Entscheidungen über unsere Bergbahnen auch künftig im Wallis gefällt werden.
Sie waren PTT-Generaldirektor, sind Vizepräsident im Verwaltungsrat der Direct Parcel Distribution (DPD) und sitzen unter anderem im Verwaltungsrat der WKB. Wie beurteilen Sie das Walliser Unternehmertum?
Vielen Wallisern fehlt die Risikobereitschaft. Aber es drängen immer mehr gut ausgebildete junge Walliser auf den Arbeitsmarkt. Diese Leute erwarten eine Unterstützung des Kantons, der mit Angeboten in der Verwaltung versucht, die jungen Berufsleute wieder ins Wallis zu locken. Der Kanton muss einen anderen Weg einschlagen: Das Wallis muss den Jungunternehmern mehr Risikokapital zur Verfügung stellen.
Ist der Staat zu konservativ und zu wenig offen für neue Wege und Modelle?
Leider. Früher war das Wallis in einem abgeschlossenen Markt. Heute wächst aber der Druck der Globalisierung. Ein Paradebeispiel ist die Weinproduktion: Dank einer Weinkrise wurde die gesamte Produktion modernisiert und neue Märkte – etwa in Zürich – entdeckt. Heute sind die Walliser Weinproduzenten anerkannt. Wenn wir die Herausforderung der Globalisierung akzeptieren, sind wir durchaus in der Lage, auch dort gewinnbringend zu produzieren.
Ihr Vater war Gewerkschaftssekretär. Sie sitzen für die SP im Nationalrat, aber sind in zahlreichen Unternehmungen engagiert. Haben Sie zwei Seelen in Ihrer Brust?
Nein. Ich bin mitverantwortlich für das neue Wirtschaftsprogramm der SP Schweiz. Die Gewerkschaftsarbeit meines Vaters hat mich beeindruckt und geprägt. Ich wollte immer verstehen, wie die Wirtschaft genau funktioniert. Deshalb habe ich Volkswirtschaft studiert. Es ist wichtig, in der Wirtschaft aktiv zu sein. Dort werden die Arbeitsplätze geschaffen. Dank der Wirtschaft lässt sich letztlich der Sozialstaat finanzieren. Deshalb ist es auch für einen Sozialdemokraten wichtig, in der Wirtschaft Verantwortung zu tragen.
Ihre Wahl in den Nationalrat hat einige Oberwalliser doch überrascht. Wird es im Oktober 2007 wieder zu einem Kampf Deutsch-Welsch kommen?
Ich hoffe nicht. Ich werde für die beiden SP-Sitze kämpfen. Es ist wichtig, dass das Wallis auch von zwei Sozialdemokraten vertreten wird. Es ist auch nicht mehr zeitgemäss zu glauben, dass Oberwalliser nur Oberwalliser wählen und umgekehrt. Natürlich müssen die Minderheiten gut vertreten sein. Aber gute Ausnahmen sind auch akzeptabel...
Das Verhältnis zwischen Ober- und Unterwallis hat sich in den letzten Jahren verschlechtert?
Der Wirtschaft geht es weniger gut. Deshalb hat auch der Staat weniger Geld zu verteilen. Das führt zu Spannungen. Aber ich muss zugeben: Viele Unterwalliser kennen das Oberwallis zu wenig. Das ist schade. Unsere Zweisprachigkeit ist eine enorme Chance. Dank den Oberwallisern haben wir einen guten Zugang zur Deutschschweiz. Und dank des Unterwallis haben wir gute Verbindungen in die Romandie.
2007 ist nicht nur ein Wahljahr, sondern auch das Jahr der NEAT-Eröffnung. Das Oberwallis wird sich künftig noch stärker nach Bern orientieren und weniger nach Sitten ausrichten?
Die NEAT ist eine Chance für den ganzen Kanton. Das Chablaisgebiet rund um Monthey hat von der Autobahn stark profitiert. Der Raum Brig-Visp wird einen ähnlichen Aufschwung erleben. Und das hilft dem ganzen Kanton, der dank der NEAT auch einen rascheren Zugang nach Bern und zum Wirtschaftszentrum Zürich erhält. Aber um diese Chance wirklich nutzen zu können, muss die Walliser Wirtschaftsförderung die Vorteile des erfolgsversprechenden Standortes Wallis jetzt stärker hervorstreichen.
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