D i e   a u f l a g e s t ä r k s t e   Z e i t u n g   d e s   O b e r w a l l i s

      
Eduard Imhof, Pfarrer
„Die Zeiten haben sich geändert, aber der Herrgott nicht“


 

Grengiols / Er ist ein Mann der vielen Worte und hat sich ganz und gar dem Herrgott und der Sprache verschrieben. Pfarrer Eduard Imhof (70) steht mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg und sagt: „Me müess esoo chenne rede, wie-s ejm m-beschte n’ds Müll passt.“ Im RZ-Frontalinterview nimmt er Stellung zum Priestermangel, zur Frauenarbeit in der Kirche, erzählt über seine Vorliebe zum Theater und erinnert sich an sein erstes Radio-Hörspiel.

Von Walter Bellwald
Markus Pianzola

Haben Sie Ihr Osternest schon versteckt?
Nein, nicht wirklich. Ich halte es nicht so mit dem österlichen Versteckspiel (lacht).

Was bedeutet Ihnen Ostern?
Ostern ist das Nonplusultra im Kirchenjahr. Ohne Ostern geht nichts. Die Auferstehung ist der Schlüssel zu allem im Glauben. Wenn über das Irdische hinaus nichts wäre, dann Gnad uns Gott. Wie klängen da die Beerdigungspredigten eines Pfarrers hohl.

Wie feiern Sie das Osterfest?
Als überzeugter Christ. Da ich im Moment im Ruhestand bin, helfe ich meinen Kollegen etwas aus und bin im Fiescher Altersheim im Einsatz.

Sie sind momentan Pfarrer im Ruhestand, werden aber im Sommer wieder Ihre Arbeit aufnehmen. Warum?
Weil ich gern seelsorgere. Da der Pfarrer von Grengiols Ende Juni in den Ruhestand geht, bekommt – beim jetzigen Priestermangel – unser Dorf keinen Pfarrer mehr. Da habe ich mich dem Bischof anerboten, die Pfarrei im Halbamt zu betreuen, so lange die Gesundheit hält und die Kräfte reichen.

Trotz Ihrer 70 Jahre?
Dem ist nun mal so. Leute anderer Berufsgattungen gehen mit 60 oder 65 Jahren in Pension. Wir Pfarrherren dürfen länger amten. Geht einer mit 70 Jahren, heisst es schnell einmal, warum er sich so jung schon pensionieren lasse.

Viele Pfarreien haben heute keinen eigenen Pfarrer mehr und müssen froh sein, wenn sich ein Geistlicher zumindest im Teilamt um sie kümmert. Wo sehen Sie den Grund für den Priestermangel?
Darüber schreiben Pastoraldozenten ganze Bücher. Ich glaube, die Kleinfamilie ist schon etwas schuld daran. Früher gabs in jeder Familie sechs, acht, zehn, zwölf und mehr Kinder. Viele Eltern waren froh, wenn ein Mädchen ins Kloster ging oder ein Junge Priester werden wollte. Allerdings mussten dann sämtliche Geschwister das lange Studium mitfinanzieren. Heute bei zwei Kindern bleibt wenig Bewegungsfreiheit. Die Kinder müssen das von den Eltern Hinterlassene übernehmen und ihren Betrieb weiterführen. Da bleibt das Kloster und das Priesterseminar halt auf der Strecke. Kommt hinzu, dass gegenwärtig nicht mehr alle Väter und Mütter praktizierende Gläubige sind und den kirchlichen „Tätsch“ nicht weitergeben. Recht viele beten zwar noch für geistliche Berufe, aber wenn ihr Kind ins Kloster oder ins Priestertum eintreten sollte, verwerfen sie die Hände: „Andri schoo, aber jnschi dr Gotts-Heilige-Wille njt!“

Könnte das Priestertum durch die Aufhebung des Zölibats und die Zulassung von Frauen zum Priesteramt einen Aufschwung erhalten?
Vielleicht, ich weiss es nicht. Entscheidend ist einzig, dass der von Gott Berufene intus hat, was es braucht, um ein hauptamtlicher Geistlicher zu sein. Wer den geistlichen Weg wählt, muss willens sein, sich mit Haut und Haar für Gott und den Menschen hinzugeben. Ob die Aufhebung des Zölibats diesem Anforderungsprofil entspräche, müsste zuerst abgeklärt werden. Frauen im Priesteramt würden sich „gut machen“, allerdings fehlt diesbezüglich das biblische Fundament und die kirchengeschichtliche Tradition ist in diesem Punkt auch nicht sonderlich hilfreich. Was die Eignung betrifft, stünden die Frauen den Männern „währli“ nicht nach. Die Qualitäten würden sie hochgradig besitzen.

Die Gesamtkirche hat in den letzten Jahren wegen sexueller Übergriffe auch viele negative Schlagzeilen geschrieben...
Sie sagen es. Die Medien haben dies urbi et orbi genüsslich kundgetan. Weder Priesterweihe noch Ordensgelübde machen unverwundbar. Auch wir leiden unter der Anfälligkeit zu sündigen. Allerdings, dass jeder vierte Geistliche schwul sein soll, das würde ich ebenso wenig in die Luft hinaus behaupten, wie jede vierte Dummheit sei eine Gescheitheit. Klar ist einzig: Unsere Gesellschaft ist schnell im Vorverurteilen. Man kann sich kaum noch erklären, wie ein Mönch oder eine Nonne zölibatär leben könnten, ohne dass sie geschlechtlich neben den Schuhen stünden oder versteckte Liebschaften pflegten. So einfach ist das, wenn das „Zur Ehre Gottes“ und „Um des Himmels willen“ keine Grössen mehr sind.

Noch vor dreissig Jahren hat die Presse über Sie als fortschrittlichen und aufgeschlossenen Geistlichen geschrieben. Während Ihrer letzten Amtszeit in Brig wurden hingegen Stimmen laut, wonach Sie sehr konservativ seien. Wie vertragen sich diese Widersprüche?
Wenn fortschrittlich Weiss ist und konservativ Schwarz, dann vertragen sie sich nicht. Da aber das Christentum keine Lehre, sondern eine Lebensweise ist, sieht man es einem schon an, wie man sein Leben lebt. An einem Wagen kann die Achse nicht stabil und fix genug sein, das Rad hingegen muss sich drehen, sonst kommt man nicht voran. So ists auch beim Pfarrer- und beim Christsein. Was die Bibel sagt, ist fix. Mein Leben rollt. Nun gilt es, beides zu koppeln. Dann läuft alles zweckentsprechend – oder sehen Sie sich im Zirkus die Raubtiernummer an. Löwen und Tiger springen nicht pausenlos durch brennende Reifen. Zwischendurch kehren sie auf ihre soliden Podeste zurück und sammeln Kraft und Konzentration für die nächste Nummer. So war ich denn auch immer im Grundsätzlichen fix und dem Grundbuch (der Bibel) verpflichtet. In der angewandten Seelsorge aber über alle Massen frei und beweglich.

Was hat sich während Ihrer Amtszeit in der Kirchenarbeit zum Guten und was zum Schlechten gewandelt?
Die Zeiten haben sich geändert und die Leute auch. Der Herrgott aber ist der Gleiche geblieben. Zu meiner Jugendzeit war das Dorf die Welt – jetzt ist die Welt das Dorf. Ich war Vikar in Zürich, Pfarrer in Täsch, Zermatt, Mund und Brig. „Waa hets nä de öü am beschte gfalle?“, fragen mich nachträglich alle früheren Pfarrkinder. Darauf antworte ich jeweils: „Uberall gliich güet. Äs jscht afa uberall wjee z New York.“ Die gleiche Musik, die gleichen Filme, die gleiche Mode, überall Kaugummi und Coca-Cola. Dieser Sprung vom Dorfeigenen ins Weltneue hat uns seelische Turbulenzen eingebracht. Alte denken anders als Junge. Das Früher und Jetzt gehen einander auf die Nerven. Das ist nur eine logische Folge. Passen wir auf, dass wir uns vom Strom der Zeit nicht hierhin oder dorthin treiben lassen ohne Sinn und Ziel. Wenn Tsunamis heranbrausen, ist es von Vorteil, wenn man auf einer Anhöhe wohnt und Boden unter den Füssen hat.

Neben Ihrem Amt als Seelsorger sind Sie ein Freund der Sprache und des Theaters. Woher kommt diese Leidenschaft?
Ich hatte seit Eduards-Gedenken einen Hang zum Phantasieren und Gedichte aufsagen. Ich schreibe seit immer allerhand Zeug. Als Gymnasiast wollte ich eigentlich einmal Dichter werden und Literatur studieren. Da starb mein Vater. Das holte mich auf den Boden zurück. Von da an wollte ich nur noch ins Priesterseminar. Ich dachte bei mir, ob an der Frankfurter Buchmesse zwei, drei Bücher vom Imhof fehlen würden, was nähme die Welt daran für einen Schaden? Als Geistlicher hingegen konnte ich Unzähligen den Weg zum Himmel ebnen und Trost hineinbringen ins Trostlose.

Bereits 1962 haben Sie ein Hörspiel verfasst, das vom Schweizer Radio mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde. Wie sind Sie dazu gekommen?
Mir ging in der Voralpe der Lesestoff aus und so las ich alte Zeitungen nach. Da stand es. Die Oberwalliser Radio-Hörspielgruppe schrieb einen Hörspiel-Wettbewerb aus. Der Haken war einzig, dass ich kein Schreibpapier zur Hand hatte. Da schor ich einen papierenen Gläcksack auseinander und schrieb mein Opus Nr. 1 darauf. In drei, vier Tagen war das gewisse Etwas beieinander. Ich trottete ins Dorf hinunter und habe mein Manus in die kleine Hermes-Schreibmaschine geklopft und auf den letzten Termintag hin nach Bern geschickt. Dann hörte ich lange nichts. Als ich von einer Romreise zurückkam, war Post für mich da. Ich hatte im Wettbewerb den ersten Preis gewonnen. Dabei war ich von den über zwanzig Einsendern der mit Abstand jüngste „Poet“.

Das war der Anfang Ihrer Radioarbeit?
Genau. Als ich mit den Hörspielern und Jean Daetwyler im Radiostudio Text und Musik zu Band brachte, kam zufällig der Abteilungsleiter Religion dazu und meinte, wenn er im Wallis grad einen Pfarrer fände, der sich auch etwa so ausdrücken könnte, er würde ihn sofort für das Wort zum neuen Tag anstellen. Da habe ich ihm lachend geantwortet, ich sei so ein Pfarrer, aber im Moment wohl im falschen Studio. Von da an war ich in Bern zwölf Jahre lang Gast in verschiedenen Studios.

Sie haben sich immer stark am Walliser Dialekt orientiert. Was bedeutet Ihnen Mundart?
„Mu müess esoo chenne rede, wie-s ejm m-beschte n’ds Müll passt!“ Die Sprache ist Ausdruck deiner Wesensart. „Esoo bjscht düü glismetä.“ Wenn ich vom Kollegium nach Hause kam, war es mir ein besonderes Vergnügen, nach der Messe in der Wirtschaft den Grengjer-Bauern zuzuhören. Die Bildmächtigkeit ihrer Sprache, der träfe Hinschmiss einer Tageskuriosität: Das war Musik in meinen Ohren. Wenn ich Grängjer­tjtsch schreibe, kommt dies wieder an den Tag. Die Kraft des Ursprungs überwältigt mich. Da bin ich kreativ. Wie ein Herrgott en miniature kann ich da „meinen Adam zämmepaagge“ und mit meinem Atem zum Leben erwecken.

Neben Ihrer Radioarbeit haben Sie sich auch als Theaterschreiber und –spieler einen Namen gemacht. So entstanden unter Ihrer Federführung unter anderem der Tuff von Gestelnburg und Lacrimarum Vallis, das neue Passionsspiel von Raron. Was fasziniert Sie an der Schauspielerei?
Es reizt mich, auch etwas zu versuchen, das man noch nicht kennt. Da entstehen nicht selten völlig neue Welten. Die probiert man aus, bis sie einem Herz, Mund und Ohren füllen. Besonders das Mysterienspiel hat es mir angetan.

Auch die Sunnetreelleta in Grengiols trägt Ihre Handschrift..
Ja, die ist mir in den Sinn gekommen. Goms-Tourismus machte eine Animationstour in unsere Dörfer mit der Bitte, man möchte doch etwas Innovatives unternehmen, sonst geriete man in Vergessenheit. In Anbetracht dessen, dass wir im Hochwinter anderthalb Monate „schattehalb“ keine Sonne haben und die Dorfstrasse „gottlos schtotzendi“ ist, drängte sich das Sonnenrollen geradezu auf.

Mitte April treten Sie mit dem Theaterstück „Dr Wilderer vam Ggiisiwald“ vors Publikum...
Und wie! Ich habe das dreiaktige Lustspiel „Der Wilddieb vom Kornberg“ total vergrengjert – sprachlich und landschaftlich. Nichts Üsser­schwjzerisches ist ihm mehr anzusehen. Das Publikum bekommt Grän­gjertjtsch in Reinkultur zu hören.

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