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Saillon / Die Cupgeschichte des FC Sitten kennt viele Helden. Einer der grössten unter ihnen ist Fernand Luisier. Der heute 57-Jährige holte mit den Hauptstädtern in den 70er- und 80er-Jahren drei Mal den Pokal ins Wallis. Im RZ-Frontalinterview erinnert sich das Original an vergangene Cup-Erfolge, spricht über das Phänomen des FC Sitten im Cup und zieht einen Vergleich zwischen der damaligen (Fussball-) Zeit und heute.
Von Markus Pianzola
Walter Bellwald
Fernand Luisier, welches war Ihr erstes Gefühl, als die zehnte Cupfinal-Teilnahme des FC Sitten nach dem 1:0-Halbfinalsieg über Winterthur feststand?
Das Spiel gegen Winterthur war ein echtes Cupspiel. Ich hätte nicht gedacht, dass die Zürcher so stark auftreten würden. Ich bin über die Finalqualifikation sehr glücklich. Das ist eine grosse Sache für den FC Sitten und das Wallis.
Werden Sie das Spiel am 17. April live im Stade de Suisse in Bern mitverfolgen?
Ja, ich werde die Partie mit einigen Freunden besuchen. Die letzten zwei Cupfinals mit Walliser Beteiligung habe ich nicht vor Ort mitverfolgt. Die zehnte Teilnahme ist ein Jubiläum, das ich nicht verpassen möchte.
Mit drei Siegen 1974, 1980 und 1982 sind Sie einer der grossen Helden in der Cupgeschichte des FC Sitten. Welches ist Ihre schönste Erinnerung an die damaligen Finalspiele?
1974 war Neuenburg Xamax unser Gegner. Zur Halbzeit führten wir bereits mit 3:0. Danach wurde es jedoch schwieriger für uns und wir konnten das Spiel knapp mit 3:2 für uns entscheiden. Gegen die Young Boys gewannen wir 1980 mit 2:1. Auch dieses Spiel war nicht einfach. Aber die schönsten Erinnerungen habe ich an das Finale 1982 gegen Basel. Bei diesem 1:0-Sieg gelang mir wirklich eine gute Leistung. In den ersten beiden Partien gegen Xamax und YB war ich Captain, der Druck auf mich war dementsprechend gross und ich konnte nicht meine beste Leistung abrufen. Auch 1982 war ich eigentlich Captain. Aber nach dem Halbfinalsieg gegen Servette sprach ich mit unserem damaligen Trainer und verzichtete für das Finale auf das Captainamt. Jean-Paul Brigger übernahm in der Folge diese Aufgabe. Ich konnte daher im Final viel freier aufspielen, was sich positiv auf meine Leistung auswirkte. Im Nachhinein sind es schöne Erinnerungen. Aber die Spiele selber waren schwierig. Der Druck war sehr gross, man durfte nicht verlieren. Man ist sich ja bewusst, dass die Cupserie einmal reissen wird, aber man unternimmt alles, damit es dennoch nicht passiert. Glücklicherweise ist uns dies damals sehr gut gelungen.
Legendär ist auch die Unterstützung des FC Sitten durch die Fans. Wie erlebt man diese als Spieler?
Die Unterstützung der Fans ist sehr wichtig. Im Cup hatten wir immer viele Walliser Fans, auch auswärts. Im Gegensatz dazu liessen die Zuschauerzahlen in der Meisterschaft zu wünschen übrig. Nach Luzern beispielsweise reisten manchmal vielleicht drei oder vier Walliser Anhänger mit. Die Fans können den vielzitierten zwölften Mann ausmachen und deren Bedeutung ist daher nicht zu unterschätzen. In diesem Jahr gegen YB bestreitet man zwar ein Auswärtsspiel. Trotzdem bin ich zuversichtlich und glaube nicht, dass Sitten verlieren wird.
Zu Ihrer Zeit bestand die Mannschaft fast ausschliesslich aus Walliser Spielern. Heute finden sich auf der Kaderliste vornehmlich Namen wie Vogt, Obradovic oder Regazzoni. Bedauern Sie diese Entwicklung?
Ein bisschen schon. Es fehlen zum Beispiel die Oberwalliser im Team. Man muss mir nicht sagen, dass es keine Oberwalliser mit Potenzial gäbe. Früher hatten wir Georges Bregy, Jean-Paul Brigger oder Dominque Cina, um nur einige Beispiele zu nennen. Es hatte immer auch Spieler aus dem oberen Kantonsteil in der Mannschaft. Aber auch die Unterwalliser kann man heute fast an einer Hand aufzählen. Diese Tatsache kann für das diesjährige Finale ein Vorteil oder ein Nachteil sein, ich bin mir da nicht ganz sicher. Die Spieler, die jetzt die Farben des FC Sitten vertreten, üben ihren Sport professionell aus und stehen vielleicht etwas weniger unter Druck, als es Walliser sein würden.
Aber fehlt da nicht ein wenig der Walliser Stolz?
Ich glaube nicht. Die Spieler sind zufrieden, dass sie in Sitten spielen können. Und sie haben das Publikum im Rücken. Da kommt der Stolz, das Wallis vertreten zu dürfen, automatisch. Sie können sich nicht erlauben, nicht ihr Bestes zu geben. Vor wenigen Tagen war ich an der Sion Expo und traf einige Spieler. Unter ihnen ist der Cupfinal das grosse Thema. Spätestens seit dem Halbfinale wissen sie, welche Bedeutung der Cup im Wallis hat. Und die Verantwortlichen bereiten sie sehr gut auf diese Herausforderung vor.
Neun Mal stand der FC Sitten bislang im Finale, neun Mal ging der Cup anschliessend auch ins Wallis. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?
Ich glaube, der Cup ist für den FC Sitten und das ganze Wallis etwas Aussergewöhnliches, etwas ganz Spezielles. Es lässt sich nur schwer erklären, was genau dieses Phänomen ausmacht. Man sagt ja immer, dass jede Serie einmal zu Ende geht. Aber es darf nicht dieses Jahr passieren. Schliesslich wollen wir mit dem zehnten Sieg im zehnten Endspiel ein Jubiläum feiern (lacht).
Ist Ihrer Meinung nach der Cup für die Walliser wichtiger als die Meisterschaft?
Wichtiger würde ich nicht sagen. Zu meiner Zeit hatten wir eine gute Equipe, aber auf die Länge hatten wir Mühe. Es fehlte die Konstanz, um im Kampf um die Meisterschaft ein Wörtchen mitreden zu können. Nur 1984, kurz vor meinem Karriereende, waren wir nahe dran. Später hat man dann zwar den Meistertitel erreicht, aber dafür waren grosse finanzielle Aufwendungen nötig.
Am Ostermontag findet sich der FC Sitten als unterklassiger Verein in der Aussenseiterrolle wieder. Was braucht es, um die Überraschung zu schaffen?
Für mich wäre ein Sittener Sieg keine Überraschung. Einverstanden, Sitten spielt derzeit in der Challenge League. Aber das Budget und die Mannschaft sind bereits Super League-würdig. Man hat ein gutes Kollektiv und könnte auch ohne grössere Probleme in der höchsten Klasse mitspielen. Die Young Boys haben höchstens den Vorteil des höheren Rhythmus. Aber in einem Cupfinale kann dieser Nachteil wettgemacht werden.
Obwohl man sowohl vom Kader als auch vom Budget her in der Super League konkurrenzfähig wäre, bekundet man aber Mühe, sich in der Challenge League durchzusetzen.
Es ist immer schwierig aufzusteigen. Man spricht so viel von Sitten und auch von seinem Präsidenten, das erhöht den Druck und die Erwartungshaltung. Für die Walliser ist praktisch jedes Meisterschaftsspiel ein Cupspiel. Alle wollen Sitten ein Bein stellen. Die Rückkehr in die Super League kann für das Team deshalb nicht zum Spaziergang werden und man muss um jeden Punkt kämpfen. Als ich damals zum FC Sitten kam, war der Club ebenfalls zweitklassig. Im darauffolgenden Jahr haben wir den Aufstieg problemlos geschafft. Bereits fünf oder sechs Spiele vor Meisterschaftsende hatten wir unser Ziel bereits erreicht. Und dies mit nur wenig erfahrenen Spielern im Kader. Aber man kann den Fussball damals und heute nicht vergleichen.
Wo liegt der Unterschied?
Es geht alles viel schneller. Natürlich ist auch das Umfeld viel professioneller geworden. Die Spieler werden zum Beispiel medizinisch viel intensiver betreut und es sind alles Vollprofis. Wir gingen noch einem Beruf neben dem Fussball nach. Das bedaure ich ein wenig, dass ich nie die Möglichkeit hatte, meinen Sport wirklich professionell ausüben zu können. Das wäre eine sehr interessante Erfahrung gewesen.
1984 haben Sie Ihre Aktivkarriere beendet und sind seither als Weinbauer tätig. Kreieren Sie einen speziellen Wein anlässlich des diesjährigen Cupfinals?
Nein. Der FC Sitten ist mein Club. Aber ich möchte nicht meine privaten Interessen mit Geschäftlichem vermischen. Im Übrigen ist einer der Hauptsponsoren des Clubs ein Weinproduzent, den ich persönlich kenne. Würde ich nun anlässlich des Cupfinals etwas Spezielles lancieren, würde dies nur zu Unstimmigkeiten führen. Aber es ist schon so, dass mein Weinhandel nicht unbedingt schlechter läuft, wenn der FC Sitten einen Cupfinal erreicht (lacht).
Seit Ihrem Rücktritt sind nunmehr 22 Jahre vergangen. Welche Rolle spielt der Fussball heute in Ihrem Leben?
Die ersten zwei, drei Jahre nach dem Karriereende waren schwierig. In Sachen Familie und auch im Geschäft lief eigentlich alles gut, aber es fehlte der Adrenalinkick, wenn man auf dem Platz steht. Drei Jahre nach dem Ende meiner Aktivzeit musste ich mir endlich klarmachen, dass es noch andere Dinge neben dem Fussball gibt. Ich habe mit vielen zurückgetretenen Spielern geredet und sie sagen alle dasselbe: Der Rücktritt vom Fussball ist so etwas wie ein kleiner Tod. Es ist nicht einfach, damit umzugehen, aber man muss diese schwierige Zeit irgendwie überstehen. Da hat man keine Wahl. Fussball ist mein Leben und ich bin ihm immer verbunden geblieben. Ich besuche regelmässig Spiele des FC Sitten, vor allem auswärts. Das gibt mir auch die Möglichkeit, alte Freunde zu treffen und mit ihnen ein Spiel zu schauen. Auch die Europameisterschaft 2004 habe ich live erlebt und diesen Sommer werde ich nach Deutschland an die Weltmeisterschaft fahren.
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