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Beat Jost, Naters, Bundeshausredaktor des SonntagsBlick
„Der Journalist muss sich die Indiskretionen auch verdienen“


 

Bern / Naters / Die von ihm und seinem Redaktionskollegen Sandro Brotz im SonntagsBlick publizierte Geschichte über den ägyptischen Geheimfax und die Existenz der CIA-Gefängnisse sorgte weltweit für Aufsehen. Jetzt haben die beiden Autoren die Vorgänge und Hintergründe in einem Buch vertieft dargestellt. Im grossen RZ-Interview spricht Beat Jost über seine Arbeit, Drohungen und das Biotop Bundeshaus.

Von German Escher
Walter Bellwald

Seit Ihrer Story über den abgefangenen Fax sind Sie zumindest in der Medienszene ein berühmter Mann. Erfüllt Sie das mit Stolz?
Meine persönliche Befindlichkeit tut nichts zur Sache. Es geht um die empörenden, menschenrechtswidrigen Praktiken des US-Geheimdienstes CIA in Europa. Wenn man auf etwas stolz sein kann, dann auf den SonntagsBlick, der mit der Enthüllungs-Story einen Beitrag zur nötigen Aufklärung dieses Skandals leistete. Das wird uns übrigens auch von Dick Marty attestiert, dem Europarat-Sonderermittler in der CIA-Affäre.

Hand aufs Herz: Jeder Journalist träumt von einer solchen Story. Haben Sie Freudensprünge gemacht?
Dafür bin ich etwas zu alt und zu schwer. Aber ich gebe zu, das Herz schlägt schon etwas schneller, wenn man plötzlich so ein Geheimdokument in den Händen hält. Aber man weiss auch gleich: Jetzt beginnt erst das Handwerk, die Arbeit, das Recherchieren. Die grösste Geschichte ist nichts wert, wenn man sie nicht hieb- und stichfest machen kann. Schliesslich muss sich der Journalist die Indiskretionen auch verdienen.

... damit der anonyme Finder des geheimen Fax weiss, wo er diesen abgeben muss?
Genau. Nur wer Themen hartnäckig verfolgt und die Geschichten auf den Punkt bringt, kommt zu Informanten und wichtigen Informationen.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das Geheimdokument über den ägyptischen Fax in den Händen hielten?
Zuerst dachte ich, das ist so unglaublich, das kann nur Pipifax sein. Anders mein Kollege Sandro Brotz, mit dem ich die Fax-Geschichte und das Buch zur CIA-Affäre geschrieben habe. Er hat dank seinen profunden Kenntnissen der Geheimdienst-Branche die Brisanz des Dokuments sofort erkannt.

Wie gings dann weiter?

Zwei Dinge waren wichtig: Wir verfügten erstens über ein Dokument, in dem Ägypten als weltweit erster Staat aufgrund eigener Quellen die Existenz der CIA-Geheimgefängnisse bestätigt. Und zweitens hatten die Schweizer Behörden trotz bisher gegenteiligen Behauptungen seit Monaten Kenntnis davon. Doch die entscheidende Frage war: Ist das Geheimdienst-Dokument echt? Darauf haben sich unsere Recherchen in Bundesbern und in den Geheimdienstkreisen konzentriert. Ohne die offizielle Bestätigung des VBS hätten wir mit der Publikation zugewartet, obwohl uns Geheimdienstleute inoffiziell die Echtheit bereits bestätigt hatten.

Es gab Druckversuche, die Geschichte nicht publik zu machen.
Es vergingen 48 Stunden, bis der Armeechef Keckeis auf unsere Fragen reagierte. Doch dann kam die Bestätigung quasi amtlich beglaubigt. Keckeis drohte uns schriftlich mit Strafverfahren, wenn wir das hoch sensitive und als geheim klassifizierte Dokument veröffentlichen würden.

Hatten Sie eigentlich nie Selbstzweifel?
Nein. Alle Beteiligten waren überzeugt, dass eine so brisante Information publiziert werden muss, wenn sie stimmt. Dabei war uns bewusst, dass wir uns auf einem sehr heiklen Terrain bewegen. Deshalb sind die Recherchen redaktionsintern jederzeit und bis am Schluss kritisch hinterfragt worden.

Ihr Artikel im Sonntagsblick stiess weltweit auf grosses Interesse. Aber inhaltlich hat sich zumindest in der Schweiz wenig verändert. Hat Sie das geärgert?
Wir wollten eine Diskussion zur CIA-Affäre und keine unnütze Debatte über das Leck im Geheimdienst. Es war absehbar, dass man sich in der Schweiz stark auf die Frage der Indiskretion konzentriert. Das hat uns anfänglich geärgert. Es gab jedoch auch Ausnahmen. Etwa die Basler Zeitung, der Tages-Anzeiger und später auch das Schweizer Fernsehen befassten sich intensiv mit der inhaltlichen Tragweite der Enthüllung. Dagegen haben der Bundesrat und die politisch wichtigen Kräfte mit allen Mitteln versucht, die Bedeutung und den Inhalt dieses Dokuments herunter zu spielen und zugleich die Veröffentlichung als Landesverrat zu denunzieren. Die Devise des bundesrätlichen Schweigekartells war: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.

Wie haben Sie die Reaktion der ausländischen Medien erlebt?
Das Textarchiv von Ringier hat für uns sämtliche Publikationen ausgedruckt, die im Anschluss an unseren Artikel erschienen sind. Diese Dokumentation umfasst 600 A4-Seiten. Wenn man im Guardian, in der New York Times, in China oder Malaysia zitiert wird, wird deutlich, dass die Bedeutung unseres Artikels international wahrgenommen wurde.

Am 20. April wird in Brig Ihr Buch über die von Ihnen aufgedeckte CIA-Affäre präsentiert. Warum soll der Leser jetzt noch das Buch kaufen?
Unser Buch ist zum einen eine Dokumentation über die politischen Vorgänge vor und hinter den Kulissen des Bundeshauses. Zum anderen zeigen wir auch auf, wie der Geheimdienst funktioniert, wie man einen Fax aus dem Weltraum fischt und wer welche Rolle spielte. Und das Buch ist auch ein Lehrbeispiel, wie Politik funktioniert, wenn es darum geht, ein heisses Thema vom Tisch zu wischen. Es ist also letztlich auch ein Buch gegen das Verschweigen und Vertuschen.

Die Tatsache, dass diese Buchvernissage in Ihrer Heimat stattfindet, wo Sie eine wechselhafte Karriere als Journalist, Gewerkschafter und SP-Politiker durchlebt haben, muss Sie mit besonderer Genugtuung erfüllen?
Klar, Heimspiele sind immer etwas Spezielles. Darum freue ich mich auf die ZAP-Arena am Donnerstagabend in Brig ganz besonders.

Hat sich Ihre journalistische Arbeit seit der Enthüllungsgeschichte verändert?
Extrem. Wir müssen davon ausgehen, dass wir wegen Verletzung militärischer Geheimnisse überwacht werden, dass Bundesanwaltschaft und Militärjustiz unsere Telefone, Mails und Faxe abfangen. Da kann es schon vorkommen, dass ich einen ahnungslosen Anrufer abblocken und auf ein gelegentliches Kaffee vertrösten muss. Wir sind übrigens nicht die Einzigen, die damit konfrontiert sind. Journalisten verschiedener Schweizer Zeitungen wird – besonders im Umgang mit Vertretern des Bundes – regelrecht nachgestellt. Das Resultat ist ein Klima der Angst. Informationen fliessen nicht mehr so, wie sie fliessen müssten. Die journalistische Aufgabe, Transparenz zu schaffen, wird so gezielt erschwert und verunmöglicht.

Der Bundeshauspresse wird nachgesagt, sie sei Teil des Systems, die von Indiskretionen lebt. Fehlt den Bundeshausjournalisten die nötige Distanz zu Parlamentariern und Behörden?
Das Bundeshaus ist ein Biotop, in dem sich die Politiker, Beamte, Lobbyisten und Journalisten bewegen und gegenseitig bewirten. Das Problem der Journalisten ist, dass sie die Nähe zu den politischen Akteuren suchen müssen und trotzdem die nötige Distanz wahren sollten. Die Gefahr ist effektiv gross, dass Medienschaffende zum Bestandteil des Berner Politbetriebs werden.

Das ist eine heikle Gratwanderung?
Mitunter schon. Wichtig ist, dass man beherzigt, was der„Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein einmal treffend formulierte: „Ein Journalist kann Freund des Politikers auf Dauer nicht sein“. Ein weiteres Problem ist das Heer von Kommunikationsbeauftragten, das mittlerweile auch in der Bundesverwaltung beschäftigt wird. So wird jede bundesrätliche Äusserung, jede Pressemitteilung und jedes Interview zur propagandistischen Stabsübung. Selbst kompetente und hoch bezahlte Chefbeamte bekommt man kaum mehr an den Draht und wenn sie etwas sagen dürfen, wird das erst noch von den Kommunikationsleuten abgesegnet.

Sie selber haben das Lager mehrmals gewechselt. Zunächst waren Sie WB-Journalist, dann bei der Roten Anneliese, später Walliser SP-Grossrat, Gewerkschafter, Sekretär der SP-Bundeshausfraktion und dann wieder Journalist. Welche Rolle spielen Sie eigentlich heute?
Ich bin Mitglied der SP, aber ich gehöre nicht mehr zum operativen Personal. Man kann Politiker sein, man kann Journalist sein, aber nicht beides gleichzeitig. Medienschaffende haben eine andere Aufgabe. Der Politiker muss Interessen vertreten und durchsetzen – der Journalist muss Transparenz darüber schaffen. Ich habe keine Probleme mit dieser Rolle – auch wenn mir einzelne Kreise gerne unterstellen, ich würde hier einen politischen Kampf fortsetzen. Das ist ganz klar nicht der Fall. Aber ich bin ebenso klar der Meinung, dass ein Journalist eine Haltung haben muss und diese auch zeigen soll. Ich halte nichts von platt gewalztem Verlautbarungsjournalismus, bei dem man sich bequem hinter aneinander gereihten Zitaten versteckt und der Leser am Schluss fragt: Und was jetzt? Die Fakten müssen stimmen und alle Involvierten zu Worte kommen – aber leben, beben und saften darf es schon.

Ist es Aufgabe des Journalisten, selber in die politische Debatte einzugreifen?
Wenn es Themen gibt, um die sich die Politik nicht ernsthaft genug kümmert, ist es sehr wohl auch Aufgabe der Medien, Missstände aufzudecken und den Anliegen der Menschen eine Stimme zu geben. Information ist keine Einbahnstrasse von oben nach unten. Information muss auch in die umgekehrte Richtung fliessen.

Die Sonntagspresse bestimmt die politischen Themen der Woche. Sind Sie sich dieser Machtfülle eigentlich noch bewusst?
Von Macht zu reden, scheint mir übertrieben. Die Macht der Medien beklagen meistens jene, die die Medien disziplinieren und für ihre eigenen Spielchen einspannen wollen. Natürlich hofft jeder Journalist, dass seine am Sonntag publizierte Geschichte in den Folgetagen weiter dreht. Aber es ist nicht nur die Sonntagspresse, welche die Themen bestimmt. Am Sonntag ist der Kampf vielleicht noch etwas grösser und damit auch der Druck, möglichst exklusive oder zumindest zugespitzte Geschichten im Blatt zu haben.

Sie sind seit rund 30 Jahren Journalist. Wie beurteilen Sie die Veränderung der Medienlandschaft?

Der Informationsfluss ist heute gewaltig. Trotz dieser Flut über die elektronischen Medien und das Internet konnten sich die Zeitungen gut behaupten. Zeitungen werden auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen – ganz besonders im regionalen Bereich.

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