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Annelore Sarbach, Schauspielerin und Regisseurin
„Das Theater ist ein Ventil , um Dampf abzulassen“


 

Naters / Hamburg / Sie besuchte die Schauspiel-Akademie in Zürich und stand auf vielen Bühnen in Deutschland und der Schweiz. Die gebürtige Natischerin Annelore Sarbach (50) lebt in Hamburg und probt zurzeit an ihrem Bühnenstück zu den „100 Jahr Feierlichkeiten des Simplontunnels“. Im RZ-Frontalinterview schaut sie hinter die Kulissen dieses Stücks, nimmt uns mit auf die Bretter, die die Welt bedeuten und sagt: „Theater ist Leidenschaft.“

Von Walter Bellwald
Denise Jeitziner

Sie proben zurzeit für ihr Stück zu den Feierlichkeiten „100 Jahre Simplontunnel“. Was darf der Besucher erwarten?
Das Stück erzählt die Geschichte vom Simplon. Das fängt an bei den Säumern, den Arbeiten am Simplontunnel und zieht sich durch bis in die heutige Zeit. Es war nicht sehr einfach, die 100-jährige Geschichte in knapp zwanzig Minuten zu verpacken. Um dieser spannenden Geschichte gerecht zu werden, reicht die Zeit nicht aus. Aber ich habe trotzdem versucht, einige Elemente der damaligen Zeit in das Stück einfliessen zu lassen.

Wie sind Sie dazu gekommen, ein Bühnenstück zu den Jubiläumsfeierlichkeiten des Simplontunnels zu schreiben?
Der Theaterplatz Wallis hat mich angefragt, für die Feierlichkeiten der SBB diesen Part zu übernehmen. Anfangs habe ich ein bisschen gezögert, weil es, wie gesagt, recht schwierig ist, die Ereignisse der damaligen Zeit in einem Kurzstück zusammen zu fassen. Aber da mich die Tunnelgeschichte sehr interessiert, habe ich zugesagt. Der Bau des Simplontunnels weist ja teilweise recht traurige Kapitel auf. Das wäre Stoff für ein längeres Theaterstück.

Wie lange üben Sie schon für den grossen Auftritt?
Allein für die Aufarbeitung der Geschichte und die Entstehung des Stücks musste ich einen Monat aufwenden. Das mit den Proben ist so eine Sache. Wir haben insgesamt zwei Wochen Zeit zum Üben. Ohne das grosse Engagement der Schauspieler wäre es unmöglich, in so kurzer Zeit ein solches Stück auf die Beine zu stellen. Umso mehr freut es mich, dass sich die Laienschauspieler so ins Zeug legen und derart bei der Sache sind.

100 Jahre nach seiner Entstehung feiert der längste Alpentunnel seinen runden Geburtstag. Was bringen Sie mit diesem Bauwerk in Verbindung?
Wenn man sich mit der Materie auseinandersetzt, wird einem erst bewusst, was dieses Jahrhundertbauwerk alles bewirkt hat. So wurden während der Bauphase des Tunnels an der Landstrasse in Naters allein in einem Jahr rund fünfzig neue Wirtschaften eröffnet. Auch das sogenannte Negerviertel, wo die Gastarbeiterfamilien lebten, ist legendär. Ich bin in Naters geboren, im Café Promenade, das später Café Sport hiess, ein Überbleibsel der Tunnelzeit. Wenn ich heute an der Landstrasse in Naters spazieren gehe, berührt mich das sehr. Es ist anders, wenn man eine Strasse entlang geht und man um die Vergangenheit weiss. Ich habe mir auch vorgenommen, noch mehr aus dieser Zeit zu erfahren.

Fahren Sie gerne durch den Simplontunnel in den Süden?
Ja, ich fahre oft nach Domodossola. Ich bin schon als Kind gerne in den Süden gefahren. Es ist auch schon vorgekommen, dass, wenn ich von Hamburg gekommen bin, eine Schwester von mir in Brig zugestiegen ist und wir zusammen nach Domo weitergefahren sind, um auf der Piazza einen Café zu trinken (lacht).

Trotzdem haben Sie Ihr Domizil im Norden aufgeschlagen. Warum haben Sie sich gerade in der Hansestadt Hamburg niedergelassen?
Aus beruflichen Gründen. Nach der Schauspiel-Akademie in Zürich habe ich von der Bühne in Hamburg ein Engagement erhalten und habe mich für zwei Jahre hier niedergelassen. Zwischenzeitlich war ich auf anderen Schauspielbühnen in der Schweiz und in Deutschland tätig. Als Schauspieler ist man Zigeuner. Man wechselt regelmässig seinen Arbeitsplatz und muss sehr flexibel sein. Jetzt bin ich wieder seit dreizehn Jahren in der Hansestadt ansässig und arbeite mal hier, mal dort. Weil mein Sohn jetzt noch in die Schule geht, ist es für mich wichtig, einen fixen Wohnsitz zu haben.

Sie haben die Schauspiel-Akademie in Zürich besucht und waren schon auf vielen Schauspielbühnen tätig. Was bedeutet Ihnen die Schauspielerei?
Ich brauche die Auseinandersetzung mit dem Theater. Theater ist Leidenschaft. Man muss dieses Metier gern haben, um sich den Bedingungen, die teilweise recht schwierig sind, zu stellen.

Neben dem Schauspielen sind Sie als Autorin und Regisseurin tätig. Welche Aufgabe macht Ihnen am meisten Spass?
Schon als Kind hat mich das Theater als Ganzes fasziniert. Ich habe schon damals mit einer Schulfreundin zusammen in unserer Garage ein Theater eingerichtet, wo wir kleine Aufführungen machten und dafür Eintritt verlangten. Von dem Erlös haben wir uns später ein Glacé gekauft. Für mich war Theater immer schon ein Gesamtwerk. Sowohl Regisseur wie Spieler bringen etwas ein und daraus entsteht letztendlich das Gesamtstück. Genau das fasziniert mich. Nach meinem Abschluss an der Schauspiel-Akademie in Zürich hatte ich das Glück, als Schauspielerin gleich interessante Angebote zu bekommen. Dadurch habe ich die Regiearbeit ein bisschen vernachlässigt. Aber jetzt will ich unbedingt auch Regie führen. Für mich ist es einfach wichtig, in allen Sparten aktiv zu sein.

Und was ist die grösste Herausforderung?
Im Idealfall kann man sich sowohl als Regisseur, Autor und Schauspieler einbringen. Als Regisseur die Fäden in der Hand zu halten, ist sehr spannend. Aber auch als Schauspieler auf der Bühne zu stehen, ist mir sehr wichtig. Man versetzt sich in einen anderen Zustand und fühlt sich in eine andere Person. Der eigene Charakter und die eigene Persönlichkeit müssen während dieser Zeit zurückstehen. Das kann sehr erholsam sein, selbst wenn man eine schwierige Charakterrolle wiedergeben muss.

Hilft diese Rollendarstellung auch, andere Menschen besser zu verstehen?
Das ist schwer zu beantworten. Das ist sicher sehr individuell. Ich glaube, man muss sich mit der Figur befassen, bevor man sie spielt. Wenn man einer Rolle nicht das nötige Verständnis entgegenbringt, kann man sie nicht annehmen und entsprechend auch nicht spielen.

Sie sind nicht nur auf der Bühne zu Hause, sondern haben auch schon in verschiedenen Spielfilmen mitgewirkt, so unter anderem in Jeremias Gotthelfs „Die schwarze Spinne“. Welche Rolle hat Sie am meisten geprägt?
Ich war jahrelang auf der Theaterbühne beschäftigt und hatte praktisch keine Zeit, Filmrollen zu übernehmen. Früher waren diese Sparten mehr getrennt. Das hat sich heute gelockert. In Fernsehspielen wie „Die heilige Johanna“ oder „Die schwarze Spinne“ habe ich sehr gerne mitgespielt. Das hatte sicher auch mit dem Charisma des Regisseurs Werner Düggelin zu tun. Aber es ist schwierig zu sagen, welche Rolle mich am meisten geprägt hat.

Das Schauspielen hat im Wallis eine lange Tradition. Auf vielen Dorfbühnen werden regelmässig Theaterstücke aufgeführt. Worauf führen Sie diese theatralische Verbundenheit zurück?
Das Bedürfnis nach Theater ist sicher in jedem Menschen vorhanden. Theater war immer schon ein Ventil, aus sich herauszukommen und sich zu entspannen. Ich finde es gut, wie hier bei uns in vielen Dörfern Theater gespielt wird. Wenn ich Zeit habe, schaue ich mir auch sehr gerne ein Theater einer Dorfbühne an. Ich erinnere mich beispielsweise an eine Aufführung in St. Niklaus, die aus verschiedenen Kulissen bestand. Nach jedem Bild war zehn Minuten Pause. Während der Pause haben sich die Zuschauer lebhaft und angeregt darüber unterhalten. Auch die Fasnacht, die im Oberwallis ja hochgehalten wird, ist eine Art Theater, in der man sich verkleiden und vom eigenen Ich erholen kann.

Trotzdem wird der Beruf des Schauspielers zwiespältig wahrgenommen. Hat der Walliser zu wenig Kulturbewusstsein?
Nein, wieso? Im Gegenteil: Im Wallis gibt es sehr viel Kultur. Viele, die Kultur schaffen, sei es als Beruf oder neben dem Beruf. Kultur ist ein sehr breiter Begriff. Das kann im Entferntesten auch der Umgang miteinander sein.

Mit der Gründung des Théâtre Pro soll das professionelle Theater im Wallis gefördert werden. Dazu wurden Kulturschaffende aus dem ganzen Kanton beigezogen. Wie beurteilen Sie dieses Projekt?
Théâtre-Pro-VS ist ein Förderungsprogramm, um das professionelle Theaterschaffen im Oberwallis für Walliser Theaterprofis zu ermöglichen. Es verfolgt mehrere Ziele: So sollen unter anderem heimische Schauspieler und Regisseure die Möglichkeit bekommen, im Wallis zu arbeiten und professionelles Theater zu spielen. Dass der Staat Wallis und die Loterie Romande dieses Projekt finanziell unterstützen, finde ich eine wunderbare Sache. Das professionelle Theater soll aber die bereits bestehende Kultur nicht ersetzen oder verhindern.

Nach Ihrem Abstecher ins Wallis werden Sie wieder nach Hamburg zurückkehren. Was für Projekte stehen als nächstes an?
Im Juni inszeniere ich in einem Theater ausserhalb Hamburgs „Ende vom Anfang“ von Sean O'Casey. Das ist ein sehr spannendes und vor allem lustiges Projekt.

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