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100 Jahre Simplontunnel
Das Tor zum Wirtschaftsaufschwung


 

Brig / Iselle / Vor 100 Jahren wurde in Brig der Simplontunnel feierlich eröffnet und damit ein Tor zum wirtschaftlichen Aufschwung des Oberwallis aufgeschlagen.

Von German Escher

Der Spatenstich zum Jahrhundertbauwerk erfolgte im August 1898. Es war ein technisch und logistisch anspruchsvolles Bauvorhaben. Aber den härtesten Job hatten die Tun-nelarbeiter. „Am meisten zu schaffen machten den Arbeitern die hohen Temperaturen von bis zu 30 Grad. Die Gesteinstemperatur betrug sogar bis zu 52 Grad. Zudem waren die Arbeiter schlecht geschützt. Helme beispielsweise kannte man zu jener Zeit noch nicht“, erklärt Bernhard Fantoni, dessen Grossvater selber im Tunnel tätig war. Dank dieser familiären Verbundenheit hat Fantoni, der später als Bauunternehmer selber während insgesamt 17 Jahren Arbeiten im Tunnel ausführen durfte, eine umfangreiche Sammlung zusammengestellt, die teilweise in Brig ausgestellt ist.

Ein hoher Preis
Die Tunnelarbeiten waren nicht ungefährlich: Zahlreiche Wassereinbrüche und Felsabbrüche haben die Arbeit erschwert. Während den Bauarbeiten der ersten Tunnelröhre kamen insgesamt 67 Menschen um. Wie viele Arbeiter an den Folgen der Silikose starben, weiss heute niemand genau. Im Spital der Bauunternehmung soll der damalige Tunnelarzt Doktor Pometta unzählige Arbeiter behandelt haben – die einen wegen Arbeitsunfällen oder Silikose, die anderen nach Schiessereien oder Messerstechereien. Die harten Bedingungen und die schlechte Entlöhnung von drei bis knapp fünf Franken am Tag sorgten denn auch für Unruhe und mehreren Streiks.
Der Bau des Simplontunnels hat die Region nachhaltig geprägt wie wohl kein anderes Bauvorhaben. Das soziale und wirtschaftliche Leben hat sich schlagartig verändert. Um die Jahrhundertwende wohnten in der Region Brig-Naters über 4000 Gastarbeiter, die meisten von ihnen in Naters. Die Wohnverhältnisse waren bescheiden und wurden sogar von ausländischen Medien kritisiert. „Die meisten Gastarbeiter stammten aus einfachen Verhältnissen und waren sehr sparsam“, erklärt Bernhard Fantoni, dessen Grossvater das Café Promenade in Naters geführt hat. Trotz eines Monatslohnes von 106 Franken und Mieten von bis zu 30 Franken haben viele Italiener einen Teil des Gehalts in ihre Heimat geschickt. Im Jahr 1905 hat die Post Brig insgesamt rund zwei Millionen Franken nach Italien überwiesen.

Ein weiteres Jahrhundertwerk
Die feierliche Eröffnung des Simplontunnels erfolgte am 19. Mai 1906 im Beisein des italienischen Königs. Fortan war der längste Eisenbahntunnel der Welt das Tor zum Süden. Der berühmteste Zug war der Simplon-Orient-Express, der bis 1964 zwischen Paris und Istanbul verkehrte. Brig wurde zum internationalen Eisenbahnknotenpunkt, der das wirtschaftliche Leben im Oberwallis nachhaltig prägen sollte.
Ein vergleichbar grosses Jahrhundertwerk wird im Dezember 2007 eröffnet: der Lötschberg-Basistunnel. Dadurch wird das Oberwallis noch besser ans internationale Hochleistungseisenbahnnetz angeschlossen und der nunmehr 100-jährige Simplontunnel nochmals aufgewertet.

Die Italienerin Corinna de Martini (85) erinnert sich an ihre Kindheit in Naters
Negerdorf und Bohnensuppe

Brig-Glis / Naters / Ihr Vater floh wegen dem 1. Weltkrieg aus Italien in die Schweiz und arbeitete von 1916 bis 1918 bei der Arbeiterkontrolle im Simplontunnel. Corinna de Martini: „Mein Vater konnte sich hier mit zwei deutschen Worten durchschlagen.“

Von Denise Jeitziner

1914 kam Evasio de Martini in die Schweiz. Seine Frau und seine beiden Kinder musste er in Mailand zurücklassen. „Anfangs hat er in einer Kohlegrube in Chexbres im Waadtland gearbeitet. Dort hat er vermutlich erfahren, dass Arbeiter für den Simplontunnel gesucht werden“, erzählt Corinna de Martini. Ihr Vater zögerte nicht lange und machte sich auf nach Naters. „Meine Mutter, mein Bruder und meine Schwester konnten zu der Zeit auch endlich in die Schweiz kommen“, berichtet die 85-Jährige, die heute in Brig-Glis wohnt. Sie war damals noch nicht geboren. Von ihrer Schwester weiss sie jedoch, dass die kleine Familie, wie die meisten italienischen Simplontunnel-Arbeiter, im so genannten Negerdorf wohnte. Mit schäbigen Baracken mussten sich die Gastarbeiter begnügen. Doch war das legendäre Italienerviertel auch voller Leben. Über 50 Wirtschaften soll es dazumal in Naters gegeben haben.
Die meisten Bars und Restaurants sind inzwischen verschwunden, doch ein paar der alten Wohnhäuser von damals sind noch heute an der Landstrasse zu sehen.

Zwei Worte Deutsch reichten
Ein altes Arbeitszeugnis belegt, dass Evasio de Martini am 14. März 1916 seinen ersten Arbeitstag als Arbeiterkontrolleur im Simplontunnel antrat, jedoch ohne auch nur ein Wort Deutsch zu sprechen. Zum Glück brauchte er für seine Arbeit nicht viel zu verstehen: Zwei Worte reichten vollkommen aus. „Damals mussten sich alle Arbeiter eingangs Simplontunnel bei meinem Vater mit einer Marke ausweisen. Und die beiden Worte, die er dabei immer wieder hörte, waren „verloren“ und „vergessen“, lacht Corinna de Martini herzhaft.

Gesamte Schulzeit auf Italienisch
Nach zwei Jahren im Simplontunnel konnte Evasio de Martini zwar immer noch kein Deutsch, übernahm dann aber die Pension Lötschberg in Naters. „Das war kein Problem, die meisten Gäste waren französischsprachige Ingenieure, die für die Elektrifizierung der Bahnlinie nach Lausanne zuständig waren.“ Drei Jahre später wurde Töchterchen Corinna geboren. „Ich habe meine gesamte Kindheit in Naters verbracht.“ Auch sie kam ohne Deutsch über die Runden. Kindergarten und Primarschule, alles war auf italienisch. Hätte sie nicht in die deutsche Schule gehen können? „Schon, aber bei uns zu Hause haben ja alle nur italienisch gesprochen. Und wer hätte mir dann mit den Hausaufgaben geholfen?“, meint sie verschmitzt. Übrigens schickten auch die Natischer ihre Sprösslinge in den italienischen Kindergarten, denn einen deutschen gab es nicht. Dort wurde zu Mittag jeweils die berühmte Suppe mit den grossen Bohnen serviert. „Meine Schwester mochte die Bohnen überhaupt nicht und zerdrückte sie immer.“ Essen musste sie sie wohl oder übel trotzdem.

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