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Raron / Seit siebeneinhalb Jahren ist sie Koordinatorin der Aidshilfe Oberwallis und kämpft an vorderster Front gegen die Verbreitung des HI-Virus. Im RZ-Frontalinterview spricht Sylvia Bittel-Ruffener (53) über ihre vielschichtige Tätigkeit, die Unterschiede zwischen Aidsprävention bei Männern und Frauen und über Zukunftsprojekte der Organisation.
Von Markus Pianzola
Rahel Escher
Seit 20 Jahren existiert die Aidshilfe schweizweit, seit 18 Jahren auch im Oberwallis. Trotzdem weist unser Land eine der höchsten HIV-Neuinfektionsraten in Westeuropa auf. Hat die Aidsprävention versagt?
Nein. HIV und Aids haben an Bedrohlichkeit verloren, die Schreckensbilder der 80er und 90er-Jahre sind aus den Köpfen der Bevölkerung verschwunden. Dass Aids nach wie vor eine tödliche Krankheit ist und dass es bis heute immer noch keine Heilung gibt, wird oft nicht mehr wahrgenommen. Eine gewisse Kondommüdigkeit und eine grössere Risikobereitschaft sind Realität. Zudem stehen weniger finanzielle Mittel für die Präventionsarbeit zur Verfügung, die jedoch nach wie vor in gezielte Projekte investiert werden.
Anfangs der 80er-Jahre, als die Epidemie erstmals auftrat, waren vor allem Homosexuelle betroffen. Wie sieht es heute aus?
Die Neuansteckungen bei den Homosexuellen sind weiterhin sehr hoch. Bei fünfzig Prozent der Fälle wird HIV jedoch beim heterosexuellen Geschlechtsverkehr übertragen. Hingegen ist die Neuansteckungsrate bei den Drogenkonsumenten rückläufig. Hier zeigt der neue Weg in der Drogenpolitik positive Resultate: Abgabe von Metadon und sauberen Spritzen.
Ist das nicht auf eine gewisse Art und Weise frustrierend, dass die Warnungen einfach in den Wind geschlagen werden?
So würde ich das nun wirklich nicht sagen. Präventionsarbeit verlangt nun einmal viel Geduld und Einfühlungsvermögen. Frustration wäre hier der falsche Weg. Gegenfrage: Wie sähe die Situation heute aus ohne Prävention?
Wie reagieren die Oberwalliserinnen und Oberwalliser, wenn sie auf das Thema Aids angesprochen werden?
In allen Bevölkerungsschichten ist man sich der Tragik dieser unheilbaren Krankheit bewusst. Die Aidshilfe Oberwallis sucht mit ihren Aktionen auch regelmässig gezielt das direkte Gespräch. So zum Beispiel im letzten Jahr mit dem Projekt „Frauen 30+“, wo wir zusammen mit den Sexualpädagoginnen der SIPE (Beratungsstelle Sexualität, Information, Prävention, Eltern) in den Migros-Filialen die Frauen zwischen 30 und 45 zum Thema frauenspezifische Gesundheit angesprochen haben. Die Erfahrungen waren durchwegs positiv. Bei Männerprojekten, da haben Sie recht, weisen wir ein Defizit auf. Hier müssen wir uns noch etwas einfallen lassen. Auffallend ist hingegen, dass Männer bei Problemen zum Telefon greifen und sich direkt beraten lassen.
Wie angetönt, zählen Frauen zwischen 30 und 45 zu den am meisten gefährdetsten Bevölkerungsgruppen. Wo liegen die Gründe?
Frauen sind heute durch ihre Ausbildung unabhängiger und heiraten demzufolge auch später. Tatsache ist, dass heute Liebesbeziehungen kurzlebiger sind und die Scheidungsraten steigen. Schwangerschaftsverhütung ist heutzutage eine Selbstverständlichkeit. Dabei steht den Frauen eine grosse Auswahl von Produkten zur Verfügung und oft ist Verhütung in einer Partnerschaft Sache der Frau. Männer bekunden oft Mühe mit dem Gebrauch von Präservativen. Und hier liegt oft die Schwäche der Frau. Man ist verliebt, hat endlich den idealen Mann gefunden und mit ihm auch über HIV und Aids gesprochen. Aber wenn der Mann sich trotzdem weigert, ein Kondom zu benutzen, geben Frauen leider oft zu schnell nach und vernachlässigen den Schutz vor HIV und sexuell übertragbaren Krankheiten.
Was für Hilfestellungen bietet die Aidshilfe Neuinfizierten?
Unsere Fachstelle in Visp ist jeden Dienstag für Ratsuchende geöffnet. Unser Vorstand besteht aus Vertretern diverser Oberwalliser Fachstellen: LVT, SIPE, emera, Theologen und Ärzten. Durch diese Vernetzung können wir kurzfristig die nötigen Ressourcen aktivieren. Für Menschen, die mit einem positiven Resultat konfrontiert werden, bricht eine schwere Zeit an. Wem sage ich es? Verliere ich meine Arbeit? Habe ich noch eine Zukunft? Hier bietet die Aidshilfe Oberwallis ihre Hilfe an, in Gesprächen und Vermittlung von medizinischen, juristischen und theologischen Fachpersonen.
Was war Ihr beeindruckendstes Erlebnis während Ihrer Tätigkeit als Koordinatorin?
Wenn Leute zu mir kommen, nachdem sie ein positives Testresultat erfahren mussten. Bei aller Professionalität gehen einem solche Schicksale sehr nahe. Solche Erlebnisse beschäftigen mich auch noch nach der Arbeit. Es ist zweifellos der härteste Aspekt bei meiner Tätigkeit. Glücklicherweise habe ich einen sehr verständnisvollen Vorstand. Die theologische Betreuung ist für mich sehr wertvoll.
Heute verlässt im Wallis kein Jugendlicher die obligatorische Schule, ohne über HIV und Aids aufgeklärt worden zu sein. Ist demzufolge die Zahl der HIV-Neuinfektionen bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen in letzter Zeit zurück gegangen?
Im Wallis haben wir ungefähr eine Neuinfektion pro Monat. Die Altersgruppe der 13- bis 29-Jährigen machen gesamtschweizerisch rund 30 Prozent aus. Der Kanton Wallis (Departement für Erziehung, Kultur und Sport) hat wegweisend in der Schweiz die HIV-/Aids-Prävention in den 2. OS-Klassen für obligatorisch erklärt. Im Schuljahr 2005/2006 verlässt kein Jugendlicher die obligatorische Schule ohne HIV-/Aids-Aufklärung. Ebenfalls wurde die externe Sexualpädagogik neu strukturiert. Im nächsten Schuljahr erhalten alle Schüler der 4. bis 6. Primarklasse stufengerechte Sexualaufklärung durch externe Sexualpädagoginnen der SIPE. Diese Lektionen sind eine Ergänzung zum Unterricht der Lehrpersonen und der Aufklärung durch die Eltern.
Sie leisten auch Präventionsarbeit bei den Prostituierten in der Region. Wie muss man sich das vorstellen?
Das Projekt APIS (Aids-Prävention im Sexgewerbe) ist ein gesamtschweizerisches Programm der Aidshilfe Schweiz. Einmal im Monat suche ich im Oberwallis, zusammen mit einer Brasilianerin als Mediatorin, die verschiedenen Etablissements auf. Den ersten telefonischen Kontakt stellen wir anhand der Annoncen in der Tageszeitung her. Wir erklären unser Projekt und werden in den meisten Fällen zu einem Gespräch eingeladen. Der Anfang war sehr schwierig, mittlerweile kennen uns viele Frauen und sie vermitteln uns weiter. Ein wichtiger Bestandteil unserer Besuche sind die Abgabe von Informationen und die Aufklärung über HIV/Aids und sexuell übertragbare Krankheiten. Sorge bereiten uns gegenwärtig Prostituierte, die nur wenige Tage in der Region bleiben und schnelles Geld verdienen wollen. Sie bieten leider oft Sex pur, das heisst Sex ohne Verhütung, zu günstigen Preisen an. Anscheinend floriert dieses Geschäft. Uns bleibt nur, ausdrücklich vor solchen Sachen zu warnen. Denn das Risiko, dem sich die Freier und die Prostituierten dabei aussetzen, ist riesengross.
Einmal monatlich findet auch ein sogenannter Migrantinnentreff statt. Hier können Frauen aus den verschiedensten Ländern über frauenspezifische Gesundheit reden. Haben ausländische Frauen in dieser Beziehung andere Sorgen und Anliegen als Schweizerinnen?
Diese monatlichen Treffen organisiert die Aidshilfe zusammen mit dem Forum Migration und der SIPE. Es werden unterschiedliche Themen diskutiert; Pubertät, Ernährung, Verhütung, Politik und Religion. Die Frauen kommen zwar aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen und praktizieren verschiedene Religionen. Aber über das Thema Kinder findet man jeweils einen gemeinsamen Zugang. Da sind wir Frauen nun mal alle gleich. Unter all diesen Themen finden auch HIV und Aids ihren Platz. Wobei gesagt werden muss, dass Sexualität in vielen Ländern ein Tabu ist. Aufklärung ist vielerorts nicht sehr verbreitet und die Frauen werden in der Hochzeitsnacht zum ersten Mal überhaupt mit partnerschaftlicher Sexualität konfrontiert.
Die Projekte „Frauen 30+“, der Migrantinnentreff, aber auch die Aids-Prävention im Sexgewerbe sollen vor allem die Frauen ansprechen. Gibt es ähnliche Projekte auch für Männer?
Im Rahmen des APIS-Projektes wurden Broschüren an Freier verteilt. Uns ist es wichtig, dass Männer, welche die Dienste von Prostituierten in Anspruch nehmen, auch einen gewissen Respekt vor deren Arbeit haben und die Frauen auch tatsächlich als Frauen wertschätzen. Daneben existieren jedoch keine spezifischen Projekte, welche vor allem Männer ansprechen. Bislang haben wir eigentlich versucht, über die Frauen den Zugang zu den Männern zu finden.
Seit mehr als zwanzig Jahren ist der HI-Virus nun bereits bekannt. Zwar macht die Medizin laufend Fortschritte, doch ein Heilmittel gegen Aids konnte bislang nicht gefunden werden. Glauben Sie persönlich daran, dass es ein solches jemals geben wird?
Hoffnung ist sicher da. Das sagen wir auch allen Neuinfizierten. Es wird ja auf breiter Basis geforscht. Aber die Schwierigkeit ist ja, dass sich das ursprüngliche Virus durch Mutationen verändert hat. Es gab auch Zeiten, in denen man jedes neue Medikament verschrieben hat. Die Langzeitwirkung kannte man dabei allerdings nicht. Heute geht man deshalb viel vorsichtiger vor. Es laufen in der Zwischenzeit Studien mit HIV- und Aids-Kranken, die die Langzeitwirkungen untersuchen. Durchschnittlich dauert es von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit rund zehn Jahre. Diese kann dank Therapie um Jahre verlängert werden. Es gibt Menschen, die bereits seit zwanzig Jahren mit der Krankheit leben. Das ist von Mensch zu Mensch verschieden und hängt auch von den genetischen Voraussetzungen ab.
Welche Projekte und Ziele verfolgt die Aidshilfe Oberwallis in nächster Zeit?
Das oberste Ziel wird wie in der Vergangenheit die Verhinderung von Neuansteckungen sein. Mit unseren Projekten wollen wir alle Bevölkerungsschichten sensibilisieren. Wichtig ist uns nach wie vor die HIV-Aids-Prävention bei Jugendlichen. Am diesjährigen Welt-Aidstag wird Olli Hauenstein, ein sehr bekannter Pantomime, im Theatersaal des Kollegiums vor Studenten und Lehrlingen der Oberwalliser Mittelschulen mit seinem Programm „Wie g’aids?“ auftreten. Gleichzeitig zeigen wir die Ausstellung der Kollegiumsklasse 1F zum Thema HIV/Aids, welche von den Studenten und Studentinnen kreiert wurde. Damit wird ein Aids-Projekt der Ursuliner-Schwestern in Afrika unterstützt. Die Aidshilfe Oberwallis erhält immer wieder spontane Mithilfe und Unterstützung. Dafür gebührt ihnen ein grosses Dankeschön!
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