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Zürich / Visp / Er ist der welthöchste Fussballer und seit acht Jahren Präsident der internationalen Fussball-Vereinigung (Fifa). Einen Tag vor Beginn der Fussball-WM spricht Joseph S. Blatter (70) über die Sicherheitsvorkehrungen in den Stadien, nimmt Stellung zu den Vorwürfen um Schmiergelder und Stimmenkauf, äussert sich zu den Chancen der Schweizer und sagt: „Die Mannschaft von Köbi Kuhn wird das Achtelfinale erreichen.“
Von Walter Bellwald
Morgen beginnt die Fussball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Sind Sie froh, dass es endlich losgeht?
Ja. Die Vorbereitungen waren sehr intensiv und haben viel Zeit in Anspruch genommen. Sowohl die Organisatoren, die Fifa und die Landesverbände haben ihre Aufgaben gemacht. Mit dem Beginn der WM konzentriert sich nun das Geschehen auf den grünen Rasen.
Auf was freuen Sie sich am meisten?
Was mich persönlich am meisten freut ist die Tatsache, dass alle Spieler ausgeruht und frisch zur WM kommen. Das war vor vier Jahren nicht der Fall, weil die Meisterschaften in den jeweiligen Ländern erst kurz vor der WM zu Ende gingen. Dieses Manko spiegelte sich im Turnierverlauf wieder. Die Spieler waren ausgelaugt und mussten der langen Saison Tribut zollen. Die Folge davon war, dass die Mannschaften grosse Mühe hatten, überhaupt auf Touren zu kommen. Das ist jetzt anders. In praktisch allen Ländern hatten die Spieler und Verantwortlichen rund einen Monat Zeit, sich einzuspielen und auf die WM vorzubereiten. Das kommt letztendlich den Spielern, dem Spiel auf dem Rasen und den Zuschauern zugute.
Im Vorfeld des Turniers hat die Fifa den WM-Veranstalter bezüglich des Ticketverkaufs kritisiert. Hat sich diese Aufregung gelegt?
Die Organisatoren bestätigen zwar einen reibungslosen Ablauf, was das sogenannte Ticketing angeht. Tatsache ist aber, dass es bei der Datenerfassung der Ticketinhaber zu grösseren Problemen gekommen ist. Auch die Bestellungen übers Internet haben sich nicht bewährt. Darum werden wir für die nächste WM 2010 in Südafrika den Kartenverkauf wieder selber in die Hand nehmen. Es ist diesbezüglich auch sinnvoller mit sogenannten Tour-Operatern zusammen zu arbeiten, die neben den Eintrittskarten auch die Reise und die Hotelunterkünfte vor Ort organisieren.
Die Welt zu Gast bei Freunden – so lautet das Motto der diesjährigen WM. Konnten Sie die Gastfreundschaft der deutschen Organisatoren schon in Anspruch nehmen?
Wenn ich in Deutschland bin, werde ich überall sehr herzlich empfangen. Erst kürzlich war ich in Berlin bei Frau Merkel und Herrn Schäuble zu Gast. Sowohl bei diesem wie auch anderen Anlässen werde ich jeweils freundlich aufgenommen. Sicher werden auch in Deutschland die Fifa und ihr Präsident teils argwöhnisch beobachtet. Aber damit muss man leben, wenn man an der Spitze des Vereins der populärsten Sportart der Welt steht.
Die Bilder der Ausschreitungen beim Meisterschaftsfinale in der Schweiz liessen aufhorchen. Sind die Sicherheitskräfte in den WM-Stadien auf derartige Zwischenfälle vorbereitet?
Schlimm genug, dass es solche Ausschreitungen im Fussball gibt. Dass es dazu noch in der Schweiz passiert ist, gibt mir zu denken und ist himmeltraurig. Diese Bilder bleiben bei Zuschauern und Spielern haften und erinnern uns an längst vergangen geglaubte Hooligan-Zeiten. Die Organisatoren der WM haben sich im Vorfeld mit solchen Szenarien auseinandergesetzt und entsprechende Massnahmen getroffen. So etwas kann an der WM in Deutschland nicht passieren.
Das Image des Fussballs ist angekratzt. Nach den Spielmanipulationen in Deutschland hat jetzt auch Italien seinen Bestechungsskandal. Was für Mittel und Möglichkeiten hat die Fifa, um gegen solche Ungereimtheiten vorzugehen?
Die Bestechungsvorwürfe in Italien werden jetzt vom italienischen Verband eingehend untersucht. Jetzt bleibt erst einmal abzuwarten, was dabei herauskommt. Wir haben als Sofortmassnahme in Absprache mit dem italienischen Verband das italienische Schiedsrichtertrio, das für die WM vorgesehen war, zurückgezogen. Überdies gibt es noch das Prinzip der Unschuldsvermutung. Solange kein Beweis vorliegt, ist man unschuldig. Fussball ist ein Spiel und in jedem Spiel wird ein bisschen geschummelt. Das passiert auch beim Kartenspiel. Bei einem Bolsch probiert jeder Spieler, dem anderen in die Karten zu schauen oder falsch nachzuzählen. Das Spiel – der Fussball – kann nicht besser sein als unsere Gesellschaft, weil es ein Spiel der Gesellschaft ist. Unsere Aufgabe ist es nun dafür zu sorgen, dass dieses Spiel mit fairen Mitteln gespielt wird. Das ist aber nicht ganz einfach, weil dabei viel Prestige, Geld und Nationalismus auf dem Spiel stehen.
Müsste die Fifa nicht viel rigoroser gegen solche Machenschaften vorgehen?
Bevor wir reagieren können, muss zuerst ausfindig gemacht werden, wer und in welcher Form seine Position missbraucht hat – und das ist Sache der Landesverbände und der Justiz. Erst nach der internen Aufklärung des Falls werden wir uns der Sache annehmen und je nach Vergehen unser Verdikt aussprechen.
Wie weit kann das gehen?
Je nach der Schwere des Vergehens werden wir die fehlbaren Spieler oder Funktionäre mit einer längeren oder sogar lebenslagen Sperre belegen.
Im Vorfeld der WM wurde die Fifa wegen ihrer Geldpolitik arg kritisiert. So hat man Ihnen unter anderem Machtgier und Unverhältnismässigkeit vorgeworfen, weil Sie während der WM in einer Luxus-Suite des Berliner Hotels Adlon für angebliche 12 000 Euro nächtigen würden?
Das ist der grösste Blödsinn, den ich je in einer Zeitung gelesen habe. Mein Vater, der auf dem Friedhof in Visp beerdigt ist, würde sich dreimal im Grab umdrehen, wenn dass stimmen würde. Erstens bin ich während der WM gar nicht im besagten Hotel, dort ist nämlich nur das Fifa-Exekutivkomitee untergebracht. Und zweitens kostet die teuerste Suite im Hotel Adlon 2800 Euro. Ich selber wohne während der Weltmeisterschaft im Hotel Intercontinental. Dass der Fifa-Präsident in einer Suite übernachtet, die 12 000 Euro kostet, entspricht nicht der Wahrheit und ist eine grosse Lüge.
Auch die Veröffentlichung des Buches „Foul“ des englischen Journalisten David Jennings sorgte für einiges Aufsehen. Darin wird die Fifa beschuldigt, Schmiergelder gezahlt und Stimmen gekauft zu haben...
Diese Vorwürfe sind kalter Kaffee. Das Buch müsste eigentlich „Revanche-Foul“ heissen. Der britische Journalist, wenn man Herrn Jennings so nennen darf, und ehemalige Fifa-Mitarbeiter zeichnen für dieses Buch verantwortlich. Dafür gehört ihnen die rote Karte.
Mit anderen Worten, diese Vorwürfe sind haltlos...
Ein Grossteil dieser Vorwürfe wurde schon vor vier, fünf Jahren gegen mich laut. Der Grund dieser Kampagne war es, mich zu entmachten. Die Vorwürfe wurden daraufhin alle von der Justiz untersucht und konnten widerlegt werden. Der Autor versucht nun, diese ganze Geschichte wieder aufleben zu lassen. Allerdings mit wenig Erfolg. Allein in England stösst das Buch kaum auf Interesse.
Zurzeit macht es den Anschein, als ob sich die Medien auf Sie eingeschossen hätten. Von Geltungssucht bis hin zu Machtgeilheit ist die Schreibe. Gehen solche Verunglimpfungen spurlos an Ihnen vorüber?
Sehen Sie, das ist wie bei uns: Der Föhn und der Neid sind die ältesten Walliser. Ein deutscher Journalist hat einmal zu mir gesagt: „Die Schweizer Kollegen haben eine besondere Art, sie zu loben – und das ist der Neid“. Solche verbalen Attacken stören mich nicht besonders. Damit kann ich gut leben.
Wenden wir uns wieder dem sportlichen Geschehen auf dem Rasen zu. Was trauen Sie der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft im Konzert der besten 32 Mannschaften zu?
Köbi Kuhn hat die Mannschaft mit viel Geschick und dem nötigen Glück durch die Qualifikation zur Weltmeisterschaft nach Deutschland geführt. Die Schweizer Mannschaft hat viele gute und talentierte Spieler. Jetzt kommt es darauf an, wie sich das Team während dem Turnier entwickeln kann. Man darf nicht vergessen, dass einige Schlüsselspieler in letzter Zeit wenig oder gar nicht zum Einsatz gekommen sind. Die Frage bleibt, ob diese Spieler in der kurzen WM-Vorbereitungsphase zu ihrer Form zurückfinden. Es ist nicht ganz einfach, im Konzert der Grossen mit zu spielen. Dazu braucht es ein eingespieltes Ensemble. Aber ich denke, die Schweiz wird die Gruppenspiele gegen Frankreich, Togo und Südkorea überstehen und die Achtelfinale erreichen.
Drücken Sie der Schweizer Fussballmannschaft während der WM die Daumen?
Ich werde allen 32 Teams, die am Fifa-World-Cup in Deutschland teilnehmen, die Daumen drücken. Aber mein Herz wird ein bisschen schneller schlagen, wenn die Schweiz spielt.
Und wer wird Weltmeister?
Der Sieger des Finals. Ich hoffe zusammen mit Millionen von Zuschauerinnen und Zuschauern, dass wir eine sportlich-faire und spannende Weltmeisterschaft erleben werden und dass der Fussball dazu beiträgt, dass die Welt trotz der politischen Scharmützel wieder näher zusammenrückt und man sich gegenseitig wieder ein bisschen besser versteht.
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