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Visp / Als Schichtarbeiter begann Stefan Schwery 1984 seine Arbeit bei der Lonza. Vor zwanzig Jahren wurde er von seinen Arbeitskollegen in die Betriebskommission (BK) gewählt. Als Kommissionspräsident setzte sich der Gampjer in den vergangenen fünfzehn Jahren für die Anliegen von 1400 Angestellten ein. Dieser Tage tritt er von diesem Amt zurück.
Von Rahel Escher
Markus Pianzola
Nach über zwei Jahrzehnten treten Sie von der Spitze der Betriebskommission zurück. Warum?
20 Jahre sind genug. Mein Rücktritt hat verschiedene Gründe. Ich komme nun in ein Alter, in dem man sich nicht mehr mit derselben Initiative für Dinge einsetzt wie als 40-Jähriger. Ich werde im kommenden Jahr 60. Zudem wird der Präsident immer für vier Jahre in das Amt gewählt. So lange möchte ich aber nicht mehr arbeiten (schmunzelt).
Wie sieht Ihre persönliche Erfolgsbilanz aus?
Die Betriebskommission hat viel erreicht. Aber es gab auch harte Zeiten. Am bedeutendsten ist natürlich der Kollektivarbeitsvertrag. Schliesslich vertreten wir ja jene, die diesem unterstehen. Gemeinsam mit den Gewerkschaften haben wir versucht, jene Leistungen, die dem Arbeitnehmer zustehen, über diese Wege abzusichern. Die Betriebskommission bringt ihre Anliegen ein. Aber die Verhandlungen mit der Direktion führen die Gewerkschaften. Die Betriebskommission kümmert sich um die übrigen, oft betriebsinternen, Probleme der Arbeitnehmer. Wir sind das Bindeglied zwischen Direktion und Arbeiterschaft und vertreten die Anliegen der Mitarbeiter vor der Direktion. Glücklicherweise fanden wir immer einen gemeinsamen Nenner und mussten unsere Verhandlungen nie vor einem Schiedsgericht regeln.
Was sind das für Anliegen?
Wenn ein Mitarbeiter beispielsweise mit seinem Meister nicht zurechtkommt. Ich gehe dann zu dem betreffenden Vorgesetzten und versuche, mit ihm eine Lösung zu finden. Zu 99 Prozent gelingt mir das auch. Als BK-Präsident hat man schon einen ziemlichen Einfluss. Schliesslich geniessen wir einen gewissen Rückgrad seitens der Direktion.
In kürzester Zeit vom Schichtarbeiter zum BK-Präsidenten – waren Sie zu Beginn überfordert?
Der Anfang war schwierig. Ich hatte keinerlei Computerkenntnisse. Damals war das alles erst am Aufkommen. Die damaligen Computerprogramme kannte ich nicht einmal. Ich verstand sie auch nicht, weil sie auf Englisch waren. Ich musste viel büffeln. Aber es gab auch einige Kollegen, die mich unterstützten und mir zeigten, wies geht. Ich besuchte auch viele Kurse. Es war nicht ganz einfach. Aber ich bereute bis heute nie, dass ich diese Herausforderung angenommen hatte.
Sie wurden von Angestellten gewählt und vertraten deren Interessen.Überwiegt der Stolz oder der Druck?
Natürlich war ich ein wenig stolz. Aber die Mitarbeiter hatten natürlich auch Erwartungen an mich. Als Druck würde ich das nicht bezeichnen. Die BK ist nicht jedermanns Sache. Man muss auch mal der Böse sein, kann nicht zu allem „Ja“ sagen. Das führt natürlich auch zu Konfrontationen. Man kann auch nicht alle Interessen der Arbeitnehmer vertreten und muss auch mal sagen: So gehts nicht. Die BK ist auch gegenüber der Firma verpflichtet. Sie kann nicht Dinge fordern, die nicht realistisch sind.
Sie müssen zwischen Arbeitnehmer und -geber vermitteln und am Ende sollten auch noch alle zufrieden sein. Eine schwierige Aufgabe.
Das stimmt schon. Wir sind in einer „Sandwich-Position“. Einerseits die Arbeitnehmer, dann die Direktion und als dritte Verhandlungspartei die Gewerkschaften. Und wir als BK sind mittendrin und sorgen dafür, dass alle Parteien miteinander harmonieren.
Fühlten Sie sich als Klagemauer der Arbeitnehmer?
Nein. Ich würde behaupten, dass gut 80 Prozent der Lonza-Angestellten sehr zufrieden sind. In den vergangenen Jahren gab es keine gravierenden Vorfälle. Die Angestellten kommen in den wenigsten Fällen mit ihren Problemen zu mir. Ich gehe zu ihnen, besuche sie am Arbeitsplatz. Es ist nicht meine Aufgabe, den ganzen Tag im Büro zu sitzen und zu warten, dass etwas passiert. Ich besuche jeden Tag einen anderen Betrieb. Wir sprechen dort über allfällige Probleme. Oftmals erkundigen sich die Mitarbeiter. „Was gits Neus? We gits meh Lohn?“ sind wohl die häufigsten Fragen.
Die Lonza hat sich in den vergangenen 20 Jahren stark verändert. Hat sich das auf das Klima zwischen Arbeitnehmer und -geber ausgewirkt?
Das Arbeitsklima hat sich sicherlich verändert. Es gab Restrukturierungen, wir schrieben in manchen Jahren schlechte Zahlen, mussten sparen. Dies führte zu Abgängen von Leuten. Wir mussten mit einem Minimum an Personal arbeiten. Das wirkt sich natürlich aufs Klima aus. Aber es ging nicht anders. Wirklich schlecht war die Stimmung aber nie. Die Zeiten haben sich geändert. Früher hatten wir mehr Zeit füreinander. Heute wird mit ganz anderen Anlagen gearbeitet und die Produktion wurde gesteigert.
Wie hat sich dies auf die Anliegen der Mitarbeiter ausgewirkt?
Als ich das Präsidium annahm, waren die Zeiten noch gut. Restrukturierungen und die damit verbundenen Ängste kannte man damals noch gar nicht. Dies begann erst anfangs der Neunzigerjahre. Aber die BK und die Angestelltenvereinigung konnte mit den Gewerkschaften einen guten Sozialplan ausarbeiten. So gab es im Rahmen der Restrukturierung keine Entlassungen bei der Lonza. Aber es ist eine Tatsache, dass die Arbeitnehmer heute mehr Sorgen haben als vor 20 Jahren. Früher dachte man: Wer bei der Lonza angestellt ist, hat einen sicheren Arbeitsplatz. Diese Zeiten sind vorbei. Auch mein Arbeitsplatz ist nicht sicher. Das ist heute überall so. Aber momentan werden Stellen aus- und nicht abgebaut. Wer aber keine Ausbildung hat, hat kaum eine Chance.
Welche Probleme hatten die Arbeitnehmer früher?
Es waren mehr interne Angelegenheiten wie beispielsweise Unzufriedenheiten mit den Überkleidern oder dem Essen im Personalrestaurant. Es waren kleine Anliegen, die in der Zwischenzeit alle geregelt sind. Mit den Jahren wurden meine Aufgaben immer anspruchsvoller, bedeutender. Bis 1997 war das BK-Präsidium ein 50 Prozent-Job. Erst dann wurde es vollamtlich.
Es gibt nicht nur Zahlen und Fakten. Was hat sie emotional am meisten berührt?
Einzelne Kündigungen. Zwar hatte ich ein Informationsrecht, konnte eine Entlassung aber nicht verhindern. Wenn ich die Begründung nicht nachvollziehen konnte, unter Umständen die falschen Leute entlassen wurden, beschäftigte mich das schon.
Welche Anforderungen muss Ihr Nachfolger erfüllen?
Am Allerwichtigsten ist, dass er mit den Mitarbeiter „güet z schlag chunt“, sich integriert, die Mitglieder ernst nimmt und ihre Interessen mit vollem Engagement vertritt. Es braucht auch die Bereitschaft, auch mal nach Feierabend einem Mitarbeiter zuzuhören. Dieses Jahr gibt es in der 16-köpfigen BK elf Wechsel. Neue Mitglieder sind voller Ziele und diese müssen mit denen der bisherigen Mitglieder unter einen Hut gebracht werden. Mein Nachfolger, Erich Bregy, war der bisherige Vize-Präsident. Er kennt sich schon recht gut aus. Aber ich werde ihm sicher auch einige Tipps geben, so dass er meine Fehler nicht auch machen muss (schmunzelt).
Wird sich für die Mitarbeitenden durch diesen Wechsel etwas ändern?
Mein Nachfolger wird sicher nicht alles genauso machen wie ich. Jeder hat andere Ideen und das ist auch gut so. Wichtige Projekte sind aber nicht hängig. Die Lonza ist eine gute Arbeitgeberin. Wenn es der Firma gut geht, haben die Arbeiter auch etwas zu Gute. Ansonsten nicht. Und da muss der BK-Präsident auch vermitteln und informieren. Ein guter, motivierter Mitarbeiter musste in der Lonza noch nie gehen und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern.
Wie sieht eigentlich Ihre berufliche Zukunft aus?
Ich werde bei der Lonza in einer gleichwertigen Funktion tätig sein und mir dort „mini letschte Spore abverdienu“.
Ihre
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