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Gampel / Der 30-jährige Gampjer Daniel Rotzer feiert am kommenden Sonntag seine Primiz, seine erste Messe. Für ihn war bald einmal klar, dass er sich für die Kirche engagieren will – jedoch in welcher Funktion? „Berufung ist ein Ruf von Gott, und wir haben die Freiheit zu antworten,“ so der junge Priester. Daniel Rotzer hat geantwortet – auch den Fragen der RZ.
Von Armin Bregy
Ihre Primizfeier steht kurz bevor. Was für Aufgaben kommen da auf Sie zu?
Für die Primizfeier wurde ein Organisationskomitee eingesetzt, welches einen tollen Job macht. Ich kümmere mich um die Gestaltung der Feier. Dazu gehört die Auswahl der Texte. Meine Kernbotschaft lautet: Mit Jesus Christus und als Gemeinschaft in der Kirche verbunden sein – ich will die Einheit und Vielfalt der Kirche ins Zentrum rücken.
Die letzte Primizfeier von Gampel liegt 74 Jahre zurück, die nächste wird auf sich warten lassen. Wieso wollen junge Männer nicht mehr den Priesterberuf ergreifen?
Zuerst einmal: Heute gibt es weltweit rund doppelt so viele Priesteramtskandidaten als zu Beginn des Pontifikats von Johannes Paul II. im Jahre 1978. In den westlichen, industrialisierten Ländern sieht das anders aus. Dafür gibt es einige Gründe: Die Kirche ist in der Gesellschaft weniger präsent als auch schon. Daneben ist das Angebot riesig, sei das nun in beruflicher oder privater Hinsicht. Scheinbar werden die Bedürfnisse abgedeckt. Als Priester schwimmt man in unserer Gesellschaft gegen den Strom – das ist manchmal schwierig, aber auch spannend. Berufung ist ein Ruf von Gott, und wir haben die Freiheit zu antworten.
Und wie sind Sie zu dem Entschluss gekommen, Priester zu werden? War das eine schwierige Entscheidung?
Für mich war eigentlich klar, dass ich mich für die Kirche engagieren will. Es stellte sich die Frage, in welcher Funktion. Als Pastoralassistent hätte man ja die Möglichkeit, eine Familie zu gründen. So musste auch ich herausfinden, was Gott von mir will. Und in den entscheidenden Momenten, als sich die möglichen Alternativen abzeichneten, habe ich im Innern gespürt, dass Gott mehr von mir will.
Haben Sie diesen Entscheid schon angezweifelt?
Natürlich gibt es sonnige und weniger sonnige Tage. Aber bereut habe ich den Beschluss nie. Im Gegenteil: Nach der Entscheidung fühlt man sich frei – die Frage ist geklärt.
Wie hat Ihr Umfeld Ihre Wahl aufgenommen?
Niemand hat sich abwertend geäussert. Viele reagierten mit Zurückhaltung und viele zeigten sich erfreut. Meine Familie hat mir immer die Freiheit gelassen und mich unterstützt, aber nie gestossen. Man kann einen jungen Mann nicht zum Priesterberuf überreden.
Wir haben im Oberwallis kleine Pfarreien. Auf der anderen Seite haben wir zu wenig Seelsorger, so dass viele ausländische Priester in unseren Pfarreien tätig sind. Kann das auf Dauer funktionieren? Werden Pfarreien vermehrt zusammengelegt werden müssen?
Wir haben zur Zeit im Oberwallis 73 Pfarreien für 68 000 Katholiken. Das macht im Schnitt eine Pfarreigrösse von knapp 1000 Seelen. Das ist schon klein. Dazu kommen sehr viele Messen für oftmals halb leere Kirchen. So betrachtet können wir im Moment nicht von Priestermangel reden. Ich glaube, Pfarreizusammenlegungen werden uns wieder vermehrt daran erinnern, dass Kirche mehr ist als nur unser Dorf. Ich gehöre zu einer Pfarrei, aber auch zu einem Bistum – inklusive französischsprechender Teil – und zu einer weltweiten Gemeinschaft. Ich kann mich auch in den Ferien in einem katholischen Gottesdienst irgendwo im Ausland zu Hause fühlen und spüren, dass wir irgendwo zusammen gehören.
Sie haben Theologie studiert. Wie muss man sich ein Theologiestudium vorstellen? Kann man „glauben“ lernen?
Man lernt das Wort Gottes, die Bibel näher kennen, erhält einen Überblick in den biblischen Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein. Dazu kommen Vorlesungen wie Kirchengeschichte, Dogmatik und Philosophie, Katechese und Predigt-Seminare. Dort lernt man – unter anderem mit Videoanalysen – wie man predigen sollte. Wir lernen auch, wie man kirchliche Feiern gestaltet und natürlich werden auch ethische Fragestellungen diskutiert. Weiter gehört das Priesterseminar mit den gemeinsamen Gebetszeiten, geistlicher Begleitung und anderen, auch sportlichen Aktivitäten, zu unserer Ausbildung.
Theologie ist eine Wissenschaft, und Wissenschaft lebt von kritischen Fragestellungen. Beisst sich das nicht mit der kirchlichen Lehre?
Im Theologiestudium wird viel hinterfragt, manchmal fast zuviel (lacht). Manchmal wird diskutiert ohne Grundlage, bevor man die Lehre der Kirche und die anderen Positionen richtig kennt. Wir werden während der Studienzeit nicht indoktriniert, es ist eine erwachsene Auseinandersetzung mit dem Glauben. Diese findet nicht nur intellektuell statt, sondern betrifft mich als Person. Der Professor sagt was, und ich frage mich dann: Wie stehe ich dazu? So wird der Glaube erwachsen. Viele Leute bleiben im „Kinderglauben“, weil sie nichts hinterfragen. Zu unserer Ausbildung gehört Glauben und Wissenschaft, und diese lebt von der kritischen Auseinandersetzung.
Beschäftigt man sich während dem Studium auch mit den anderen Weltreligionen?
Ja, natürlich. Ich habe zum Beispiel ein Jahr gemäss Pflicht eine Vorlesung über den Islam besucht. Es ist wichtig, die Grundlagen der anderen Religionen zu kennen. So kann man Vorurteile abbauen, aber auch Gemeinsamkeiten unterstreichen. Wir müssen uns ein kritisches Auge für den religiösen Markt bewahren.
Wieso ist es nicht möglich, mit der evangelischen Kirche gemeinsam eine Eucharistiefeier durchzuführen?
Weil wir nicht an dasselbe glauben, auch wenn wir das Gleiche tun würden.
Es gibt viele Leute, die gerne an Gott glaube würden, jedoch mit den konservativen Ansichten des Vatikans nicht viel anfangen können, und so die Kirche als Ganzes hinterfragen. Was sagen Sie diesen Leuten?
Jeder soll das Recht haben, seine Meinung zu äussern. Man muss sich auf das Wesentliche von Glaube und Kirche fokussieren. Ich muss die Aussagen des Vatikans begründen, kann aber auch meine eigene Meinung darlegen. Als Priester muss ich mich jedoch zum grössten Teil mit der katholischen Kirche identifizieren können, sonst wäre ich ja am falschen Platz. Es gibt Momente, da muss auch ich sagen: Das sehe in anders. Dabei darf man nicht vergessen, dass Rom die Botschaften für die gesamte Weltkirche verfasst, diese sollten jeweils in die verschiedenen Sprachen und Kulturen übersetzt werden.
Ist das Zölibat aus Ihrer Sicht zwingend, um ein guter Priester zu sein, oder anders rum, wären Priester weniger gut, wenn das Zölibat abgeschafft würde?
Zum jetzigen Zeitpunkt, also nach Abschluss des Studiums und noch ohne Praxiserfahrung, kann ich dazu folgendes sagen: Wenn mir die Beziehung zu Gott als Person gleich viel bedeutet und gibt wie einer anderen Person die Beziehung zu ihrem Partner, dann kann ich ein guter Priester sein. Ich sehe den Priester als Vermittler zwischen Gott und den Menschen. Es gibt viele andere Berufe in der Kirche, die das Zölibat nicht verlangen, wie zum Beispiel den Pastoralassistenten.
Wie ist das als Priester: Hat man da auch berufliche Ambitionen, gibt es auch unter Priestern Karrieretypen, also solche, die zum Beispiel unbedingt Bischof werden möchten?
Ja, das gibt es. Dienst für Gott und Dienst am Mitmenschen ist das eine. Andererseits muss jeder Pfarrer, welcher eine Pfarrei führt, in gewisser Weise ein „Alpha-Tier“ sein, eine Führungsperson, ob er will oder nicht. Je höher es geht, desto weiter weg ist man von den konkreten Menschen. Das ist in der Kirche nicht anders als bei anderen Berufszweigen auch.
Kommen wir zurück zu Ihrer Berufung, zu Ihrem Beruf. Sie werden als Vikar in Zermatt arbeiten. Auf was freuen Sie sich besonders?
Auf die neuen Gesichter und die vielfältigen Aufgaben. Und natürlich auf die Schulkinder. Ich werde acht Lektionen Katechese unterrichten.
Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der gerne Priester werden möchte?
Zuerst mal würde ich mich freuen und ihm raten, in dieser lauten Welt immer wieder in die Stille zu gehen und auf Gott zu hören. Dann würde ich ihm je nachdem regelmässige Gespräche vorschlagen.
Was zeichnet einen guten Priester aus?
Ein guter Priester sollte ein Ohr für Gott, das andere für seine Mitmenschen offen halten.
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