|
Bellwald / Zwölf Jahre lang präsidierte Andreas Wyden die Region Goms. Vergangene Woche ist er zurückgetreten. Jetzt zieht er im RZ-Interview Bilanz, spricht über Kirchturmdenken, findige Köpfe und die Schwächen des Tourismusgesetzes.
Von German Escher
Rahel Escher
Sie treten nach 12 Jahren als Präsident der Region Goms zurück. Wie beurteilen Sie Ihre Bilanz?
Ehrlich gesagt ein wenig zwiespältig. Ein Beispiel: Als Erfolg werte ich die Gründung von Goms Tourismus und als Negativpunkt, dass wir uns heute immer mit den Strukturen von Goms Tourismus beschäftigen, anstatt gezielt vorwärts zu schreiten. Zwar ist die Region etwas näher zusammengerückt und man hat erkannt, dass man nur gemeinsam vorwärts kommt. Viele regionale Ideen konnten in den letzten Jahren umgesetzt werden. Aber gelegentlich kommt dieses Kirchturmdenken wieder hoch, das doch einiges erschwert. Ich bin überrascht, dass auch in der nächsten Generation, welche gemeinsam die Orientierungsschule besucht hat, dieser kommunale Reflex feststellbar ist.
Gemäss letztem Jahresbericht sind seit 1977 54 Millionen an zinslosen Investitionshilfegeldern ins Goms geflossen. Wie wirkungsvoll war diese Hilfe?
Diese Gelder waren wichtig für die Erstellung der Basisinfrastruktur. Für den Bau der ARA, Erschliessungen, Mehrzweckanlagen usw. waren wir auf diese Hilfe angewiesen. Damit wurde eine Grundlage geschaffen, die für das wirtschaftliche, kulturelle und soziale Leben im Goms wichtig ist. Ich finde es aber falsch, wenn man die Arbeit der Region Goms nur auf die Verteilung von Investitionshilfegeldern reduziert. Im Unterschied beispielsweise zu einer Region Brig-Aletsch haben wir im Goms nur kleine Gemeinden, die in ihrer Alltagsarbeit stärker auf die Unterstützung und die Koordination durch das Regionssekretariat angewiesen sind.
Gemäss Vorstellungen einzelner Regionalpolitiker in Bern müssten die Gelder künftig in Agglomerationen fliessen und Bergtäler der Verwilderung preisgegeben werden. Das muss ein Schlag ins Gesicht eines jeden Gommers sein?
Das stimmt. Anfänglich hatte ich mit der Stossrichtung der neuen Regionalpolitik auch meine Mühe. Die Entwicklung der letzten Monate und die Debatten im Parlament haben aber gezeigt, dass bis auf einige wenige Politiker alle die Notwendigkeit einer Investitionshilfe an die Randregionen erkannt haben. Die Schweiz darf nicht zur Zwei-Klassen-Gesellschaft verkommen. Die Kluft zwischen Agglomerationen und Berggebieten darf nicht grösser werden.
Fakt aber ist: Die Regionalpolitik wird neu ausgerichtet. Künftig werden Innovationen und weniger Bauvorhaben finanziert. Was heisst das fürs Goms?
Basisinfrastrukturen werden künftig nicht mehr im Vordergrund stehen. Das ist auch nicht mehr so dringend notwendig. Künftig sollen innovative und nachhaltige Projekte unterstützt werden. Das eröffnet auch für das Goms neue Chancen. Auch bei uns gibt es zahlreiche gute Ideen, die es umzusetzen gilt. Das Goms hat mit seiner intakten Landschaft, seinem kulturellen Erbgut, seinen klimatischen Vorzügen usw. ein grosses Potenzial, welches noch vermehrter ausgeschöpft werden kann und muss.
Innovation setzt eine selbstkritische und zugleich zukunftsorientierte Grundhaltung voraus. Wie innovationsfreudig sind die Gommer, denen doch auch der Ruf der Jammerer anhaftet?
Diese Vorurteile sind unberechtigt. In den letzten Jahrzehnten gab es immer wieder Gommer, die hier im Tal und ausserhalb der Region Grosses geleistet haben. Nach wie vor leben in unseren Dörfern findige Köpfe, die im Kleinen wertvolle Arbeit leisten – beispielsweise im Tourismus. Es gibt hervorragende Gastronomiebetriebe, die grossen Erfolg haben. Es gibt findige und äussert kreative Handwerker, die Nischen gefunden haben und diese erfolgreich ausnützen. Hervorragende Beispiele sind für mich zudem auch das Musikdorf Ernen, der Landschaftspark Binntal, der Golfplatz in Obergesteln u. a. m.
Der Strukturprozess trifft auch die Regionen. Was halten Sie von der angestrebten Wirtschaftsregion Oberwallis?
Das Wallis ist eine einzige Wirtschaftregion. Die anstehenden Herausforderungen wie Autobahn, Rhonekorrektur, Wirtschaftsförderung etc. können wir nur gemeinsam sinnvoll bewältigen. Diesen Reformbedarf haben auch die Gemeinden erkannt. Bei der Vernehmlassung der IGOR (Interessensgemeinschaft der Oberwalliser Regionen), welche Organisationsstruktur die Regionen sich künftig geben sollten, haben praktisch alle Gemeinden die Dringlichkeit zu einer strukturellen Reform der Regionen eingesehen und sich für Veränderungen ausgesprochen.
Also müssen die vier Oberwalliser Regionen fusioniert werden?
Ich bin mit den Zielen – das Oberwallis muss geeint auftreten, überregionale Fragen sind nur gemeinsam lösbar, eine weitere Verzettelung der Kräfte können wir uns nicht mehr leisten usw. – vollständig einverstanden. Unterschiedliche Auffassungen bestehen darin, welcher Weg zum Erfolg führt. Hier deckt sich meine Vorstellung mit derjenigen der Regionen Visp und Leuk. Wir Gommer haben uns für die Variante 1 – Bildung eines Kompetenzzentrums – ausgesprochen. Diese Variante hätte meines Erachtens schon auf den 1.1.2007 umgesetzt werden können. Bis die rechtlichen Grundlagen seitens des Kantons für einen Zusammenschluss der Regionen geschaffen sind, wird nämlich noch einige Zeit ins Land gehen. Eine Fusion hat zudem einen weiteren Nachteil: Heute gibt es im Oberwallis und im Unterwallis je vier Regionen. In diesem Bereich haben wir eine paritätische Aufteilung. Wenn wir im Oberwallis die Regionen voreilig zu einer Region Oberwallis fusionieren, verlieren wir – zum jetzigen Zeitpunkt – innerhalb des Kantons an Gewicht. Die bisherigen Reaktionen im Unterwallis zeigen mir nämlich, dass dort die Bereitschaft zu einer Fusion der Regionen nicht vorhanden ist.
Das Goms wird sich dem weiteren Wandel nicht entziehen können: Braucht das Goms weitere Gemeindefusionen?
Es wird im Goms weitere Gemeindefusionen geben. Das ist unumgänglich. Zwischen den Gemeinden im Obergoms, aber auch im unteren Bezirksteil, laufen bekanntlich entsprechende Gespräche. Das halte ich für richtig. Aber der Zusammenschluss kleiner und finanziell schlecht gestellter Gemeinden alleine löst die Probleme nicht. Gemeindefusionen machen nur Sinn, wenn überlebensfähige Einheiten entstehen. Eine fusionierte Gemeinde muss auch Zukunftsperspektiven haben.
Muss der Kanton die Kleingemeinden zuerst sanieren?
Im Wallis fehlt ein Konzept für Gemeindefusionen. Hier hat der Staatsrat seine Hausaufgaben nicht fertig gemacht. Mit Fusionen alleine sind die Probleme jedoch noch nicht gelöst. Der Kanton muss sich vertieft auch mit der demografischen Entwicklung der Täler auseinander setzen. Praktisch jedes Jahr müssen Primarschulklassen geschlossen werden. Und bald einmal haben wir zu wenig Jugendliche, um im Goms noch zwei Orientierungsschulen aufrecht zu erhalten. Gegen eine solche Überalterung und gegen die Abwanderung braucht es neue Ideen und Konzepte.
Und die wären?
Ein möglicher Denkansatz wäre eine Dezentralisierung der Kantonsverwaltung. Es muss nicht jede Dienststelle in Sitten angesiedelt sein. Und weiter müsste auch die Wirtschaftsförderung des Kantons sich vermehrt mit den Problemen der Randregionen auseinandersetzen. Innovative und nachhaltige Projekte im Tourismus, die Arbeitsplätze schaffen, sind finanziell so zu unterstützen, dass sie umgesetzt werden können. Ich denke aber auch an Unterstützungen für die Erneuerung von touristischen Infrastrukturen usw. Aber auch bei der Energiepolitik – Heimfall von Wasserkraftskonzessionen – sind Ideen und Konzepte gefragt.
Einen neuen Ansatz beinhaltet das neue Tourismusgesetz. Was halten Sie als bisheriger Regionspräsident und Gemeindepräsident von Bellwald vom Gesetzesentwurf?
Die Vorlage enthält einige gute Ansätze. So ist es richtig, dass die Zweitwohnungsbesitzer, die ihre Betten nicht vermieten, einen Obolus entrichten müssen. Ebenso ist es sinnvoll, die regionale, touristische Vermarktung zu fördern. Auch richtig finde ich es, dass die Tourimusförderungstaxe flächenmässig im ganzen Kanton eingeführt würde. Ich bin aber schon jetzt davon überzeugt, dass diesen Absichten erbitterter Widerstand seitens der Zweitwohnungsbesitzer und seitens des Gewerbes erwachsen wird.
Aber unterm Strich bleibt ihrer Gemeinde weniger...
... und genau dort setzt die Kritik ein. Es geht nicht an, dass Zweitwohnungsbesitzer und kleine Handwerksbetriebe mit einer zusätzlichen Steuer belegt werden, aber für die jeweiligen Gemeinden im Endeffekt trotzdem weniger Geld als heute übrig bleibt. Die örtlichen Verkehrsvereine aufzuheben und durch eine staatlich dekretierte regionale Dachorganisation zu ersetzen, welche dann für die Information vor Ort verantwortlich ist, halte ich für falsch. Entscheidend wird die Haltung in den grossen Talgemeinden und Tourismusstationen sein. Aufgrund der bisherigen Reaktionen wage ich zu behaupten: Das neue Tourismusgesetz hat keine Chance.
Goms Tourismus zielt bereits in diese Richtung.
Goms Tourismus schlägt einen pragmatischeren Weg ein. Die Idee, über vier Säulen die touristischen Gebiete einzubinden, ist richtig und weiter zu verfolgen. Jeder einzelne Partner ist zu klein, um sich selber erfolgreich auf dem hartumkämpften Tourismusmarkt zu positionieren. Trotz dieser Notwendigkeit zur Kooperation plädiere ich für mehr Fingerspitzengefühl. Wer hier zu stark vorprescht, riskiert einen Scherbenhaufen. Und das kann sich das Goms nicht mehr leisten.
A Propos Ferien: Wohin fahren Sie in den Urlaub?
Für einmal zieht es mich ans Meer. Ich werde meiner Frau einen langgehegten Wunsch erfüllen und nächste Woche auf eine Kreuzfahrt zu den Griechischen Inseln gehen.
Ihre
Meinung interessiert uns!
|