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Tony Millius, Präsident der Oberwalliser Wanderleiter
„Der Wanderleiter ist ein Botschafter im Gelände


 

Brig-Glis / Die Tourismusberufe boomen: Neben Adventure-Guides und Nordic-Walking-Führern reihen sich auch die Wanderleiter in diese Gilde ein. Tony Millius (47) ist seit drei Jahren mit seinen Gästen unterwegs. Im RZ-Frontalinterview spricht er über den Stellenwert des Wanderleiters und sagt: „Die Bewegung in der Natur und die Begegnung mit Menschen sind ein guter Ausgleich zu meiner Arbeit als Cargo-Lokomotivführer.“

Von Walter Bellwald
Rahel Escher

Auch diesen Sommer locken viele Tourismusorte mit verschiedenen Angeboten. Alles spricht von Adventure. Ist Wandern überhaupt in?
Dem ist so. Vor allem bei über 40-Jährigen ist eine klare Tendenz hin zum Wandern feststellbar. Neben der körperlichen Ertüchtigung lernen die Leute beim Wandern viel über Land und Leute kennen. Demzufolge liegt Wandern im Trend.

Wieso braucht der Gast einen Wanderleiter?
Wenn jemand von A nach B will, braucht er sicher keinen Wanderleiter. Aber wenn jemand auf einer Wanderung die Fauna und Flora oder kulturelle und historische Begebenheiten näher kennen lernen möchte, kann ihm ein Wanderleiter hilfreich zur Seite stehen und ihm das nötige Wissen vermitteln.

Die meisten Wanderer in unseren Breitengraden sind ohne Führer unterwegs. Ist das Bedürfnis der Gäste nach einem kundigen Wanderleiter überhaupt vorhanden?
Die meisten Gäste, die in unsere Region kommen, schätzen die informative Begleitung auf einer Wanderung. Der Wanderleiter ist Botschafter im Gelände und präsentiert seinen Gästen die Schönheiten und Vorzüge unserer Landschaft. Unser Bestreben ist es, nicht nur bei uns, sondern auch in den angrenzenden Kantonen den Beruf des Wanderleiters populärer zu machen und so den Leuten mit unserem Wissen etwas mit auf den Weg zu geben.

Sie sind seit drei Jahren als Wanderleiter unterwegs. Wie sind Sie auf diese Berufung gekommen?
Ich wandere sehr gerne. Die Bewegung in der Natur und die Begegnung mit Menschen sind ein guter Ausgleich zu meiner Arbeit als Cargo-Lokomotivführer. Darum habe ich mich entschlossen, die Ausbildung zum Wanderleiter in Angriff zu nehmen.

Sehen Sie Ihre Rolle ähnlich dem Skilehrer als eine Art Animateur, der die Gäste unterhält?
Eigentlich weniger. Der Wanderleiter ist ein Vermittler zwischen Städtern und Landbewohnern sowie zwischen Einheimischen und Gästen. Er bringt diese Gruppen einander näher und trägt so zum besseren gegenseitigen Verständnis bei. Genauso ist der Wanderleiter ein Bindeglied zwischen altem und neuem Kulturgut und setzt sich dafür ein, dass mündliche Überlieferungen wie Legenden, Traditionen, aber auch naturmedizinische Aspekte kommenden Generationen erhalten bleiben.

Man muss also demnach kein Partylöwe sein, um die Ausbildung als Wanderleiter in Angriff zu nehmen?
Nein (lacht), es eignen sich auch ruhigere Charaktere zum Wanderleiter.

Wie bereiten Sie sich auf eine Wanderung vor?
Es kommt drauf an. Bei einer Wanderung in der Region ist das Wissen, das man sich bei der Ausbildung zum Wanderleiter angeeignet hat, schon vorhanden. Bei einer Wanderung in einem Gebiet, das man weniger kennt, ist es vonnöten, sich vorher zu informieren und die nötigen Sachkenntnisse zu beschaffen.

Wie klappt es mit der Verständigung? Muss ein Wanderleiter sprachkundig sein?
Neben der Muttersprache sind gute Kenntnisse in einer zweiten Sprache für einen Wanderleiter unabkömmlich. Das ist gerade in einem Tourismuskanton wie dem Wallis sehr wichtig. Daraufhin werden wir auch geprüft.

Wie anspruchsvoll ist die Ausbildung zum Wanderleiter?
Insgesamt muss man 80 Schultage absolvieren, die sich auf drei Jahre verteilen. Die Kurse sind auf drei Hauptgebiete ausgerichtet: Sicherheit, Kommunikation und Lebensraum Natur. Dabei werden die verschiedensten Themenbereiche wie Geologie, Botanik, Erste Hilfe oder Wetterkunde unterrichtet. Das Ziel der Ausbildung ist es, dass der Wanderleiter in der Lage ist, thematische Wanderungen zusammen zu stellen und eine Gruppe oder Einzelpersonen sicher durch die Natur zu führen.

Was für Vorkenntnisse sind von Vorteil, um die Prüfung erfolgreich zu bestehen?
Ein Faible für Natur und Tourismus sind unabdingbar, wenn man sich zum Wanderleiter ausbilden lassen möchte. Das restliche Wissen kann man sich in den Grundkursen aneignen. Bevor jemand die Ausbildung in Angriff nehmen kann, muss er eine Aufnahmeprüfung absolvieren. Dabei werden unter anderem die Ausdauer, das Allgemeinwissen und der Orientierungssinn jedes Teilnehmers getestet. Wer den Test erfolgreich besteht, kann die Ausbildung in Angriff nehmen.

Jährlich werden in unserem Kanton nur eine bestimmte Anzahl Wanderleiter zugelassen. Warum ist diese Anzahl limitiert?
Das hat einen einfachen Hintergrund. Die Unterkunftsmöglichkeiten im Schulgebäude in St. Jean im Val d’Anniviers sind beschränkt. Darum können maximal je 19 deutsch- und französischsprechende Absolventen die Ausbildung zum Wanderleiter absolvieren.

Wie gross ist die Nachfrage nach dem Beruf des Wanderleiters?
Vor allem im welschen Kantonsteil ist das Interesse sehr gross. Jedes Jahr melden sich hier zwischen vierzig und fünfzig Interessenten zur Ausbildung. Im Oberwallis hält sich die Nachfrage noch in Grenzen. Bisher stehen insgesamt zwölf diplomierte Wanderleiter und zirka 25 Aspiranten im Einsatz.

Wie kann sich der Gast nach einem Wanderleiter informieren?
Es gibt mehrere Möglichkeiten. Er kann sich direkt an einen diplomierten Wanderleiter wenden oder er informiert sich beim örtlichen Tourismusbüro. Hier liegen vielfach auch sogenannte Flyer mit verschiedenen Angeboten auf. Es liegt letztendlich an jedem Wanderleiter, auf sich aufmerksam zu machen und sich möglichst vorteilhaft zu präsentieren. Ab Mitte Jahr haben der Verband der Wanderleiter (ASAM), die Schule St. Jean und die Mitglieder eine gemeinsame Homepage. Unter der Adresse www.randonnee.ch können Wandertouren direkt gebucht werden.

Sie sind Präsident der Oberwalliser Wanderleitervereinigung. Was umfasst Ihre Aufgaben?
In erster Linie versuche ich, die Interessen unserer Vereinigung zu wahren. Mein Hauptanliegen ist es, die Anerkennung unseres Berufsstandes auf eidgenössischer Ebene zu erreichen. Das ist allerdings nicht ganz einfach und ein langer und beschwerlicher Weg. Schon allein die Kursdauer in den verschiedenen Kantonen ist ein Problem und sollte vereinheitlicht werden. So haben wir im Gegensatz zu anderen Kantonen eine verhältnismässig lange Ausbildung, was so bleiben sollte. Ein anderes Problem ist der Name. Wir plädierten eigentlich für Wanderführer, aber in Bergführerkreisen hat man dagegen opponiert. Genauso verhält es sich mit der Bezeichnung Wanderleiter. Hier ist die Vereinigung der Bernerwanderwege nicht einverstanden, weil sie mit diesem Namen anderweitig hausiert. Nichts desto trotz versuchen wir, eine Vereinheitlichung anzustreben.

Gegenwärtig ist das Gesetz über das Bergführer- und Schneesportwesen sowie das Anbieten von Risikosportarten in der Vernehmlassung. Von Wanderleitern ist aber keine Rede. Hat man Ihre Berufsgattung schlicht vergessen?
Es scheint fast so. Darum haben wir zum Gesetzesentwurf über das Bergführer- und Schneesportwesen verschiedene Eingaben gemacht. Dadurch erhoffen wir uns eine Verbesserung unserer Situation. Nach dem jetzigen Gesetzesentwurf stünden wir nämlich ohne Gesetz da.

Haben die Tourismuspolitiker die Bedeutung der Wanderleiter noch nicht erkannt?
Es ist eine sehr zähe und träge Angelegenheit. Die Tourismuspolitiker sind sich nicht einig, wie sie vorgehen wollen. Interne Kämpfe der jeweiligen Spartenverbände erschweren die Sache zusätzlich. Ich habe zwar durchaus Verständnis dafür, dass jeder Berufsstand seine Felle retten und sich profilieren will. Dennoch sollte eine gewisse Annäherung stattfinden. Hier gibt es für uns zumindest einen kleinen Lichtblick: Ab diesem Jahr gibt es im Kanton Wallis eine Unterkommission für die Wanderleiter.

Hat es damit zu tun, dass das Gesetz die Handschrift von Bergführerkreisen trägt, das die Wanderleiter als Konkurrenz sieht?
Nein, ich glaube der Hauptauslöser für das neue Gesetz war der Unfall im Saxetenbach. Das Gesetz will ein Maximum an Sicherheit für den Gast. Diese Sicherheit erreicht man durch eine hohe Qualität des Angebotes. Die Qualität durch eine bestmögliche Ausbildung. Den Bergführerberuf gibt es seit man auf die Berge steigt, also seit mehr als 150 Jahren. Den Wanderleiter hingegen gibts erst seit gut zehn Jahren. Da sind gewisse Ängste sicher berechtigt. Das Gesetz soll ja auch den Berufsstand Bergführer und Schneesportlehrer schützen. Der Schutz des Berufsstandes der Wanderleiter bleibt aber auf der Strecke. Es gibt heute schon viele Einzelpersonen im Oberwallis, die kommerziell Wandertouren anbieten und auch selber führen, ohne je eine Ausbildung gemacht zu haben.

Wie grenzt sich der Wanderleiter vom Bergführer ab?
Wir dürfen mit unseren Gästen keine Gletscher traversieren und keine technischen Hilfsmittel benutzen. Das war im bisherigen Gesetz so verankert. An diese Vorgaben halten wir uns auch. Es gibt aber einige Grauzonen. So ist beispielsweise hinter der Lötschenpasshütte ein Stück Gletscher, das wir aber mit unseren Gästen passieren müssen, um zur Hütte zu gelangen.

Die Tourismusberufe boomen: Neu sprechen alle vom Nordic Walking, für das es wiederum spezielle Führer gibt. Erwächst daraus dem Wanderleiter neue Konkurrenz?
Nein. Das Nordic Walking spricht ein völlig anderes Publikum an als Wanderer. Nordic Walking ist eher eine Art von Jogging. Beim Wandern dagegen kann sich der Gast erholen und auch mal eine Rast einschalten, um die Gegend zu bewundern oder sich zu verpflegen.

Auf welchen Wanderwegen werden Sie diesen Sommer anzutreffen sein?
In vierzehn Tagen gehts los mit der Walserwanderung. Diese führt von Oberstdorf nach Zermatt. Jedes Jahr absolvieren wir einen Teil der Strecke. Dieses Jahr wandern wir von Oberstdorf nach Klosters. Eine Woche später steht die Tour rund ums Fletschhorn auf dem Programm. Und zwischendurch werde ich mit meinen Gästen auch noch kleinere Wanderungen unternehmen.

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