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Zwischbergen / Gondo / Fast sechs Jahre nach der Unwetterkatastrophe ist der Wiederaufbau in Gondo praktisch fertig. Doch schon droht neues Ungemach: Die Dorfschule steht vor dem Aus.
Von Walter Bellwald
Der Schwerverkehr, der durch Gondo rollt, ist nicht zu überhören: Lautstark schlängelt sich die Camion-Karawane zwischen den Häuserreihen hindurch. 400 Lastwagen werden hier täglich abgefertigt. Seit der Sperre am Gotthard sind es doppelt so viele. „An Spitzentagen sogar gegen tausend“, weiss Urs Loretan (45), Gemeindeschreiber von Gondo.
Verkehr wird durchgeschleust
Loretan und mit ihm die anderen 117 Einwohner des kleinen Grenzortes haben sich längst daran gewöhnt. Die keuchenden, motorisierten Ungeheuer schleppen sich, von Italien her kommend, den Berg hoch oder fahren vom Simplon in Richtung Süden. Die Kennzeichen verraten ihre Herkunft. Von Italien, Deutschland, den Niederlanden oder Skandinavien kommen die Transporter, die Gondo queren. Den Truckerfahrern bleibt kaum Zeit, sich den Namen des kleinen Grenzortes zu merken. Die Zeit drängt und die Ware muss rechtzeitig am Bestimmungsort abgeliefert werden. Zwischen den wuchtigen Truckern schlängelt sich der Autokorso durch den Ort. Drei Tankstellen erinnern die Automobilisten, ihre Tankanzeige zu prüfen. Ein kurzer Halt, das Auto vollgetankt, und schon geht die Reise weiter. Gondo ist kein Ort zum Verweilen. Zwischen wuchtigen Felsen eingebettet, wirkt der Weiler ein wenig verloren. Wie im Oktober 2000, als das Grenzdorf durch die Unwetterkatastrophe traurige Berühmtheit erlangte. Noch heute erinnert ein Gedenkstein an das Unglück, bei dem 13 Menschen ihr Leben verloren.
Seminarlokalitäten im „Turu“
Trotz der Katastrophe haben die Gondonesi ihren Lebensmut nicht verloren. Mit zäher Hartnäckigkeit und unbeugsamem Willen haben sie die niedergerissenen Häuser wieder aufgebaut. Das Resultat kann sich sehen lassen: Auf dem Dorfplatz weht dem Besucher ein Hauch von Italianità, der ihr ureigenen südlichen Lebensfreude, entgegen. Zwei Hochhäuser umrahmen den Platz, der vom Stockalperturm dominiert wird. Lautes Klopfen und Hämmern lassen den Besucher aufhorchen. Handwerker sind damit beschäftigt, den Innenausbau des geschichtsträchtigen Turms fertigzustellen. „Läuft alles nach Plan, werden wir im Herbst den renovierten Turm einweihen“, freut sich der Gemeindeschreiber. Die Lokalitäten werden neu eingekleidet: Ein Goldgräbermuseum, Seminarlokalitäten, Zimmer, Massenlager und ein Restaurationsbetrieb werden hier untergebracht. Die Stiftung Stockalperschloss und mit ihr die ganze einheimische Bevölkerung erhoffen sich einen grossen Zulauf. „Es wäre schön, wenn möglichst viele Besucher das Angebot nutzen würden,“ umschreibt ein Einheimischer die Ziele der Stiftung.
Schule auf Zeit
Trotz dieser Zukunftsperspektive muss die kleine Gemeinde weiter um ihr Überleben kämpfen. Erst vor kurzem machte die Hiobsbotschaft die Runde, dass der Gemeindepräsident und Lehrer Alexander Squaratti dem Dorf den Rücken kehrt. Der Grund: Weil die Fortführung der Dorfschule bis vor kurzem nicht gesichert war, hat sich Squaratti nach einer neuen, beruflichen Herausforderung umgesehen. Er unterrichtet fortan an der Primarschule in Termen. Um die ohnehin kleine Schule am Leben zu halten, bleibt Squarattis Familie vorübergehend in Gondo. Insgesamt fünf Kinder werden das nächste Schuljahr in Angriff nehmen. Jetzt haben die Behörden in Zusammenarbeit mit den zuständigen kantonalen Stellen eine Kommission gegründet, die über das weitere Vorgehen entscheiden soll. Der Wunsch des Gedankens: Gondo strebt eine engere Zusammenarbeit mit der Schule in Simplon-Dorf an. Dabei soll eine Klasse künftig in Gondo unterrichtet werden. Dieser Antrag wird bei der Simpiler Bevölkerung aber mit Zurückhaltung aufgenommen. Kein Wunder: Schon vor Jahren wurde der Vorschlag der Simpiler Schulbehörden nach einem gemeinsamen Kindergarten und Kinderhort von den Gondonesi verworfen. Kommt hinzu, dass auch die Orientierungsschule in Simplon-Dorf geschnitten wird. Stattdessen besuchen die Gondonesi die OS in Brig-Glis. Kaum anzunehmen also, dass die Simpiler den Anliegen ihrer Nachbargemeinde entgegenkommen. Die Folge: Obwohl Gondo auch im kommenden Schuljahr seine Schule aufrechterhalten kann, muss diese wohl in absehbarer Zeit geschlossen werden.
Drei Feuerwehrleute im Ort
Drei Restaurants, drei Tankstellen, vier Geschäfte und eine Bank zählt Gondo, das zur politischen Gemeinde Zwischbergen gehört. Neben der Kraftwerkgesellschaft Energie Electrique du Simplon SA, die 15 Arbeiter zählt, sind das Zollamt und die Grenzwacht die grössten Arbeitgeber im Ort. Insgesamt acht Vereine gibt es im Dorf. Vom Schiessverein über den Fischerverein übt man sich in Geselligkeit – auch wenn die Mitgliederzahlen zuwachsbedürftig sind. Allein der Kirchenchor muss sich auf acht Stimmen verlassen. Die Feuerwehr hat doppelt so viele Mitglieder. Nur: Während der Woche sind gerade mal drei Feuerwehrleute im Ort. Im Ernstfall eine heisse Angelegenheit.
Eigenständigkeit wahren
Trotz Rekrutierungsproblemen wollen die Gondonesi ihre Eigenständigkeit behalten. Ein Zusammengehen mit der Simpiler Feuerwehr ist derzeit kein Thema. Auch die politischen Behörden geben sich zwar freundschaftlich, aber nachbarschaftlich distanziert. „Eine engere Zusammenarbeit mit unserer Nachbargemeinde ist sicher erstrebenswert“, gibt sich Vizepräsident André Jordan (34) zwar offen. Dennoch ist er der Meinung, dass Gondo seine Eigenständigkeit wahren kann: „Mit dem Ausbau des Stockalperturms und über die Stiftung der nachhaltigen Entwicklung erhoffen wir uns neue Impulse.“
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