|
Brig / Sie verrichtet ihre Arbeit eher im Stillen – aber nicht minder konsequent als die Vertreter anderer Umweltverbände. Im RZ-Frontalinterview spricht Eva-Maria Kläy, Geschäftsführerin von Pro Natura Oberwallis, über den Wolf, den Bären, die Schafhaltung, die Erschliessung der Saltina-Schlucht, den Tourismus und sagt: „Angewandter Naturschutz liegt uns besonders am Herzen.“
Von German Escher
Walter Bellwald
Sie haben vor ihrem Teilzeitengagement für Pro Natura an einem Wolf-Projekt des Bundes mitgearbeitet. Wird das Wolf-Problem diesen Sommer wieder eskalieren?
Mein Engagement beim Wolfsprojekt KORA des Bundes liegt über zwei Jahre zurück. Im Rahmen meiner Arbeit als Geschäftsführerin von Pro Natura Oberwallis befasse ich mich nur noch am Rande mit der Wolfsproblematik. Aber das Problem wird sich diesen Sommer genau gleich stellen wie die letzten Jahre auch – in welchem Ausmass, kann ich nicht vorhersagen. Die Wölfe kommen von alleine.
Treffen die Walliser Schäfer zu wenig gute Vorkehrungen zum Schutz ihrer Tiere?
In meiner Diplomarbeit als Geografin habe ich mich intensiv mit der Kleinviehhaltung im Oberwallis auseinander gesetzt. Wir haben im Oberwallis nach wie vor kleinstrukturierte Betriebe, die oft in der Freizeit mit viel Herzblut betrieben werden. Wenn in einem solchen Freizeit-Betrieb der Wolf zuschlägt, sind der Schaden und die Emotionen gross. Das verstehe ich sehr gut. Weil unsere Landwirtschaft aus der Tradition heraus sehr klein strukturiert ist, sind Lösungen schwieriger. Für grössere Betriebe, wie sie vornehmlich im Unterwallis anzutreffen sind, ist es vom Arbeitsaufwand her einfacher, entsprechende Schutzmassnahmen zu treffen.
Und wie kann man das Problem im Oberwallis lösen?
Es gibt zwei Problembereiche: die Zeit im Sommer auf der Alp sowie die Koppelhaltung im Frühling und Herbst. Für die Sömmerung auf der Alp sollten die Schafhalter für ihre Tiere einen Hirten beschäftigen. Das wäre auch im Interesse der Jäger, die zurecht beklagen, dass unbeaufsichtigte Schafe in den eigentlichen Lebensraum des Stein- und Gemswildes vordringen. Schwieriger zu lösen ist die Haltung in den Koppeln im Frühling und Herbst. Es ist kaum möglich, die vielen Weiden so einzuzäunen, dass diese wolfssicher sind. Hier muss an Lösungsmöglichkeiten gearbeitet werden. Vielleicht könnten hier die Schafhalter gemeinsam mit dem Hirten ein eigentliches Weidemanagement erarbeiten. Das würde auch ökologisch Sinn machen, denn im Gelände gibt es punkto Standweiden immer wieder Gebiete, die eindeutig übernutzt sind. Dies schadet dann jenen, die sich um eine korrekte Bewirtschaftung bemühen. Doch vorerst ist das noch Zukunftsmusik.
Sind die Oberwalliser Schafhalter zu solchen Schritten nicht bereit?
Es gibt bereits einige gute Beispiele im Oberwallis, wie man eine Alp mit Schafen nachhaltig bewirtschaften kann. Im Mättital bei Heiligkreuz/Binn verrichtet der zuständige Hirte sehr gute Arbeit. Zum Beispiel hat er die Grenzen der Alp genau abgezäunt. Darüber hinaus wird nicht beweidet. Viele Genossenschaften sind offen für solche Diskussionen. Bestimmend für die Kleinviehhalter sind hier letztendlich auch Aufwand und Finanzen. Nicht vergessen dürfen wir, obwohl erst im Zusammenhang mit der Raubtierproblematik die Probleme der Kleinviehhaltung in der Öffentlichkeit wahr genommen wurden, dass rund 70 Prozent der Kleinviehhalter bei den Mähwiesen gute und ökologisch sinnvolle Arbeit leisten. Es ist also sehr wichtig, das ganze System differenziert zu betrachten. Kurz, jene Kleinviehhalter, die traditionell wirtschaften, leisten einen wichtigen Beitrag zur Biodiversität. Hier wird für die Landschaft und die Vielfalt in unserer Natur Grosses getan. Dies wurde bei der ganzen Raubtierdiskussion schlussendlich vergessen. Wenn es der Kleinviehhaltung gelingt, einige Korrekturen im System anzubringen, ist die Schaf- und Ziegenhaltung in jedem Fall eine Form von Landwirtschaft, die wir längerfristig erhalten sollten.
In Deutschland erregt der Abschuss des Bären Bruno die Gemüter. Wäre das Wallis auf den Bären vorbereitet?
Nein. Die Wolfsdiskussion kostet schon zu viel Energie. Ich setze lieber Projekte um, deren Erfolg man schon in relativ kurzer Zeit sehen kann, als mich immer wieder mit solchen Fragen auseinander zu setzen. Natur und Heimatschutz gehören für mich zusammen. Das haben viele Leute erkannt. Aber dann tauchen Wolf oder Bär auf und die ganze Diskussion um Naturschutz wird plötzlich sehr einseitig und hat dann mit unserer Arbeit im Oberwallis nur noch wenig zu tun. In jedem Fall sind Abschüsse nur ein Hinauszögern der Problematik.
Naturschutz muss also im Kleinen erfolgen?
Nicht nur. Wir dürfen die übergeordneten Fragen nicht aus den Augen verlieren. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Durchquerung der engen Saltinaschlucht mit einem Halbtunnel ist ein gewaltiges Projekt, zu dem wir nur unter Auflagen Hand bieten können. Im Schallberg gibts tolle Trockenstandorte, die am verganden sind. Der Auenwald im Grund oder die Instandstellung alter Wasserleitungen sind Fragen, die miteinbezogen werden müssen. Die Saltina-Schlucht muss als gesamtheitliches Projekt angegangen werden. Themen wie Besucherlenkung oder touristische Infrastruktur müssen durch ein touristisches Konzept aufgefangen werden. Wirklich demokratisch hiesse nicht nur das Gespräch mit den Verbänden zu suchen, sondern vorerst eine Umfrage bei der Briger Bevölkerung durchzuführen. Denn schon heute ist die Gringjischlucht ein beliebtes Naherholungsgebiet.
Ein Mammutprojekt, das jetzt so richtig in die öffentliche Diskussion kommt, ist die Rhonekorrektion. Wie wichtig ist das Projekt für Pro Natura?
Wir sind in der Begleitgruppe vertreten. Von den Umweltverbänden beschäftigt sich vor allem der WWF, der speziell eine Stelle dafür geschaffen hat, mit diesem Dossier. Grundsätzlich ist die Rhonekorrektion auf gutem Weg. Die Verbreiterung des Flussbettes bringt nicht nur einen höheren Schutz, sondern willkommenen Platz für die Natur.
Die Verbreiterung des Rottens benötigt weiteren Boden im ohnehin engen Talgrund. Verstehen Sie, dass sich Landeigentümer wehren?
Tatsache ist, dass in diesem Fall die Sicherheit ein Opfer der angrenzenden Bodeneigentümer erfordert.
Sie haben eine Teilzeitanstellung bei Pro Natura. Wo liegen die Hauptschwerpunkte Ihrer Arbeit?
Im Zusammenhang mit Wasserläufen sind wir zurzeit in drei Projekten sehr aktiv. Letztes Jahr beteiligten wir uns an der Renaturierung des Galdikanals. Eine nächste Etappe folgt bei Niedergesteln im nächsten Jahr. Bei Geschinen im Gebiete Magady eröffneten wir neu eine Wasserleite, die ein Biotop und den alten Rottenlauf mit Wasser versorgt. Oder im Herbst wird die Binna auf einem Teilstück von 800 Meter verbreitert. Punkto Landschaftspflege haben wir letzten Herbst einen Teil der Binnegga, einen wertvollen Trockenstandort, ausgeholzt und vor dem Verwalden bewahrt. Nun soll dieser kostbare Ort wieder sanft beweidet und damit erhalten bleiben.
Ist bei solchen Projekten die Zusammenarbeit mit lokalen Behörden und Bewohnern einfacher?
Im Rahmen des Unesco-Weltnaturerbes hat die Gemeinde Naters fast zwanzig Projektideen skizziert und uns um Mitarbeit angefragt. Pro Natura wird voraussichtlich drei Projekte unterstützen – beispielsweise im Blindtal, wo der Auenwald aufgewertet wird. Das Beispiel zeigt: Angewandter Naturschutz liegt uns besonders am Herzen. Selbstverständlich diskutieren wir auch bei grossen Projekten mit. Wir wehren uns beispielsweise gegen die Erschliessung des Sidelhorns. Eine Neuerschliessung in einem heute unberührten Gebiet kann keinen Sinn machen, wenn schon das Skigebiet auf der gegenüberliegenden Talseite Probleme hat.
Also auch Pro Natura verfolgt die Tourismusprojekte sehr kritisch?
Ganz klar. So ist Pro Natura beispielsweise in der Skigebietsplanung in Zermatt stark involviert. In Saas Grund beende ich in diesen Tagen die Erneuerung des Schutzvertrages Weissmies-Fletschhorn, der unter anderem auch einen regen Informationsaustausch über die touristische Entwicklung beinhaltet. In Saas Fee beschäftigen wir uns mit der geplanten Erweiterung des Skigebietes. Es ist uns wichtig, dass ein Kurort – oder noch besser eine Talschaft – ihre Ausbaupläne in einer Gesamtplanung aufzeigt.
Wie erleben Sie das Image der Umweltverbände in Ihrer alltäglichen Arbeit?
Gerade junge Leute, auch aus der Wirtschaft, begegnen mir und meiner Arbeit sehr offen. Wenn man die Heimat und Natur, in der wir leben,
so liebt wie ich, fällt es einem nicht schwer, sich mit Herzblut
zu engagieren. Aufgrund meiner bisherigen Erfahrung kann ich aber auch sagen: Das Wallis hat zu unrecht ein schlechtes Image. Heute ist vieles professioneller. Bei uns wird weniger gesündigt als früher. Die Walliser tragen mindestens genau so viel Sorge zur Natur wie die Bündner, Berner oder Innerschweizer.
Was machen Sie nebst ihrem 30 Prozent-Engagement für Pro Natura?
Ich arbeite zu 40 Prozent am Kollegium in Brig. Ich habe Geografie und Biologie studiert und diese Fächer später auch unterrichtet. Später habe ich noch das Diplom als Zeichnungslehrerin erworben. Seit zwei Jahren bin ich als Zeichnungslehrerin angestellt. Das macht mir echt Spass. Eines Tages werde ich mich vom Naturschutz zurückziehen und mich auf die Kunst konzentrieren. Aber noch liegen mir die Projekte von Pro Natura am Herzen.
Ihre
Meinung interessiert uns!
|