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Oberwallis / Die Walliser Bergbahnen packen ein. Immer häufiger werden exponierte Gletscherflächen mit einem Gletschervlies vor der Sonneneinstrahlung geschützt. Umweltverbände reagieren skeptisch.
Von Armin Bregy
Zur Zeit sind sie in aller Munde, die Gletscher der Alpen. Eine am letzten Samstag veröffentlichte Studie der Uni Zürich zeigt: Steigen die Sommertemperaturen um drei Grad, verlieren die Gletscher 80 Prozent der Eisfläche. Die Bergbahnen und Skigebiete rüsten sich gegen diesen drohenden Gletscherschwund. In Saas Fee, Zermatt und auf der Lauchernalp sind Projekte am laufen bzw. geplant. Nach Christo' Manier werden stark exponierte Flächen mit einem Gletschervlies eingepackt. Von der Massnahme versprechen sich die Unternehmen einen doppelten Nutzen. Zum einen soll der Aufwand zur Präparation der Pisten und Trassees verringert werden, zum zweiten kann der Bedarf an Kunstschnee reduziert werden. Pius Henzen vom Alpinen Zentrum Lötschental: „Die Herstellung der Trassees und Traversen wird durch die Massnahme weniger arbeitsintensiv, was auch bedeutet, dass geringere Mengen an Schadstoffen und Abgasen ausgestossen werden.“
Bedingter Hochwasserschutz
Die Gemeinde Wiler plant im Jahr 2007, Teile des Milibachgletschers abzudecken. Das Credo der Gemeindeverwaltung lautet: „So viel und so schnell wie möglich einkleiden.“ Man erhofft sich noch einen weiteren Nutzen der Abdeckungen: Der Gletscher soll Wasser in Form von Eis zurückhalten, was den Hochwasserschutz der Gemeinde Wiler verbessern soll. Dies wird von Dr. Christoph Hegg von der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) nur bedingt bestätigt: „Die Folien sind nicht wasserdurchlässig. Dadurch fliesst das Oberflächenwasser direkt ab und wird nicht im Gletscher gebunden.“ Die Bilanz für den Hochwasserschutz sei daher wohl als ausgeglichen zu bewerten.
Saas Fee und Zermatt
Im Oberwallis wird das Gletschervlies auch noch in Zermatt und Saas Fee eingesetzt – dort bereits im zweiten Jahr. Äussern wollte man sich zum Projekt jedoch nicht. In Zermatt werden nur einzelne Flächen um die Masten der Sesselbahn abgedeckt, dies schon seit mehreren Jahren. „Es geht darum, das Eis unter den Masten zu stabilisieren. Versetzen müssen wir sie von Zeit zu Zeit trotzdem,“ so Christen Baumann, CEO der Zermatter Bergbahnen. „Für uns wäre es unmöglich, den ganzen Gletscher abzudecken. Das Gebiet ist schlicht zu gross.“
Erfolge im Urnerland
In unserem Kanton arbeitet man noch in Verbier mit den Vliesen. Ausserhalb des Wallis werden die Folien in Laax, Engelberg und in Andermatt eingesetzt. Im letzten Jahr hatten die Verantwortlichen der Andermatt-Gotthard Sportbahnen unter wissenschaftlicher Begleitung des ETH-Glaziologen Andreas Bauer einen Teil des Gletschers bei der Bergstation am Gemsstock abgedeckt. Das Resultat war positiv: Unter der Abdeckung konnten bis zum Ende des Versuchs knapp zwei Meter Schnee und Eis konserviert werden. Auch das Befestigungssystem habe sich bewährt. Die Vliese wurden nicht zerrissen und konnten in diesem Jahr wieder eingesetzt werden. Material- und Installationskosten hätten sich gegenüber der Alternative, also dem Herantransportieren von Schnee, längst ausbezahlt, meinte Pistenchef Carlo Danioth gegenüber der NZZ am Sonntag.
Umweltverbände skpetisch
Der WWF Oberwallis äussert sich skeptisch zum Vorgehen der Bergbahnen. Ralph Manz: „Man sieht wieder mal, wie ohnmächtig der Mensch gegenüber dem Klimawandel ist.“ Er verstehe jedoch auch die Bergbahnen. Schlussendlich gehe es darum, eine Ökobilanz zu erstellen – man müsse also die Herstellung, den Transport und die Recyclierung betrachten. Erst dann könne man sagen, ob die Massnahme ökologisch sinnvoll sei oder nicht. Für Manz scheint indes eines klar: „Nach Artikel 24 des Raumplanungsgesetzes (RPG) braucht es sicherlich eine Baubewilligung für solche Abdeckungen. Zudem muss ein Umweltbericht erstellt werden.“ Nicht in Frage kommen für Ralph Manz bedruckte oder mit Werbung versehene Folien. Und was schlägt der WWF für Massnahmen vor? „Schlussendlich geht es darum, weniger CO2 in die Atmosphäre zu blasen, um den Klimawandel zu bremsen. Wenn man mit dem Flugzeug für 28 Franken nach Berlin fliegen kann, gibt mir das sehr zu denken.“ Zudem sei es bei uns doch eh viel schöner, und man solle, anstatt in die Ferien zu fliegen, im Wallis ausspannen.
Bewilligung notwendig?
Auch die Pro Natura verlangt eine generelle Bewilligungspflicht für Gletscherabdeckungen. Sie sieht sich zudem von einem Gutachten der Schweizerischen Vereinigung für Landesplanung bestätigt. Die Pro Natura strebt eine schweizweit einheitliche Praxis an. Zur Zeit ist dem noch nicht so. Die Sportbahnen in Andermatt mussten beim Kanton eine Bewilligung einholen, in Laax war kein solches Verfahren notwendig. Die zuständige kantonale Dienststelle des Wallis war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Man kann jedoch davon ausgehen, dass sich der Kanton an die Empfehlung der Vereinigung für Landesplanung hält. Dies würde bedeuten, dass die Abdeckungen bewilligungspflichtig sind. Etwas, dass die Bergbahnen nicht gerne hören: „Ich verstehe nicht, warum der Kanton für weisse, mit Steinen befestigte Folien eine Baubewilligung verlangt, während Gemüsebauern einfach so Folien über ihre Tomaten spannen dürfen,“ ärgerte sich Eric Balet von „Téléverbier“ im Tages-Anzeiger.
Schweizer Produkt
Hergestellt wird das Gletschervlies von der Näfelser Firma Fritz Landolt AG. Produktmanager Marcel Stähle zum Herstellungsprozess: „Wir verkleben zwei Vliese miteinander. Das eine ist extrem reissfest, dass andere ist auf Polyesterbasis und reflektiert die Sonnenstrahlen.“ Die Folien werden im Herbst zusammengerollt und können im nächsten Jahr wieder eingesetzt werden. Mit einem Klettverschluss werden die Bahnen zusammengeklebt und mit Schläuchen, welche mit Sand oder Kies gefüllt sind, beschwert. Der Quadratmeter kostet 5 Franken und wiegt 500 Gramm pro Quadratmeter. „Im Prinzip ist das Vlies nicht anders als dasjenige, welches im Strassenbau eingesetzt wird,“ so Stähle. Die Fritz Landolt AG liefert es mittlerweile bis nach Norwegen und Neuseeland. Jedoch auch Produktmanager Stähle bleibt zurückhaltend: „Ganze Gebiete abzudecken ist unrealistisch.“
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