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Nestor Clausen, Trainer des FC Sitten
„Ich bin noch ehrgeiziger als Christian Constantin“


 

Martinach / Sitten / Als Spieler gilt er bereits als Legende unter den Anhängern des FC Sitten: Nestor Clausen. Zwölf Jahre nach seinem letzten Einsatz im Dress der Walliser kehrte er nun zurück und soll der Aufstiegsmannschaft als Trainer zur Etablierung in der Super League verhelfen. Kurz vor dem gestrigen Saisonstart nahm der 47-jährige Argentinier im RZ-Frontalinterview Stellung zu seinen Zielen für die Saison 2006/2007.

Von Markus Pianzola

Nestor Clausen, seit wenigen Wochen sind Sie wieder im Wallis, nachdem Sie zwischen 1989 und 1994 bereits beim FC Sitten spielten. Was hat sich seit damals im Verein verändert?
Die Organisation des Clubs ist in der Zwischenzeit als Ganzes viel professioneller geworden. Aber auch der Schweizer Fussball im Allgemeinen hat sich weiterentwickelt. Ich erinnere mich noch, als ich 1989 zum FC Sitten kam, gab es nur wenige Vollprofis im Land. Auch die Anzahl der Schweizer Spitzenspieler ist um ein Vielfaches gestiegen. Damals war beispielsweise Alain Geiger auf seiner Position in der Innenverteidigung praktisch konkurrenzlos in der Nationalmannschaft, heute ist der Konkurrenzkampf viel grösser.

Weshalb haben Sie sich für ein Engagement beim FC Sitten entschieden, nachdem Sie zuletzt in Saudi-Arabien tätig waren?
Ich habe die Schweiz und das Wallis während meines fünfjährigen Aufenthalts als Spieler kennen und schätzen gelernt. Zudem ist ein Job in Europa für einen Trainer immer reizvoll. Im Schweizer Fussball verdient man nicht so viel wie in anderen europäischen Ländern. Der finanzielle Aspekt war also sicherlich nicht ausschlaggebend. Es geht vor allem darum, berufliche Erfahrungen zu sammeln und gute Resultate zu erzielen.

Was halten Sie von den Visionen Ihres Präsidenten Christian Constantin?
Constantin ist ein Präsident, der immer gewinnen will. Er fordert sehr, sehr viel von seinen Angestellten. Allerdings kann ich Ihnen versichern, dass ich noch ehrgeiziger bin als er! Bereits in meiner Aktivzeit als Spieler hatte ich jeweils nur den Sieg als Ziel vor Augen, alles andere zählte für mich nicht. Heute als Trainer weiss ich, dass im Fussball schlussendlich nur das Resultat zählt, wie dieses erreicht wird, ist zweitrangig.

Der präsidiale Druck, immer gewinnen zu müssen, stellt für Sie kein Problem dar?
Für mich ist das kein Druck. Ich musste lachen, als ich bei meiner Ankunft von bestimmten Leuten gewarnt wurde, dass Christian Constantin ein sehr viel fordernder Präsident sei. Ich komme aus einem Land, in dem Trainer bei vier oder fünf sieglosen Spielen hintereinander entlassen werden. Für mich ist das normal. Ich bin auch intelligent genug, um zu merken, wenn etwas nicht funktioniert. Ist dies der Fall, so trete ich von mir aus zurück und warte nicht zu, bis der Präsident mich entlässt. In Ihrer Zeit im Wallis gewann der FC Sitten einen Meistertitel und holte sich einen Cupsieg. Auch dadurch wurden

Sie unter den Walliser Fans zur Legende. Haben Sie keine Angst, diesen Ruf durch ein missglücktes Trainerengagement möglicherweise zu zerstören?
Nein. Spieler und Trainer, das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Wenn ich Angst hätte, wäre ich auch nicht zurückgekehrt. Es hat vielleicht auch mit meiner Mentalität zu tun, dass ich mich nicht mit einem Sieg zufrieden gebe, sondern immer noch mehr Siege will. Das Leben ist ein Spiel, also muss man auch gewisse Risiken eingehen können. Wenn ich es nicht versuche, würde ich nie herausfinden, ob ich erfolgreich gewesen wäre oder nicht.

Nur wenige Tage nach dem Ende der Weltmeisterschaft startet bereits wieder die Schweizer Meisterschaft. Ist Ihre Mannschaft bereit für die Herausforderung Super League?
Wir sind bereit, obwohl noch einige Sachen verbessert werden müssen. Es sind dies vor allem Kleinigkeiten, die es zu korrigieren gilt.

Worauf wurde in der Vorbereitung besonderer Wert gelegt?
Mein Assistenztrainer Carlos Armua und ich sind bereits mit einem vorbereiteten Programm für die physische Vorbereitung in die Schweiz gereist. Dieses mussten wir aber im Anschluss anpassen. Wir haben bald einmal festgestellt, dass die Vorbereitung in der Schweiz anders abläuft als beispielsweise in Argentinien. So wird zu Beginn weniger hart trainiert und eher die eine oder andere Trainingspartie mehr gespielt. Hätten wir das ursprünglich vorgesehene Programm durchgezogen, wäre die Gefahr zu gross gewesen, dass sich die Spieler verletzen.

Welchen Eindruck haben Sie bislang von den Neuzuzügen?
Der Kader ist noch nicht komplett, der eine oder andere Spieler wird noch dazukommen. Präsident Constantin will sicher gehen, dass die Neuzuzüge auch Verstärkungen sind und lässt sich deshalb etwas mehr Zeit bei der Spielersuche. Von den Neuen die bislang da sind, haben einige bereits gute Ansätze gezeigt, andere haben derzeit noch etwas Mühe. Das hat aber auch damit zu tun, dass manche Spieler etwas länger brauchen, um sich an die neue Umgebung und das neue Team zu gewöhnen.

An der WM fiel die oftmals sehr defensive Ausrichtung der Teams auf. Die Folge waren unattraktive und torarme Spiele. Welche Spielweise dürfen wir vom FC Sitten unter Trainer Nestor Clausen erwarten?
Ich versuche, das Beste aus dem mir zur Verfügung stehenden Spielermaterial herauszuholen. Ich muss mich an die Mannschaft anpassen und nicht umgekehrt. Wir haben einige gute Techniker im Team, also werden wir anstreben, das gepflegte Spiel mit dem Ball zu praktizieren. Allerdings muss die Mannschaft in Sachen gesunder Aggressivität noch etwas zulegen.

Als Aufsteiger ist Ihre Mannschaft eigentlich Aussenseiter. Trotzdem hat sich Christian Constantin erwartungsgemäss anspruchsvolle Ziele gesetzt. Was sind Ihre persönlichen Saisonziele?
Es stimmt, dass die Ziele des Präsidenten sehr hoch gesteckt sind. Jeder beim FC Sitten arbeitet für den Erfolg, sowohl die Spieler selber als auch das gesamte Umfeld. Ich persönlich strebe immer den ersten Platz an. Es ist klar, dass dieser Wunsch nicht immer Realität werden kann und man sich plötzlich auch am Ende der Tabelle wiederfinden kann. Bereits nach wenigen Meisterschaftsrunden wird man sagen können, in welche Richtung wir uns werden orientieren müssen. Aber grundsätzlich setze ich der Mannschaft und mir dieselben Ziele, wie sie der Präsident vorgegeben hat. Vielleicht sogar noch etwas höher.

Im Gegensatz zu früheren Zeiten steht derzeit kein Oberwalliser Spieler im Kader. Ist hier in näherer Zukunft Besserung zu erwarten?
Dafür kenne ich die Fussballszene im Oberwallis noch zu wenig, um diese Frage zu beantworten. Aber wichtig ist, dass die Spieler verstehen, was die Fans von ihnen fordern: Der FC Sitten kann es sich vielleicht von Zeit zu Zeit erlauben, ein schlechtes Spiel abzuliefern. Aber der Einsatz muss stimmen. Jeder einzelne Spieler muss für den Verein und damit auch für die Anhänger kämpfen und sein Bestes geben. Deshalb erwarte ich von meinem Team auch, dass wir zuhause aggressiver auftreten als auswärts. Halten sich die Spieler an diese Vorgaben, so werden es die Fans auch eher akzeptieren, wenn weniger einheimische Spieler im Kader stehen.

Ihre Vorfahren sind aus Ernen nach Argentinien ausgewandert. Haben Sie noch einen Bezug zum Oberwallis?
Von Zeit zu Zeit besuche ich in Ernen noch Bekannte. Das grosse Problem für mich ist die Sprache. Da ich weder Deutsch, geschweige denn den Oberwalliser Dialekt beherrsche, ist die Verständigung schwierig. Deshalb muss ich immer einen Kollegen mitnehmen, der dann den Übersetzer für mich spielt (lacht). Das macht die Sache natürlich nicht einfacher. Aber es ist eine schöne Region und ich freue mich immer wieder, dorthin zurückzukehren.

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