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Daniel Grossenbacher, Präsident Verein Corwetsch
„Wir wollen einen naturnahen Spielraum schaffen“


 

Corwetsch / Simplon / Der Verein Corwetsch zählt rund fünfzig Mitglieder und ist seit drei Jahren damit beschäftigt, das Alpgebäude auf Corwetsch, einer Alp oberhalb von Gondo, wieder instand zu stellen. Daniel Grossenbacher (46), Präsident des Vereins, erzählt im RZ-Frontalinterview über die Beweggründe, das Projekt und sagt: „Ich hoffe, dass die Arbeiten in zwei Jahren abgeschlossen sind.“

Von Walter Bellwald

Vor knapp vier Stunden waren Sie noch in Solothurn, jetzt sind Sie hier oben auf Corwetsch auf knapp 2000 Metern über Meer. Ein gutes Gefühl?
Ein sehr gutes Gefühl. Hier auf Corwetsch fühle ich mich rundum wohl. Es ist eine völlig andere Welt. Wenn ich hier herauf komme, gehe ich wie ins Exil.

Vor zehn Jahren sind Sie im Rahmen eines Forschungsprojekts der Uni Bern auf diese Gegend aufmerksam geworden. War es Liebe auf den ersten Blick?
Gewissermassen ja. Hier auf Corwetsch war ich sofort angetan von der Natur und der Idylle. Es ist ein Ort mit einer starken Anziehungskraft. Für die Bergler ist eine solche Alp mit viel Schweiss und Arbeit verbunden, für uns Städter überwiegt die Romantik. Ich war im Rahmen dieses Forschungsprojekts viel unterwegs und habe einige Alpen besucht. Corwetsch hat mir besonders gut gefallen.

Wie kamen Sie auf die verrückte Idee, die Alphütte auf Corwetsch zu sanieren?
Auf Corwetsch weiden, wie auf den meisten umliegenden Alpen, seit Jahrzehnten keine Kühe mehr. Die Alphütte war dem Zerfall preisgegeben. Dieses Bild hat mich nicht mehr losgelassen und ich wusste sofort, dass ich etwas unternehmen wollte. Es wäre sehr schade, diese geschichtsträchtigen Bauten einfach so kaputt gehen zu lassen – einige davon sollten erhalten werden können.

Sie haben daraufhin den Besitzer der Hütte ausfindig gemacht und das Gespräch gesucht. Wie schwierig war es, mit ihm in Kontakt zu kommen?
Ich war während meiner Uni-Arbeit viel auf der Simplonsüdseite unterwegs. Dadurch lernte ich auch den rechtmässigen Besitzer der Alphütte auf Corwetsch, Moritz Gerold, kennen. Auf meine Frage, was mit der Alp in Zukunft passiere, hat er etwas wehmütig geantwortet, gar nichts. Seine Kinder würden sich weniger dafür interessieren und er sei schon zu alt. Schliesslich habe ich ihm den Vorschlag unterbreitet, die Hütte zu sanieren. Daraufhin meinte er nur, darüber lasse sich reden.

Die Sanierung der Alphütte wurde vertraglich geregelt...
Noch war es nicht soweit. Nach den ersten positiven Signalen seinerseits bin ich heim gefahren und redete im Freundeskreis über meine Vision. Die Echos waren sehr positiv. So kam es, dass wir einen Trägerverein gründeten mit dem Zweck, die Alpe Corwetsch zu erhalten.

Wie ging es weiter?
Wieder zurück im Wallis haben wir mit Moritz Gerold einen Gebrauchsleihvertrag ausgehandelt, das heisst, der rechtmässige Besitzer tritt das Gebäude über eine bestimmte Zeit ab. Im konkreten Fall sind das zwanzig Jahre. Im Gegenzug nehmen wir uns das Recht, die Alphütte zu einer einfachen Unterkunft auszubauen.

Obwohl der finanzielle Aspekt noch unsicher war...
Die Gründung des Vereins Corwetsch beruhte auf viel Idealismus. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, ob wir Geld für die Sanierung auftreiben konnten und ob es genügend Freiwillige geben würde, um die Hütte wieder aufzubauen. Inzwischen zählt der Verein 50 Mitglieder, vor allem aus der Region Solothurn und Bern. Das Projekt wird durch Mitgliederbeiträge, Spenden und Stiftungen finanziert.

Wie sind Sie das Unterfangen Corwetsch angegangen?
Nach den vertraglichen Regelungen haben wir damit begonnen, das Bauprojekt zu planen. Als erstes haben wir Pläne erstellt, die sich am ursprünglichen Zustand der Hütte orientieren, das heisst, wir wollten die Hütte möglichst wieder so aufbauen, wie sie war. Die Hütte war in einem schlechten Zustand. Das Dach war nur noch halbwegs intakt und die Mauern waren beschädigt. Nichtsdestotrotz haben wir uns mit viel Enthusiasmus an die Arbeit gemacht.

Wie haben die Menschen auf der Simplonsüdseite reagiert, als sich „Üsserschwyzer“ auf einer ihrer Alpen zu schaffen machten?
Anfänglich war eine gewisse Skepsis vorhanden. Die Leute mutmassten darüber, ob nun irgendwelche Drögeler nach Corwetsch kämen. Aber weil wir immer sehr offen kommuniziert haben und die Bevölkerung informierten, hat sich die anfängliche Skepsis schnell gelegt. Kommt hinzu, dass wir auch die Gemeinden schnell für unsere Sache gewinnen konnten. Sowohl Gondo wie Simplon-Dorf haben sich denn auch als Vereinsmitglieder eingeschrieben. Das hat uns natürlich sehr geholfen und unsere Arbeit erleichtert.

Worauf basiert das Projekt Verein Corwetsch?
Einerseits besteht im Alpenraum ein Defizit an Arbeitskräften, die solche Bauten erhalten wollen. Die Alpen sind verlassen und werden nicht mehr bewirtschaftet – auch aufgrund des Strukturwandels in der Landwirtschaft. In den Städten haben wir grosse soziale Probleme. Wir haben viele Jugendliche, die unterfordert sind, keine Beschäftigung haben und die Natur nicht kennen. Ich wollte schon immer diese Sachen verknüpfen. Mit dem Projekt Corwetsch können wir einen Spielraum schaffen für Jugendliche und Erwachsene, die sich mit einer direkt erlebbaren Natur verbinden wollen. Natürlich braucht es auch noch die nötige Bereitschaft, so ein Projekt durch zu ziehen.

Was für Leute helfen mit, Corwetsch wieder instandzustellen?

Ein Teil der freiwilligen Hilfskräfte sind Schüler. Am Anfang haben wir mit einer Schule in Solothurn zusammen gearbeitet. Sie haben sich zur Verfügung gestellt, eine Woche nach Corwetsch zu kommen und haben hier eine Naturkundewoche veranstaltet. Das war ein voller Erfolg. Zuerst haben sie zwar ein bisschen gemault, dass sie soweit hinauflaufen mussten, aber dann waren sie mit einem Rieseneifer bei der Sache. Jetzt kommen sie jedes Jahr wieder. Die Klassen sind aber nicht nur auf Corwetsch tätig, sondern unterstützen auch die regionale Landwirtschaft. Während ihrer Anwesenheit werden auf Alpjen Weiden geräumt, Wälder gerodet oder Wasserleitungen instandgestellt. Auch das ist ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit, die sogar statutarisch festgelegt ist.

Aber auch Workcamp und Caritas Schweiz unterstützen Ihr Projekt...

Richtig. Workcamp ist eine internationale Organisation, die in vielen Ländern tätig ist. Dabei kommen Leute aus den verschiedensten Ländern zusammen. So waren schon Jugendliche aus Korea, Japan, Afrika und Amerika bei uns. Dadurch ist ein multikultureller Austausch möglich und es entstehen interessante Kontakte. Schliesslich vermittelt Caritas Schweiz freiwillige Helferinnen und Helfer ins Berggebiet. Aus einem Katalog von Einsatzmöglichkeiten können die Jugendlichen auswählen.

Vor vier Jahren haben Sie mit der Instandstellung der Alphütte begonnen. Wie weit sind Sie inzwischen?
Wir kommen eigentlich gut voran. Die Arbeiten sind recht weit fortgeschritten. Das Dach und die Fassade sind fertigerstellt. Jetzt folgt das letzte Drittel der Arbeit – der Innenausbau und die Wasserzuleitung. Auch das Abwassersystem mit der Klärgrube muss noch gemacht werden.

Wie lange ziehen sich die Arbeiten noch hin?
Ich hoffe, dass wir in zwei, drei Jahren fertig sind. Einerseits ist das aber vom Geld abhängig, andererseits von den Personen, die sich am Ausbau beteiligen. Die Leute sollen ja nicht nur auf Corwetsch kommen, um zu arbeiten, sondern auch, um sich zu erholen und die Gegend ein bisschen näher kennen zu lernen. Das Ganze soll Spass machen. Dazu kommen weitere Faktoren wie das Wetter und die Höhe. Bei der Planung war einzig klar, dass wir zuerst die Aussenhülle instandsetzen wollten. Dann kam das Dach und jetzt steht die Innensanierung an. Pro Jahr sind insgesamt rund hundert Leute während drei Monaten auf Corwetsch beschäftigt.

Was passiert mit dem Projekt, wenn die Hütte steht?
Wenn die Bauphase fertig ist, gehts in die Betriebsphase. Die muss aber zuerst neu definiert werden. Da gibt es viele Möglichkeiten: Einerseits könnte eine Schulklasse einen Sommer über die Wanderer und Gäste bewirten oder die Hütte kann als Ferienlager an Schulklassen vermietet werden. Eine weitere Möglichkeit wäre es, die Alp kulturell sinnvoll zu nutzen. Aber auch Plätze für Workshops oder Kursangebote wären sinnvoll.

Der Verein Corwetsch hat sich zum Ziel gesetzt, auch noch ein weiteres Gebäude zu realisieren...
Die Pläne dazu stehen bereits. Aber entschieden wird erst, wenn die Sanierung der ersten Hütte abgeschlossen ist. Wir möchten auch noch eine weitere Hütte bauen, damit das Angebot vergrössert werden kann. Momentan ist es leider nicht möglich, eine ganze Schulklasse zu integrieren, weil die Platzmöglichkeiten beschränkt sind. Aber wie gesagt, das ist Zukunftsmusik. Jetzt wollen wir erst mal die Sanierung abschliessen und dann sehen wir weiter.

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