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Ivo Burgener, Kdt Stv. Kompetenzzentrum Gebirgsdienst der Armee
„Die Einsätze in den Krisen gebieten waren spannend“


 

Münster / Andermatt / Er war bei drei Friedenseinsätzen der Schweizer Armee im Ausland dabei. Ivo Burgener, stellvertretender Kommandant im Kompetenzzentrum Gebirgsdienst der Armee, spricht im RZ-Frontalinterview über seine Arbeit, die Gebirgs-Infanterie-RS, seine Erlebnisse im Ausland und sagt: „Für mich war es eine grosse Herausforderung, eine gewisse Führungserfahrung in einem Krisengebiet zu sammeln.“

Von Walter Bellwald

Sie kommen soeben von einer Übung zurück. Wie ist es gelaufen?
Wir hatten zum ersten Mal eine Infanterie-Durchdiener-RS, die in Andermatt die Durchhalteübung absolvierte. Ich war als Übungsleiter integriert, das heisst, ich habe die Übung angelegt und sie vorbereitet. Meine Aufgabe war es, den Kompaniekommandanten zu beüben. Der Kadi war am Freitag todmüde und ein paar Mal war er am Anschlag. Nichts desto trotz hat er seine Aufgabe sehr gut gemeistert. Die ganze Übung verlief sehr positiv.

Was ist spannender – eine Übung bis ins Detail zu planen oder auf Platz umzusetzen?
Ich bin eher der Typ, der die Umsetzung im Gelände bevorzugt. Die Vorbereitung ist zwar wichtig, aber man plant im Wissen, dass die Übung letztlich anders ausfällt. Sobald die Truppe auf Platz ist, muss man sie führen und herausfinden, wie sie auf ein Problem reagiert. Da gibt uns das Gebirge natürlich viele Möglichkeiten. Auch was das Wetter anbelangt, gibt es viele Unbekannte, auf die es zu achten gilt. Das Gebirge ist wirklich Führung eins zu eins. Jeder Fehler wird bestraft. Aber im Bereich Sicherheit machen wir natürlich keine Abstriche. Wenn ich merke, dass es in punkto Sicherheit falsch läuft, greife ich ein.

Sie sind stellvertretender Kommandant der Gebirgs-Infanterie RS in Andermatt. Was umfasst die Ausbildung der Gebirgsspezialisten?
Die Ausbildung zum Gebirgsspezialisten dauert 21 Wochen. Darin enthalten ist die soldatische Grundausbildung und die Gebirgsausbildung der Sommergebirgstechnik sowie die Gletscher-, Eis-, Fels- und Winterausbildung wie Lawinenabschüsse und Rettungswesen. Wenn jemand gerne im Gebirge ist, kann er 21 Wochen lang seinem Hobby frönen. Dazu ist es eine sehr gute Vorbildung für Bergführer. Im Gegensatz zu den anderen Einheiten ist bei uns der Individualist entscheidend. Wir sind wie eine kleine Familie. Was auffällt ist die Tatsache, dass sich fast keine Walliser zum Gebirgsspezialisten ausbilden lassen. Das finde ich schade. Wenn ein angehender Rekrut Interesse hat, kann er sich auch direkt bei uns melden und die entsprechenden Informationen einholen.

Vielerorts werden die heutigen Rekruten als verweichlicht angesehen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Wir in Andermatt sind privilegiert, weil unsere Rekruten hierher kommen, um etwas zu lernen. Das ist andernorts vielleicht anders. Ich habe jetzt gerade die Infanterie-Durchdiener-RS eine Woche betreut. Der Ausbildungsstandard hat mir zu Denken gegeben. Rund vierzig Prozent der Rekruten sind ohne Lehrabschluss und haben zum ersten Mal ein Biwak erlebt. Ganz allgemein lässt sich sagen, dass man von den jungen Leuten viel verlangen kann. Ich stelle keine Verweichlichung fest. Die Motivation und Leistungsbereitschaft ist nach wie vor sehr hoch. Nur fehlt vielen Vorgesetzten der Mut, etwas von den Jungen zu verlangen.

Als stellvertretender Kommandant sind Sie vor allem mit der Organisation von Kursen beschäftigt. Welche Truppen und Nationen kommen nach Andermatt, um hier ihre Übungen abzuhalten?
Viele Anfragen kommen aus dem Flachland. Also Belgien, den Niederlanden oder Dänemark. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder stellen wir ihnen einen Bergführer zur Seite oder wir stellen ihnen ein komplettes Programm zusammen. Das Ganze findet im Rahmen eines Ausbildungsvorhabens statt, das heisst, die Schweiz kann im Gegenzug in anderen Ländern Übungen abhalten, so beispielsweise mit den FA-18 im Ausland trainieren. Dafür können andere Nationen in der Schweiz ihre Kurse absolvieren und dabei die ganze Infrastruktur gratis nutzen.

Wie viele Anfragen bekommen Sie im Schnitt pro Jahr?
Das Business wächst enorm. International bekommen wir im Schnitt alle zwei Wochen eine Anfrage. Die Anfragen kommen vorwiegend aus europäischen Ländern.

Warum kommen so viele ausländische Truppen in die Schweiz, um ihre Übungen und Kurse durchzuführen?
Das Gelände bei uns ist für Gebirgsübungen nahezu ideal. Viele Nationen waren auch schon in Österreich, aber die Distanzen für die verschiedenen Programme sind zu weit entfernt. Bei uns hingegen können wir ohne weiteres am gleichen Tag eine Ausbildung auf dem Rhonegletscher und im Klettergarten in Bellinzona anbieten. Andermatt ist sehr gut gelegen, das ist ein grosser Vorteil. In kurzer Zeit sind wir im Tessin, in der Innerschweiz oder im Wallis. Wir haben alle Möglichkeiten auf engstem Raum. Dazu kommt, dass wir sehr unbürokratisch sind. Das wird von den Kursteilnehmern geschätzt. Im Gegenzug bekommen wir viele Einladungen von anderen Nationen, die uns ihr Wissen und Know-how im eigenen Land zur Verfügung stellen. Es ist eine partnerschaftliche Zusammenarbeit.

Wo holen Sie sich das Know-how, um dieses Wissen an die ausländischen Streitkräfte zu vermitteln?
Was die Technik angeht, leben wir ausschliesslich von den Bergführern, die ihr Fach verstehen. Was mein persönliches Know-how angeht, ist es sicher im Wesentlichen meine Erfahrung, die ich einbringen kann. Durch meine lange Dienstzeit kenne ich die Zusammenhänge und die Ansprechpersonen, auf die es ankommt, um eine Aufgabe zu lösen.

Sie haben mehrere Auslandeinsätze hinter sich. So waren Sie unter anderem 1999 ein halbes Jahr in Bosnien-Herzegowina. Was war der Grund für diesen Einsatz?
Die SFOR war zu diesem Zeitpunkt in Bosnien und sollte hier für Ruhe und Ordnung sorgen. Der damalige Bundesrat Adolf Ogi war es, der der OSZE die logistische Unterstützung der Schweiz anbot. Das war ein hochspannendes Projekt. Wir waren rund fünfzig bis sechzig Personen, die sich für diesen Freiwilligeneinsatz zur Verfügung stellten. Vom Chauffeur, dem Arzt, der Krankenschwester, dem Werkstattchef, dem Koch oder Pöstler war alles dabei. Wir mussten alle unbewaffnet den Dienst antreten. Das haben die Ausländer nie begriffen, aber es hat funktioniert und wir konnten unseren Teil zu einer friedlichen Lösung des Konflikts beitragen.

Wieso haben Sie sich für ein halbes Jahr als Kommandant in Bosnien verpflichtet?
Für mich war es eine grosse Herausforderung, eine gewisse Führungserfahrung in einem Krisengebiet zu sammeln. Von dieser Erfahrung konnte ich bei meinem zweiten Auslandeinsatz im Kosovo viel profitieren. Die Automatismen laufen jedes Mal gleich ab. Anfangs herrscht eine grosse Euphorie, dann folgt die grosse Ernüchterung, schliesslich wird das Ganze zur Routine und gegen Schluss folgt nochmals eine Euphorie. Weil ich mir in Bosnien diese Erfahrung aneignen konnte, war ich bei meinen weiteren Einsätzen auf diese Gefühlslagen der Armeeangehörigen vorbereitet und konnte Gegensteuer geben.

Mussten Sie während Ihren Auslandeinsätzen auch brenzlige Situationen überstehen?
In Bosnien kam es zu einem führungstechnischen Konflikt. Während unserem Auslandaufenthalt organisierte die OSZE in Wien ein Seminar, um die Konfliktparteien an einen Tisch zu bringen. Als wir in Wien landeten, wurde eine Delegation festgenommen. Das sorgte in Bosnien für einen Riesenwirbel und ein Aufschrei gegen die OSZE ging durchs Land. Das war für mich besonders schlimm, weil ich in Wien während drei Tagen warten musste und mich nicht in Bosnien um meine Leute kümmern konnte. Ich hatte drei schlaflose Nächte. Zum Glück ging die Sache aber glimpflich aus.

Kam es auch im Kosovo zu gefährlichen Auseinandersetzungen?
Gegen Ende unseres Einsatzes im März 2004 loderte der Konflikt im Kosovo innerhalb weniger Stunden nochmals auf. Dabei wurden Kirchen und Moscheen, die schon fünfhundert Jahre standen, einfach abgefackelt. Die KFOR-Truppen, denen wir angeschlossen waren, waren zwar kein eigentliches Angriffsziel, trotzdem waren wir mitten im Kampfgeschehen. Wenn beispielsweise eine Demonstration stattgefunden hat, waren wir mitten im Geschehen. Trotzdem mussten wir unsere Bewachungsaufträge weiterführen und unsere Neutralität wahren.

Was für Personen melden sich für solche Freiwilligeneinsätze im Ausland?
Es gibt verschiedene Gründe, warum sich jemand zu einem Auslandeinsatz meldet. Einerseits ist es sicher das Berufsmilitär, das sich zur Aufgabe macht, etwas zur Friedensförderung beizutragen. Andererseits gibt es aber auch die Abenteurer, die Jungen, die Action suchen. Diese Leute sind am meisten gefährdet, vor Ort einer gewissen Frustration zu verfallen. Der Grund dafür ist die Tatsache, dass sich solche Einsätze vor Ort zum grossen Teil auf Bewachungsaufgaben beschränken und darum eher langweilig sind. Und das sind wir Schweizer nicht gewohnt. Bei uns muss immer etwas laufen. Ein Soldat, der zwei Stunden warten muss, wird kribbelig. Er kommt aus der Privatwirtschaft und da ist Effizienz gefragt. Und da unten läuft nun mal oft überhaupt nichts. Aber auch das gehört zu unserenAufgaben. Ich für mich hingegen hatte superspannende Momente. Jeder Tag war eine neue Herausforderung, sowohl in logistischer wie menschlicher Hinsicht. Diese Einsätze gaben mir ein gewisses Selbstvertrauen und haben mir gezeigt, dass wir Schweizer uns gegenüber anderen Nationen überhaupt nicht verstecken müssen. Unser Milizsystem bringt da viele positive Aspekte mit sich.

Sollte die Schweiz mehr Friedenseinsätze machen?
Das ist nicht ganz einfach. Wir kommen personell schnell an unsere Limite. Wir müssen hingegen versuchen, Nischen zu besetzen. Wir sind beispielsweise stark in der Minenräumung oder im Bereich Gebirgsrettung. Aber für die grossen Friedensoperationen sind wir ganz einfach zu klein und haben nicht die Mittel und Möglichkeiten dazu. Aber das wird von den anderen Ländern auch nicht erwartet. Wir zeigen uns solidarisch und leisten unseren kleinen Beitrag zur Friedensförderung.

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