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Peter Schwitter, Hüttenwart Oberaletschhütte und Bergführer
„Ich bin zwar Hüttenwart, aber kein Einsiedlertyp“


 

Belalp / Oberaletschhütte / Er ist Bergführer, Rettungschef, Chef vom Lawinenwarndienst und seit sechs Jahren Hüttenwart in der Oberaletschhütte: Peter Schwitter aus Naters. Im Interview spricht der 43-Jährige über Rettungseinsätze, versteckte Bergschuhe und das Problem der SAC-Hütten.

Von Denise Jeitziner

Sie sind gerade von zwei Tagen in der Zivilisation zurück zu Ihrer Hütte gekommen. Was ist das für ein Gefühl?
Für mich ist es das Gefühl vom Nachhausekommen. Ins Tal gehe ich meistens nur, um etwas zu organisieren, für Spezialarbeiten oder wenn ich als Rettungschef an Sitzungen teilnehmen muss. Ich plane jedoch, dieses Amt auf den Herbst abzugeben. Ich habe ja schon die dritte Amtszeit, also zwölf Jahre hinter mir.

Hat es Putschversuche gegeben?
Nein, noch nicht. Ich habe die Devise, dass man gehen sollte, bevor es einen Putschversuch gibt (lacht). Wir haben sehr guten Nachwuchs und ich möchte einfach wieder ein bisschen mein Leben geniessen. Als Rettungschef bist du – egal wo du bist – immer in Gedanken hier. Du fragst dich: Was, wenn etwas passiert und ich nicht hier bin? Als Rettungsspezialist werde ich jedoch nach wie vor zur Verfügung stehen.

Sie werden zu einem Einsatz gerufen. Was geht in Ihnen vor?
Du darfst dir nicht überlegen, was auf dich zukommt. Vor zwei Wochen hiess es: Ausrücken, Gleitschirm­unfall im Bieligertal. Da hast du schon eine gewisse Vorahnung, was dich erwartet und dass es nicht schön aussehen wird. Aber daran darfst du nicht denken. Und auf dem Platz mache ich sowieso immer klick und schalte aus.

Und nach dem Einsatz?
Es gibt schon Dinge, die einen verfolgen. Ich hatte zum Glück bis jetzt noch nie Albträume mit Bildern von Toten. Und ich habe viele geholt.

Was ist das Schlimmste?
Wenn du genau weisst, dass du jemanden holen musst, den du kennst, einen guten Kollegen. Das ist Horror. Seit ich hier Hüttenwart bin, musste ich auch schon mehrmals Leute holen, die hier übernachtet haben. Ein Fall hat mich sehr berührt: Eine Gruppe junger Österreicher war die ganze Woche hier und am letzten Tag wurde einer von einem Eisbrocken erschlagen. Am Morgen hat er sich noch verabschiedet, zwei Stunden später musste ich ihn in den Leichensack legen. Das tut weh. Dann gibt es Einsätze, bei denen ich mich frage: Was mache ich überhaupt hier? Leute, die absolut unverantwortlich handeln oder – was je länger je mehr vorkommt – Evakuationen von Personen, denen null und nichts fehlt. Die setzen sich einfach an einem Wanderweg, ziehen das Natel aus der Tasche und sagen: Kommt mich holen. Damit habe ich Mühe. Das ist ein Missbrauch von Rettungskräften. Wenn zur selben Zeit ein anderer Unfall passiert, ist der Heli nicht einsatzbereit.

Dieses Jahr gab es viele Bergunfälle...
In der Aletschregion war es zum Glück extrem ruhig bisher. Letztes Jahr hatten wir 27 Einsätze, dieses Jahr sieben oder acht.

Ist die Natur Schuld an Bergunfällen?
Das würde ich nicht so sagen. In der Regel sind die Unfälle hausgemacht, das heisst durch Selbstüberschätzung, falsche Einschätzung der Tour oder des Gebirges.

Schauen Sie den Leuten, die in die Oberaletschhütte kommen, als erstes auf die Schuhe?
Ich sags jetzt brutal: Ich bin nicht deren Vater und nicht verantwortlich für das, was sie tun. Wenn ich aber sehe, dass jemand sich überschätzt oder nicht für die Tour geeignet ist, dann sage ich das klipp und klar. Aber es ist nicht so, dass ich jemandem die Bergschuhe verstecke, damit er nicht ausrücken kann. Das haben wir früher ab und zu gemacht. Weil wir genau wussten, die haben keine Chance, die kommen nicht weit und wenn, dann sind sie in Lebensgefahr.

Vor sechs Jahren haben Sie das Amt des Hüttenwarts übernommen. Wie kommt man auf die Idee, eine Arbeitsstelle anzunehmen, zu der man fast drei bis vier Stunden laufen muss?
Ich habe es mal in 1 Stunde und 50 Minuten geschafft, aber da „bini ebitz verruckte gsi“ (lacht). Nein im Ernst. Das Oberaletschgebiet war immer schon mein Lieblingsgebiet. Hier bin ich schon als 16-Jähriger auf jeden „Hubl“ gestiegen. Ich kenne das Gebiet in- und auswendig und habe immer gesagt: Wenn ich mal eine Hütte übernehmen will, dann diese hier. Letztes Jahr wäre die Konkordia-Hütte ausgeschrieben gewesen, die finanziell zehn Mal lukrativer wäre. Aber das hat mich nicht gereizt.

Wenn Sie aus dem Fenster schauen, sehen Sie den Oberaletschgletscher. Tut es weh, ihn schmelzen zu sehen?
Es beschäftigt einen. Das grosse Problem, das mit der Gletscherschmelze zusammenhängt, wird der Trinkwassermangel sein. Dem Unterbächgletscher gebe ich zum Beispiel nicht mehr lange. Und die Gemeinde Naters bezieht viel Trinkwasser von dort oben. Das nächste Problem: Wenn die Gletscher verschwinden, fehlt der Druck und die Berge sacken ab, wie beim Eiger. Ähnliches passiert zur Zeit beim Aletschgletscher. Nur ist es nicht eine massive Felswand, sondern eine Bergflanke.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Das ist unterschiedlich: Den Weg ausbessern, im Motorhaus etwas reparieren, in der Hütte mithelfen – Arbeit gibt es immer genug. Jeden Tag um zwei Uhr, wenn die ersten Alpinisten aufstehen, ist Tagwacht. Ich bin noch in der glücklichen Situation, dass ich auch noch Bergführer bin und zwischendurch noch Bergtouren führen kann. Vor allem auf das Grosse Aletschhorn.

Letztes Jahr wurde der neue Panoramaweg zur Oberaletschhütte eröffnet, für den Sie sich stark eingesetzt haben. Weshalb?
Weil ich wusste, dass etwas passieren muss, wenn diese Hütte eine Überlebenschance haben soll. Der alte Weg wurde immer gefährlicher und immer weniger Leute trauten sich hierher. Die Sektion Chasseral, Eigentümerin der Hütte, war rasch überzeugt. 2002, also zwei Jahre nachdem ich die Hütte übernommen hatte, wurde das erste Baugesuch eingereicht. Im Frühjahr 2004 kam das definitive Okay für den Bau des neuen Wanderweges und im Herbst 2004 konnten wir mit den ersten Arbeiten beginnen.

Waren Sie nie unsicher?
Bevor ich mit der Idee herausgerückt bin, bin ich ein Jahr lang ein und aus gelaufen und habe mir unzählige Varianten angeschaut. Schliesslich war ich überzeugt, dass das Projekt absolut machbar ist. In drei Monaten haben wir den Weg rea­lisiert. Zehn bis 14 Personen haben zehn bis zwölf Stunden täglich am Weg gearbeitet, gesprengt, gebohrt, Steinplatten verlegt. Es brauchte insgesamt rund 5000 Arbeitsstunden. Aber es hat sich gelohnt. Die ersten Wochen nach der Eröffnung waren eindrücklich. Da kamen Leute, die ich nie hier erwartet hätte. Und alle sagten dasselbe: Ohne diesen Weg wäre ich niemals hierher gekommen.

Eine Genugtuung?
Klar ist es ein gutes Gefühl, wenn man beweisen kann, dass es funktio­niert. Ich hatte sehr viele Kritiker, vor allem Einheimische, die gesagt haben: Spinnst du, durch diese Flanke willst du einen Weg machen? Aber die hatten überhaupt keine Ahnung, wie das Gelände aussieht.

Haben sich die Übernachtungszahlen verändert?
Bevor der Weg eröffnet wurde, hatten wir inklusive Skitourensaison zwischen 1300 und 1500 Übernachtungen pro Jahr. Am 17. Juli letzten Jahres haben wir den Weg eröffnet und bis Mitte September zählten wir 2080 Übernachtungen, eine Steigerung von fast 600 Leuten, und das allein in der Sommersaison. Hinzu kommen die Tagesgäste. An Spitzentagen haben wir 35 bis 40 Besucher.

Andere SAC-Hütten beklagen dagegen stark rückläufige Zahlen.
Das ist ein riesiges Problem. Meistens liegt der Grund in der Erreichbarkeit. Viele SAC-Hütten sind nur noch über Gletscher oder schwierige Wege erreichbar. Es müssen gut begehbare Wege gebaut werden. Denn der reine Alpinismus ist rückläufig. Der Wandertourismus dagegen ist stark im Kommen. Diesem Trend muss man sich anpassen, wenn man will, dass die Hütten überleben.

Ihre Kundschaft verändert sich. Gibt das Probleme?
Nein, ich bin überzeugt, dass das keine negativen Auswirkungen hat. Wir müssen hier bloss darauf achten, dass die Alpinisten und Wanderer gut aneinander vorbei kommen. Es darf nicht sein, dass wir hier abends um 23 Uhr eine riesige Festhalle haben und oben wollen zehn Bergsteiger schlafen, weil sie um 2 Uhr aufstehen müssen. Aber bisher sind wir immer gut aneinander vorbeigekommen.

Wie lange halten Sie es hier oben aus?
Ich war schon vier, fünf Wochen am Stück hier, einmal sogar acht Tage lang mutterseelenallein, im Schneesturm eingesperrt. Das war kein Problem. Ich habe gute Bücher und neuerdings sogar das Internet installiert. Aber am neunten Tag hab ich schon gedacht „jetz wäri de scho langsam lieber unnina“.

Vermissen Sie hier oben etwas?
Zeitungen, die aktuellen News, was im Dorf so passiert, das vermisse ich ab und zu. Ausserdem verlierst du ein bisschen den Kontakt zu den Kollegen. Deshalb gehe ich relativ häufig ins Tal. Ich kenne Hüttenwarte, die im Frühling in die Hütte gehen und erst Ende September herauskommen. Da bist du Ende Saison schon ein bisschen verknorzt. Teilweise vermisse ich auch die Bequemlichkeiten der Zivilisation. Du bist den ganzen Winter im Tal, machst den Wasserhahn auf, lässt dir ein warmes Bad einlaufen. Wenn du jedoch im Frühling hier herauf kommst, bei minus 10, 20 Grad und drei, vier Meter Schnee um die Hütte, wird jeder einzelne Liter geschmolzen. Ein Topf von 20 Kilo Schnee ergibt zwei bis vier Liter Wasser. Wenn du dann 50, 60 Gäste hast, bist du ziemlich am Schnee buckeln. Da wird einem bewusst, wie angenehm es im Tal ist.

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