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Gewerkschaftssekretär Kurt Regotz, designierter Präsident der SYNA Schweiz
„Die SYNA ist nicht zu brav, aber vielleicht zu korrekt“


 

Visp / Am 28. Oktober wird der Oberwalliser Gewerkschaftssekretär Kurt Regotz am SYNA- Kongress in Baden zum Schweizer Präsident gewählt. Gegenüber der RZ hat er die Gründe für seine Kandidatur und seine Ziele dargelegt.

Von German Escher
Rahel Escher

Sie kandidieren fürs Präsidium der SYNA Schweiz. Warum?
Die Frage wurde mir in den vergangenen Wochen verschiedentlich gestellt, vor allem innerhalb der SYNA. Ich bin seit 25 Jahren Gewerkschaftssekretär. Ich habe mich entschieden, dass ich einmal in der Zentrale eine verantwortungsvolle Funktion übernehmen möchte. Aufgrund verschiedener, auch struktureller Diskussionen innerhalb der SYNA, wurde die Funktion des Präsidenten vakant. Ich bin aufgrund meiner langjährigen Erfahrung überzeugt, die Verantwortung des Präsidenten der SYNA Schweiz übernehmen zu können.

Sie haben sich internen Hearings gestellt. Ist der Präsidentenstuhl umkämpft?
Letztendlich nicht. Ursprünglich gabs zwei Kandidaten. Der andere Bewerber hat sich zurückgezogen, als er von meiner Kandidatur erfahren hatte (schmunzelt). Bei den Hearings ging es vor allem darum, dass die Kollegen, welche mich als Regionalsekretär zwar sehr gut kennen, wissen möchten, was ich an der Spitze der SYNA für Ziele verfolgen werde.

Was werden Sie ändern?
Ich werde die SYNA besser positio-nieren. Wir müssen die uns wichtigen Themen klarer aufgreifen. Die SYNA muss gemeinsam mit den Mitgliedern gewerkschaftspolitisch die Stärken und Schwächen analysieren.

Wie sieht das Profil der SYNA aus?
Die SYNA ist eine Gewerkschaftsbewegung, die sich auf die christliche Sozialethik beruft. Das heisst, dass sich die SYNA klar der Sozialpartnerschaft verpflichtet fühlt. Wir führen mit den Arbeitgeberorganisationen so lange Gespräche, bis wir eine gemeinsame Lösung haben. Konfliktauseinandersetzung kommt für die SYNA erst als letzte Massnahme, wenn alle vertraglichen und rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, in Frage.

Die christliche Gewerkschaftsbewegung ist verglichen zu jenen des Gewerkschaftsbundes relativ klein. Findet die Syna genügend Gehör?
Wir müssen unsere Politik primär gegenüber den Arbeitsnehmern rechtfertigen, damit diese überzeugt sind, dass ihre Interessen von der Gewerkschaft korrekt und wirksam vertreten werden. Eine Stärke der SYNA ist das föderalistische System. Wir sind in den Regionen stark vernetzt und haben dort auch gemeinsam mit den Arbeitgebern innovative Lösungen ausarbeiten können.

Gibts da ein Beispiel?
Die Vorpensionierung im Baugewerbe auf Schweizerischer Ebene geht zurück auf die gelebte Sozialpartnerschaft im Wallis. Die ersten Vorpensionierungen, wie sie im Gesamtarbeitsvertrag (GAV) festgelegt sind, wurden im Wallis umgesetzt. Ich war damals eine der treibenden Kräfte, die sich für diese Vorpensionierungen eingesetzt haben.

Dennoch sorgt die Konkurrenzgewerkschaft UNIA für mehr Schlagzeilen und hat eine schärfere Gangart. Ist die SYNA zu brav?
Die SYNA ist nicht zu brav, aber vielleicht zu korrekt. Wir halten uns klar an die Abmachungen mit den Arbeitgebern. Daran wird sich nichts ändern. Die Arbeitgeber nehmen uns als verlässliche Vertragspartner wahr. Unsere Verlässlichkeit ist eine Stärke der SYNA. Das entspricht auch der Haltung unserer Mitglieder. Unsere Mitglieder laufen nicht schon vor den Verhandlungen mit kämpferischen Parolen und wehenden Fahnen durch die Strassen. Die SYNA betreibt keine Medienshow.

Wie sieht die Mitgliederentwicklung bei der SYNA aus? Viele Gewerkschaften leiden bekanntlich unter Mitgliederschwund.
Wir hatten auch eine Phase des Rückgangs. Ein Grund ist sicher die Verlagerung der Arbeitsplätze aus den klassischen Gewerkschaftsbereichen Bau und Industrie in den Dienstleistungssektor. Gegenwärtig durchlaufen wir eine Konsolidierungsphase. Wir hoffen, unseren Mitgliederbestand halten zu können.

Wie viele Mitglieder zählt die SYNA?
Wir haben gesamtschweizerisch 65 000 Mitglieder, davon 4000 im Oberwallis. Im Verhältnis zu den 74 000 Einwohnern im Oberwallis lässt sich der Organisationsgrad in unserer Region wirklich sehen.

Spricht das für Sie als künftigen Präsidenten?
Die Arbeit, welche wir mit innovativen Projekten in der Region umgesetzt haben, hat nationale Beachtung gefunden. Das ist mit ein Grund dafür, dass die Kollegen aus anderen Regionen meine Kandidatur unterstützen.

Das Klima zwischen Arbeitgeber und Gewerkschaften spitzt sich zu. Ist künftig mit mehr Warnstreiks zu rechnen?
In den Bereichen, in denen wir über einen Gesamtarbeitsvertrag verfügen, hält sich die SYNA an die Friedenspflicht. Erst wenn ein Vertrag nicht mehr gültig ist, haben wir das Recht, Kampfmassnahmen zu ergreifen. Das heisst: In den meisten Branchen dürfte man nicht streiken. Allerdings ist ein Gesamtarbeitsvertrag für beide Seiten bindend. Konkret heisst das: Die Patrons sollten auch auf unsere Anliegen und Forderungen eingehen und nicht unnötig die Friedenspflicht strapazieren.

Aber gegen Betriebsschliessungen oder Massenentlassungen – wie etwa bei Alcan – sind auch die Gewerkschaften machtlos. Ist das nicht frustierend?
Während meiner 25-jährigen Tätigkeit als Gewerkschaftssekretär habe ich sehr viele ergreifende und traurige Momente erlebt. Leute, welche während 30 Jahren und mehr einer Unternehmung die Treue hielten, wurden wie ausrangierte Maschinen auf den Schrotthaufen geworfen. Das darf es nicht sein, wenn man sieht, wie daneben die Gewinne der Aktionäre steigen. In den Verträgen ist eigentlich eine Mitbestimmung vorgesehen, in dem Betriebskommissionen und Gewerkschaften vorgängig informiert werden, um rechtzeitig Gespräche aufzunehmen und Entlassungen zu vermeiden. Leider stellen wir fest ­– bei Alcan durch die kanadischen Eigentümer – dass unser Vertrauen auch missbraucht wird. Da fehlt die gewerkschaftliche Kultur. Man stellt auch fest, dass Betriebe wie etwa die Lonza, die schon länger im Oberwallis sind, die Sozial­partnerschaft ernst nehmen und man rechtzeitig in Gespräche über mögliche Veränderungen miteinbezogen wird.

Konnten für die betroffenen Alcan-Mitarbeiter befriedigende Lösungen gefunden werden?
Die optimale Variante gab es nicht, aber eine einigermassen zufriedenstellende Lösung. Viele der betroffenen Arbeiter konnten zu akzeptablen Bedingungen pensioniert werden. Die Alcan hat sich zudem bemüht, betriebsintern nach Lösungen zu suchen. Letztlich wurde nur wenigen Arbeitern gekündigt. Und diese werden durch das Job-Center auf der Stellensuche unterstützt. Ich bin aber überzeugt, dass die Alcan mit allen Mitteln dafür sorgen muss, dass keiner der betroffenen Mitarbeiter arbeitslos wird.

Oft werden bei Massenentlassungen oder Betriebsschliessungen Rettungsversuche gefordert. Macht man den Arbeitern nicht falsche Hoffnungen?
Die Vorgänge bei Alcan waren wirklich alles andere als gut. Wenn man im Dezember sagt, möglicherweise werde der Betrieb wegen des auslaufenden Energievertrags geschlossen, und dann im Januar bereits die Schliessung verkündet, ist das nicht korrekt. Wir haben seit 1993 gewusst, dass der Standort Steg wegen des Energiepreises wieder in Frage gestellt wird. Wir haben auch Kommissionen eingesetzt. Man hätte sich rechtzeitig um alternative Arbeitsplätze kümmern müssen. Aber das ist nicht die primäre und alleinige Aufgabe der Gewerkschaft. Die Alcan ihrerseits hätte in Steg frühzeitig in neue Entwicklungen investieren können, um den drohenden Stellenabbau abfedern zu können. Die Alcan hat zwar Investitionen gemacht – aber mit zu wenig Nachdruck. Solche Veränderungen müssen frühzeitig eingeleitet werden. Ich bin mir aber durchaus bewusst, dass die Wirtschaft immer kurzfristigere Entscheide trifft. Dann sollte aber auch die Bereitschaft zu kurzfristigeren Lösungen vorhanden sein. Dem müssen auch wir uns anpassen: Dem Wandel der Wirtschaft können sich die Gewerkschaften nicht als Ewig-Gestrige entgegenstellen.

Dem Werkplatz Schweiz wird eine düstere Zukunft prognostiziert. Sehen Sie das auch so?
Das hängt von der Innovationskraft der Industrie ab. Positive Beispiele sind die Lonza und die Scintilla, die sich dem verändernden Markt mit neuen Produkten und Ideen stellen. Auch andere industrielle Betriebe, wie gerade jetzt die Novalis in Siders beweisen, dass mit Innovation der Werkplatz Wallis attraktiv bleibt. Dasselbe gilt auch auf schweizerischer Ebene.

Bei den neuen Industriejobs – etwa in der Biotechnologie – sind die Anforderungen hoch. Wird die Situation für den klassischen Schichtarbeiter immer schwieriger?
In den neuen Produktionsbetrieben werden höhere Anforderungen gestellt. Dieser Wandel ist völlig normal. Vor 50 Jahren hatte ein Schichtarbeiter in der Lonza eine andere Funktion, aber auch nicht dieselben werksinternen Ausbildungsmöglichkeiten.

Bei uns gibts praktisch keine neuen Industriearbeitsplätze mehr. Hat die Wirtschaftsförderung im Oberwallis versagt?
Wir haben im Oberwallis in den letzten Jahren verschiedene Formen der Wirtschaftsförderung beobachtet. Grossartige Resultate hat man kaum gesehen. Einige kleine Betriebe sind gekommen, die meisten aber auch wieder gegangen. Allerdings hat heute jeder Kanton seine Wirtschaftsförderung. Entsprechend gross ist der Kampf um Neuansiedlungen von Arbeitsplätzen. Aufgrund unserer geografischen Lage haben wir nicht nur Vorteile.

Trotzdem geht es uns eigentlich recht gut: Das Oberwallis hat beinahe eine Vollbeschäftigung. Ist dies bloss ein Zwischenhoch oder schon der grosse Aufschwung?
Wir haben im Oberwallis ein deutliches Wachstum. Im Baugewerbe haben wird aufgrund des starken Wohnungsbaus schon fast eine überhitzte Situation. Generell zeigt die Tendenz nach oben. Ich bin jedoch überzeugt, dass die Wirtschaft in Zukunft kürzeren Zyklen unterworfen sein wird. Alles wird kurzlebiger, der Aufschwung ebenso wie die Rezession.

Für die Gewerkschaften ist der Herbst die wichtigste Jahreszeit. Wie lautet der Grundtenor Ihrer Lohnforderungen für 2007 im Wallis?
Die christlichen Gewerkschaften vertreten die Ansicht, dass aufgrund des Wirtschaftswachstums im Wallis eine Lohnanpassung von drei Prozent eine realistische und vernünftige Forderung ist. Es gibt allerdings Unterschiede in den einzelnen Branchen.

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