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Dr. Theresia Maria Bretscher, Lebensberaterin und Gründerin des Hilfswerks „Ein Lächeln für Berlin“
„Die Walliser fühlen sich nur in ihrer Heimat richtig zu Hause“


 

Basel / Wallis / Dr. Theresia Maria Bretscher wurde vor 66 Jahren mit der Gabe des Hellsehens im Wallis geboren. Mit dieser Fähigkeit hilft sie Menschen, oftmals Randgruppen, in verschiedensten Lebenssituationen. Zudem gründete sie das Hilfswerk „Ein Lächeln für Berlin“ und gibt ihr Wissen auch an Vorträgen im Oberwallis weiter.

Von Rahel Escher

Die Gabe des hellsichtigen Heilens lässt sich in Ihrer Familie über Generationen zurückverfolgen. Kann man diese Gabe ausschliesslich erben oder oder kann man sich diese auch durch Bewusstseinsarbeit aneignen?
Bis zu einem gewissen Grad kann sicherlich jeder Mensch seine Sinne trainieren. Aber das übersinnliche Wahrnehmen von Begebenheiten wird einem in die Wiege gelegt. Jeder Mensch hat von Geburt an seine persönliche Stärke. Die einen können gut mit Zahlen umgehen, andere sind handwerklich geschickt oder verfügen über eine musikalische Begabung und ich empfange halt Bilder. Aber ich bin deshalb kein besserer Mensch oder etwas Besonderes.

Haben Sie sich auch schon gewünscht, diese Gabe nicht zu haben?
Ja, einige Male. Hellsichtige Menschen haben zwei Möglichkeiten: Entweder werden sie zu Ja-Sagern und behalten die empfangenen Botschaften für sich, oder sie werden zu Rebellen. Ich habe mich für den zweiten Weg entschieden, auch wenn er unbequem ist. Ich empfange immer Botschaften, wenn ich unter Menschen bin. Das ist natürlich nicht immer nur angenehm. Das kann ich nur unterbrechen, indem ich bete. Man muss auch ganz vorsichtig mit den Botschaften umgehen. Es ist nicht immer der richtige Zeitpunkt, sie den Menschen mitzuteilen.

Was können Sie sehen, was andere nicht sehen?
Das ist schwierig in Worte zu fassen. Es sind Bilder, die ich empfange, Ener­gien, die ich spüre, Dinge, die ich sehe, wenn ich einem Menschen in die Augen schaue. Als Kind dachte ich zunächst, dass alle Menschen Dinge, wie beispielsweise die Aura eines anderen, sehen. Wenn ich eine Buchhaltung vor mir habe, kann ich sagen, ob sie richtig oder falsch ist, auf welcher Seite sich der Fehler befindet. Aber ich habe keine Ahnung, was falsch ist. Ich bin keine Geschäftsfrau, ich hatte noch nie ein Flair für Zahlen.

Im spirituellen, übersinnlichen Bereich gibt es ja sehr viele Scharlatane. Wie heben Sie sich von diesen ab?
Wir sind leise (lächelt). Hellsichtige Menschen schalten keine Inserate, sie brauchen keine Werbung. Die Menschen finden auch sonst den Weg zu uns. Und es gibt doch einige von uns in der Schweiz. Aber eben auch viele schwarze Schafe, die irgendein Seminar absolvieren und dann gutgläubige Menschen ausnutzen. Klar, auch wir arbeiten nicht gratis, schliesslich kostet das Brot für uns genauso viel. Aber wir wollen uns nicht bereichern. Oftmals verraten sich Scharlatane schon an der Stimme. Berater, die sich lange über Details erkundigen, die überhaupt nicht im Zusammenhang mit dem Problem stehen, Kartenleger, die zuerst fünf Minuten die Karten mischen müssen, und den Kunden bei einem Minutentarif von vier Franken warten lassen, diese Menschen nutzen die Hilfesuchenden aus. Hellsichtige Menschen gehen gezielt auf Anliegen ein. Sie würden niemals etwas tun, nur um ihre Fähigkeiten zu beweisen. Und sie missbrauchen sie nicht. Meist leben sie sehr bescheiden, auch wenn sie eine Menge Geld mit ihren Fähigkeiten verdienen könnten.

Sie heilen Menschen mit Angst- und Panikattacken und halten zu diesem Thema auch Vorträge im Oberwallis. Wie erleben Sie die Oberwalliserinnen und Oberwalliser? Haben Sie spezifische Ängste?
Die Oberwalliser sind ein starkes Volk. Durch die ständige Bedrohung der Natur, wie Lawinen, Erdbeben oder Erdrutsche, haben sie wie kaum ein anderes Volk gelernt, mit Ängsten umzugehen. Die Walliser sollten sich wieder vermehrt auf ihre Kräfte und Stärken zurück besinnen, an sich glauben. Sie sind nicht auf die grossen Konzerne als Arbeitgeber angewiesen. Sie sind auch früher, bevor sich grosse Firmen im Oberwallis ansiedelten, nicht verhungert. Und sie werden es auch in Zukunft nicht. Die Walliser sind intelligente Leute, sie sind Kämpfer. Aber es muss etwas gegen die Abwanderung unternommen werden. Die Walliser fühlen sich nur in ihrer Heimat richtig zu Hause. Sie dürfen die Bedeutung der Landwirtschaft nicht unterschätzen, nicht alle Böden verbauen. Sie werden noch gebraucht.

Sie bieten Ihre Beratungsgespräche auch telefonisch an. Können schwerwiegende Probleme auf Distanz beseitigt werden?
Nein. Bei einfacheren Fragestellungen, wie etwa beruflichen Entscheiden, mag es genügen. Es ist auch eine Anlaufstelle für Menschen, die bei mir in Behandlung waren und eine Ansprechperson brauchen. Aber ich kann natürlich keine Panikattacken am Telefon heilen. Dafür muss ich dem Betroffenen ins Gesicht schauen. Dann erfahre ich mehr, mehr als die Leute sich vielleicht eingestehen wollen. In solchen Momenten kann ich den Leuten anbieten: Ich sehe noch mehr in Ihren Augen. Wollen wir nicht darüber sprechen? Ich treffe aber nie Entscheidungen für andere Menschen. Nur für Kinder. Zu Gunsten des Kindes rate ich den Eltern beispielsweise, es aus der Schule zu nehmen. Aber bitte, lasst die Kinder Kinder sein und zwingt sie in kein Korsett. Indem man ihnen immer vor Augen hält, was sie alles nicht können, beraubt man sie ihrer ureigenen Kräfte.

Sterbebegleitung ist ein weiteres Tätigkeitsfeld von Ihnen. Was können Sie für Sterbende tun?
Ich kann den Menschen anbieten, sie an der Hand zu nehmen und mit ihnen das letzte Stück zu gehen. Auch ich weiss nicht, was nachher kommt. Aber wir müssen uns nicht fürchten. Kurz vor dem Tod gibt es nur noch Ehrlichkeit und Wahrheit. Da kann man niemandem mehr etwas vormachen. Es sind schöne Momente. Es sind schon viele Menschen in meinen Armen gestorben und glauben Sie mir, nichts ist wertvoller als ein letzter Händedruck, ein letztes Lächeln.

Sie helfen Menschen in Krisensituationen. Wieso sucht die heutige Gesellschaft vermehrt solche Hilfestellungen?
Weil sie in den Medien je länger je mehr nur Negatives erfahren. Man kann ja heute kaum mehr den Fernseher einstellen, ohne Kriegsbilder zu sehen. Es fehlt der Impuls. Im Vergleich zu früher besinnen sich die Menschen weniger auf sich selbst, fragen sich seltener: Wer bin ich? Darum steigt das Bedürfnis nach Menschen, die einem in schweren Zeiten eine helfende Hand hinhalten.

Übernahm früher die Kirche diese Rolle?
Der Glaube und die Kirche hat die Menschen schon immer sowohl nach aussen wie nach innen getragen. Mit der Liberalisierung des Glaubens und mit der Gleichsetzung, dass der Mensch auch ein Pfarrer und der Pfarrer auch ein Mensch ist, haben das Wirken und die Aussagen des Pfarrers an Dominanz verloren. Das suchen die Menschen heute bei anderen Menschen. Wobei ich nicht einsehe, wieso der Pfarrer deswegen ein Leben lang schwarz umherlaufen sollte (lacht).

Sie sind Gründerin des Hilfswerks „Ein Lächeln für Berlin“. Wie kam es dazu?
Ich lief am Weihnachtsabend 2004 allein den Kurfürstendamm entlang. Ich schenkte einem Kind ein Brot und die Mutter antwortete: „Wir können Ihnen leider kein Geschenk geben, dafür ist das Lächeln meines Kindes für Sie, Madame.“ Ein Lächeln für Berlin“ ist seither der Name des Hilfswerks. Es soll der Armut allein stehender Frauen und Kinder in Berlin entgegenwirken. Seit ich die frierenden Menschen gesehen habe, weiss ich, dass dieses Hilfswerk meine neue Lebensaufgabe ist. Und ich bin sehr dankbar, dass viele Leute ehrenamtlich mithelfen. Ich bin aber nie beleidigt, wenn Leute mir und meinem Hilfswerk misstrauisch gegenüber stehen. Auch bei den Hilfswerken gibt es viele Scharlatane. Ich mag kritische Menschen, weil es beweist, dass sie denken.

Verlieren Sie beim aktuellen Zeitgeschehen manchmal den Glauben an die Gerechtigkeit?
Nein. Sie kommt immer. Manchmal sehr schnell, manchmal sehr spät. Das Schicksal lässt sich nicht tricksen. Das sehe ich immer und immer wieder. Sowohl das Gute wie das Böse kommt zurück. Man muss nur warten können. Und das können wir Menschen sehr schlecht. Wenn uns etwas Schlechtes passiert, sollte Gott unserer Meinung nach immer gleich zur Stelle sein, um den Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Auch ich hätte die Gerechtigkeit oftmals gerne sofort, das gebe ich zu. Aber mein Glaube an Gott ist unerschütterlich. Und Gott ist die einzige Institution, die immer gerecht ist. Wir Menschen müssen niemanden strafen. Wir sollten uns hüten, selbst für Gerechtigkeit sorgen zu wollen oder andere zu beurteilen und verurteilen. Das steht uns nicht zu. Vielleicht verstehen wir es nicht immer, denn wenn wir die göttliche Gerechtigkeit verstehen würden, wären wir selbst Gott.

Was raten Sie den Menschen in der heutigen Zeit, um mit all den Erwartungen und dem Stress zurecht zu kommen?
Mobilisiert die Leute auf ihre eigenen Kräfte. Das Grosskapital versucht wieder, die Sklaverei einzuführen. Wenn ich das sehe, bin ich froh, dass ich schon 1940 geboren wurde. Es ist unglaublich, was da geschieht. Wo bleibt in der heutigen Zeit die persönliche Freiheit? Man muss ja schon Angst um seine Arbeit haben, wenn man zwei Mal pro Jahr krank ist. Bevor der Mutterschutz eingeführt wurde, gingen Frauen hochschwanger arbeiten, aus Furcht vor einer Kündigung. Das ist die soziale Gerechtigkeit 2006 in der Schweiz! Das Ausnützen, die Versklavung von minderbemittelten Menschen findet überall statt. Kein Mensch hat das Recht, einen anderen, nur weil er weniger stark, intelligent, hübsch oder was auch immer ist, für seine eigenen Zwecke auszunutzen. Aber genau das passiert jeden Tag immer mehr.

Die Menschen sollen wieder zu ihren Kräften finden. Wie tut man das?
Es ist die Hauptaufgabe im Leben. Und es gibt Menschen wie mich, die einem dabei helfen. Aber ich bin nicht die einzige und nach mir wird es andere geben. Wir sind leise, sterben aber nicht aus. Es wird immer mehr Menschen mit meinem Gedankengut geben und irgendwann wird die Stunde kommen, an der wir uns an die Öffentlichkeit wenden und die Leute aufrufen, an ihre Stärken zu glauben. Und man kann sich auf sein Bauchgefühl verlassen, das wohlige Gefühl des zu Hause-Seins. Gott hat den Menschen geschaffen und ihm immer Kraft gegeben. Ich mache nur ein wenig mobil. Getreu dem Motto: Wehe dem Besiegten!

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