|
Brig-Glis / „Dass man sich einer psychiatrischen Behandlung schämt, ist auch heute noch Realität“, sagt Gerhard Hausmann, Stv. Chefarzt am Psychiatrie Zentrum Oberwallis (PZO). Im RZ-Frontalinterview spricht er über die Zunahme von psychisch kranken Fällen, sucht nach Gründen und nimmt Stellung zur hohen Suizidrate in unserem Kanton.
Von Walter Bellwald
Markus Pianzola
Sie sind seit 2003 als stellvertretender Chefarzt am Psychiatrie Zentrum Oberwallis tätig. Unterscheidet sich das Oberwallis in der Art und Anzahl psychiatrischer Fälle von anderen Regionen?
Ich denke, dass es da keine grundsätzlichen Unterschiede gibt. Diese zeigen sich weniger in der Art und Häufigkeit der Erkrankungen als darin, welche Ressourcen vorhanden sind, d.h. wie sieht der familiäre Hintergrund aus, wie sind die Menschen eingebunden und profitieren sie von der Unterstützung bei der Bewältigung ihrer psychischen Probleme und Krankheiten. Dabei ist festzustellen, dass die Integration in ländlichen Regionen eher besser ist, aber die Inanspruchnahme von Institutionen geringer ausfällt.
Hat das auch damit zu tun, dass sich die Menschen schämen, in psychiatrischer Behandlung zu sein?
Dass man sich einer psychiatrischen Behandlung eher schämt und einen Unterschied macht im Vergleich zu einer medizinischen und chirurgischen Behandlung, ist überall noch Realität, auch wenn dieser Unterschied heute weniger gross zu sein scheint als vor 50 Jahren. Im ländlichen Bereich verändert sich diese Sicht vielleicht auch verzögert im Vergleich zu städtischen Regionen.
Was genau versteht man unter einem psychisch-kranken Menschen?
Das Wesentliche am psyschisch krank Sein ist, dass man durch emotionale Probleme mit sich selbst und Verhaltensproblemen mit anderen Personen in Schwierigkeiten gerät, die zusätzlich sind zu denen, die man schon bei der normalen Lebensbewältigung hat. Die Quellen dafür können Entwicklungsdefizite sein, aber auch psychische Krankheiten, die weniger abhängig von äusseren Umständen auftreten und die das psychische Befinden und das ganze Zurechtsein und Funktionieren beeinträchtigen. Schliesslich gibt es auch hirnorganische Erkrankungen, die unser Gehirn und damit auch unsere psychischen Fähigkeiten unmittelbar beeinträchtigen.
Bei der Hospitalisierung von psychisch kranken Menschen ist generell eine Zunahme festzustellen. Worauf führen Sie das zurück?
Das kommt auf die Art der Erkrankung an. Man kann wohl sagen, dass vor allem der hohe Leistungsanspruch in unserer Gesellschaft viele Menschen eher an den Rand ihrer psychischen Bewältigungsmöglichkeiten bringt als woanders. Wir beobachten einen Anstieg der stationären Aufnahmen und der Anmeldungen für ambulante Behandlungen. Man kann davon aber nicht ableiten, dass eine eigentliche Zunahme an Störungen stattfindet, sondern dass unser Angebot für Beratung und Behandlung mehr in Anspruch genommen wird.
Und das wiederum führen Sie auf den höheren Leistungsanspruch in der Gesellschaft zurück?
Das ist sicher mit ein Grund. Einerseits wird die Akzeptanz für eine psychiatrische Behandlung eben doch besser und andererseits stellen wir fest, dass, wer im Arbeitsprozess steht und dort herauszufallen droht, von allen Seiten gestützt aber auch gedrängt wird, etwas zu unternehmen, um seine Situation zu verbessern. Dabei finden psychiatrische Konsultationen oder Behandlungen nicht nur aufgrund des Interesses des Patienten statt, sondern auch aufgrund einer Situation, in der er sich eigentlich mehr gezwungen fühlt, sich Problemen zu stellen, denen er sonst vielleicht noch länger aus dem Weg gehen würde.
Sprechen wir über den Wahnsinn unserer Zeit. Immer wieder hören wir von gewaltvollen Auseinandersetzungen im engeren Familienkreis. Was ist der Grund für solche Tragödien?
Da kommen viele Faktoren zusammen. Es hat auch in früheren Zeiten viel Gewalt gegeben. Heute jedoch hat eine Familienfehde häufiger ein polizeiliches und juristisches Nachspiel. Auf der einen Seite gehts wahrscheinlich um persönliche Probleme und Störungen in der Persönlichkeit mit der Neigung zu Gewalt aufgrund einer geringen Konfliktbewältigungsfähigkeit, auf der anderen Seite stehen die Ansprüche an das Leben, an den Partner und andere Bezugspersonen. Diese sind höher als in vergangenen Zeiten. Ihre Erfüllung wird selbstverständlicher erwartet, Enttäuschungen werden weniger verkraftet. Beziehungsabbrüche finden häufig einseitig statt, d.h. ein Partner will sich zurückziehen, aber der andere nicht. Da kommen Impulse auf das zu verhindern, auch mit unreflektierten gewalttätigen Reaktionen.
Auch immer mehr Jugendliche greifen zu extremer Gewalt.
Gerade in der Pubertät geraten viele Jugendliche zwischen Stuhl und Bank. Ausserdem bestehen manchmal grosse Defizite in sozialen Kompetenzen, sowohl von Seiten der Erziehung in der Familie als auch von dem, was in der Schule möglich wäre.
Gibt es denn überhaupt therapeutische Hilfe für solche Menschen?
Die gibts auf jeden Fall. Neben einer diagnostischen Abklärung, ob vielleicht eine schwere psychische Störung vorliegt, muss in der Therapie das Ziel verfolgt werden, Situationen und Konflikte anders zu bestehen als mit Gewalttätigkeit. Man braucht Übungssituationen die einem nicht überfordern, sondern Gelegenheit geben zu lernen, sich mit anderen Bezugspersonen anders zu verhalten und gleichzeitig seine Bedürfnisse zu verfolgen. Das wird ja natürlicherweise im Rahmen der Erziehung und des normalen Zusammenlebens immer geübt. Der Prozess geht ständig weiter, auch im Erwachsenenalter. In der Therapie geht es um spezielle oder starke Defizite, die durch nachgeholte Entwicklungsschritte verbessert werden können.
Sind die Menschen heute mehr als früher von ihren echten, authentischen Gefühlen abgeschnitten?
Heute besteht vom Einzelnen eher der Anspruch, dass das individuelle Interesse und das persönliche Befinden auch berücksichtigt werden. Der Anspruch, dass es einem gut geht, ist selbstverständlicher geworden. Gleichzeitig ist es in unserer Gesellschaft oft schwieriger, diesen Anspruch auch zu erfüllen.
Auch heute noch werden viele psychisch kranke Menschen, gerade in unseren Breitenkreisen, als Spinner abgetan. Wie erleben Sie den Umgang der Gesellschaft mit einer psychisch kranken Person?
Da kommt es auf den Verhaltensaspekt der psychischen Störung an. Es gibt vieles, was die meisten Menschen nachvollziehen können. Das sind vor allem die emotionalen Probleme, die man mitteilt, wenn man das möchte. Es gibt natürlich auch psychische Störungen, die sich stärker im Verhalten zeigen. Damit sind Verhaltensweisen gemeint, die weniger angepasst sind und die als störend oder als deutlich andersartig empfunden werden. Darauf gibt es oft eine ablehnende Reaktion. Diese kann es auch geben, wenn die Vorstellungswelt eines psychisch Kranken zu stark von der Realität abweicht und man sich mit ihm dadurch auch schlechter verständigen kann. Hier im Wallis erlebe ich aber viel Toleranz und Bereitschaft, auch Menschen mit Verhaltensproblemen in das Arbeitsleben und das gesellschaftliche Leben mit einzubeziehen.
Das Wallis weist eine der höchsten Suizidraten in der Schweiz auf. Wie erklären Sie sich diesen Negativtrend?
Es gibt widersprüchliche Meldungen über die Suizidraten im Kanton Wallis. Eine mögliche Erklärung für diese Wahrnehmung besteht vermutlich darin, dass hier ein Suizid öfter in der Öffentlichkeit bekannt wird als anderswo. Vielerorts passieren mehr Suizide, die keine Reaktionen auslösen in ihrer Umgebung. Gerade Ungarn hat eine führende Stellung bei den Selbsttötungen. Die Erklärungen, die man sich dafür zurechtlegt, liegen im Temperament der Menschen, vor allem in ihrer Impulsivität. Das könnte unter Vorbehalt vielleicht auch aufs Wallis angewendet werden.
Müsste nicht gerade bei uns, wo das soziale Netzwerk noch funktioniert, die Suizidrate rückläufig sein?
Den Gedanken an einen Suizid haben die meisten Menschen mal in irgendeiner Form. Kritische Entwicklungen bei einem einzelnen Menschen enden aber nur im Ausnahmefall bei einem Suizid. Eher kommt im Verlaufe seiner Entwicklung mal ein Suizidversuch vor. Es gibt ja besonders im mittleren Alter zwischen 18 und 65 zehnmal mehr Suizidversuche wie vollendete Suizide. Ein vollendeter Suizid ist wirklich eine Katastrophe, weil alle Kräfte, die dagegen anwirken können, versagt haben. Diese Situation kommt überall vor. Das bleibt eine Belastung für jede menschliche Gesellschaft.
Der Leidensdruck, der auf vielen lastet, ist so gross, dass esoterische Zirkel und Sekten regen Zuspruch finden. Wie wichtig sind diese Einrichtungen, um den psychologischen Super-Gau abzuwenden?
Gesellschaftliche Entwicklungen und Moden oder auch grundsätzliche Veränderungen in der Lebens- und Weltanschauung sind sehr mächtige Entwicklungen, weil sie auch etwas mit Bedürfnissen danach zu tun haben. Was wir beobachten können ist, dass bestimmte Menschen besonders empfänglich sind für Beschäftigungen mit Esoterik, die ihnen gleichzeitig aber zumindest aus meiner Sicht gar nicht gut tun. Wir kennen gerade in der Psychiatrie im Rahmen schwerer Krankheiten das Phänomen, dass Menschen zunehmend den Zugang zur Realität verlieren und sich in Bewusstseinszustände flüchten, in denen sie sich nicht mehr mit der Realität auseinander setzen können. Dadurch geraten sie in Sackgassen, die existenziell bedrohlich sind und aus denen sie herausgeholt werden müssen. Alternative Angebote zur besseren Lebensbewältigung würden dagegen weiterhelfen. Wenn etwas helfen soll, muss es einen ausreichenden Zusammenhang haben mit der Realität, in der ein Mensch lebt.
Ihre
Meinung interessiert uns!
|