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Sergio Biaggi, Bestatter
„Als Bestatter darf ich mitfühlen, aber nicht mitleiden“


 

Gipf-Oberfrick / Visp / Er ist Primarlehrer, war der erste Programmleiter des Oberwalliser Lokalradios Rottu und arbeitet heute als Bestatter im familieneigenen Betrieb im aargauischen Gipf-Oberfrick. Sergio Biaggi (48) spricht im RZ-Frontalinterview über seine tägliche Konfrontation mit dem Tod und sagt: „Als Bestatter hat man es nicht nur mit den Toten, sondern, und vorallem, mit den Lebenden zu tun.“

Von Walter Bellwald
Rahel Escher

Sie kommen soeben vom Aargau zurück ins Wallis. Was für Gedanken hatten Sie auf der Fahrt hierher?
Endlich Ruhe! Wir hatten in den letzten Tagen ziemlich viel Arbeit. Darum war ich froh, für kurze Zeit abzuschalten und habe die Zugfahrt ins Wallis entsprechend genossen.

Wie sind Sie dazu gekommen, den Beruf des Bestatters auszuüben?
Mein Bruder gründete vor siebzehn Jahren im Fricktal den Bestattungsdienst Biaggi AG und meine ersten „Kontakte“ mit der Firma hatte ich als Verwaltungsrat. Wenn mir aber damals jemand vorausgesagt hätte, ich würde eines Tages als Bestatter arbeiten, hätte ich ihm geantwortet, „dü weisch wahrschinlich nid ganz, wa der Mond schint.“ Das war vor zehn Jahren.

Wieso haben Sie Ihre Meinung geändert?
Als mein Vater vor zehn Jahren starb, merkte ich erst, was es heisst, einen Menschen zu verlieren, der einem sehr nahe stand und wie wichtig es ist, sich auf eine persönliche Art und Weise verabschieden zu können. In diesem Moment konnte ich erstmals meine Distanz gegenüber einem toten Körper ablegen und begegnete dadurch dem Beruf des Bestatters mit einem ganz anderen Verständnis. Das ging sogar so weit, dass ich einen Bestatterkurs besuchte und der Firma manchmal als Gehilfe zur Hand ging.

Was gab letztlich den Ausschlag für Ihre berufliche Neuorientierung?
Es war wieder Zufall wie damals beim Radio. Weil sich eine Mitarbeiterin pensionieren liess, stellte sich die Frage der Nachfolgeregelung im Bestattungsdienst. Nach Abwägung der Vor- und Nachteile und nachdem meine Familie mich in dem Vorhaben unterstützt hatte, nahm ich die neue Herausforderung an.

Wie schwierig war es, sich mit der Materie vertraut zu machen?
Ich war schon früher als Aushilfe im Betrieb meines Bruders und meiner Schwägerin tätig. Von daher war der Berufswechsel eigentlich nicht so brüsk. Schlimmer war für mich der Wohnortwechsel. Ich hatte mich nie mit dem Gedanken beschäftigt, aus dem Wallis wegzuziehen. Umso schwerer fiel es mir, meine Arbeitskolleginnen und -kollegen, Chormitglieder und Freunde hier zu verlassen und nach Gipf-Oberfrick zu ziehen. Aber mittlerweile habe ich mich sehr gut eingelebt und der Beruf ist eine eigentliche Herausforderung. Man hat es nicht nur mit den Toten, sondern, und vor allem, mit den Lebenden zu tun. Bestatter sein heisst nicht nur, einen toten Körper einzusammeln und ins Krematorium zu bringen, sondern die Familie und Angehörigen des Toten in der oftmals schwierigen Phase des Abschiednehmens und der Trauerarbeit zu begleiten und zu betreuen.

Sie wirken nach aussen hin recht kühl. Zeigen Sie bei Ihrer Arbeit auch Gefühle?

Empathie ist eine wichtige Voraussetzung, die die Bestatterin oder der Bestatter mitbringen müssen. Wenn sich jemand nicht in einen anderen Menschen hineinversetzen und nicht mitfühlen kann, sollte er diesen Beruf besser nicht ausüben. Einfühlungsvermögen, Menschenkenntnis und ein grosser Rucksack an Lebenserfahrung sind wichtige Voraussetzungen, um in diesem Metier zu arbeiten. Eine unserer wichtigsten Devisen diesbezüglich ist: Mitfühlen ja, Mitleiden nein. Das ist vergleichbar mit einem Arzt. Wenn der mit jedem seiner Patienten mitleidet, geht er zu Grunde. Man würde an all den Einzelschicksalen zerbrechen.

Kann man das lernen?
Diese Frage habe ich mir früher selber oft gestellt. Grosse Angst zu Beginn meiner neuen Arbeit hatte ich vor allem vor der Konfrontation mit toten Kindern. Durch meine Wesensart und durch meinen Beruf als Lehrer habe ich Kinder sehr gern. Aber bis jetzt wurde ich, was diese Thematik anbelangt, noch nicht an meine Grenzen getrieben. Was oftmals erstaunt, ist die Tatsache, dass ich eigentlich immer gut schlafen kann und wegen meines Berufes noch nie schlecht geträumt hätte. Oftmals kommt es mir vor, wie wenn ich mich hinter eine Glaswand zurückziehen kann, hinter der ich zwar die Realität erkennen und meinen Einsatz leisten kann, zugleich aber mein Innerstes geschützt wird.

Gibt es auch Momente bei Ihrer Arbeit, vor denen Sie zurückschrecken?

Nein. Natürlich ist die Begegnung mit einem toten Körper je nach Todesursache oder -art recht unterschiedlich. Bei einem gewaltsamen Tod wie Unfall oder Suizid ist der Leichnam möglicherweise total verunstaltet oder verstümmelt. Vor meinem ersten diesbezüglichen Einsatz habe ich mir oft die Frage gestellt: Wie werde ich reagieren, wenn ich zu einer Unfallstelle gerufen werde, wo ich einen Körper nur noch einsammeln kann. Als es dann so weit war, verspürte ich am Ort des Geschehens eine grosse Erwartungshaltung der Einsatzkräfte. In diesem Moment habe ich einfach funktioniert.

Wie gehen Sie mit diesen schrecklichen Unfallbildern um?
Ich muss immer wieder schmunzeln, wenn ich erfahre, wie Polizisten, Feuerwehrleute und andere am Geschehen beteiligte Einsatzkräfte sich später einem Debriefing stellen können und wenn nötig psychologisch betreut werden. Dann frage ich mich oftmals: Und wer würde uns helfen, wenn wir es bräuchten? Es gibt kein eigentliches Netzwerk, an das wir uns wenden könnten. Natürlich entwickelt jeder seine eigenen Möglichkeiten, wie er sich selber helfen kann. Ich bin sehr dankbar, dass ich diesbezüglich heute keine Probleme und Bedürfnisse habe. In der ersten Zeit als Bestatter verspürte ich immer eine gewisse Anspannung, wenn in der Nacht das Telefon läutete und ich zu einem Einsatz gerufen wurde. Heute hat sich diese Nervosität gelegt.

Ihre Geschäftsphilosphie lautet: Den Tod der Familie zurückgeben. Was ist darunter zu verstehen?
Früher war es ja so, dass die Familie ihren Toten gewaschen, zurechtgemacht und aufgebahrt hat. Die Gesellschaft wurde diesbezüglich immer distanzierter und hat den Tod und alles was mit ihm zu tun hat immer mehr verdrängt. In dieses Vakuum sprangen die Bestattungsdienste. Heute ist es so, dass oftmals die Angehörigen nach draussen geschickt werden, bis der Leichnam zurechtgemacht ist. Oder man hört Sprüche wie „Tiäd ew das nid a, der Totu numal ga azlüegu“. Das ist ein grosser Fehler in Bezug auf die Trauerbewältigung. Man gibt sich selber praktisch keine Zeit mehr, sich vom Toten zu verabschieden und Trauerarbeit zu leisten. Unsere Geschäftsphilosophie ist es darum, die Familie so gut wie möglich mit zu integrieren. Wir geben den Angehörigen die Möglichkeit, mit uns zusammen den Leichnam zu waschen, zu pflegen und anzukleiden. Solche Abschiedsrituale sind sehr wichtig, um zu Begreifen, im wahrsten Sinne des Wortes, was passiert ist und es zu akzeptieren. Denn die Trauer über den Tod kann erst beginnen, wenn die Realität sinnlich wahrgenommen wurde.

Wie reagieren die Angehörigen auf dieses Angebot?
In den meisten Fällen nehmen sie diese Form des Abschiednehmens in Anspruch. Es wäre jedoch falsch, jemanden zu etwas zu drängen, das er nicht will. Aber es ist wichtig, den Angehörigen alle Möglichkeiten aufzuzeigen, die sie haben. Wir versuchen auch immer wieder, Aufklärung zu betreiben und mit all den Märchen um Leichengift, Totenstarre, Scheintod usw. aufzuräumen. Es ist unglaublich, wie viele falsche Vorstellungen über den Tod heute noch vorherrschen. Der Tote gehört der Familie und niemand hat das Recht, die Familie auszuklammern. Die Reaktionen der Angehörigen zeigen uns immer wieder, wie wichtig es ist, diese Art des Abschiednehmens zu praktizieren. Gerade auch Kinder gehen mit dem Tod viel natürlicher um als wir Erwachsenen und sollten bei diesem Prozess nicht ausgeschlossen werden. Oftmals helfen sie sogar beim Waschen und Ankleiden der Toten mit, malen Bilder, die sie den Verstorben mit in den Sarg geben oder gestalten die Innenseite des Sargdeckels mit eigenen Zeichnungen – auch eine Möglichkeit der Trauerbewältigung.

Wie lukrativ ist das Geschäft mit dem Tod?
Das kommt darauf an, in welchem Kanton der Bestattungsdienst angesiedelt ist (lacht). Es gibt Kantone, in denen Bestattungsunternehmen bedeutend mehr verdienen als dort, wo ich arbeite. Als kleiner Familienbetrieb mit vier Angestellten (mein Bruder mit seiner Frau, meine Frau und ich) und einem 24-Stundenbetrieb über 365 Tage, können wir zwar gut leben, schwelgen aber nicht im Luxus. Nur mit dem Ziel vor Augen, rasch reich zu werden, sollte man diesen Beruf besser nicht ergreifen – das würde nicht gut ausgehen.

Was denken Sie, warum sprechen die Menschen nicht gerne über das Sterben?
Welcher gesunde und zufriedene Mensch stirbt schon gerne? Mir wird oft gesagt, ich hätte jetzt sicher ein anderes Verhältnis zum Tod. Aber ich muss zugestehen, dem ist nicht so. Ich bin diesbezüglich ein grundanständiger Mensch und gewähre allen anderen den Vortritt, so lange es geht.

Hat diese Urangst mit dem Ungewissen, dem Unbekannten zu tun?
Ich denke, das ist bei jedem Menschen anders. Aber in der Mehrzahl der Fälle ist die Angst vor dem Unbekannten da. Hier im Diesseits weiss man, was man hat, auch wenn es nicht immer zum Besten bestellt ist. Aber vor dem Jenseits hat man Angst und auch davor, wie sich der Übergang vom einen zum anderen vollziehen wird. Vermutlich haben darum viele Menschen ein zwiespältiges Verhältnis zum Tod.

Sie sind rund um die Uhr mit dem Tod konfrontiert. Ertappen Sie sich auch bei dem Gedanken, über das eigene Sterben nachzudenken?
Ich habe seit jungen Jahren schon immer das Gefühl, dass ich steinalt werde. Auch wenn das nicht stimmen sollte – wissen tuts ja niemand – so habe ich nicht unbedingt Angst vor dem Sterben. Das kommt ganz einfach aus der vermeintlichen Tatsache heraus, dass es noch nicht soweit ist. Aber wenn ich jetzt eine schlimme Diagnose bekäme, darf ich nicht von mir behaupten, dass ich abgeklärt reagieren könnte. Solange der Tod und das Sterben andere betrifft, kann ich gut damit umgehen. Dass es aber einmal meine Familie betreffen könnte, davor habe ich Angst, will daran gar nicht erst denken und verdränge die Thematik – was absolut falsch ist; aber es ist halt so.

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