Brig-Glis / Die Schulen sind im Umbruch, Lehrer sowie Schuldirektion häufig unter Beschuss: Schuldirektor Robert Lochmatter nimmt Stellung zu Disziplin, Schuluniformen, Tagesschulen, Schülerschwund und Kritik an seiner Person.
Von German Escher
Denise Jeitziner
In den letzten Monaten haben sich in der Schweiz die Schlagzeilen über sexuelle Übergriffe unter Kindern, Verwahrlosung und Gewalt gehäuft. Wie ist die Situation in Brig-Glis?
Diese Tendenz ist bei uns nur bedingt feststellbar. Es gibt immer wieder Wellen oder Zeiten, in denen sich Vorfälle häufen. Vor allem bei Rechtsradikalismus und Gewalt hängt es sehr stark von Leaderfiguren innerhalb der Jugendlichen ab. Gewalt findet häufig versteckt oder verbal statt. Von einer eigentlichen Gewaltzunahme kann man nicht sprechen. Aber eines ist klar: Nur heile Welt ist es bei uns hier auch nicht. Deshalb wird bei uns laut über die Einführung von Schulsozialarbeit nachgedacht.
Wie konnten Sie das Problem des Rechtsradikalismus an der OS entschärfen?
Wir haben im Schulareal die Prävention intensiviert. Sobald wir zu Vorfällen kommen oder Anzeichen feststellen, führen wir mit den betreffenden Jugendlichen und deren Eltern Gespräche. Nebst Präventionslektionen in den einzelnen Klassen gehen wir das Problem bewusst auf der persönlichen Ebene an.
Der Ruf nach mehr Härte und Disziplin wird wieder lauter. Was halten Sie davon?
Ein stärkere Betonung von Ordnung und Disziplin ist für die Leistung der Jugendlichen gut. In Klassen, in denen die Lehrperson – bestenfalls zusammen mit den Jugendlichen – klare Regeln festgelegt hat, fühlt sich das Kind besser. Mit der These „Weg von der Wohlfühlschule hin zur Leistungsschule“ kann ich nichts anfangen. Leistung und Wohlfühlen dürfen sich nicht ausschliessen.
Gibt Disziplin den Kindern auch die nötige Sicherheit?
Die Grenzenlosigkeit macht heute vielen Kindern und Jugendlichen Angst. Deshalb suchen Jugendliche nach Orientierungsmöglichkeiten. Das erklärt auch das gelegentliche Aufkommen des Rechts- oder Linksradikalismus. Früher hatten sich Kinder nach der Kirche, der Strenge des Lehrers oder der Eltern ausgerichtet. Das fällt heute weitgehend weg. Aber das Bedürfnis nach Halt und Orientierung ist geblieben. Im Unterschied zu früher, als Zucht und Ordnung von oben diktiert wurden, sollten heute die Regeln mit allen Partnern festgelegt und gemeinsam durchgesetzt werden. Eine schulhausintern gleiche Handhabung solcher Massnahmen ist dabei hilfreich.
An einigen Schulen, etwa in Basel, tragen Jugendliche wieder freiwillig Schuluniformen. Können Sie sich das in Brig-Glis auch vorstellen?
Vor zwei Jahren hat ein Lehrer mit einer 3. OS-Klasse alle Schülerinnen und Schüler befragt. Rund ein Drittel hat der Einführung einer Schuluniform zugestimmt. Es zeigt, dass ein gewisses Bedürfnis vorhanden ist. Aber Schuluniformen allein lösen die Probleme nicht. Es braucht klare Richtlinien und vor allem das direkte Gespräch mit den Jugendlichen. Auch wir müssen gelegentlich Mädchen, die etwas gar offenherzig angezogen in die Schule kommen, auf eine vernünftige Bekleidung aufmerksam machen.
Werden Lehrer immer stärker zu „Ersatz-Eltern“?
Unsere Aufgaben sind komplexer geworden. Im Walliser Schulgesetz heisst es: Die Schule unterstützt die Familie bei der Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder. Also können wir uns vor der Erziehung nicht drücken. Aber letztlich können und wollen wir die Eltern nicht ersetzen; unsere Hauptaufgabe muss das Unterrichten bleiben. Eine enge Zusammenarbeit ist sinnvoll.
Die Gesellschaft verändert sich, die Ansprüche an die Schule steigen. Wird in Brig-Glis eine Tagesschule realisiert?
Die Tagesschule ist ein Agglomerationsprojekt. Die Pädagogische Hochschule hat das Mandat erhalten, gemeinsam mit den Schuldirektionen Vorabklärungen durchzuführen. In einem ersten Schritt werden die Tagesstrukturen in Naters, Brig und Visp analysiert. Für das nächste Schuljahr sollten erste konkrete Vorschläge auf dem Tisch sein. Im übernächsten Schuljahr könnten in Brig, Visp und Naters Tagesschulen eröffnet werden.
Nach dem neuen kantonalen Sprachenkonzept soll zukünftig neben Französisch auch Englisch bereits in der Primarschule unterrichtet werden. Was sagen Sie dazu?
Wir sollten uns schweizweit auf die jeweilige Muttersprache und Englisch konzentrieren. Damit bliebe uns mehr Unterrichtszeit, um die deutsche Sprache wieder zu vertiefen und die naturwissenschaftlichen und musischen Fächer zu stärken.
Mit Kritik werden nicht nur Lehrpersonen konfrontiert. Auch Sie als Schuldirektor kamen letztes Jahr unter Beschuss. Warum?
Vor allem strukturelle Unklarheiten mit teils überlappenden Zuständigkeiten und einige heikle Entscheide, aber auch Animositäten meiner Person gegenüber führten in der Orientierungsschule zu internen Spannungen.
Was wurde getan, damit sich die Situation entspannt hat?
Wir haben eine Mediation durchgeführt, welche diverse Massnahmen empfahl. So haben wir inzwischen auf Stufe Regionalverband ein neues Statut ausgearbeitet. Auf Stufe Schulführung wurde ein Organisationsstatut mit Führungsgrundsätzen, einem Funktionsdiagramm und einem entsprechenden Organigramm erstellt. Die Kompetenzen sind nun für alle klar geregelt. Innerhalb der Schulleitung wurde nebst den bereits institutionalisierten Schulkreisleitern für die Primarschulen Brig und Glis auch ein Schulkreisleiter OS geschaffen. Die Grundlagenarbeit ist nun geleistet. Es ist jetzt an uns allen, im Alltag zu beweisen, dass die neuen Strukturen greifen.
Haben Sie nie an Rücktritt gedacht?
Natürlich ist mir dieser Gedanke gelegentlich gekommen. Aber den Rücktritt habe ich aufgrund einer breiten Unterstützung nie ernsthaft in Erwägung gezogen. Heute darf ich sagen: Ich bin gerne Schuldirektor. Die Arbeit ist vielschichtig, spannend und bereitet mir Freude.
Sie werden auch in Zukunft schwierige Situationen zu meistern haben. Sinkende Schülerzahlen führen notgedrungen zu Lehrerentlassungen?
Wir sind dafür bezahlt, Führungsverantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu fällen. Dabei muss immer das Gesamtwohl der Schule und nicht Einzelinteressen im Mittelpunkt stehen. Deshalb ist es wichtig, dass die Entscheidungen aufgrund klarer, sachlicher Kriterien gefällt werden. Natürlich macht es weh, wenn man wie dieses Jahr Teilpensen streichen muss und einzelne Personen nicht mehr weiter beschäftigen kann.
In der Primarschule werden Sie weiter Klassen schliessen und Lehrerstellen abbauen müssen?
Das trifft zu. Die Schülerzahlen sinken nach wie vor. Im Jahre 2005 stiegen die Geburtenzahlen wieder leicht an. Aber ob es sich um eine Trendwende handelt, lässt sich noch nicht schlüssig sagen. Tatsache aber ist, dass wir letztes Jahr drei Klassen aufheben mussten. Fürs nächste Schuljahr werden weitere zwei bis drei Primarklassen geschlossen. Die Unterrichtspensen auf viele Lehrpersonen aufzuteilen, ist unserer Ansicht nach pädagogisch nicht sinnvoll und daher keine Lösung.
An der Orientierungsschule haben Sie zurzeit das gegenteilige Problem?
Das OS-Schulhaus ist überbelebt, so dass wir einzelne Unterrichtsstunden – etwa Turnen oder Musik – in andere Gebäude auslagern. Aber der Schülerrückgang wird auch in der Orientierungsschule voll durchschlagen. Heute besuchen 570 Jugendliche die OS in Brig-Glis, 2016 dürften es noch 360 sein. Die OS Brig-Glis wird innert zehn Jahren über 200 Schüler verlieren.
Also müssten die OS Brig-Glis und Naters doch bald fusionieren?
(schmunzelt) Das ist gegenwärtig kein Thema. Aus finanziellen Überlegungen und mit der heutigen Mobilität würden grössere regionale Schulzentren zwar Sinn machen, indem beispielsweise die OS Fiesch und Münster, Mörel und Naters, Brig-Glis und Simplon-Dorf je unter einem Dach zusammengefasst würden. Aus strukturellen und kulturellen Überlegungen und aus Sicht der Schülerbetreuung machen zu grosse Schulzentren aber keinen Sinn.
In welche Richtung will Staatsrat Roch mit den Orientierungsschulen gehen?
Staatsrat Roch will die OS von Grund auf neu überdenken – und ich finde, er hat damit recht. In den letzten Jahren gab es immer Nachbesserungen. Aber letztlich ist das Flickarbeit. Wie die OS der Zukunft aussehen wird, ist noch offen. Ob es in Richtung Progymnasium geht, ob es drei obligatorische OS-Jahre gibt, ob Schulzentren geschaffen werden und ob die Systeme vereinheitlicht werden – all das sind Fragen, welche eine solche Reform zu beantworten hat. Meines Erachtens ist es nicht haltbar, dass es innerhalb des Oberwallis verschiedene OS-Systeme gibt. Nur die OS Brig-Glis, Naters und Visp halten noch am Abteilungssystem mit Sekundar- und Realschule fest. An den übrigen OS gibt es Niveaukurse.
Aber die OS Brig-Glis hat den Ruf, sehr streng zu sein?
Im Quervergleich der Jahresprüfungen schliessen wir regelmässig gut ab. Das stimmt und spricht für unsere Lehrpersonen, welche die Lehrpläne konsequent umsetzen und die Kinder schulisch fördern und fordern. Solange Leistungsforderung mit Menschlichkeit gekoppelt ist, ist Strenge für die Jugendlichen kein Nachteil. Spätestens wenn sie ins Berufsleben übertreten, sind sie dafür dankbar.
Müsste mehr zur Qualitätssicherung an den Schulen beigetragen werden?
Hier hinkt das Wallis im Vergleich zu anderen Kantonen hinter her. Während meiner Ausbildung zum Schulleiter lernte ich Systeme anderer Kantone kennen. Es wäre gut, wenn der Kanton ein eigentliches Konzept zur Qualitätssicherung erarbeiten würde. Allerdings sollte es nicht darum gehen, die Lehrperson lohnwirksam zu beurteilen, sondern dass sich das Lehrpersonal und die Schule an Qualitätsstandards orientieren und verbessern können.
Es fehlt aber auch an Koordination. Hat man Lösungen für die Ferienplanung gefunden?
Die Schulzentren von Visp, Naters, Brig-Glis und die Mittelschulen haben sich vor einem Monat in der Tat für die nächsten zwei Jahre auf einen gemeinsamen Schul- und Ferienplan geeinigt, vorausgesetzt, er wird vom Departement genehmigt. Gleichzeitig sind wir dabei, auch die Schul- und Ferienpläne für 2009 bis 2012 gemeinsam zu erarbeiten.
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