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Gampel / Seit 18 Jahren arbeitet er in der Suchttherapie, seit sieben Jahren ist er Direktor im Via Gampel. Ulrich Gerber spricht über seine Erfahrungen und skizziert Wege aus der Sucht.
Von Armin Bregy
Wieso nimmt die Suchtproblematik in unserer Gesellschaft zu?
Das Risikoverhalten im allgemeinen gewinnt zusehends an Bedeutung. Der Fachwelt wird hierbei die Frage gestellt: Ab wann ist etwas nicht mehr vertretbar? Wir sind eine Möglichkeitsgesellschaft geworden. In unseren Breitengraden kann jeder und jede alles. Wir sind keine moralische Gesellschaft mehr, die dies oder jenes verbietet. Jeder Mensch muss für sich selber den Weg finden und die Frage beantworten: Was ist für mich möglich und wie weit kann ich gehen?
War das denn früher anders?
Früher hatten wir eine moralische Gesellschaft, die Werte und Normen hatte. Es gab Rituale. Man wusste, wann man abstürzen durfte und wann nicht. Die Gesellschaft wusste aber auch, in welchen Kontexten Rauschmittel konsumiert werden konnten und in welchen nicht. Aber diese Gesellschaft hat auch keine andere Wahl zugelassen.
Braucht die Jugend striktere Verbote?
Vor allem die männliche Sozialisation hängt stark mit Suchmittelkonsum zusammen. Dieser Tatsache versucht man mit Verboten beizukommen, aber das funktioniert ja nicht. Ich kann jetzt hier eine SMS schreiben, und fünfzehn Minuten später habe ich ein Gramm Kokain oder einen Joint auf dem Tisch – hier in Gampel! Auch die Alkoholausschank- und Zigarettenverbote greifen nicht.
Wo fängt Sucht an?
Medizinisch kann man erst von Sucht reden, wenn sich Abhängigkeitssymptome zeigen – wie zum Beispiel beim Alkoholsüchtigen das Zittern am Morgen. Alles andere ist Ansichtssache! Der Wunsch nach einer fachlichen Einteilung erfüllen wir hier aus pragmatischen Gründen nicht. Wir wollen gar nicht wissen, ob jemand alkohol- oder medikamentensüchtig ist. Wir versuchen zu beschreiben, was der Suchtmittelkonsum für Probleme erzeugt. Durch diese Beschreibung haben wir den Schlüssel, um dem Problemkonsumenten einen neuen Weg aufzuzeigen – darum auch der Name Via Gampel. Als Therapieziel gilt es, die Lebensqualität zu verbessern und die problematischen Folgen des Konsums zu klären. Kurz: Die Leiden zu mindern oder zu beseitigen.
Wie erreichen Sie diese Ziele?
Eine Strategie kann die Abstinenz sein, muss es aber nicht. Es kann auch sein, dass man einen Weg findet, den Konsum unter Kontrolle zu bringen. Klar gibt es Personen, denen man das nicht mehr empfehlen kann. Viele Ideologen sind der Überzeugung, dass ein kontrollierter Konsum nicht möglich ist. Wir betrachten dies hier differenzierter. Diejenigen, die denken, sie können das, müssen auch selber erfahren, ob ein kontrollierter Konsum funktioniert. Wenn jemand bereits körperliche Entzugserscheinungen hat, empfehlen wir natürlich auch die absolute Abstinenz.
Ein kontrollierter Konsum ist möglich?
Wenn man von Leuten, die keine körperlichen oder psychischen Entzugserscheinungen haben, verlangt, total abstinent zu leben, bringt das wenig. Die werden sowieso die Strategie des kontrollierten Konsums ausprobieren. Es gibt spezielle Programme dafür; wie der Begriff „kontrolliert“ aber sagt, braucht das eine grosse Selbstdisziplin.
Sollte man Bekannte oder Arbeitskollegen ansprechen, falls man Suchtprobleme feststellt?
Man sollte das Thema ansprechen. Derjenige, der das Suchtproblem hat, sucht das Gespräch sicher nicht. Man sollte dabei eine Situation kreieren, die dem Betroffenen zeigt, ‚wir wollen dich, wir finden dich gut, aber wir können dein Verhalten nicht tolerieren’. Es bringt überhaupt nichts, jemanden an den Kopf zu werfen, er oder sie sei Alkoholiker. Vorgesetzte sollten Leistungen verlangen, Mitarbeiter sollten Besorgnis zeigen. Beide Aspekte müssen im Konfrontationsprozess drin sein.
Man sollte den Betroffenen also von zwei Seiten bearbeiten?
Es braucht in der Regel mehrere Leute, um einen Süchtigen oder Problemkonsumenten zu einem Veränderungsprozess zu bewegen. Ein Mensch schafft das bei einem anderen alleine nicht. Man muss die Rollen trennen. Das Problem muss von zwei Seiten angepackt werden. Viele solcher Konfrontationen verlaufen auf diese Art sehr erfolgreich. Der Betroffene kann dann einfacher den Start für eine Veränderung machen.
Was für eine Philosophie verfolgen Sie hier im Via Gampel?
Wir verfolgen eine konstruktivistische Philosophie und sagen, man trifft die Welt nicht an, wie sie ist, sondern wir machen uns ein Bild von der Welt. Wahrnehmung ist ein Konstruktionsprozess. Wenn in einem Text bei einem zerstückelten Wort der erste und letzte Buchstabe stimmt, lesen wir das Wort automatisch richtig. Bei Problemlösungen ist die individuelle Konstruktion das Richtige. Wir sagen dem Klienten nicht, was er zu tun hat, sondern erfinden mit dem Klienten zusammen den Lösungsansatz. Das funktioniert jedoch nur, wenn der Klient psychisch und physisch noch nicht zu stark abgebaut ist.
Es geht also um mehr Eigenverantwortung?
Wenn ich ein Problemopfer bin, dann bin ich die arme Kreatur, die saufen musste, weil ich Stress am Arbeitsplatz oder in der Beziehung hatte oder, oder, oder... Ich als Lösungserfinder habe Ziele, die ich erreichen will. Das ist ein total anderer Ansatz.
Sie sprechen hier von Klientinnen und Klienten.
Wir sind ein Dienstleister. Die Frauen und Männer, die zu uns kommen, geben uns einen Auftrag. Früher redete man von Patienten, was den Betroffenen einen Opferstatus ermöglicht hat. Die Verantwortung war beim Fachmann und die erste Frage lautete: Was soll ich tun? Die Verantwortung wurde wegdelegiert. Wenn man Betroffene als Alkoholiker bezeichnet, werden diese sehr schnell „schubladisiert“, und dann ist man nicht mehr auf der pragmatischen Ebene. Etikettierungen machen hilflos und ohnmächtig. Durch Problem- und Verhaltensbeschreibungen gibt man den Betroffenen die Verantwortung zurück und sie haben eine Chance, sich zu verändern.
Es gibt ein neues Therapieangebot. Können Sie darüber etwas sagen?
Ja. Wir wollen eine Zielgruppe ansprechen, die wir bisher noch zuwenig erreicht haben, nämlich Frauen und Männer, bei denen die Abhängigkeitsentwicklung noch nicht allzu weit fortgeschritten ist. Mit einem Kurzprogramm sollen diese ihre Selbstkontrolle für den problematischen Konsum wieder finden.
Das wären also Leute, die noch nicht vollkommen abhängig sind?
Genau. Wir wollen damit Personen ansprechen, die noch voll im Arbeitsprozess drin sind, in der Familie, im Betrieb, die eine Führungsfunktion inne haben, die sozial noch dabei sind, aber die merken, dass ihre Leistungsfähigkeit wegen des Alkohol- oder Drogenkonsums abnimmt. Der Vorteil bei diesem Programm ist, dass man sich aus bestehenden Beziehungen und sozialen Strukturen nicht ausklinken muss.
Wie sieht so ein Programm aus?
Zuerst gibt es eine stationäre Phase, die vier Wochen dauert. In dieser Zeit wird ein individuelles Selbstkontrollkonzept aufgebaut. Nach vier Wochen kann man dann nach Hause gehen und ausprobieren, wie dieses Konzept funktioniert. Das heisst, man kommt tagsüber hierher zurück, arbeitet weiter an sich und dem Kontrollkonzept und abends kann man nach Hause gehen um zu sehen, wie das nun funktioniert. Der Vorteil ist, dass so schnell Realitätskontrollen stattfinden und Korrekturen gemacht werden können. In weiterführenden Abendkursen können die Teilnehmenden dieses Programms à jour bleiben.
Hat das Wallis speziellen Bedarf für ein solches Programm?
Das ist gut möglich. Es gibt ja Untersuchungen die zeigen, dass das Wallis in Bezug auf die Häufigkeit von Leberzirrhosen an der Front liegt. Aber ob wir hier im Oberwallis mehr Probleme haben als zum Beispiel in der Deutschschweiz, weiss ich nicht. Die haben in der Regel ein grösseres Einzugsgebiet und lange Wartelisten, was wir hier nicht haben. Wir hatten im letzten Jahr praktisch Vollbelegung, dann aber auch immer wieder Belegungslöcher.
Belegungslöcher?
Ja. Da fragt man sich natürlich auch, ob wir etwas falsch machen, ob die Leute im Oberwallis unsere Institution noch zu wenig kennen. Heute gehen die betreffenden Personen vielfach in eine Privatklinik ausserhalb des Wallis, das kann man ja häufig auch versteckt machen. Wobei dies für den Veränderungsprozess nicht optimal ist.
Wieso?
Weil ein Mensch, der einen problematischen Konsum hat und dies seinem Umfeld nicht kommuniziert, es einfach schwerer hat. Das Umfeld nimmt dann keine Rücksicht, weil es nichts weiss. Es wird für den Betroffenen auch verpflichtender, wenn er öffentlich sagt: „Ab Morgen ist Schluss!“
Sie schreiben in Ihrem Programm, dass Rückfälle zur Therapie gehören. Wie kann man sich das vorstellen?
Das ist eine krasse Aussage, sie wird aber durch weltweite Studien bestätigt. Im ersten Jahr nach einem stationären Aufenthalt konsumieren von 100 Personen rund 70 mindestens einmal ein Suchtmittel. Diese Quote trifft auch auf uns zu. Es ist eine Realität, dass Lernprozesse mit Fehlern verbunden sind. Es gibt natürlich keine Forderung, einen Rückfall zu machen, wir wünschen uns das überhaupt nicht. Aber wir müssen akzeptieren, dass ein Lernprozess mit Fehlleistungen verbunden ist. Das heisst, wir müssen diese Fehlleistung zum vornherein einplanen. Das ist wie beim Autofahren.
Autofahren?
Du machst das Permis und in den ersten zwei Jahren passiert der Unfall. Wir antizipieren im Via Gampel solche Unfälle, wir reden darüber und entwickeln ein Dispositiv.
Welches sind die schwierigen Momente?
Wenn es zu spät ist! Wenn chronisch Süchtige in das Spital überwiesen werden müssen und dort sterben. Oder wenn bei jemandem die Hirnleistung in Folge des Konsums so stark abgebaut ist, dass Einsicht und auch ein geringer Grad von Autonomie nicht mehr möglich sind.
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