|
Zürich / Trotz 21 Jahren Präventionsarbeit gibt es in der Schweiz in Sachen HIV/Aids noch einiges zu tun. Was konkret gemeint ist, hat der Oberwalliser Franz Walter, Geschäftsführer der Aidshilfe Schweiz, der RZ erklärt.
Von Rahel Escher
Im Jahre 2005 wurden in der Schweiz 716 neue positive Testresultate gemeldet. Hat die Aidsprävention versagt?
Nein. Es ist uns gelungen, die Zahl der Neuinfektionen auf einen einigermassen akzeptablen Stand zu bringen. Aber selbstverständlich sind zwei Neuinfektionen pro Tag immer noch zu viel. Hinter jeder Neuinfektion steckt sehr viel menschliches Leid. Wir können jedoch sagen, dass in jeder Zielgruppe rund 80 Prozent die Safer Sex-Regeln befolgen. Das ist ein grosser Erfolg. Heute haben alle einen einfachen Zugang zu Kondomen. Doch vor 20 Jahren glich es noch einer Mutprobe, in eine Apotheke zu gehen und danach zu fragen.
Dennoch werden sie nicht von allen benutzt.
Fakt ist, dass sich ein Trend zu mehr Neuinfektionen beobachten lässt und es eine Minderheit gibt, die beratungsresistent ist und sich wider besseren Wissens dem Ansteckungsrisiko aussetzt. Die Aidsprävention ist nicht nur ein Appell an den Gebrauch von Kondomen ausserhalb einer treuen Beziehung, sondern auch ein Aufruf zu Ehrlichkeit, Respekt und Selbstverantwortung. Es ist tragisch, dass sich immer mehr Menschen innerhalb einer bestehenden Partnerschaft anstecken und dann plötzlich fassungslos mit einem positiven Resultat konfrontiert werden. Risikolos ist nur eine ehrliche, treue Partnerschaft, in der die Gewissheit besteht, dass keiner der beiden infiziert ist. In einer neuen Partnerschaft etabliert sich der Aidstest heute schon zu einer Art Verlobungsritual. Das freut uns natürlich.
Bei welcher Zielgruppe sind auffallend viele Ansteckungen zu beobachten?
Es sind zwei Zielgruppen, die uns Sorgen bereiten. Zum einen betrifft es die Schwulen, zum anderen die Jugendlichen. Bei den Schwulen schnellen die Neuansteckungen in einem unverhältnismässigen Ausmass in die Höhe. Das ist besonders frustrierend. Sie waren es ja, die Ende der 80er-Jahren die Aidshilfe ins Leben riefen. Aber nach jahrelangem diszipliniertem Gebrauch von Kondomen scheinen sie es leid zu sein, sich jedes Mal zu schützen. Hier versuchen wir mit immer neuen Ansätzen das Schutzverhalten zu verbessern.
Haben Sie für dieses Umdenken eine Erklärung?
Nein. Neben dem naiven Vertrauen auf die Medikamente, stellen wir eine gewisse Präventionsmüdigkeit fest. Wir haben das Gefühl, dass gerade in den Agglomerationen den Schwulen dieses ewige Pochen auf Safer Sex zum Hals raushängt. Ganz nach dem Motto: Jetzt habe ich lange genug aufgepasst und es geschah ja nie etwas.
Ist die hohe Ansteckungsrate bei den Schwulen Grund dafür, dass nur jede dritte neuinfizierte Person in der Schweiz weiblich ist?
Momentan ist es wirklich so, dass bei den Schwulen ein steiler Anstieg zu beobachten ist. Wir dürfen uns keinen falschen Illusionen hingeben. Wir gehen davon aus, dass in der aktiven Dark Room-Szene jeder Sechste mit dem Virus infiziert ist. Und die Ansteckungsgefahr ist nirgends so hoch wie bei ungeschütztem Analverkehr. Wenn es bei den Schwulen viele Neuansteckungen gibt, ist es eine Frage der Zeit, bis sich das Virus auch wieder vermehrt auf die heterosexuelle Bevölkerung überträgt, die ja zur Hälfte aus Frauen besteht. Wenn es uns also nicht gelingt, bei schwulen und bisexuellen Männern die Ansteckungen zu bremsen, kann sich das bald auf die ganze Bevölkerung auswirken.
Wieso bereiten Ihnen die Jugendlichen Sorgen?
Unter ihnen gibt es zwar noch nicht viele Virenträger. Aber das kann sich schnell ändern. Wir stellen fest, dass die Jungen den Respekt vor HIV/Aids verloren haben und der Kenntnisstand erschreckend oberflächlich geworden ist.
Wie kommt das? Schliesslich verlässt heute kein Jugendlicher die obligatorische Schule, ohne über HIV/Aids aufgeklärt worden zu sein.
Das stimmt. Aber es reicht nicht, wenn sie die Informationen im Kopf abspeichern. Sie müssen sie auch im Bauch verinnerlichen. Die Jugendlichen haben zwei Schwierigkeiten: Für sie ist HIV/Aids ein Thema, das man in der Schule mitgeteilt bekommt. Aber sie stellen keinen Zusammenhang zu ihrem persönlichen Leben her. Sie haben die Ängste der Menschen, die Hysterie Anfang der 90er-Jahre noch nicht miterlebt. Der zweite Punkt ist die Tatsache, dass sich die Krankheit heute sehr gut behandeln lässt. Infizierte können unter Einsatz der Medikamente ein einigermassen normales Leben führen. Man kann in der Gesellschaft gut funktionieren. Die Nebenwirkungen der Medikamente werden aber stark unterschätzt. Es sind happige Medikamente, die stark in den Stoffwechsel eingreifen.
Und diese Belastung ist den Jugendlichen nicht bewusst?
Genau. Sie denken: Wenn es mich erwischen sollte, ist das halb so schlimm. Ich kann dann einfach ein paar Pillen schlucken. Für die Jugend hat HIV/Aids an Schrecken verloren. Aber die guten Behandlungsmöglichkeiten sind natürlich nur ein Teil der Wahrheit. Tatsache ist, dass der Virus ein Leben lang im Körper bleibt. Das ist eine schwere psychische Belastung. Es besteht die Gefahr, aus dem sozialen Leben ausgegrenzt zu werden. Zudem werden irgendwann Themen wie Heirat und Kinderkriegen aktuell und im Beruf stellt sich die Frage: Soll ich es sagen oder verschweigen?
Rät die Aidshilfe den Betroffenen, sich bei der Arbeit oder in ihrem persönlichen Umfeld zur Infektion zu bekennen?
Ja, wobei wir fair sein wollen und die Infizierten über die möglichen Konsequenzen informieren. Nicht, dass sie dann in einer gewissen Naivität links und rechts von ihrer Krankheit erzählen und danach leiden müssen, weil das Umfeld nicht damit umgehen kann. Es freut uns, wenn Betroffene den Mut haben, zu ihrer Krankheit zu stehen und einen Weg gefunden haben, ihr enges Umfeld zu informieren.
Wie viele Betroffene trauen sich zu diesem Schritt?
Von den 22 000 Infizierten in der Schweiz informiert nur ein erschreckend kleiner Teil sein Umfeld über die Erkrankung. Oftmals wissen nicht einmal die Familienangehörigen Bescheid. Das führt zu einer Banalisierung der Krankheit, da sie nicht mehr sichtbar ist. Die meisten Schweizer kennen gar keine Betroffenen. Nicht, weil es sie nicht gibt, sondern, weil sie es nicht sagen. Somit entsteht der Eindruck, dass Aids nicht mehr präsent ist oder es sich zumindest leicht damit leben lässt. Durch diese Anonymisierung leiden viele Betroffenen still vor sich hin, ohne eine Ansprechperson zu haben. Ein Problem, das wir am diesjährigen Welt-Aids-Tag thematisieren.
Sind die Umstände für die Betroffenen je nach Region unterschiedlich? Lebt es sich mit dem Virus in Zürich einfacher als im Oberwallis?
Das Klima in einer anonymisierten Grossstadt wie Zürich macht es einem Betroffenen sicherlich leichter, zu seiner Infektion zu stehen. In einem eher ländlichen, abgeschlossenen Klima ist die Hemmschwelle sicherlich grösser. Es sind mehr Ängste und Vorurteile vorhanden. Das soll jedoch nicht heissen, dass man in einem Bergdorf nicht dazu stehen sollte. Aber gerade am Anfang ist es schwierig und es sind viele Aufklärungsgespräche nötig.
Inwieweit kann die Aidshilfe Schweiz Infizierten zur Seite stehen?
Mit einer qualifizierten, auch psychologischen, Beratung. Wir können ein grosses Netzwerk zur Verfügung stellen. Wir organisieren auch Veranstaltungen für HIV-Infizierte und deren Angehörige. Wir wollen bewusst auch das Umfeld ansprechen, die Betroffenen ermutigen, mit ihren Angehörigen einen Workshop oder ein Seminar zu besuchen. Dort können viele Ängste thematisiert und abgebaut werden. Der Austausch mit anderen in einer ähnlichen Situation ist sehr wertvoll. Viele Problemstellungen müssen erst mal ausgesprochen und diskutiert werden, gerade innerhalb einer Partnerschaft. Ich denke da an offene Fragen bei der Familienplanung, Unsicherheiten beim Sex in der Partnerschaft. Beide Partner müssen sich über die gegenseitigen Erwartungen und die Verantwortung bewusst sein.
Erleben Sie HIV/Aids heute noch als Tabuthema?
In der generellen Diskussion nicht. Dort ist der Umgang mit dem Thema erfreulich unkompliziert geworden. Wenn jemand aber tatsächlich infiziert ist, hat er meist Angst, zu der Krankheit zu stehen. Oftmals bringt dieser Schritt tatsächlich Probleme mit sich. Das kann die Arbeitsplatzsicherheit betreffen, aber auch, dass man all den Vorurteilen ausgesetzt ist. Viele Leute sind immer noch sehr ängstlich und falsch informiert, was die Ansteckungsgefahren betrifft. Sie fürchten sich davor, Infizierten die Hand zu reichen oder mit ihnen das Geschirr zu teilen. Diese Ängste sind trotz jahrelanger Aufklärungsarbeit immer noch präsent. Das ist erstaunlich und enttäuschend zugleich. Diese Unkenntnis ist jedoch nicht nur bei älteren Generationen feststellbar, sondern zieht sich durch alle Altersschichten. Wer zu seiner Krankheit steht, ist aber neben diesen Vorurteilen noch mit anderen gravierenden Problemen konfrontiert.
Was sind das für Probleme?
Das beginnt bei den Versicherungsfragen. Wenn eine Krankenkasse vom positiven Testresultat weiss, besteht in der Regel ein Vorbehalt und der Betroffene kann keine Zusatzversicherung abschliessen. Oder die Möglichkeit, eine Taggeldversicherung oder Lebensversicherungspolicen abzuschliessen. Auch im Zusammenhang mit der ganzen Diskussion über die Sozialwerke stellen wir ein immer härteres Klima fest. Die Regeln werden verschärft. Da trifft es in der Regel ja immer zuerst die Schwächsten. Es gibt auch ganz alltägliche Probleme wie Zahnärzte, die eine Behandlung verweigern, obwohl nicht die geringste Ansteckungsgefahr besteht, Stadtverwaltungen, die Infizierte automatisch vom Auswahlverfahren für die Aspirantenschule ausschliessen und so weiter. Im Kanton Genf verweigerten Apotheken die Ausgabe von Medikamenten, wenn die Krankenkassenprämien nicht bezahlt wurden. Ein Unterbruch der Medikamentenbehandlung ist für Infizierte gravierend. Dort verlangen wir von den Behörden Mechanismen, um solche Pannen in Zukunft zu verhindern. Für all diese Fälle haben und brauchen wir bei der Aidshilfe eine Rechtsberatung.
Aidstests sind also bei weitem nicht die einzige Dienstleistung der Aidshilfe.
Nein, aber nach wie vor eine sehr wichtige. Es geht nicht nur darum, die Leute nach einem positiven Resultat aufzufangen. Beratungsgespräche sind auch nach negativen Resultaten nicht weniger bedeutend. Viele der Getesteten haben in solchen Fällen nämlich das Gefühl, dass der Test ja gar nicht so schlimm war und sie weitermachen können wie bisher. Genau hier müssen wir einhaken. Wir müssen mit diesen Leuten dann gemeinsam das Verhalten anschauen und die Leute von der Wichtigkeit von Safer Sex überzeugen.
Ihre
Meinung interessiert uns!
|