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Visp / Sie hat den Doktor in Bibelwissenschaften und ist Bildungsleiterin im St. Jodern: Stephanie Abgottspon aus Staldenried. Im Interview sagt sie, wie es ums Bildungshaus steht, welche Fehler mit der Bibel passieren und verrät, wann es bei ihr „klick“ gemacht hat.
Von Denise Jeitziner
Walter Bellwald
Ist St. Jodern noch zeitgemäss?
Ja. Ich habe jedoch den Eindruck, dass viele noch das alte Bild vom Jodernheim im Kopf haben, als es noch die obligatorischen Exerzitien und Ehevorbereitungskurse gab. Wir bemühen uns sehr, zeitgemässe Kurse und Vorträge zu aktuellen Themen anzubieten. Das wäre vor zwei oder drei Jahrzehnten noch nicht möglich gewesen. Das Zweite Vatikanische Konzil vor rund vierzig Jahren, das der katholischen Kirche viele Neuerungen gebracht hat, hat diesbezüglich viel bewegt.
Es gibt aber auch Kurse wie: „Kommt – lasst uns IHN anbeten“. Besteht dafür überhaupt eine Nachfrage?
Ja, es gibt immer etwa zwei Handvoll Teilnehmer. Es ist aber schon so, dass bei derartigen Angeboten nicht massenhaft Leute kommen.
Woran liegt das?
Die Kurse finden ja hier im St. Jodern statt. Wenn man nicht gerade in Visp wohnt, braucht man – zumindest abends – ein Auto, um hierher zu kommen. Und da viele Leute nicht mobil sind, sind gewisse Veranstaltungen weniger gut besucht, als wenn sie in den jeweiligen Pfarreien stattfinden würden.
Ist die fehlende Mobilität tatsächlich der Grund für die schwache Kursbeteiligung?
Sicher nicht der Hauptgrund, aber bestimmt ein Problem. Hinzu kommt, dass viele denken, alles Biblische sei zu fromm und habe nichts mit ihrem Leben zu tun. Dabei bietet die Bibel, gerade das Alte Testament, sehr viel Lebenshilfe und Weisheit. Die Bibel ist mitten aus dem Leben gegriffen: Von Mord und Totschlag bis zum Ehebruch ist alles drin. Es gibt übrigens durchaus auch Kurse und Anlässe, die gut oder sehr gut besucht sind.
Hat das Frommsein einen negativen Touch?
Für manche schon. Es gibt aber auch solche, die charismatisch orientiert sind (ausgeprägte Hinwendung zu Jesus und Gebet, Anm. d. Red.). Denen sind wir mit unserem Angebot nicht fromm genug. Ich weiss von einer Frau, die zögerte, unseren
Enneagramm-Kurs zu besuchen und ihren Pfarrer um Entscheidungshilfe bat. Er meinte, sie solle auf keinen Fall hingehen. Wir wollen aber auch denjenigen etwas bieten, die mit den herkömmlichen spirituellen Angeboten wenig anfangen können.
Gehen Sie bewusst weg vom Religiösen, um mehr Menschen anzusprechen?
Was die Vorträge betrifft ja; zumindest weg vom ausdrücklich Religiösen. Wir sprechen zum Beispiel über Suizid, Sterbehilfe oder Gewalt bei alten Menschen. Selbstverständlich verpflichten wir jedoch keine Referenten, die der Kirche ablehnend gegenüber stehen, oder solche, die Sterbehilfe propagieren. Das würde der katholischen Kirche widersprechen.
Welche Kurse ziehen besonders?
Kurse in Sterbebegleitung sind sehr gefragt. Oder Kurse, von denen die Leute etwas Praktisches fürs Leben mitnehmen können. Zum Beispiel der eben erwähnte Enneagramm-Kurs, den ich leite. Das ist eine alte Lehre über den Menschen, die besagt, dass es neun Persönlichkeitstypen gibt. Wenn ich erkenne, welcher Typ ich bin, kann ich mein Leben besser gestalten.
Was sind das für Typen?
Es gibt zum Beispiel den Helfertyp. Helfen ist eigentlich nichts Negatives. Nur gibt es solche, die helfen, um dafür Anerkennung zu bekommen und enttäuscht sind, wenn dies nicht so ist. Das ist problematisch. Die Sache mit dem Helfen ist übrigens etwas, was meiner Meinung nach vom Christlichen vielfach falsch vermittelt wurde. Als ob wir pausenlos für den anderen da sein sollten. Dabei heisst es „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.“ Man darf also nicht sich selbst vergessen.
Wer kommt alles ins St. Jodern?
Einerseits diejenigen, die mal aus dem Alltag heraus und sich religiös ein bisschen aufmuntern lassen wollen. Für diese bieten wir Exerzitien und Einkehrtage an. Es kommen aber auch Leute zu uns, die auf der Suche sind oder sich mit dem eigenen Glauben auseinandersetzen wollen. Der Grossteil sind Frauen; häufig auch junge. Sie wollen ihr Glaubenswissen vertiefen.
Was ist unter Glaubenswissen zu verstehen?
Alles, was sich auf den Glauben bezieht, was den Glauben verständlicher macht. Es geht darum, Gott, die Welt und die Bibel besser zu verstehen. Wenn man die Bibel verstehen will, ist es gut, den zeitgeschichtlichen Hintergrund zu kennen. Deshalb vermitteln wir auch die politischen Verhältnisse damals in Jerusalem, Palästina oder Israel und wie die Menschen zu der Zeit lebten. So versteht man plötzlich Aussagen der Bibel ganz anders und stellt fest, dass viele Dinge falsch verstanden und überliefert wurden.
Zum Beispiel?
Es wurde etwa während Jahrhunderten behauptet, die Juden hätten Jesus gekreuzigt. Das ist falsch. Es steht eindeutig im Bibeltext, dass die Römer Jesus gekreuzigt haben. Kommt hinzu, dass die Juden die Kreuzigungsstrafe gar nicht vollzogen. Als Todesstrafe kannten sie die Steinigung. Wenn man sich das schon damals überlegt hätte, hätte man sich den Jahrhunderte langen Zwist zwischen Christen und Juden sparen können. Es passiert leider häufig, dass einzelne Passagen aus der Bibel herausgepickt werden und durch den fehlenden Zusammenhang eine falsche Bedeutung bekommen.
War der Glaube immer ein zentrales Thema für Sie?
Nein. Ich wurde ganz normal katholisch erzogen und jeden Sonntag in die Kirche geschickt. Erst als ich mit 16 Jahren in Fulda auf ein Internat kam, das von Ordensschwestern geleitet wurde, fing ich an, mich mit dem Glauben auseinander zu setzen. Da habe zum ersten Mal festgestellt, dass der Glaube etwas mit meinem Leben zu tun hat und mir Lebensorientierung geben kann.
Gab es ein Ereignis, das bei Ihnen „klick“ gemacht hat?
Ja, aber erst mit Anfang Zwanzig. Ich befasste mich mit der Erzählung vom ungläubigen Thomas, der an Jesus’ Auferstehung zweifelte. Jesus sagte zu ihm: Leg deine Hände in meine Seite. Daraufhin meinte Thomas: Du bist mein Herr und mein Gott. Ich konnte mich sofort mit diesem Thomas identifizieren, weil auch ich jemand bin, der vieles erst mal hinterfragt; etwa, wenn Äusserungen aus Rom kommen. Viele wurden so erzogen, dass das, was die kirchliche Autorität sagt, höchste Gültigkeit hat. Das ist zunächst nicht falsch. Als Katholik muss man sein Gewissen an dem schulen, was die Kirche vorgibt. Aber wie der zweifelnde Thomas dürfen auch wir manches hinterfragen. Im Ernstfall ist es die persönliche Gewissensentscheidung, die zählt.
Um auf Ihr Beispiel mit dem ungläubigen Thomas zurückzukommen. Offensichtlich brauchte er einen Beweis, damit er anfangen konnte zu glauben. Haben Sie einen solchen Beweis gefunden?
Beweise im naturwissenschaftlichen Sinne gibt es im Glauben nicht. Klar gibt es Erzählungen von Menschen, die stigmatisiert wurden. Aber darauf darf sich unser Glaube nicht stützen. Für mich ist entscheidend, dass ich in der Bibel sinnvolle Hilfe für mein Leben erhalte, und dass ich erfahren habe, dass der Glaube mit meinem Leben zu tun hat.
Die schlimmsten Kriege gründen in Glaubensunterschieden. Religiöse Diskussionen, Beispiel Minarette, schüren negative Emotionen. Wie stark sollte man am eigenen Glauben festhalten?
An der eigenen Überzeugung sollte man festhalten. Aber man sollte gesprächsbereit sein. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gibt es eine Bewusstseinsänderung in der katholischen Kirche, nämlich die, die eigene Meinung nicht für absolut zu halten. Man muss die Grösse haben, andere Glaubensrichtungen zu akzeptieren.
Sollte man weg von der konkreten Glaubensrichtung hin zum allgemein Religiösen, Spirituellen?
Es ist eine Illusion, wenn man meint, man könne einfach so die Glaubensrichtung wechseln. Denn sie beinhaltet viel mehr, sie ist die Tradition, die Kultur, in der man aufgewachsen ist. Und diesen Einfluss darf man nicht unterschätzen.
Aber die meisten Glaubensrichtungen sind doch im Grunde identisch.
Wenn man sie auf die zentralen Aussagen reduziert, sind die grossen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam nahe beieinander. Wir glauben zum Beispiel alle an einen Gott. Es gibt aber auch durchaus inhaltliche Unterschiede. Was auch verschieden ist, sind die Rituale. Ich persönlich brauche Rituale, die kleinen Dinge wie Weihwasser nehmen, wenn ich die Kirche betrete. Für mich sind der Glaube und die Kirche, zu der ich gehöre, nicht austauschbar.
Hat das Bildungshaus St. Jodern eine Zukunft?
Von der Sache her ja. Meine einzige Befürchtung ist die finanzielle Situation. Wir sind zwar unterstützt vom Bistum Sitten, vom Verein Freunde und Gönner und anderen, müssen jedoch selbst tragend arbeiten, was nicht einfach ist.
Was tun Sie dafür?
Einerseits die Öffnung für Themen, die nicht im engen Sinn religiös sind, aber auch die Vermittlung von Glaubensinhalten mit modernen Formen der Erwachsenenbildung. Andererseits haben wir viele Gastkurse im Haus. Wir sind auch Tagungshaus für andere Gruppierungen, die sich hier einmieten.
Was wollen Sie im St. Jodern erreichen?
Dass die Leute, die bei uns waren, wenigstens einen oder zwei gute Gedanken mitnehmen, die ihnen im Alltag helfen; in der Beziehung zu sich, den Mitmenschen und zu Gott.
Ihre
Meinung interessiert uns!
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