|
Brig-Glis / Er sah schon viele böse Buben kommen und gehen: Richard Grau (58), seit zwanzig Jahren Gefängniswärter im Untersuchungsgefängnis in Brig. Im RZ-Frontalinterview spricht er über den Umgang mit den Inhaftierten, erinnert sich an brenzlige Situationen und sagt: „Bei uns gibt es keine eigentliche Weihnachtsfeier.“
Von Walter Bellwald
Denise Jeitziner
Herr Grau, wie feiern Sie Weihnachten?
Im familiären Rahmen, mit meiner Frau und meinen zwei Söhnen.
Gibts auch im Gefängnis eine Feier?
Nein, hier gibts keine Weihnachtsfeier im eigentlichen Sinn. Schon allein deshalb, weil mehr als die Hälfte der Insassen Muslime sind.
Also kein „Oh du fröhliche...“ mit den Gefangenen?
Das scheitert an den sprachlichen Gemeinsamkeiten (lacht). Zurzeit sitzen nur zwei Deutschsprachige bei uns in Untersuchungshaft. Alle anderen Insassen sind fremdsprachig.
Und Geschenke?
Es gibt eine Art „Fresspäckli“, das alle Insassen bekommen. Und auch ein gutes Weihnachtsessen darf natürlich nicht fehlen.
Aus welchen Nationen rekrutieren sich denn die Gefängnisinsassen?
Wir haben Menschen aus allen Nationen hier bei uns. Vom Schweizer über Mongolen, Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, Afghanen, Afrikaner, Südamerikaner, aus allen Landeskreisen der Welt.
Wie viele Menschen verbringen die Weihnachtsfeiertage im Gefängnis in Brig?
Zurzeit sind acht Personen inhaftiert. Aber das kann sich schnell ändern. Insgesamt bieten wir in Brig Platz für zwanzig Insassen. Im Schnitt sitzen rund 15 Personen bei uns ein.
Was für Delikte werden Ihnen angelastet?
Alles. Wir haben vom Zigarettendieb bis hin zum Finanzbetrüger, Raubmörder und Sexualstraftäter alles inhaftiert. Das kommt daher, weil wir ein Untersuchungsgefängnis sind, das heisst vor dem Gang zum Strafrichter sitzen alle bei uns ein. Nach der Verurteilung werden sie dann in andere Anstalten verlegt.
Sind die Insassen dieser Tage auch besinnlich gestimmt?
Nicht unbedingt. Die Feiertage sind für die Gefängnisinsassen eine zusätzliche Belastung. Sie sind getrennt von Familien und Freunden. Das schlägt sich auf die Festtagsstimmung nieder.
Wie zeigt sich das?
Sie sind gereizt, missmutig und deprimiert.
Wie gehen Sie dagegen an?
Ein bisschen reden, zuhören – mehr können wir nicht tun. Kommt hinzu, dass wir personell gar nicht in der Lage sind, uns längere Zeit mit einzelnen Inhaftierten zu beschäftigen.
Wie viele Wärter arbeiten denn im Untersuchungsgefängnis in Brig?
Wir sind drei Aufseher, die 24 Stunden über 365 Tage ihren Dienst versehen. Dazu kommt eine Vollzeitstelle, die sich mehrere Frauen aufteilen, für Kochen und die Wäsche.
Wie darf man sich Ihren Gefängnisalltag vorstellen?
In grossen Gefängnissen sind die einzelnen Bereiche unterteilt. Hier in Brig sind wir für alles zuständig. Neben der Betreuung der Insassen ist uns auch die ganze Administration unterstellt. Wir fällen Entscheide, verhängen Sanktionen, sind zuständig für alle Ein- und Austritte usw.
Gefängniswärter ist kein alltäglicher Beruf. Wie wird man Aufseher in einem Gefängnis?
Ich bin gelernter Automechaniker. Nach mehreren Jahren Berufserfahrung suchte ich eine neue Herausforderung. Die ersten zwei Wochen waren allerdings nicht sehr einfach. Es ist bedrückend und ungewohnt, wenn man Menschen einsperren muss. Daran muss man sich zuerst gewöhnen. Mit den Jahren lernt man aber, damit umzugehen und auf die Inhaftierten einzugehen. Insgesamt war ich elf Jahre in Sitten tätig und bin nun seit neun Jahren hier im Untersuchungsgefängnis in Brig.
Kamen Sie schon einmal in eine brenzlige Situation?
Natürlich. Als ich noch in Sitten Gefängniswärter war, kam es ab und zu vor, dass die Gefangenen bei ihrem täglichen Rundgang aufeinander losgingen. Das war nicht immer lustig. Nichts desto trotz habe ich mich immer zwischen die Radaubrüder gestellt. Glücklicherweise habe ich nie etwas abbekommen. Das ist sehr auffällig. Sobald ein Wärter dazwischen geht, halten sich die Schläger zurück.
Hat das mit der Autorität des jeweiligen Wärters zu tun?
In erster Linie hat es mit der gegenseitigen Achtung zu tun. Wenn ich als Wärter einen Insassen schikaniere, dann muss ich damit rechnen, dass er mir bei Gelegenheit eins auswischt. Aber wenn ich die Leute anständig behandle, dann lassen sie mich auch in Ruhe.
Wollte Ihnen schon mal ein Gefangener an den Kragen?
Das ist in den zwanzig Jahren, die ich als Wärter arbeite, erst ein einziges Mal passiert. Der Mann puffte mich an und sagte zu mir, er wolle meine Uhr. Dann ging er auf mich los.
Wie haben Sie reagiert?
Wir tragen immer eine Art Pager, das sogenannte „tote Männli“ auf uns. Damit habe ich Alarm ausgelöst. Innerhalb von zwanzig, dreissig Sekunden waren alle Polizisten, die im Haus Dienst hatten, vor Ort und haben den Gefangenen ruhiggestellt.
Haben Sie Schaden davongetragen?
Nein, überhaupt nicht. Es war nichts Tragisches. Aber in Sitten haben zwei Insassen mal einen Wärter festgehalten und ein Dritter hat ihn zusammengeschlagen. Wenn nicht ein anderer Gefangener dazwischen gegangen wäre, hätte die Sache böse ausgehen können.
Hatten Sie auch schon mal Angst vor einem Insassen?
Nein, Angst habe ich keine. Wenn ich Angst hätte, müsste ich mit meiner Arbeit aufhören. Respekt habe ich allerdings schon. Wir hatten einmal einen Elitesoldaten aus Russland inhaftiert, der in Marseille einen Mord verübt hat. Er hat den Mann in den Rücken geschossen und anschliessend mit mehreren Schüssen in den Kopf regelrecht hingerichtet. Das war ein skrupelloser Killer. Wenn jemand mit einer solchen Vergangenheit eingeliefert wird, dann wird einem schon mulmig und man ist immer in Gewahr, dass etwas passieren könnte.
Wie gehen Sie damit um, wenn ein neuer Gefangener eingeliefert wird? Macht es für Sie einen Unterschied, ob jemand ein Raubdelikt verübt hat oder einen Mord?
Im Prinzip werden alle Menschen, die bei uns eingeliefert werden, genau gleich behandelt. Man kennt wohl die Vorgeschichte, aber das hindert mich letztlich nicht daran, alle Insassen mit dem nötigen Respekt und Anstand zu behandeln. Das Verhalten jedes Einzelnen ist ausschlaggebend. Einige geben sich sehr arrogant und frech, andere wiederum sind verängstigt und eingeschüchtert.
Inwiefern können Sie einem Gefangenen das Leben erleichtern, bzw. erschweren?
Natürlich haben wir einen kleinen Ermessensspielraum, um Sanktionen zu verhängen. Allerdings, die Grundbedürfnisse dürfen wir nicht antasten. Das Recht auf Körperhygiene oder das Essen. Wir können nicht einfach jemanden auf Wasser und Brot setzen. Das geht nicht. Aber wir können den Gefangenen beispielsweise das Rauchzeug wegnehmen. Oder sie bei ihren Spaziergängen von den Mitgefangenen isolieren. Im schlimmsten Fall können wir Sie ins „Cachon“ internieren. Das ist eine Zelle im Keller, die sehr spartanisch eingerichtet ist.
Wann verhängen Sie solche Sanktionen?
Wenn einer lauthals grölt oder mit Schlägen gegen die Wand auf sich aufmerksam macht und alle verbalen Warnungen in den Wind schlägt, dann muss er mit solchen Sanktionen rechnen.
Und wie lange wird er ins „Cachon“ verbannt?
Wenn jemand ins Kellerverlies kommt, dann müssen wir einen Rapport schreiben. Dieser geht an die Direktion. Der Adjunkt entscheidet dann, wie lange der Übeltäter im „Cachon“ bleibt. Im Schnitt vielleicht zwei oder drei Tage.
Mit was für Annehmlichkeiten darf ein anständiger Gefangener rechnen?
Vom normalen Alltag her kann sich bei uns niemand Vergünstigungen erschaffen. Aber wenn sich jemand korrekt verhält, ist es durchaus möglich, dass man ihm die Möglichkeit gibt, einem Hobby wie zum Beispiel dem Malen zu frönen.
Im Untersuchungsgefängnis in Brig gibt es nur Einzelzellen. Bleiben die Häftlinge den ganzen Tag über in ihrer Zelle inhaftiert?
Nein, nicht den ganzen Tag. Eine Stunde dürfen sie auf dem Spazierhof frische Luft schnappen. Wenn wir die Möglichkeit haben, dürfen sie sogar länger
draussen bleiben.
Im Volksmund hört man immer wieder, dass die Inhaftierten ein Herrenleben führen. Wie darf man sich eine Zelle vorstellen?
Unsere Zellen sind mit den notwendigsten Sachen ausgestattet, das heisst einer Liege und sanitären Einrichtungen. Sie bekommen frische Bettwäsche und nach zwei Wochen sogar einen Fernseher. Aber etwas ganz Wesentliches fehlt: An der Innentüre gibt es keine Klinke. Sie können also nicht nach draussen, wann es ihnen passt. Wer tage- und wochenlang in einer kleinen Zelle eingesperrt ist und ausharren muss, der weiss, was das heisst.
Viele Ihrer Schützlinge bleiben Tage, einige gar Monate oder Jahre als Zelleninsassen im Gefängnis. Entwickelt sich dabei auch ein gewisses Vertrauensverhältnis?
Dem ist so. Ich hatte mit einem Inhaftierten, der wegen Totschlags verurteilt wurde, noch Jahre nach seiner Entlassung einen guten Kontakt. Der Mann hat mich und meine Familie regelmässig besucht und wir pflegten ein freundschaftliches Verhältnis.
Wurde Ihr Vertrauen auch schon mal ausgenutzt?
Das kommt immer wieder vor. Wir hatten einen Inhaftierten, der regelmässigen Besuch von seiner Frau und seinem Kind bekam. Das ging sogar so weit, dass wir ihm gestatteten, seinen kleinen Sohn in die Gesprächskabine zu nehmen. Eines Tages haben wir in seiner Zelle ein Natel gefunden. Der Fall war sofort klar: Der Sohn hatte das Handy in die Gesprächskabine geschmuggelt. Das ging natürlich zu weit. Daraufhin mussten wir jeglichem Körperkontakt zwischen den Gefangenen und Angehörigen unterbinden.
Sie sind seit zwanzig Jahren in diesem Metier tätig. Hat die Kriminalität Ihrer Meinung nach zugenommen?
Nein, es gibt nicht mehr und nicht weniger Kriminelle als vor zwanzig Jahren. Durch die Medien bekommt man den Eindruck, als ob die Kriminalität zugenommen hätte. Aber dem ist glücklicherweise nicht so.
Ihre
Meinung interessiert uns!
|