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Regula Alpiger, Präsidentin Tierschutz Oberwallis
„Für einige Oberwalliser ist Tierschutz ein Fremdwort“


 

Gamsen / „Ich bin keine Greenpeace-Aktivistin“, sagt Regula Alpiger (51), Präsidentin vom Tierschutz Oberwallis. Im RZ-Frontalinterview nimmt Alpiger die Tierhaltung im Oberwallis unter die Lupe, erzählt von ihrer Arbeit und sagt: „Zum Teil werden die Tierhalter ‚schwiiverruckti’, wenn ich vor Ort auftauche.“

Von Walter Bellwald
Markus Pianzola

Wie viele Tiere haben Sie?
Ich habe drei Meerschweinchen, zwei Hasen, fünfzehn Hühner, einen Hund und zweieinhalb Katzen.

Bitte?
Die Halbe ist eine (noch) wilde Katze, die wir auf der Neat-Baustelle eingefangen haben. Der Tierschutz Oberwallis hat solche Aktionen in Raron und in Goppenstein durchgeführt. Gerade bei Kantinen-Standorten sammeln sich immer wieder viele herrenlose Katzen an. Einige der Tiere mussten eingeschläfert werden. Weil im besagten Fall kein Tierarzt zur Stelle war, habe ich die Katze nach Hause genommen. Zwar lässt sie sich noch nicht streicheln, aber sie kommt immer wieder an ihren Futterplatz zurück. Auch die Meerschweine und Hasen sind sogenannte Verzichttiere, das heisst Tiere, die niemand mehr haben wollte.

Und welches Ihrer Tiere ist Ihnen besonders ans Herz gewachsen?
Mein Hund Lea. Das ist ein Bergamasker-Mischling, den ich schon als Welpen gekauft habe. Mittlerweile ist er schon vierzehneinhalb Jahre alt.

Was bedeuten Ihnen Tiere?
Schon als kleines Mädchen hatte ich sehr gerne Tiere. Weil wir daheim aber keine hatten, habe ich einmal eine tote Maus heimgebracht und stolz verkündet: „So, jetzt habe ich auch mein eigenes Tier.“ Daraufhin haben meine Eltern reagiert und mir meinen langgehegten Wunsch erfüllt: Ich bekam ein Meerschweinchen. Dann folgten Schildkröten, Hamster und Katzen. Als ich selber schreiben konnte, habe ich in der Migros ein Inserat aufgegeben mit dem Textinhalt: „Zu kaufen gesucht: netter Hund“. So kam der erste Hund ins Haus. Als Kind erlebte ich die Beziehung zu den Tieren sehr emotional. Heute würde ich das Ganze mehr als rational bezeichnen. Ganz allgemein lässt sich sagen, dass Tiere sehr zum Wohlbefinden eines Menschen und für die zwischenmenschlichen Beziehungen beitragen. Schliesslich ist das für die Gesellschaft sehr förderlich. Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass die Schweizerinnen und Schweizer sehr tierliebend sind: In mehr als fünfzig Prozent aller Haushalte leben Tiere.

Als Präsidentin des Oberwalliser Tierschutzvereins liegt Ihnen das Wohlergehen der Tiere besonders am Herzen. Wie steht es um den Tierschutz im Oberwallis im Allgemeinen?
Das ist schwer zu beurteilen, da wir nur von Fällen hören, in denen Tiere schlecht gehalten oder im seltenen Fall misshandelt werden. Im Schnitt bekommen wir ungefähr vier Anrufe pro Woche von besorgten Tierfreunden. Es gibt immer noch viele unkastrierte Katzen und die Folge davon muss hier wohl nicht erwähnt werden. Die Bevölkerung im Oberwallis ist recht sensibilisiert, was die Tierhaltung angeht. Für einige Oberwalliser ist der Tierschutz zwar immer noch ein Fremdwort, aber viele verstehen diese Sprache schon sehr gut.

Wie viele Fälle von Tiermisshandlungen wurden im letzten Jahr aufgegriffen?
Vielleicht zwanzig Fälle. Wir hatten vier Anzeigen wegen schlechter Kuh- oder Rinderhaltung, zehnmal wurde die Hundehaltung angeprangert, einmal mussten wir wegen Schafen und Ziegen ausrücken und auch die Eselhaltung stand im Brennpunkt. Im letzteren Fall ging es vor allem um das regelmässige Schneiden der Hufe, das bei den Eseln oft vernachlässigt wird. In einem Fall haben wir dem Tierhalter sogar mit einer Anzeige gedroht, falls sich die Situation nicht sofort bessere.

Ohne die Hinweise aus der Bevölkerung wäre Ihre Arbeit kaum denkbar?
Unbedingt, wir sind froh für jede Meldung. Ohne die Hilfe von Tierfreunden wären wir ganz einfach aufgeschmissen. Wir sind auf die Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. Wir probieren ja auch diesbezüglich die Bevölkerung zu sensibilisieren, damit sie Verstösse gegen das Tierschutzgesetz dem Veterinäramt, der Polizei, der Gemeinde oder direkt an uns weitermeldet. Dabei wird die Anonymität des Anrufers selbstverständlich gewahrt.

Was war der schlimmste Fall, den Sie bisher aufgegriffen haben?
Das waren 22 Huskys, die zusammengepfercht in viel zu engen Kisten und dunklen Ställen gehalten wurden. Das war skandalös. Überall waren Kot- und Urinrückstände und es stank fürchterlich. Die Tiere waren in einem erbärmlichen Zustand. Wir informierten sofort die zuständige Gemeindebehörde, welche die Sache auch sofort in die Hand nahm.

Ist das eher eine Ausnahme, dass Sie einen Augenschein vor Ort nehmen?
Das kommt drauf an. Im Schnitt rücken wir einmal pro Woche aus. Aber der Grossteil der Arbeit läuft telefonisch ab. Wenn ich einen Hinweis bekomme, versuche ich eine Vertrauensperson in der jeweiligen Region ausfindig zu machen, damit ich mir ein besseres Bild machen kann. Vielfach kann ich danach beurteilen, ob es sich um einen Tierschutzfall handelt oder ob es nur eine harmlose Angelegenheit ist. Je nachdem schauen wir uns die Sache vor Ort an. Ich muss an dieser Stelle aber betonen, dass nicht ich allein für den Tierschutz Oberwallis verantwortlich bin; wir sind ein Vorstand von fünf Personen, die sich die Arbeit teilen. Auch unsere übrigen Mitglieder helfen mit, so gut es geht. Der Tierschutz Oberwallis vermittelt übrigens jährlich Dutzende von jungen und herrenlosen Katzen.

Wie viel Zeit investieren Sie in den Tierschutz?
Im Schnitt brauche ich fünf bis sechs Stunden pro Woche, um die anstehenden Arbeiten zu erledigen.

Wie steht es mit der Entlöhnung? Verdienen die Vorstandsmitglieder des Tierschutzes Oberwallis einen schönen Batzen dazu?
(lacht) Nein, wir machen alles auf freiwilliger Basis. Im Gegenteil: Viele Mitglieder nehmen sogar vorübergehend Tiere bei sich auf.

Würden Sie notfalls auch mal Hand anlegen und Tiere mit Gewalt aus ihrem Verlies befreien?
Ich bin keine Greenpeace-Aktivistin. Früher hätte ich das vielleicht gemacht, aber heute als Präsidentin ziemt sich das nicht (lacht). Im Ernst, ich kenne die gesetzlichen Auflagen, was den Übergriff auf Privateigentum angeht. Darum werde ich es auch unterlassen, mich an fremdem Eigentum zu vergreifen.

Würden Sie denn gerne mal Tiere aus Ihrer misslichen Lage befreien?
Ja, das kommt schon vor, dass ich ein Tier in einem so erbärmlichen Zustand antreffe, dass ich es am liebsten gleich mitnehmen würde. Aber das ist eher die Ausnahme.

Wie reagieren die Leute, wenn Sie plötzlich vor Ort auftauchen und sich als Tierschützerin zu erkennen geben?
Zum Teil werden die betroffenen Tierhalter „schwiiverruckti“. Einer drohte mir einmal, er werde seinen Hund erschiessen und das tote Tier vor meine Haustüre werfen. Solche Äusserungen geben einem natürlich zu denken.

Lassen Sie sich durch solche Drohungen einschüchtern oder können Sie, im übertragenen Sinn, auch mal Ihre Krallen ausfahren, um sich für das Wohl der Tiere einzusetzen?
Ich lasse mich nicht einschüchtern und versuche mit dem betreffenden Tierhalter zu reden oder ich nehme mit der Behörde direkt Kontakt auf, um wenigstens vorläufig einen Kompromiss zu erreichen. Das ist aber nicht immer möglich. Vielfach kann man nur an die Vernunft des Tierhalters appellieren.

Wurden Sie auch schon mal tätlich angegriffen?
Nein, glücklicherweise noch nie. Natürlich sind nicht alle Tierhalter erfreut, wenn wir unangemeldet bei ihnen erscheinen, aber in den meisten Fällen lassen die Leute mit sich reden und sind bereit nach einer Lösung zu suchen. Zwischendurch wird hinter meinem Rücken auch über mich geredet; aber das ist mir egal, da stehe ich drüber. Meine Familie steht voll und ganz hinter meinen Anliegen.

Was tun Sie, wenn Sie an der Tierhaltung etwas auszusetzen haben? Werden die Tierhalter angezeigt?
Wenn es die Umstände erfordern, erstatten wir eine Strafanzeige. Das ist die letzte Möglichkeit, die wir haben. Wenn jemand unseren Aufforderungen nicht Folge leistet oder leisten will, dann muss er mit dieser Konsequenz rechnen. Aber die gesetzliche Handhabe ist oft schwierig.

Müsste das Tierschutzgesetz demnach verschärft werden?
Ja, eine bessere Handhabe und damit ein schnellerer Vollzug sind unumgänglich. Vielfach vergeht zu viel Zeit, bevor ein Tierhalter reagiert oder zur Rechenschaft gezogen wird. Vor allem gegen die Lobby der Eringerzüchter und Schafhalter ist schwer anzukommen. Wenn ein Züchter beispielsweise auf die ungenügenden Lichtverhältnisse in seinem Stall aufmerksam gemacht wird, reagiert er erst, wenn die Tiere sowieso wieder auf die Weide, sprich an die Sonne können. Hier läuft vieles falsch. Überdies gibt es eine grosse Dunkelziffer von falscher Tierhaltung und Verstössen gegen das Gesetz.

Sie haben sich auch schon lautstark über die lasche Vollzugspflicht des Kantons beschwert...
Ich habe mich beim Kantonstierarzt über das meiner Meinung nach zu lasche Vorgehen in Sachen Tierschutz beschwert. Aber mittlerweile ist die Zusammenarbeit mit dem Veterinäramt gut. Gerade im Fall der Huskys hat Dr. Jérôme Barras ganze Arbeit geleistet und erreicht, dass der Hundehalter zehn seiner Tiere weggeben musste.

Apropos Hunde – wie stehen Sie zum Kampfhundeverbot?
Dafür habe ich kein Verständnis. Ein Verbot der zwölf sogenannten Kampfhunderassen ist keine Lösung, genauso wenig wie eine generelle Maulkorbpflicht oder Leinenzwang. Im Gegenteil, das fördert nur die Aggressivität der Hunde. Ich finde es zwar auch fragwürdig, wenn sich heute jemand einen Pitbull oder einen anderen so genannten „Kampfhund“ zulegt; aber ein gewisses Gefahrenpotential ist bei jedem grösseren Hund vorhanden. Auch ein Sennenhund oder Golden Retriever zum Beispiel können zubeissen, man kann jeden Hund scharf machen. Übrigens, die meisten Beissunfälle passieren in den eigenen vier Wänden.

Mit anderen Worten, Sie sehen hier keinen Handlungsbedarf?
Ich wäre dafür, dass jeder Besitzer mit seinem Hund, ab einer bestimmten Grösse, einen obligatorischen Erziehungskurs besuchen muss. Wenn ein Tier dabei Verhaltensauffälligkeiten an den Tag legt, muss es einem Eignungstest unterzogen werden. Überdies sollte jeder Hundebesitzer seine Eigenverantwortung wahrnehmen.

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